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Drei Bücher und das Gefühl der Unterjochung

Harald Haack – Selten kam sie zum Schreiben. Sie fand einfach keine Zeit dazu, als Ehefrau, Mutter von vier Töchtern und Arbeiterin sowie Journalistin. Und wenn sie schrieb, dann geschah dies oft in der Nacht, was sie immer bedauerte: „Ich werde einer dieser unglücklichen Menschen sein, die im Bewusstsein dessen sterben, was nie aufgeschrieben wurde oder was nie fertig wurde“, hatte sie einmal gesagt.


Tillie Olsen: Starb sie unglücklich und im Bewusstsein dessen, „was nie aufgeschrieben wurde oder was nie fertig wurde“?

Nun ist sie gestorben; zwei Wochen von ihrem 95. Geburtstag am 14. Januar in Kalifornien: Tillie Lerner Olsen. Die sozialkritische Romanautorin starb am Montagabend in einem Krankenhaus der Stadt Oakland, wie ihre Tochter Laurie Olsen mitteilte.

Ihre beiden Bücher „Tell me a Riddle“ (Erzähl mir ein Rätsel, 1961) und „Yonnondio“ (1973), prägte zahlreiche Schriftsteller.

Ihre Eltern flohen 1905 aus Russland aus politischen Gründen vor dem zaristischen Regime in die USA. 1912 wurde sie, dem Jahr als das Passagierschiff „Titanic“ sank, in Nebraska geboren und wuchs unter einfachen Verhältnissen auf. Mit 18 Jahren schloss sie sich der Jungen Kommunistischen Liga der USA an, und mit 19 Jahren begann sie ihren ersten Roman zu schreiben: „Yonnondio“. Doch der Roman wurde aus Zeitmangel nie fertig, aber 1973 wenigstens als Fragment veröffentlicht.

Zu ihrem Thema hatte sie sich das harte Leben der einfachen Arbeiter und Arbeiterinnen und ihren Kampf für Gerechtigkeit gemacht. Für ihren Einsatz, Arbeiter und Arbeiterinnen in den USA zu organisieren, wurde sie 1934 inhaftiert. Darüber verfasste sie noch im selben Jahr die Essays „Thousand-Dollar Vagrant“ und „The Strike“. Damals, in den Zeiten der „Popular Front“ wurden solche Geschichten von verschiedenen Organisationen verlangt und Arbeiter und Arbeiterinnen gefördert, um literarisch tätig zu werden.

Erst wirklich bekannt wurde sie aber durch ihre Geschichte „The Iron Throat“, die sie 1934 in der „Partisan Review“ publizierte. Einige Verleger bemühten sich um sie, und sie sagte schließlich „Random House“ zu. Vereinbart wurde, dass sie ein Kapitel pro Monat schrieb. Dafür erhielt sie ein Stipendium. Um die nötige Ruhe und die geistige Kraft zum Schreiben zu finden, gab sie ihre kleine Tochter zu Verwandten und zog zum Schreiben nach Los Angeles. Doch schon bald vermisste ihre Tochter. 1937 beendete sie den Vertrag.

Im Jahr zuvor, 1936, hatte sie ihren Mann Jack Olsen geheiratet. Mit ihm hatte sie noch drei weitere Töchter. Für diese opferte sie sich für die nächsten folgenden 20 Jahre und nahm Gelegenheitsjobs an.

Dennoch engagierte sich sie sich politisch weiterhin für die Rechte der Arbeiter und Arbeiterinnen. Die Olsens verbrachten gemeinsam viel Zeit in der Lokalpolitik und bei Gewerkschaftsveranstaltungen. Drei Mal wurde sie wegen ihren gewerkschaftlichen Aktivitäten verhaftet.

Ihre älteste Tochter brachte sie 1953 zum Schreiben zurück. Um nicht wieder im Schreiben fest zu hängen, nahm sie an einem Schreibkurs teil. Ihr Lehrer fand aber bald heraus, dass er ihr nichts mehr beibringen konnte. Deshalb empfahl er ihr einen anderen Kurs.

Sie schrieb wieder Kurzgeschichten. Für die Jahre 1955 und 1956 gewann sie den „Stegner Fellowship“ an der Stanford Universität. Unter dem Titel „Tell Me a Riddle“ wurden ihre Kurzgesichten 1961 veröffentlicht. Es wurde ihr bekanntestes Werk, und 1978 erschien von ihr noch eine Aufsatzsammlung zum Thema, warum Menschen, besonders Frauen, von literarischem Schaffen abgehalten werden.

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Schäuble kündigt verfassungswidrige Absicht an

Kommentar von Harald Haack – Seine Machtgelüste sind offenbar unstillbar. Er will das Leben unschuldiger Menschen opfern, von Flugpassagieren und überall in Deutschland lebende Menschen, um drohende Terroranschläge „zu verhindern“. Dass er sich damit auf die Seite von Terroristen und Verbrechern stellt und selbst zum Terroristen mutieren könnte, scheint für ihn irrelevant zu sein. Auch dass er Flugzeugentführungen zu einem Quasi-Verteidigungsfall machen will, um damit das Urteil des Bundesverfassungsgerichts von Anfang 2006 zu umgehen und damit seine Machtbefugnisse als Bundesinnenminister weit überschreitet und sich in den Dienstbereich des Verteidigungsministers Franz-Josef Jung drängt, scheint ihm nicht bewusst zu sein – von seinem Schwur, den er bei Dienstantritt geleistet hatte, dem Wohle des deutschen Volkes zu dienen, einmal ganz zu schweigen.

Seine anmaßende Profilierung als Bundesinnenminster gibt ihm nicht das Recht das Leben unschuldiger Menschen zu beenden. Deshalb hatte das Bundesverfassungsgericht das von Schäubles Ministerium vermurkste Luftsicherheitsgesetz für verfassungswidrig erklärt. Es sei ein Verstoß gegen Artikel 1 des Grundgesetzes, begründete das Gericht sein Urteil, wenn Passagierflugzeuge nach der Abwägung „Leben gegen Leben“ abgeschossen werden.

Unbeirrt hält Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) an seinem Plan fest, die Tötung von Passagieren bei drohenden Terroranschlägen mit Flugzeugen zu gestatten und will künftig tricksen, um seinen Willen durchzusetzen und um das Grundgesetz zu umgehen. Er will also entführte Verkehrsflugzeuge abschießen lassen. Aber wo Abschüsse stattfinden sollen – über Metropolen wie Berlin, Hamburg, Frankfurt oder über kleine Gemeinden wie Herzogenaurach, Römhild oder Wulfsen – darüber ist noch nichts bekannt. Deutschland ist so enorm dicht besiedelt, dass es genau genommen keine Region gibt, in der ein solcher „Mord“ möglich wäre, um nicht auch Menschen am Boden bei Abstürzen abgeschossener Flugzeuge mit ein zu beziehen.


Luftkampf über Deutschland – noch harmlos.


So könnte es aussehen: „Abgeschossenes Passagierflugzeug im deutschen Luftraum“. Die Trümmer könnten Sie töten. Fotos: © Harald Haack

Mutmaßlich leidet Schäuble an einer Terror-Phobie, die er mit dem Konstruieren von Deutschland als Kriegs- und Terrorschauplatz möglicherweise zu kompensieren versucht. Diesen Eindruck vermittelt er mir. Ich fühle mein Leben durch ihn bedroht und mich nicht mehr in Deutschland sicher.

Kanzlerin Merkel und Bundespräsident Köhler sollten sich dringend darüber verständigen, ob Schäuble als Bundesinnenminister noch tragbar ist. Wenn sie ihn jetzt nicht entlassen, so wäre dies, so befürchte ich, eine weitere Entscheidung, die zu noch mehr Politverdrossenheit unter den Bundesbürger führen wird. Denn Gesetzesbruch darf nicht von Politikern begangen werden, schon gar nicht vom Bundesinnenminister, dem obersten Dienstherrn der Polizei in Deutschland.

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Populärer deutscher Fotograf verlässt Südafrika

Dr. Alexander von Paleske – 2006 war das letzte Jahr in Südafrika für den 75-jährigen Jürgen Schadeberg, der zu den populärsten und mutigsten Fotografen Deutschlands zählt. Schadeberg kam 1950 nach Südafrika und wurde 1951 von dem damals im Aufbau begriffenen Magazin Drum angeheuert.


Jürgen Schadeberg kehrt nach Europa zurück. © Kinowelt GmbH

DRUM, das erste schwarze Magazin Südafrikas
Gegründet 1951 von Jim Bailey, einem reichen Südafrikaner, wurde es unter der Chefredaktion von Anthony Sampson zum ersten schwarzen politischen Magazin Südafrikas. Nelson Mandela kam dort zu Wort wie auch Chief Albert Luthuli, später Friedensnobelpreisträger, damals Präsident des Afrikanischen Nationlkongresses, ANC, der heutigen Regierungspartei Südafrikas. Weite Verbreitung und Anerkennung unter der schwarzen Bevölkerungsmehrheit fand es aber vor allem durch die Reportagen des investigativen Journalisten Henry Nxumalo.

Nxumalo berichtete über die mörderischen Arbeitsbedingungen der Farmarbeiter, er ließ sich selbst als Farmarbeiter anheuern. Er enthüllte die entwürdigenden Zustände in den Gefängnissen, nachdem er es schaffte, durch eine Übertretung der Ausgehbestimmungen für Schwarze selbst ins Gefängnis zu kommen.

Schadeberg lieferte die Fotos zu diesen Reportagen und er berichtete über das Leben in den Townships, das keinerlei Beachtung in den von Weißen beherrschten Medien Südafrikas fand. Heute finden sich Schadebergs Fotos von Nelson Mandela, mit dem er seit mehr als 50 Jahren freundschaftlich verbunden ist, in allen Schulbüchern Südafrikas, und nicht nur dort.

Anthony Sampson verließ Südafrika 1955 und wurde ein investigativer Journalist, der Bücher über die Ölkonzerne und die Waffenhändler schrieb. Er verfasste die einzige autorisierte Biografie seines Freundes Nelson Mandela.

Seine Zeit als Chefredakteur von DRUM hat er in dem Buch “Drum. The Making of a Magazine” festgehalten, ein Buch, das er 1955 auf der Rückfahrt nach England schrieb und das einen faszinierenden Einblick in die damalige Zeit erlaubt, in der die Apartheidsgesetze noch nicht voll gegriffen hatten und die Jazzszene in den Townships aufblühte. Das Buch wurde in Südafrika verfilmt und kam vor einem Jahr unter dem Titel “Drum-Wahrheit um jeden Preis” auch in deutsche Kinos.


Cover der im Handel erhältlichen DVD © Kinowelt GmbH

Mit dem Film wurde Henry Nxumalo aber auch Schadeberg und dem Magazin Drum, das später zu einem apolitischen Lifestyle-Magazin herabsank, das es auch noch heute ist, ein Denkmal gesetzt.

Schadeberg, der schwarze südafrikanische Weltklassefotografen wie Bob Gosani und Peter Magubane in die Geheimnisse der Fotografie während seiner Zeit bei Drum einführte, hat, wie er bedauernd feststellt, zu viele seiner Kollegen durch Mord und Totschlag verloren.

Der Hauptgrund für Schadeberg, dem die erste demokratisch gewählte Regierung Südafrikas die südafrikanische Staatsbürgerschaft 1995 verlieh, Südafrika den Rücken zu kehren liegt in der hohen Kriminalität. Er, der sicher als einer der furchlosesten Fotografen bezeichnet werden kann, will es nun jüngeren Kollegen überlassen, sich diesen Strapazen und der ständigen Furcht, mit der er nach dem Untergang des Apartheidsregimes nicht gerechnet hat, auszusetzen. Er kehrt nun nach Europa zurück.

Kriminalität auf Hochtouren
Am Ende des Jahres 2006 waren die Zeitungen Südafrikas wieder gespickt mit Berichten und Kommentaren über die ausufernde Kriminalität. Und eine Regierung, die nichts dagegen unternimmt und dessen Safety- and Security-Minister Chrales Nqakula empfiehlt, wem es in Südafrika mit der Kriminalität nicht passt, der solle eben auswandern.

Mittlerweile macht die Kriminalität auch vor den Kirchen nicht halt und Kirchengänger werden in der Kirche überfallen und beraubt. Kardinal Wilfred Napier, das Oberhaupt der katholischen Südafrikas der sich mit Bischöfen anderer Konfessionen im Januar 2007 mit dem Sicherheitsminister treffen wird, beklagte, die ausufernde Kriminalität führe dazu, dass Kirchen und Synagogen nun von privaten Sicherheitsdiensten geschützt werden müssten. Und der Leitartikel der auflagenstärksten Wochenzeitung von Südafrika, der “Sunday Times” vom 31.12.2006, hat die Überschrift “State loosing legitimacy as it fails to protect citizen from crime”.

Und während der Staat sich in der Krise befindet, macht sein Präsident erst einmal Urlaub in Senegal.

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Entschuldigungen? Entschädigungen?

Sollte früher begangenes Unrecht wieder gut gemacht werden?

Karl Weiss– Der englische Premier Blair hat entschieden, nicht für die Gräueltaten und die Ausbeutung der Sklavenhaltung um Entschuldigung zu bitten. Er drückte lediglich sein Bedauern aus. Die „Zeit“ springt ihm bei: Wo solle man anfangen, wo aufhören?

Die Bundesrepublik Deutschland hat sich in diesem Falle einmal positiv ausgezeichnet. Es wurden in beträchtlichem Umfang Wiedergutmachungsleistungen gewährt und gezahlt und es wurde eine beträchtlicher Fond geschaffen, aus dem überlebende jüdische Sklavenarbeiter und deren Angehörige und Nachkommen entschädigt werden. Nun stellt sich die Frage: Und die anderen gigantischen Völkermord- und Sklavenhalter-Verbrechen, die durch staatliche Stellen begangen bzw. gedeckt wurden? Haben die nicht auch Anspruch auf Entschädigungen? Vor allem die unsäglichen Verbrechen des Kolonialismus und der kolonialen und postkolonialen Sklavenhalter sind hierbei im Visier.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg, langsam aber sicher, der ganze Umfang der Völkermorde der faschistischen Hitlerhorden der Weltöffentlichkeit ins Bewusstsein kam, wurden bald Forderungen nach Wiedergutmachungsleistungen laut. Dabei handelte es sich sowohl um solche für Überlebende der KZs und von Völkermordaktionen als auch für Angehörige von Opfern der faschistischen Mordmaschinerie.

Auf Druck der West-Alliierten musste der neu entstehende Staat der Bundesrepublik sich offiziell als Nachfolger des Hitler-Regimes etablieren, um (fast) alle staatlichen Einrichtungen auf seinem Gebiet beanspruchen zu können. Als solchem wurde dann die Forderungen an ihn herangetragen und es wurden Wiedergutmachungsgesetze beschlossen. Allerdings war es nötig, Beweise für die entsprechenden Betroffenheiten zu erbringen, was eine hohe Hürde darstellte. Die Originaldokumente des Hitler-Regimes waren in den Händen der Alliierten, die keinen Einblick gewährten. So konnten viele Betroffene und Angehörige nie die nötigen Beweise erbringen.

Speziell für die jüdischen Betroffenen gab es aber die Hilfe des Staates Israel und von Dokumentationsstellen, die entsprechende Beweise beschafften. Jüdische Stellen konnten zum Teil auch Zugang zu Akten erhalten, die in US-Gewahrsam waren. So kam es zu der Situation, die oft als ungerecht empfunden wurde: Weit überwiegend, wenn nicht ausschließlich, waren es jüdische Betroffene und Angehörige, die Wiedergutmachungszahlungen erhielten.

Andere Gruppen von Betroffenen, wie die wenigen überlebenden Homosexuellen oder Geisteskranke, an denen barbarische Experimente durchgeführt worden waren, gingen fast durchweg leer aus.

Ein besonderes Kapitel waren die überlebenden Kommunisten aus den Konzentrationslagern, denen generell und pauschal Entschädigungen verweigert wurden. Gegen Ende des Krieges waren die überlebenden Kommunisten in großen Teilen im KZ Buchenwald konzentriert worden. Bevor auch dort die Häftlinge in Todesmärschen ausgelagert werden konnten, inszenierten die Häftlinge unter Führung der Kommunisten einen Aufstand, der angesichts der minimisierten Wächtertruppe zu einem Patt führte: Die Häftlinge konnten zwar nicht fliehen, aber die Wächter konnte sie auch nicht zu einem Todesmarsch zwingen. Dies dauerte bis zum Eintreffen alliierter Truppen und so konnte eine beträchtliche Anzahl von Kommunisten das KZ überleben. Da sie angeblich „Staatsfeinde“ gewesen wären, verweigerte man ihnen Wiedergutmachungen, damit nachträglich noch die Haft legalisierend. Aber das soll heute nicht das Thema sein.

In den 80er Jahren des 20. Jahrhundert tauchten dann erneut Forderungen auf an die Bundesrepublik: Jüdische Sklavenarbeiter aus der Zeit des Faschismus in deutschen Betrieben verlangten von den Nachfolgefirmen und dem deutschen Staat Ausgleichszahlungen für die von ihnen erzwungenermassen geleistete Arbeit. Da sie dies vor US-Gerichten gegen die US-Töchter der Nachfolgefirmen damaliger deutscher Betriebe vorbrachten, bestand die Gefahr, dass solche Firmen wirklich zu umfangreichen nachträglichen Lohnzahlungen und dazu noch zu Strafzahlungen verurteilt hätten werden können, die nach US-Praxis in viele Zig oder Hundert Millionen Dollar-Bereiche hätten kommen können.

Hier sprang der deutsche Staat mit einer beispiellosen Aktion ein: Ein schuf einen Fond, den er mit Millionen von Mark in Steuergeldern ausstattete und bot den Klägern an, daraus Ersatzleistungen zu zahlen, wenn sie dafür die Klagen gegen deutsche Firmen zurückzögen. Die Firmen wurden aufgefordert, freiwillig ebenfalls Leistungen in den Fond zu zahlen. Der verurteilte Kriminelle Graf Lambsdorf wurde als Treuhänder für den Fond eingesetzt. Zwar zog sich das Ganze dann über mehr als ein Jahrzehnt hin, bis längst nach der Wiedervereinigung, aber am Ende konnten sich die deutschen Firmen, die unter Hitler von jüdischer Zwangsarbeit profitiert hatten, wirklich von Hunderten von Millionen Mark an Ausgleichszahlungen und Strafen freikaufen, indem sie ein paar „peanuts“ in den Fond einzahlten (und nicht einmal das taten alle).

Damit war weltweit ein Präzedenzfall geschaffen worden: Früher begangenes Unrecht kann noch viele, viele Jahrzehnte später mit Geldleistungen „wiedergutgemacht“ werden, nicht nur für die Betroffenen (von denen die meisten schon nicht mehr lebten), sondern auch für Angehörige und Nachkommen.

Die Logik, die hinter solchen „Wiedergutmachungsleistungen“, „Ausgleichszahlungen“ oder wie man sie auch immer nennen mag, steckt, ist in etwa folgende: Es gibt keine Wiedergutmachung für den Tod einer Person. Abgesehen von der strafrechtlichen Verfolgung der Täter ist ein Mord nicht wiedergutzumachen. Aber es gibt die Möglichkeit, erlittenes Leid zu mildern durch Zahlungen. Ebenso gibt es die Möglichkeit, Angehörigen bzw. Nachkommen mit Zahlungen in einen ähnlichen Zustand zu versetzen, wie er gewesen wäre, wenn der Ermordete weitergelebt hätte, also z.B. weiter für den Unterhalt der Familie hätte aufkommen können, oder weiter in der Lage gewesen wäre, eine Firma zu führen und damit die Nachkommen in eine günstige finanzielle Lage zu bringen.

Ausgehend von dieser Logik, haben verschiedene Nachkommen von Opfern von Völkermordsverbrechen oder vergleichbar riesigen Unrechtstaten (Kolonialismus, Sklaverei) eine Logik für die Rechtfertigung von Ausgleichszahlungen für sie entwickelt:

Die vom Kolonialismus ausgebeuteten Staaten haben bis heute Schwierigkeiten, auf einen grünen Zweig zu kommen. Ausgleichszahlungen für die Vorteile, die jene Kolonialmächte aus den Länder herauszogen, könnten viele von ihnen schuldenfrei machen und sie aus der aussichtslosen Zinsfalle befreien, in der sie seit Urzeiten stecken – meistens seit dem Ende der Kolonialherrschaft.

Seien es Vorteile in Form von Bodenschätzen, die ohne jede Gegenleistung aus diesen Ländern geholt wurden, sei es die Form der Sklavenarbeit oder nur minimal bezahlte Arbeit, mit denen Vorteile aus diesen Länder gezogen wurden, ihnen steht ein Ausgleich zu.

Die Nachfahren von Sklaven, die praktisch ausschließlich aus Afrika entführt wurden, beanspruchen Wiedergutmachungen für die geleistete Sklavenarbeit in Anlehnung an die deutsche Regelung mit den Juden. Fast alle von ihnen wurden nach dem Ende der Sklaverei in den verschiedenen Ländern einfach ihrem Schicksal überlassen. Der Großteil der Nachfahren dieser Sklaven leben noch heute unter prekären Bedingungen, Bedingungen, die eindeutig ursprünglich von der Sklaverei verursacht wurden. Ihnen stehen Hilfen für ein lebenswürdiges Leben zu.

Schwerwiegende Argumente. Wenn die Juden Anrecht auf Entschädigungen hatten – was nicht zu bezweifeln ist – dann haben es diese Menschen auch, oder?

Auf einer UN-Konferenz in Südafrika waren vor einiger Zeit schon einmal solche Forderungen vorgebracht worden. Im Auftrag der EU antwortete ein spanischer Beauftragter (Spanien fühlt sich offenbar besonders angesprochen), es sei gar nicht daran zu denken, für diese Untaten Wiedergutmachungszahlungen anzuerkennen. Das seinen andere Zeiten gewesen, es hätten andere Maßstäbe gegolten.

Zu Zeiten der Präsidentschaft von Clinton war eine entsprechende Frage schon einmal in den USA aufgetaucht. Der Präsident hatte damals, ebenso wie Blair jetzt, erwogen, für die Sklaverei um Entschuldigung zu bitten. Schließlich war aber auch er auf den Nebenausgang gekommen, sein Bedauern auszudrücken.

Auch der Papst hatte schon zu diesem Trick gegriffen. Der Vorgänger des jetzigen, unter Druck, sich zumindest zu entschuldigen für die unsäglichen Massenverbrechen der katholischen Kirche oder solchen, die unter ihrer ausdrücklichen Billigung stattfanden, wählte den gleichen Weg, sich nicht zu entschuldigen, sondern sein Bedauern auszudrücken.

Nun, Bedauern drückt man den Angehörigen aus, wenn jemand gestorben ist, man aber nichts mit dessen Tod zu tun hatte. Das Ausdrücken von Bedauern schließt ausdrücklich die Anerkennung einer Schuld, speziell eigener Schuld, aus. Das ist natürlich auch der Grund, warum die Rechtsberater den Repräsentanten der Nachfolgeregierungen von Massenmordverantwortlichen immer abraten, um Entschuldigung zu bitten. Es könnte jemand irgendwelche Reparationsleistungen damit zu begründen versuchen.

Die „Zeit“ hat sich nun die Mühe gemacht, die Argumente zusammenzutragen, warum zurückliegende Schuld heute nicht mehr zu Entschuldigungen und Ausgleichsleistungen führen kann. Nicht ohne die unglaublichen Barbareien, jedenfalls was den Sklavenhandel betrifft, auch beim Namen zu nennen: Von etwa 9 Millionen Sklaven, die in der modernen Sklaverei aus Afrika entführt und im wesentlichen in die „neue Welt“verfrachtet wurden, überlebten allein 3 Millionen nicht einmal den Transport!

Schon in der Überschrift wird gesagt: „Wo anfangen, Wo aufhören?“ und damit ausgedrückt, man könne eben keine Grenzen finden, was denn nun zu entschuldigen sei und was nicht. Tatsächlich sollte man, wenn viele Jahrzehnte oder sogar ein, zwei oder drei Jahrhunderte vergangen sind, wirklich nur über die ganz großen, massenhaften, barbarischen und völlig außerhalb jeder Menschlichkeit stehenden Verbrechen reden. Darunter fallen praktisch alle Kolonialherrschaften und die damit verbundenen, aber später auch ohne Kolonialismus fortgeführten Versklavungen und Sklavenhalter-Gesellschaften.

Be diesen, klar umrissenen und in ihrer Abscheulichkeit überwältigenden Verbrechen davon zu reden, man wisse nicht, wo anfangen und wo aufhören, ist lächerlich. Sie sind klar definiert, gut untersucht und bis ins Detail bekannt.

Das zweite wesentliche Argument stellt sich bei der „Zeit“ wie folgt dar: „Geschichte schreitet voran, Haltungen ändern sich, neue moralische Maßstäbe bilden sich heraus.“„Das [Versklavungen und Sklavenhaltung im Sudan] sind die Wirklichkeiten, auf sie sollte sich die Aufmerksamkeit aller derjenigen konzentrieren, die sich über Rechtlosigkeit empören. Und nicht einer Vergangenheit, die längst überwunden ist.“

Das ist interessant. Man wusste also im 17. und 18. sowie in wesentlichen Teilen des 19. und auch noch teilweise 20. Jahrhundert nicht, dass das Erobern von Ländern, das Ausbeuten der dortigen Schätze und Arbeitskraft und das anschließende „Sich-Selbst-überlassen“ sowie Versklavung und Sklavenhaltung Unrecht sind? Es gab andere moralische Maßstäbe?

Es gab kein Christentum, das Nächstenliebe lehrt und „Was du dem geringsten meiner Brüder getan hast, hast du mir getan“? Reden wir hier von primitiven, vorgeschichtlichen Zeiten? Von mittelalterlichen Zeiten? Nein wir reden von der Neuzeit, als alle Verantwortlichen Zugang zu den Werten der Renaissance hatten. Speziell reden wir auch von Zeiten nach der Mitte des 18.Jahrhunderts, als die Aufklärung und die mit ihr vorangehenden Verständnisse der unveräußerlichen Rechte eines jeden menschlichen Wesens entwickelt waren und ebenfalls allen Verantwortlichen zugänglich.

Es handelt sich offensichtlich um eine lahme Ausrede.

Speziell aber muss man sich mit dem Argument auseinandersetzen, dass diese Vergangenheit längs überwunden sei. Sind doch die Länder, die Kolonialreiche errichteten,„rein zufällig“ heute alle auf der Sonnenseite der reichen entwickelten Länder, ebenso wie fast alle, die Sklaverei zur Bereicherung nutzten. Dagegen sind „rein zufällig“ alle vom Kolonialismus unterdrückten Länder heute Teil des armen Gürtels der Menschheit, der Entwicklungsländer. Wollen die ehemaligen Kolonialländer wirklich behaupten, das massive Ausbeuten von Schätzen und Arbeitskraft zu jener Zeit habe nichts mit diesem heutigen Status zu tun?‘

Um nur einen Eindruck zu gewinnen, von welchen Größenordnungen der Ausplünderung die Rede ist, hier ein kurzer Ausschnitt aus dem Artikel von Elmar Getto über „Brasilien und Gold“.

„Würde Brasilien sich vergleichsweise ebenfalls mit 10% [des Wertes des geraubten Goldes] zufriedengeben, würde zusätzlich auf die Aktualisierung des damaligen Goldwertes verzichten und würde auf Schadenersatz für alle anderen Werte verzichten außer dem Gold aus der Region ‚Zentrales Minas Gerais’, so hätte die Europäische Union immer noch 2,8 Billionen Dollar (oder entsprechend weniger in Euro) zu entrichten. Nehmen wir nun an, Brasilien würde in unendlicher Güte eine Rückzahlungsdauer von 500 Jahren akzeptieren, so wären Jahresraten von etwa 50 Milliarden Euro fällig. Da die Gesamtschulden Brasiliens etwa 600 Milliarden Euro betragen, wären die Schulden in zwölf Jahren bezahlt und es ständen immer noch 482 Jahre von jährlichen Zahlungen aus.“

Und das sind nur 10% und nur von einem Teil des geraubten Goldes, ohne andere Bodenschätze zu zählen! Nun kommen wir langsam etwas mehr dahinter, warum die ehemaligen Kolonialländer und Sklavenhalterstaaten die Frage von Entschädigen meiden wie der Teufel das Weihwasser. Was da auf sie zukommen könnte, wäre gigantisch.

Da ist es sicher besser, von „längst überwundener Vergangenheit“ zu schwafeln, nicht wahr?

Ist ist also zu erwarten, dass die deutschen Ausgleichszahlungen die Einzigen in der Geschichte bleiben werden.

Krieg

Zwei Video Passagen der Saddam Exekution

Das Urteil gegen Saddam wurde am 30. Dezember 2006 kurz nach 6:00 Uhr Ortszeit (4:00 Uhr MEZ) in Bagdad durch Erhängen vollstreckt. Die Hinrichtung verlief nach offizieller Darstellung schnell und ruhig. Vor der Exekution habe Saddam das sunnitisch-islamische Glaubensbekenntnis gesprochen. Er habe anschließend keine weitere Bemerkung mehr gemacht, während er zum Galgen geführt worden sei.

Eine im Internet kursierende Amateuraufnahme der Hinrichtung widerspricht jedoch dieser Darstellung: Hier ist zu hören, dass Anwesende den Delinquenten mit den Worten beschimpfen, er werde „direkt in die Hölle gelangen“. Zudem rufen sie den Vornamen Muqtada al-Sadrs wie auch den des Imams Ali, was vermuten lässt, dass die Rufer Schiiten waren. Hussein reagierte ebenfalls mit Beschimpfungen und Parolen, bevor er, das Glaubensbekenntnis zitierend, in die Tiefe stürzt.

Die gesamte Hinrichtung wurde offiziell von den irakischen Behörden gefilmt und auf Fotos festgehalten; entsprechende Aufnahmen waren wenig später weltweit in zahllosen Medien verbreitet. Am selben Tag tauchte in diversen Video-Portalen eine inoffizielle Version eines Videos auf, welches die komplette Hinrichtung zeigt. Es wurde von einem, der Hinrichtung beiwohnenden, Augenzeugen mit einer Handykamera aufgenommen. Hier die beiden Versionen.

http://video.google.com/googleplayer.swf?docId=-531590107320554134&hl=de

Die Video Sequenz mit einem Mobiltelefon aufgenommen

http://video.google.com/googleplayer.swf?docId=-5543085919122001921&hl=de

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Krieg

Saddams langer Weg zum Galgen

Persönlichkeit und Werdegang des irakischen Ex-Diktators
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Malte Olschewski – In verdächtiger Eile hat man den irakische Ex-Diktator Saddam Hussein zum Galgen geführt. Ursprünglich wollte man, auch wenn es Jahre gedauert hätte, alle zwölf Fälle der Anklage verhandeln. Mehrere Gründe sollten die Vollstreckung jenes Todesurteils beschleunigen, mit dem das erste Verfahren abgeschlossen worden war. Mit der Hinrichtung entfallen alle Folgeprozesse, in denen unweigerlich die Unterstützung Saddams durch den Westen und durch die USA zur Sprache gekommen wäre.

Das erste Todesurteil im Fall Dujail ist am 5.11.2006 gefällt worden. Das Berufungsgericht hat am 26.12. den Richtspruch bestätigt. Das Staatspräsidium hat unterschrieben. Staatspräsident Jalal Talabani hat seine Signatur an einen Sekretär delegiert. Dann haben Talabanis schiitischer Stellvertreter Adil Abdul Mahdi und der sunnitische Vize Tariq Al Hashimi ihre Unterschrift geleistet. Innerhalb von 30 Tagen muss nach irakischem Recht dem Angeklagte die Schlinge um den Hals gelegt werden. Die Forderungen schiitischer Radikaler, wonach Saddam öffentlich und in einer TV- Liveübertragung zu exekutieren sei, wurden ebenso abgelehnt wie der Wunsch Saddams, als Militärangehöriger erschossen zu werden. Saddam Hussein mag dieses Urteil verdient haben, doch war der Prozess die arrangierte Farce einer Siegerjustiz.


Saddam bei bombigen Verhandlungen mit Rumsfeld

Zunächst hatten die US-Besatzer das irakische Justizwesen umgestaltet, was nach dem Völkerrecht der 4.Genfer Konvention (Artikel 64,2) nicht erlaubt ist. Das irakische Strafgesetz von 1970 wurde reinstalliert und um die Statuten des in Rom beschlossenen, internationalen Strafgerichtshofes erweitert. Kriegsverbrechen, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden nun auch im Irak mit schweren Strafen bedroht. Das vierte Kapitalverbrechen, der Angriffskrieg, wurde nicht in die neue Judikatur aufgenommen, denn eine Anklage in diesem Punkt hätte Saddam die Möglichkeit gegeben, nach dem Prinzip „tu quoque“ (auch Du) auf den amerikanischen Angriffskrieg gegen sein Land zu verweisen.

Washington hatte rund hundert Millionen Dollar aufgewandt, um ein Sondertribunal einzurichten. Etwa fünfzig Kandidaten wurden zur Ausbildung nach London und Den Haag geflogen. Eine Ex-pertengruppe des US-Justizministeriums nahm in der geschützten „Grünen Zone“ Bagdads Platz. Fachleute des FBI sind hierbei eingesetzt worden. Einem sterbenden Saddam-Anhänger hat man mit dem letzten Röcheln Details entrissen. Da viele Zeugen nur über Video aussagten, konnten sie von der Verteidigung nicht befragt werden. Die Anwälte Saddams wurden eingeschüchtert und ihrer Rechte beraubt. Ein Richter und drei Verteidiger Saddams sind im Laufe des Verfahrens ermordet worden.

Kodewort Anfal
Für die erste der insgesamt zwölf Anklagen nahm man einen Vorfall, der gut dokumentiert war und auch keine Spuren in andere Länder aufwies. Auf Saddams Wagenkolonne war 1982 im schiitischen Dorf Dujail ein Attentat verübt worden. Saddams Geheimdienst hat in einer Racheaktion 148 Einwohner ergriffen, die alle gefoltert und hingerichtet wurden. Nach dem Todesurteil im Fall Dujail begann die Anklage mit dem zweiten Fall.

Nach dem Waffenstillstand im Krieg gegen den Iran hatte Saddam seine Armeen in die Kurdengebiete entsandt. Unter dem Kodewort „Anfal“ sind ab 1988 bei den Offensiven gegen die Kurden rund 120 000 Menschen getötet worden. Symbol dieser Ausrottungskampagne wurde der Giftgasangriff auf die kurdische Stadt Halabdscha, bei dem Saddams Cousin Ali Hassan vom Westen gelieferte Stoffe wie Sarin und Tabun eingesetzt hat. Dujail wurde von Saddams Geheimdienst Mukhabharat im Alleingang erledigt, doch bei der Offensive gegen die Kurden wäre unweigerlich das Ausland ins Spiel gekommen.

Bei der Verhandlung kam immer wieder zu turbulenten bis gespenstischen Szenen. Saddam schrie mehrmals mit dem Koran in der Hand: „Gott ist gross!“ Er bezichtige den Westen der Mittäterschaft. Er wollte sich nicht vom Sitz erheben. Er rief mehrmals: „Ich bin und bleibe Präsident! Es lebe der Irak! Nieder mit den Verrätern!“ Saddam trat in Hungerstreik und wurde in einem Krankenhaus zwangsernährt. Der Prozess im Fall Dujail hatte am 19.10.2005 begonnen. Das Urteil erfolgte am 5.11.2006, das waren zwei Tage vor den amerikanischen Kongresswahlen.

Frühlingsgott Tammuz
Saddam Hussein ist ein Spieler, der am liebsten mit dem Leben anderen Menschen spielt. Er hat wie viele Spieler eine humorige Seite, deren Scherze oft in einem Blutbad enden. Saddam hat im Putschjahr 1963 seine Opfer die Methode auswählen lassen, nach der sie gefoltert werden sollten. Der Name seines Geheimdienstes war „Jihaz Jadeen“: Instrument der Sehnsucht. Seine Säuberungen waren oft kunstvoll arrangierte, blutige Humoresken.

Gern trat er als oberster Clown auf, der Todesurteile fällte. Als Spieler liebt er das Risiko. Mehrmals hat er sich ohne Notwendigkeit in gefährliche Situationen begeben. Er sah sich als Erbe der ältesten Kultur der Menschheit. Er verglich sich mit Nebukadnezar und dem Frühlingsgott Tammuz. Er leitete seine Herkunft vom Propheten ab. Sein Werdegang war von Leichenbergen gesäumt. Er war ein hochrangiger Techniker der Macht, der durch zwei Dutzend Attentate nicht beseitigt werden konnte. Dies auch deshalb, weil Saddam als Attentäter begonnen hatte.


Saddam aus dem Loch – Freund Rumsfeld hilft nicht

Saddam ist am 28.4.1937 in Al Auja, einem Vorort von Takrit geboren. Sein Vater war zum Zeitpunkt seiner Geburt verschwunden. Seine Mutter heiratete ein zweites Mal. Saddams Stiefvater Ibrahim Hassan war ein Tyrann, der Saddam oft mit Prügel bestraft hat. Die gewalttätige, archaische Atmosphäre der Stadt Takrit hatte einen starken Einfluss auf den Heranwachsenden. Mit zehn Jahren tauchte Saddam bei seinem Onkel Kairallah Tulfa auf.

Dieser erkannte bald die Talente seines Neffen. Der Halbwüchsige wurde gegen andere Familien eingesetzt. Saddam hat in einem zarten Alter Sadun Al Alousi, einen Feind seines Onkels, eigenhändig ermordet. Kairallah schickte seinen Neffen auf die Mittelschule in Bagdad. Danach sollte er die Militärakademie besuchen. Ein Takriter hatte damals im Militär Karriere gemacht. Er ermöglichte jungen Männern aus seiner Heimatstadt die Offizierslaufbahn. Das war der Beginn des takritischen Clans, der den Aufstieg Saddams ermöglicht hat. In Bagdad kam Saddam bald mit der Baath-Partei in Berührung. Die vom christlichen Syrer Michel Aflak begründete Ideologie hatte eine Vereinigung aller arabischer Länder zum Ziel. Im Irak herrschte nach dem Sturz der Monarchie 1958 der prokommunistische General Abdel Kassem.

Trinken & prügeln
Am 7.10.1959 verübt der 21jährige Saddam Hussein in der Raschid-Strasse ein Attentat auf Kassem. Bei der Schiesserei wird Kassem leicht verletzt. Saddam flüchtet nach Ägypten. Dort lebt er von einem Stipendium des nasseristischen Geheimdienstes, der ihn als mögliches Instrument gegen den vereinigungsfeindlichen Kassem ansah. Saddam trank viel und war ständig in Prügeleien verwickelt. Wegen seiner Auffälligkeit wurde er damals auch erfolglos vom US-Geheimdienst CIA kontaktiert. Am 8.2.1963 rollte ein präzis geplanter Putsch nationalistischer Offiziere durch Bagdad. Aus den Armenvierteln strömten die Massen zum Verteidigungsministerium, um ihren Helden zu retten. Kassem wurde im Tonstudio des Bagdader Rundfunks ermordet.

Es begann eine Treibjagd gegen Kommunisten, an der sich auch der heimgekehrte Saddam beteiligte. Zwischen den Flügeln der Baath-Partei und Militärgruppen brachen Kämpfe aus, bei denen Saddam nicht immer auf der richtigen Seite stand. Er wurde wie viele andere Baathisten verhaftet. Durch Protektion aus Takrit hat er ein Jahr im Gefängnis gut überstanden. Am 17.7.1968 stürmte Saddam mit einem baathistischen Kommando in den Präsidentenpalast. Staats-chef Abdel Raham Aref wurde ins Exil geschickt.


Saddam während den Verhandlungen – Freund Rumsfeld noch auf freiem Fuss

Die Baathisten unter dem Takriter General Hassan Al Bakr waren endlich an der Macht. Saddam wurde relativ schnell und mit hoher Todesrates unter möglichen Konkurrenten die Nr. 2. des Regimes. Al Bakr und Saddam inszenierten umfangreiche Säuberungen. Im Jänner 1969 begannen die ersten Schauprozesse. Am 27.1.1969 wurden die ersten elf Angeklagten am Befreiungsplatz zum Galgen geführt. Saddam heizte in Reden die aus Vorstädten herangekarrte Menge an. Die Angeklagten wurden gehenkt. Dann drängten die Massen an die Galgen heran, um die Opfer zu beschimpfen, zu bespucken und in die Beine zu beissen. Weitere Schauprozesse und Exekutionen folgten. Bis Ende 1972 sind sieben hochrangige Baath-Führer ermordet wurden. Sie alle galten als mögliche Nachfolger Al Bakrs und als Konkurrenten Saddams. Nach jedem Mord schien die Position Saddams besser zu werden.

Nicht zu töten: Kzar

Unermordbar blieb nur Geheimdienstchef Nadhum Kzar, der schlimmste Folterer des Re-gimes. Im Juli 1973 plante Kzar ein Attentat gegen Saddam, der am Flugplatz auf die Rückkehr von Al Bakr von einem Besuch in Bulgarien wartete. Bulgariens Präsident Schiwkoff soll aus Moskau einem Wink bekommen und Saddam gewarnt haben. Kzar musste flüchten. Er wurde nach einer Verfolgungsjagd gestellt und exekutiert. Neue Hinrichtungen folgten. Und jedesmal, wenn hohe Positionen frei wurden, rückte ein Mann aus Takrit nach. Saddam sammelte seine Mannschaft. Und er wußte zu warten.

Es waren ein paar wenige glückliche Jahre für den Irak. Durch das Öl kam viel Geld ins Land. Saddam begann mit Hilfe westlicher Firmen die Aufrüstung der Armee. Am Horizont sah er bereits die seit Nassers Tod neu zu besetzende Rolle eines panarabischen Führers. Al Bakr wurde von einer Krankheit zermürbt. 1978 kamen sein Sohn und sein Schwiegersohn bei mysteriösen Autounfällen ums Leben. Der väterliche Freund und Förderer aus Takrit war für Saddam entbehrlich geworden.

Am 17.7.1979 ersucht Al Bakr das Parteigremium des Kommandorates um Rücktritt. Gleichzeitig schlägt er Saddam als Nachfolger im Amt des Staatspräsidenten vor. Ratsekretär Mashadi verlangt eine namentliche Abstimmung. Einen Tag später wird er aus dem Plenum heraus verhaftet und abgeführt. Am 22.7.1979 wird Mashadi gezwungen, vor einem erweiterten Parteirat eine durch Folter eingeübte Verschwörung zuzugeben. Hierbei greift Saddam immer wieder als Dramaturg ein. Er hat Freude an diesem Spiel. Jeder der im Geständnis Mashadis genannt wird, müsse aufstehen und sich der Geheimpolizei ergeben. Die ersten Namen fallen. Die Genannten schreien auf und protestieren. Saddam verteidigt die Verdächtigten. Er meldet Zweifel an. Er bekommt nasse Augen.

Schliesslich gibt er sich angesichts der Beweislast geschlagen. Er erklärt, dass alle Verräter entlarvt seien. Die Überlebenden brechen in hysterischen Jubel aus und feiern Sad-dam in Sprechchören. Ein Sondergericht verurteilt 22 hohe Baath-Führer zum Tod. Sie sollen zusammen mit etwa hundert bereits verurteilten Funktionären hingerichtet werden. Saddam verlangt, dass die von jedem Verdacht befreiten Baath-Funktionäre die Hinrichtung persönlich durchführen. Er dürfte damals auch selbst mitgeschossen haben. Er hat damit zahllose Menschen durch Blutschuld an sich gebunden. Das erklärt auch den Zusammenhalt der irakischen Führung.

Im Delirium in das Feuer der Waffen
Saddam darf sich nie langweilen. Als der Schah gestürzt wird und die Ayatollahs an die Macht kommen, bricht Saddam in den Iran ein. Doch Ayatollah Khomeini weckt schlummernde Kräfte der Schiiten. Freiwillige Jugendliche laufen wie im Delirium in das Feuer irakischer Waffen. Der ektstatische Tanz der Jungschar Khomeinis lässt die Welt erschauern. Saddam aber denkt als Spieler an den nächsten Zug. Er beginnt den Krieg zu verkaufen. Er ernennt den Irak zu einem Schutzschild gegen schiitische Expansion. Die Saudis und die Golfemirate schenken und leihen Saddam Milliarden. Nach Kriegsende durch beiderseitige Erschöpfung drängt vor allem Kuwait auf Rückzahlung.

Da Saddam nicht zahlt, beginnt Kuwait mit Provokationen. Saddam empfängt die US-Botschafterin April Glaspie, die keine Reaktion der USA auf einen Einmarsch in Kuweit in Aussicht stellt. Saddam marschiert in Kuwait ein und löst damit dem Angriff einer US- geführten Allianz aus. Die US-Truppen bleiben im Süden des Iraks stehen. Sie marschieren nicht nach Bagdad. Saddam kann sich halten. Er schlägt einen von den USA ermunterten Aufstand der Schiiten im Süden blutig nieder. In den folgenden Jahren tut er nichts, um den gegen besseres Wissen geäusserten Verdacht der USA zu entkräften, wonach der Irak an Massenvernichtungswaffen arbeiten und den Terror der Al Kaida unterstützen soll. Dieser falsche Verdacht führt 2003 zur Invasion und zum Sturz Saddams.

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Blockierte Schill die Bekämpfung der Organisierten Kriminalität in Hamburg?

Harald Haack – Sie wird „Organisierte-Kriminalität-Opposition“ genannt und stellte kürzlich ihren eigenen Lagebericht vor. Demnach gab es, so die Hamburger SPD-Bürgerschaftsfraktion, schwere Versäumnisse in der Amtszeit des später vom Ersten Bürgermeister gefeuerten und vor kurzem zur Fahndung (ohne Haftbefehl) ausgeschriebenen Innensenators Schill.

Für die Bekämpfung der Organisierten Kriminalität habe der Senat während der Amtszeit des Zweiten Bürgermeisters und Innensenators, von Ronald B. Schill, der sich gegenwärtig in Brasilien aufhalten soll, ein faules Verhalten gezeigt. Andreas Dressel, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, nannte es „schwere Versäumnisse“ und erklärt: „Schill wollte den Hauptbahnhof sauber halten, dafür sind andere Sachen hinten runtergefallen“. Organisierte Kriminalität bekämpfe man nicht dadurch, indem man sie totschweige, sagte er weiter. Dressel verwies darauf, in vielen Bundesländern sei regelmäßige Information über Organisierte Kriminalität üblich, und nach dem 20-seitigen Lagebericht der SPD zur Organisierten Kriminalität sei zu erkennen, von 2001 bis 2004 habe die Bekämpfung eine „untergeordnete Rolle“ gespielt. Die Zahl der Anklagen gegen Beschuldigte der Organisierten Kriminalität soll sich von 2001 bis 2005 von 106 auf 54 fast halbiert haben. Erst 2005 habe es eine „Trendumkehr“ gegeben. Nach der Entlassung von Schill im August 2003 als Innensenator seien wieder 17 Menschen – statt nur vier, wie im Jahr 2004 – im Zeugenschutzprogramm. Diese Erkenntnis steht im krassen Gegensatz zu Schills früherem Verhalten und Äußerungen während des Wahlkampfes von 2001.

Schill, der laut Wikipedia als Taxifahrer und Fotomodell gearbeitet haben soll, bevor er kurzzeitig, von 1992 bis 1993, als Rechtsanwalt arbeitete, wurde 1993 Richter am Amtsgericht Hamburg, für das er bis 2001 tätig war und Strafsachen bearbeitete. Die Hamburger Boulevardpresse gab ihm, den Richter mit offensichtlich geringer juristischer Erfahrung wegen einiger Urteile mit ungewöhnlich hohem Strafmaß den Namen „Richter Gnadenlos“. Diesen zweifelhaften Ruhm ausnutzend hatte Schill die Kriminalitätsbekämpfung großspurig als Wahlkampfthema der von nach ihm benannten „Schill-Partei“ – Partei Rechtsstaatlicher Offensive (PRO) – genutzt, um Wähler zu ködern. Er versprach die Halbierung der Gewaltkriminalität binnen 100 Tagen, sofern er in einer Koalition freie Hand dafür bekäme. Aus diesem Grund nannte die Hamburger Presse die Freie und Hansestadt Hamburg sarkastisch als „Hauptstadt des Verbrechens“. Bei der Wahl am 23. September 2001 erhielt Schills Partei bei der Hamburger Bürgerschaftswahl 19,4% der Wählerstimmen.

Schon im Wahlkampf 2001 hatte sich Schill für die Einführung blauer Polizeiuniformen eingesetzt. Vom Designer Luigi Colani stammt der Entwurf für die neuen, an die Uniformen der trotteligen Cops der „Police Academy“, einer US-Serie von Spielfilm-Komödien, erinnernde Polizeiuniformen. Die im Oktober 2003 begonnene schrittweise erfolgende Einführung der neuen homophil wirkenden Uniformen wurde im August 2005 abgeschlossen. Für Polizisten sind sie zwar bequemer, doch führten sie vermehrt bei Bürgern nicht nur zu einem Misstrauen und Irritation gegenüber den Ordnungsbeamten – zumal es bis zur Einführung der Colani-Uniformen in Deutschland bundesweit einheitliche Polizeiuniformen gegeben hatte – etliche Hamburger haben den Eindruck gewonnen als wenn sich Hamburgs Polizisten in ihren neuen schwarz-blauen Uniformen neuerdings aggressiver und bornierter verhalten.

Kleider machen Leute! Und entgleiste und gescheiterte Politiker wie Schill haben mutmaßlich das Organisierte Verbrechen in Hamburg gefördert. Der innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion, Andreas Dressel, spielte auf einen Fall an, über den die Hamburger Morgenpost berichtet hatte, den Fall eines Asylheimes in Altona, für das der St.-Pauli-Investor Burim Osmani monatlich 39 000 Euro von der Stadt Hamburg erhält: „Wie müssen sich die Kollegen bei Polizei und Staatsanwaltschaft fühlen, die gerade schwierige Ermittlungsarbeit zu leisten haben, wenn parallel dazu Behörden Vertragsbeziehungen mit Menschen unterhalten, die der Bildung einer kriminellen Vereinigung verdächtig sind?“ Gegen den 42-jährigen Osmani wird in anderen Fällen auch wegen Insolvenzbetrugs und Veruntreuung ermittelt; er sitzt seit Mai 2006 mit Betrugsverdacht in Untersuchungshaft.

Ralf Meyer, Sprecher der Hamburger Polizei, hält den SPD-Bericht für „wertlos“. Seiner Ansicht nach seien darin die „entscheidenden Informationen“ nicht enthalten. Die Polizei könne aus ermittlungstaktischen Gründen keinen Bericht veröffentlichen, weil sie damit verdeckte Ermittlungen unmöglich mache. Fragt sich nur, wie lang solche geheimen Aktionen der Hamburger Polizei und des Landeskriminalamts (LKA) dauern dürfen, um nicht damit in den Verdacht der Unterstützung des Organisierten Verbrechens zu geraten.

Dressel soll dennoch mehrfach während der Vorstellung des Lageberichts die jetzige „gute Arbeit“ des Landeskriminalamtes und besonders von Thomas Menzel gelobt haben. Dressel meint, Menzel verstünde als Leiter der LKA-Abteilung Organisierte-Kriminalität-Bekämpfung sein „Handwerk“.

Schill wurde zur Fahndung ausgeschrieben, nachdem bekannt wurde, dass er in Rio de Janeiro untergetaucht ist. Er soll als „Zeuge“ aussagen. In seiner Zeit als Innensenator sollen schwer erziehbare Kinder eines Hamburger Heimes mit Drogen „gefügig“ gemacht worden sein.

Wikipedia über Ronald B. Schill
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vermischtes

New Orleans: Auf „tollwütige Hunde“ geschossen

New Orleans – Über ein Jahr nach dem verheerenden Hurrikan „Katrina“ hat ein Geschworenengericht am Donnerstag in New Orleans Anklage gegen sieben Polizisten erhoben. Sie müssen sich wegen Mordes und versuchten Mordes verantworten.

Die Polizisten hatten am 4. September 2005 an der Danziger Bridge inmitten von Plünderungen und Schüssen nach den Verwüstungen durch den Hurrikan das Feuer eröffnet. Dabei starben zwei Menschen, vier weitere wurden verletzt.

Staatsanwalt Eddie Jordan erklärte, auch während eines Ausnahmezustands dürften Polizisten nicht grundlos auf Bürger schiessen als seien es „tollwütige Hunde“.

Krieg

Saddam soll noch in diesem Jahr hingerichtet werden

Washington – Das Todesurteil gegen den früheren irakischen Diktator Saddam Hussein soll nach Berichten mehrerer US-Fernsehsender offenbar noch vor Ablauf dieses Jahres vollstreckt werden.

Die Sender CNN, NBC, CBS und Fox News beriefen sich dabei am Donnerstagabend (Ortszeit) jeweils auf namentlich nicht genannte US- Militärs. Wie NBC berichtete, haben die irakischen Behörden bereits die Überstellung Saddams aus US-Gewahrsam beantragt.

Nach CBS-Informationen soll er binnen 36 Stunden an die Iraker übergeben werden; laut CNN soll die Hinrichtung binnen dieser Frist stattfinden. Wie Fox News berichtete, sei die irakische Regierung „bemüht, die Hinrichtung Saddams hinter sich zu bringen“.

Die für die Innere Sicherheit zuständige Beraterin des US-Präsidenten, Frances Fragos Townsend, sagte CNN, dass Saddam den irakischen Behörden auf Antrag überstellt würde. Saddam wurde nach seiner Ergreifung vor drei Jahren formal der irakischen Justiz übergeben, blieb jedoch unter Bewachung des US-Militärs.

Das Oberste irakische Kriminalgericht hatte am Donnerstag mit der Veröffentlichung des Todesurteils gegen den irakischen Ex-Präsidenten das Vollstreckungsverfahren eingeleitet. Das Urteil muss noch von Präsident Dschalal Talabani oder einem seiner beiden Stellvertreter unterzeichnet werden.

Ein Sondertribunal hatte Saddam, seinen Halbbruder Barsan al-Tikriti und den früheren Richter Awad al-Bandar am 5. November wegen eines Massakers 1982 in der schiitischen Kleinstadt Dudschail zum Tod durch den Strang verurteilt. Am vergangenen Dienstag hatte ein Berufungsgericht das Todesurteil bestätigt.

Die UNO-Menschenrechtskommissarin Louise Arbour forderte die irakischen Behörden auf, das Todesurteil nicht übereilt zu vollstrecken. Der Irak und die internationale Gemeinschaft hätten ein Interesse sicherzustellen, dass die Todesstrafe nach einem glaubwürdigen und unparteiischen Verfahren verhängt worden sei.

Die umfangreiche und komplexe Bestätigung des Todesurteils durch das Berufungsgericht müsse genau erörtert und die Zweifel an der Fairness des Prozesses müssten ausgeräumt werden, forderte die Menschenrechtskommissarin. Zudem habe Saddam nach internationalen Vereinbarungen, die der Irak anerkannt habe, das Recht auf ein Gnadengesuch.

Krieg

Der Marsch nach Mogadischu

Äthiopier zerschlagen das islamische Regime in Somalia
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Malte Olschewski – Die somalische Hauptstadt Mogadischu ist von den Truppen Äthiopiens und der Übergangsregierung von Baidoa eingenommen worden. Panzer der äthiopischen Armee hatten die Milizen der „Islamischen Gerichtshöfe“ (Somali Supreme Islamic Court Council SICC) zurückgedrängt und in die Flucht geschlagen. Exekutionen gefangener Islamisten sollen bereits begonnen haben. Die Regierung in Addis Abeba hat im „Ethiopian Herald“ erklärt, die äthiopischen Truppen hätten Somalia von der Herrschaft islamischer Terroristen befreit. Die somalische Agentur „Shabelle“ bringt die USA ins Spiel: Nur weil Washington einen neuen Al Kaida-Staat befürchtet hätte, wäre grünes Licht für die Offensive Äthiopiens gegeben worden. „Shabelle“ beschreibt typische Szenen der Niederlage: Islamistische Soldaten hätten ihre Uniformen ausgezogen. Warenhäuser des Regimes seien geplündert worden. Überall in Mogadischu seien Waffen versteckt worden. Es sei auch zu ersten Selbstmordattentaten gegen die Äthiopier gekommen.

In manchen Weltregionen wie dem Horn von Afrika scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Seit Staatswerdung Somalias 1960 tobt nun der dritte Krieg mit dem Nachbarn Äthiopien. Die Kämpfe werden wie in den Jahrhunderten zuvor immer nach dem gleichen Prinzip geführt: Ist der Vielvölkerstaat Äthiopien innerlich geschwächt, greift Somalia an. Ist Somalia durch Kämpfe zwischen seinen Clans zerrissen, dann marschiert Äthiopien. Nach einem langen Bürgerkrieg und nach Machtergreifung islamistisch-fundamentaler Gerichtshöfe in Mogadischu sah Äthiopien seine Zeit nun als gekommen. Nach klassischem Muster hat eine von den USA und vom Westen gestützte „Übergangsregierung“ Äthiopien zur Intervention „eingeladen“. Addis Abeba entsandte zu Weihnachten 2006 seine Panzer und Kampfllugzeuge.

Im 2. Jahrhundert gehörten grössere Teile des heutigen Somalias zum Reich von Aksum. In einer komplizierten Staatslegende hat der herrschende Stamm der Amharen seine Abkunft vom jüdischen König Salomon abgeleitet. Die Königin von Saba, deren Reich sich bis nach Äthiopien ausgedehnt hatte, war bei einem Besuch Jerusalems von Salomon zum Beischlaf verführt worden. Sie gebar Menelik, der in der Sage nach Jerusalem zurückkehrt. Er stiehlt seinem Vater die Bundeslade und bringt sie nach Aksum. Noch heute wird neben den berühmten Stelen von Aksum ein Gebäude bewacht, in dem die Bundeslade liegen soll, doch darf sie von keinem Besucher gesehen werden. Im 7. und 8. Jahrhundert haben Araber die Küsten des heutigen Somalias besiedelt und den Islam zur Staatsreligion gemacht. Im 12. Jahrhundert besiegte der amharische Herrscher Yeshaq die moslemischen Somalier. Ihr Land wurde dem christlichen Äthiopien einverleibt.

Nach 1500 waren die Äthiopier durch Thronkämpfe geschwächt, worauf die Somalier einmarschierten. Äthiopien ist damals nur gerettet worden, weil Portugal eingriff. Pedro da Gama, der Sohn des Entdeckers, liess mit Kanonen auf die Somalier schiessen. Amharenkaiser Claudius schlug die Moslems 1543 in der Schlacht von Wayna. Somalia zerfiel in kleine Herrschaften, die im 19. Jahrhundert europäische Mächte anlockten. Grossbritannien nahm sich den Norden als „Britisch-Somaliland“. Die Italiener setzten sich im Süden fest, während sich Frankreich mit Dschibuti begnügte. Äthiopien aber nahm sich die somalischen Westgebiete im Ogaden. 1935 liess Mussolini aus dem italienischen Somaliland seine Armee in Äthiopien einrücken. Haile Selassie, der als Ras Tafari durch Giftmord aus einer Nebenlinie an die Macht gelangt war, musste nach London flüchten. Aus Äthiopien und Somalia wurde Italienisch-Ostafrika.

1941 begannen die Briten aus ihrer Kolonie Nord-Somalia ihre erfolgreiche Offensive zur Vertreibung der Italiener aus Äthiopien. Haile Selassie kehrte zurück und konnte seine ausbeuterische Herrschaft wieder aufrichten. Süd-Somalia wurde ab 1945 Treuhandgebiet der UNO. Die konkrete Verwaltung wurde Italien übergeben, das sich unter Marschall Badoglio rechtzeitig auf die Seite der Sieger geschlagen hatte. In der Dekolonialisierung Afrikas sind 1960 britische Gebiete mit Italienisch-Somalia vereinigt und als Republik in die Unabhängigkeit entlassen worden. Die erste, demokratisch gewählte Präsident, Ali Shermake, proklamierte den Pansomalismus. Der fünfzacktige Stern im Wappen symbolisierte als Anspruchswappen all jene Gebiete, in denen Somalier lebten: Neben Nord- und Süd-Somalia waren das der Nordosten von Kenia, Dschibuti und der äthiopische Ogaden.

Schon 1963 brach ein Grenzkrieg mit Äthiopien um den Ogaden aus, der durch die UNO beilegegt wurde. Shermake wurde 1969 bei einem Militärputsch ermordet. Armeechef Mohammed Siad Barre rief als neuer Staatspräsident die „Sozialistische Republik“ aus. Er verbündete sich mit der UdSSR, worauf die Sowjets den Hafen Berbera zu einer Marinebasen ausbauten. Die Armee wurde sowjetisch ausgerüstet und verstärkt. 1977 war Siad Barre mit 250 Panzern und sechzig Kampfflugzeugen stark genug, um in den Ogaden einzumarschieren. Die somalischen Truppen stiessen bis nach Harar vor und besetzten 60 Prozent des Ogadens.

Äthiopien war damals durch innere Kämpfe schwach geworden. Die Armee hatte in einem schleichenden Putsch die Macht ergriffen. Kaiser Haile Selassie wurde aus seinem Palast abgeholt und später in einer Kaserne mit einem Kopfkissen erstrickt. Zwei folgende Staatschefs wurden ermordet, bis dann der neue, starke Mann sichtbar wurde: Der kommunistische Major Mengistu Haile Mraiam, der mit Säuberungen und „Rotem Terror“ aus dem absolutistischen Staat eine Volksdemokratie machte. Moskau sah sich mit zwei verfeindeten Bündnispartnern konfrontiert. Der Kreml berechnete die Potentiale und liess Somalia fallen. Siad Barre wandte sich an den Westen, der ihm aber nicht konkret helfen wollte. Er liess aber die Intervention der deutschen Sondertruppe GSG zu, die am 18.10.1977 im Flughafen Mogadischu eine von Terrorgruppen entführte Lufthansa-Maschine stürmte. Moskau entsandte Waffentechniker und kubanische Hilfstruppen nach Äthiopien.

Der somalische Vormarsch konnte im Februar 1978 in der Schlacht von Jijigia aufgehalten werden. Die Somalier zogen sich zurück. 1978 hatte Äthiopien alle von der somalischen Armee besetzten Gebiete zurückerobert. 1984 flogen äthiopische Flugzeuge Luftangriffe gegen Stellungen der Ogaden-Rebellen im Norden Somalias. 1986 kam es zu neuen Grenzkämpfen zwischen den Armeen beider Länder. 1989 scheiterte ein Putsch der äthiopischen Armee gegen Machthaber Mengistu. Aus dem Norden marschierten bald antikommunistische Milizen in Richtung Addis Abeba. Das kommunistische Regime brach 1991 zusammen. Mengistu flüchtete nach Simbabwe. Äthiopien war durch diese Kämpfe geschwächt und konnte gegen Somalia nichts mehr unternehmen. Dem Tigriner Meles Zenawi gelang es als Regierungschef, das Land zu stabilisieren. Äthiopien gewann wieder an Stärke.

Siad Barre konnte sich als Seiltänzer zwischen den verschiedenen Clans an der Macht halten, bis er 1991 gestürzt und ins Ausland gejagt wurde. Somalia zerfiel wie schon öfter in kleinere Herrschaftsbereiche. Die grossen historischen Clans der Hawiye (25 Prozent der Gesamtbevölkerung), Deer (22 Prozent), Dorat (20 Prozent) und Rahanweyn (17 Prozent) waren in unzählige Untergruppen oder Subclans zerfallen, die in einem endlosen Bürgerkrieg um die Macht kämpften. Das Land wurde von einer Hungersnot heimgesucht, worauf die UNO Hilfstransporte entsandte. Da diese Transporte von Milizen geplündert wurden, hat die UNO zu ihrem Schutz auch Truppen entsandt. Es kam zum Krieg zwischen dem Warlord Aidid und dem amerikanischen UNO-Kontingent. US-Hubschrauber wur-den über Mogadischu abgeschossen.

Die Leichen der Piloten wurden vor laufenden Kameras durch die Strassen geschleift. Die USA waren durch die TV-Bilder tief verunsichert und verletzt worden. US-Präsident Bill Clinton zog die US-Truppen ab. Nach jahrelangen Verhandlungen wurde eine Übergangs-regierung eingesetzt, die nur schwache Truppen besass und bald aus Mogadischu landeinwärts nach Baidoa flüchten musste. Radikalislamische Gerichtshöfe (SICC) eroberten die Macht und gingen gegen Baidoa vor. Die regierenden „Gerichtshöfe“ unter Sharif Sheik Ahmad und Hassan Daher Aweis haben die Wiedereroberung des Ogadens als vorrangiges Ziel genannt. Äthiopien hatte seit Monaten an der Grenze zu Somalia Truppen massiert. Obwohl jederzeit eine Invasion drohten, gingen der SICC-Militärkommandant Jusuf Indade und sein Stellvertreter Abu Mansur kurz vor Weihnachten auf Pilgerfahrt nach Mekka.

Äthiopien wird in den Konflikt von den USA unterstützt. Die US-Armee unterhält in Dschibuti eine Basis, deren unbemannte Flugzeuge jede Truppenbewegung erkennen. Die aus Mogadischu vertriebenen Islamisten haben die moslemische Welt zu Hilfe gerufen und einen Guerillakrieg gegen Äthiopien angekündigt. Die Islamisten haben ausserdem die Unterstützung durch das moslemische Eritrea, das sich seinerseits einen Krieg gegen Addis Abeba geführt hat. Ausserdem ist in Somalia seit Jahren die lokale Terrororganisation „Al Itihaad Al Islamiya“ mit engen Verbindungen zur Al Kaida aktiv. Von den Küsten Südsomalias werden in den letzten Tagen Landungen von Booten mit Bewaffneten gemeldet. Es droht eine Ausweitung des Krieges.