Medizin

Weltgesundheitsgipfel (World Health Summit) in Berlin und Antibiotikaresistenz

Dr. Alexander von Paleske — 31.10. 2015 —
Vor zwei Wochen tagte in Berlin der Weltgesundheitsgipfel, der World Health Summit. Wir haben kontinuierlich und kritisch über diesen jährlichen „Gipfel der Anmassung“, der erstmals 2009 stattfand, berichtet.


World Health Summit

Das Medieninteresse an diesem Ereignis, das auch dieses Jahr wieder im Auswärtigen Amt in Berlin veranstaltet wurde, hält sich mittlerweile in Grenzen.

Ansprüchen nicht gerecht geworden
Von einem derartigen Summit, der den Namen wirklich verdient, werden tiefgehende Analysen und vorwärtstreibende Beschlüsse angesichts der enormen Probleme im Gesundheitswesen weltweit erwartet, welche auch und gerade die Politiker zum Handeln drängen sollen.
Davon konnte jedoch in den vergangenen Jahren keine Rede sein, und das hat sich auch dieses Jahr nicht geändert.

Der Editor der hochangesehenen Medizinzeitung The Lancet, Richard Horton, der in der Anfangszeit diesen Kongress nicht nur mit seiner Anwesenheit und publizistisch unterstützte, sondern auch als Vortragsredner dort auftrat, musste bereits vor zwei Jahren enttäuscht feststellen, dass auf diesem Summit zwar viel geredet, aber keine Konsequenzen von diesem Summit ausgehen – wie sollten sie auch.

„Eine Menge Gerede, aber keine Handlung“ so Richard Horton .

Wir hatten ihn bereits vor 5 Jahren in einem offenen Brief aufgefordert, sich von diesem Summit zu distanzieren, statt ihn publizistisch und durch seine Anwesenheit zu unterstützen.

Wie beim World Economic Forum in Davos, dem dieser Summit nachempfunden ist, gilt auch hier:

„Eine Plattform um Beziehungen zu knüpfen, und ein wenig im globalen Wind zu schnüffeln“.

Regierungsnah
Eröffnet wurde die diesjährige Veranstaltung, zu der 1500 Personen angereist kamen, regierungsnah im Auswärtigen Amt von Bundesgesundheitsminister Gröhe, der in Deutschland bisher nicht durch entschlossenes Anpacken der Probleme im Gesundheitswesen aufgefallen ist.
Ganz im Gegenteil: der durch seine Einsparungs- Massnahmen die Probleme eher noch verschärft hat, und wohl weiter verschärfen wird.

Das Thema Antibiotikaresistenz
Die Entwicklung der dramatisch zunehmenden Antibiotikaresistenz, die zu einer globalen Katastrophe zu werden droht war schliesslich auch eines der zentralen Summit-Themen dieses Jahr. Bereits heute sterben 15.000 Menschern jährlich in Deutschland an resistenten Keimen, in den USA sieht es nicht besser aus.

Von einem Summit hätte man erwarten dürfen, dass dieses Thema von Beginn an ganz oben auf die Prioritätsliste setzt und Vorschläge gemacht werden, wie die „Brutstätten“ der Antibiotikaresistenz „trockenzulegen“, jedoch Fehlanzeige.

Zu den erforderlichen Massnahmen gehört vor allem das Verbot des umfangreichen Einsatzes von Antibiotika in der Massentierhaltung, und damit letztlich die Forderung nach dem Verbot der Massentierhaltung insgesamt. Auch hier natürlich Fehlanzeige

Medizinzeitungen nicht besser
In einigen Medizinzeitungen, wie z.B. dem hessischen Ärzteblatt in seiner Oktoberausgabe 2015 wird die Antibiotikagabe in der Veterinärmedizin sogar eher verharmlost.


Hessisches Ärzteblatt Oktober 2015 …….Foto der Hühnerhofidylle verharmlost Probleme der Massentierhaltung

Unterschlagen wird dort auch, dass in der Veterinärmedizin rund 40 mal so viele Antibiotika eingesetzt wurden, wie in allen Krankenhäusern zusammen. Und immer noch 7 mal so viel wie in der gesamten Humanmedizin.

Als grosser Erfolg wird hingegen gefeiert, dass der Verbrauch von Antibiotika in der Tiermedizin um 468 Tonnen pro Jahr zurückgefahren wurde: von 1706 Tonnenh (2011) auf 1238 Tonnen (2014).

Wer sich die Tabelle der eingesetzten Antibiotika ansieht, der muss jedoch rasch feststellen: der Verbrauch von potenten Antibiotika in der Massentierhaltung,wie Fluorchinolone und Cephalosporine der 3. Generation, die nur bei schweren Erkrankungen in der Humanmedizin zum Einsatz kommen sollten, keineswegs abgenommen, vielmehr zugenommen hat.

Wörtlich heisst es im hessischen Ärzteblatt:

Der Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung wird immer wieder kontrovers diskutiert. Es ist unbestritten, dass bei akuten bakteriellen Infektionen auch die antibakterielle Therapie bei erkrankten Tieren das Mittel der Wahl ist. Hier sind Tierärzte und Landwirte allein aus Tierschutzgründen verpflichtet, eine möglichst schnelle Heilung anzustreben.

Ziemlicher Unfug
Unterschlagen wird, dass in der Geflügel-Massentierhaltung es keines der Viecher ohne Antibiotika bis zum Schlachttag schafft. Die Ärzteschaft soll offenbar für dumm verkauft werden.

Hinzu kommt dann noch die mangelnde Hygiene in den Schlachthöfen. Im vergangenen Jahr infizierten sich rund 71.000 Menschen mit Campylobacter, 2004 sind es nur rund 55.000 gewesen.

Mehr noch: dass Antibiotikagabe bei resistenten Bakterien deren Übertragbarkeit und Aggressivität steigert.

Und anders als in der 70er und 80er Jahren, als eine grosse Zahl neuer, hochwirksame Antibiotika auf den Markt kamen, kann davon mittlerweile keine Rede mehr sein.

Angeblich befinden sich jetzt aber 20 neue Antibiotika in den Pipelines der Pharmaindustrie, allerdings keine neuen Substanzklassen, sondern Weiterentwicklungen von bereits eingeführten Antibiotika. Und bei dem bisherigen Antibiotikaverbrauch ist damit zu rechnen, dass sich Resistenzen rasch bilden werden..

Fazit
Weder brauchen wir den mit Steuergeldern geförderten World Health Summit, noch den verantwortungslosen Einsatz von Antibioika. Ersterer ein Ärgernis, letzteres eine weltweite Gesundheitsgefahr .

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