Medizin

Ärzte und Pharma als Suchtmacher – Die Drogenkatastrophe in den USA

Dr. Alexander von Paleske —- 16.7. 2017 —– Jeden Tag sterben 91 Menschen in den USA an ihrer Drogensucht, verursacht immer mehr durch verschreibungspflichtige Medikamente, die in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz fallen. Das sind mehrTote, als durch Verkehrsunfälle und Tötungen durch Schusswaffen.


Drogenopfer

– Mittlerweile 2 Millionen US-Amerikaner, insbesondere in den wirtschaftlichen Problemregionen wie dem „Rust Belt“ missbrauchen derartige Opioide wie Oxyconti, Vicodin, Percocet, Opana, Demerol, Norco, Fentanyl, Codein im Sprachgebrauchauch Hillibilly-Heroin genannt . Diese Analgetika sind natürlich auch in den USA verschreibungspflichtig

– Die Zahl der Abhängigen von verschreibungspflichtigen Opioiden haben sich seit 1999 vervierfacht. Damals startete die US-Pharmafirma Purdue Pharmaceuticals eine aggressive Werbekampagne, in der ein gekaufter Mediziner auftrat, der die Opiate und deren Suchtpotential grotesk verharmloste.

Originalton der des Purdue-Quacksalbers:

„Nur 1-2% aller Patienten werden abhängig.“


Purdue-Video

Eine Zahl, die meilenweit von der Realität entfernt ist und bestenfalls nur auf Krebskranke zutrifft.

200 Millionen für eine Lüge
200 Millionen US Dollar gab die Firma im Jahre 2001 an verharmlosender Werbung für OxyContin aus.
Zielgruppe: Niedergelassene Allgemeinärzte, also die erste Anlaufstation für Patienten, aber auch Patienten selbst.
3o Tage kostenlose Behandlung offerierte die Pharmafirma Purdue , um ihr Produkt in den Markt zu drücken. Eine Vermarktungsstrategie, von Händlern illegaler Drogen wohlbekannt.

Diese verabscheuungswürdige Kampagne hatte zur Folge, dass immer mehr Patienten mit Schmerzproblemen sofort mit Opioiden behandelt wurden: teils weil sie es verlangten, teils weil die Ärzte gewissenlos handelten. Ein klarer Verstoss gegen die international anerkannten Prinzipien der Schmerzbehandlung: immer zunächst mit einem Nicht-Opiat- Schmerzmittel – von engen Ausnahmen abgesehen – zu beginnen.

Auf zum Conti-Express-Highway
Wenn der Hausarzt nicht mitspielte, dann wurden die Rezepte eben woanders beschafft, notfalls in US-Staaten mit hoher Dichte an derartig gewissenlosen Ärzten, wie Florida oder Maine. Die Drogenreise nach Florida bekam den Spitznamen „Conti Express Highway“.

634 Millionen
Im Jahre 2007 gab die Firma Purdue schliesslich zu, was ohnehin offensichtlich war: dass es sich um eine Lüge handelte, und zahlte Schadenersatz – 634,5 Millionen US-Dollar. Eine lächerliche Summe angesichts des Umsatzes, der mit den Opioiden insgesamt gemacht wird: Rund 3,5 Milliarden US Dollar pro Jahr. Tendenz: weiter steigend.

Mehr als 250 Millionen Betäubungsmittelrezepte werden in den USA pro Jahr ausgestellt.

Waffen statt Gesundheit
Trumps Gesundheitsprogramm, das die Abschaffung von Obamacare vorsieht, beinhaltet auch eine drastische Kürzung der Mittel für Medicare, der staatlichen Versicherung für Alte, Arme und Behinderte.
Drogensucht-Rehabilitierungsprogramme wurden mit Mitteln von Medicare finanziert.

In Zukunft also mehr Panzer und Flugzeuge statt Kranken- und Suchtbehandlung.

America first – in der Tat.

Opioide – eine weitere „legale“ Sucht in den USA

Kanada: Indigene von Ärzten mit Opiaten süchtig gemacht – unter dem Dach des staatlichen Gesundheitsdienstes

2 Gedanken zu “Ärzte und Pharma als Suchtmacher – Die Drogenkatastrophe in den USA

  1. In Deutschland gibt es ähnliche Probleme Lieber Alexander,

    ich habe mich gerade bei twoday angemeldet, um dir für diesen Artikel zu danken. Den Bericht der LA Times zur entscheidenden Rolle der Wirkzeiten bei opioiden Medikamenten für die Profite der Pharma-Industrie kannte ich noch nicht.

    Wenn ich die Situation aus unserer Erfahrung hier recht einschätze, könnte es ein ähnliches Problem auch mit anderen opioiden Medikamenten geben, und zwar insbesondere mit Fentanyl-Pflastern. Die sollen drei Tage halten, und das tun sie manchmal auch, und manchmal sogar länger, aber viel zu oft habe ich da nach ein bis zwei Tagen etwas gesehen, was aussah wie Entzugserscheinungen. Schwitzen, wohl nicht ungewöhnlich bei Krebspatienten, dessen Hauptanwendungsgebiet Fentanyl-Pflaster sein könnten, sollten oder sollen, könnte da meiner Meinung nach etwa eine Rolle spielen.

    Was mir daran besonders seltsam vorkommt, ist, dass es eine einfache Abhilfe gegen das Problem gibt, aber die meisten Ärzte davon aus schwer nachvollziehbaren Gründen (zu unbequem) abraten. Alle mir bisher unter die Finger gekommenen Fentanyl-Pflaster wirken nämlich (auch wenn Kleber und Plastik teilweise unterschiedlich sind) über ein gleichmäßig auf die Fläche angebrachtes Kleb-/Wirkstoffgemisch. Die einfache Abhilfe gegen Entzugserscheinungen nach zwei Tagen ist, die Fentanyl-Pflaster einfach in drei gleiche Teile zu schneiden, und jeden Tag rollierend ein Drittel zu kleben.

    Theoretisch, wenn die Pflaster denn wirklich regelmäßig drei Tage hielten, wäre das von der Dosis genau das gleiche, wie alle drei Tage ein ganzes Pflaster zu tauschen. Praktisch sehe ich jedoch einen deutlichen Unterschied, dass so „Löcher“ – Entzugssymtome – vermieden werden können, auch wenn viele Ärzte, die Pharma-Informationen glauben, das abstreiten, und sagen, das sollte nicht gemacht werden, weil es „bequemer“ sei, alle drei Tage ein Pflaster zu kleben, als jeden Tag ein Drittel. Ich hoffe, dass ich mit der Erfahrung dem einen oder anderen helfen kann. Und noch was: es gibt Empfehlungen, die sagen, man dürfe Opioide nicht kombinieren. Meine Erfahrung: doch, man darf, Fentanyl-Pflaster wirken langsam, aber Oxycodon-Schmelztabletten wirken schnell. Wenn es schnell gehen muss, ist das sehr hilfreich.

    Kurz zum Hintergrund, nur um Missverständnissen vorzubeugen: diffuses Adenokarzinom im Magen, das keiner nicht-operativen Diagnose zugänglich ist, erweiterte Gastrektomie, später gestreut ins Bauchfell, deshalb nun nicht mehr operabel, palliative FLO-Chemotherapie und nicht zuletzt dank Fentanyl und Oxycodon gibt es doch noch etwas Lebensqualität – nicht immer, aber – hoffentlich – immer öfter.

    Lieben Gruß

    Marcel

    Gefällt mir

    1. Danke Es fällt schwer, auf so einen persönlichen Erfahrungsbericht angemessen zu antworten, wenn es mehr sein soll als ein allgemeines Mitleidsgerede.
      Die Behandlung des Magenkrebses hat leider in den letzten Jahren so gut wie keine Fortschritte gezeigt, wenn man einmal davon absieht, eine Lebensverlängerung von drei Monaten als Durchbruch zu feiern.
      Das Gebiet der Palliativmedizin wurde über Jahre vernachlässigt, erst jetzt hat ein Umdenken unter den Medizinern der früheren nihilistischen Betrachtungsweise Platz gemacht.

      Meine Erfahrung mit Fentanyl ist minimal, weil dieses Opioid hier nicht erhältlich ist. Es hat als Pflaster ausserdem den Nachteil der geringen Steuerbarkeit. Allerdings den unbestreitbaren Vorteil, dass es nicht oral eingenommen werden muss, gerade beim Magenkrebs wichtig.

      Ich wünschen Ihnen vor allem schmerzfreie Tage, und dass Sie die Ihnen verbleibende Lebenszeit nicht im Krankenhaus verbringen müsssen.

      Ihr

      Alexander von Paleske

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s