surveillance

Zu Besuch im Ministerium für Wahrheit

Seit dem internationalen Krieg gegen den Terror peitschen die meisten Staaten im Eiltempo Gesetze durch, die der demokratischen Zivilgesellschaft den Boden rauben.

Die „Defense Advanced Research Projects Agency“(DARPA), die Avantgarde amerikanischer Kriegstechnologie, lässt erkennen welche hohen Ziele in der Terrorbekämpfung zu Gunsten der Freiheit aufgegeben werden. Das Projekt nennt sich „Total Information Awarness System“ TIAS. Wie das federführende „Information Awarness Office“ (IAO) andeutet, handelt es sich um ein futurologisches Projekt, das die gegenwärtigen Aufklärungssysteme in das Altenheim verabschieden wird.


Geheimdienst wittert Morgenluft

Die Meldungen des weltweiten Terrors überschlagen sich in bisher nicht gekannter Dramatik. Über die ganze Welt brennt ein Scheusal, dessen Hirn scheinbar nur durch modernste, innovative Technologie erkennbar wird. Während der Krieg gegen den Terror und die erwartete Invasion im Irak für besorgte Köpfe sorgt, werden unbeachtet der breiten Öffentlichkeit Vorkehrungen getroffen, Gesetze geschaffen und Techniken entwickelt, die beängstigend sind und dem wahnwitzigen Wettrüsten der 60/70 und 80er Jahre in nichts nahe stehen. Die Falken der Geheimdienst und Sicherheitsdienste wittern Morgenluft. Die totale Überwachung, die selbst forensische Orakel beinhaltet und Terroristen vor derer Tat überführen soll kann nun ohne grösseren Widerstand kultiviert werden.

Steven Spielbergs neuster Kinofilm „Minority Report“, die Geschichte eines fiktionalen Überwachungsszenarios im Jahr 2054, in dem Menschen bereits dann aus dem Verkehr gezogen werden, bevor sie überhaupt ein Verbrechen begehen konnten, scheint früher oder später Realität zu werden. Die veranschlagte Forschungs- und Erprobungsphase des „Information Awarness Office“[1] erstreckt sich über einen Zeitraum von fünf Jahren. Ab 2005 sollen einsatzfähige Prototypen aller Projektbereiche zum Einsatz kommen, die danach nur noch verfeinert werden. Die Ausnahme bildet das GENOA System, dessen Entwicklung bereits im Jahr 2000 begann und sich in praktischer Erprobung bei der „Defence Intelligence Agency“ DIA befindet.

Genesis
Das Zentrum des TIAS Systems bilden die Projekte GENESYS, GENOA I und GENOA II. Wohl abgeleitet vom Begriff Entstehung, hat das GENESYS Projekt zum Ziel, riesige Datenbestände, die Informationen aus allen erdenklichen Quellen beinhalten, zu errichten und den Zugriff darauf zu organisieren. Die Datenbestände sollen in einem alles abdeckenden Datenbanksystem gebunden werden, das alle relevanten Informa-tionen enthält um potentielle Terroristen und ihre möglichen Unterstützer, ihre Aktivitäten, Operationspläne und mögliche Ziele zu identifizieren. Solche enormen Mengen an Daten Schnipsel sinnvoll zu organisieren war bislang nicht möglich.

Das GENOA I Projekt hat eine neue „thematische“ Suchmaschine entwickelt, die, ergänzend zu herkömmlichen Suchmaschinen den Benutzern des Geheimdienst-netzwerkes INTELLINK erlaubt, systematisch und schnell Informationen in großen und fremden Dokumentsammlungen und Datenbanken zu finden. GENOA I sorgt damit für den Input an Daten, die in das GENOA II und GENESYS System einfließen. Komponenten von GENOA sind bereits bei der „Joint Counter-Intelligence Assessment Group (JCAG), einer Behörde der Spionageabwehr im Einsatz.

GENOA II konzentriert sich auf Informationstechniken wie sie von Geheimdienst-analyseteams und von Polizeibehörden benötigt werden. So sollen Teamprozesse durch Automatisierung unterstützt werden um mehr Informationen verarbeiten, mehr Hypothesen bilden und untersuchen, mehr Modelle aufstellen und bestätigen können. Weiter bietet GENOA II eine kognitive Unterstützung, die es Mensch und Maschine erlaubt, in Realzeit gemeinsame Überlegungen zu komplizierten Problemen anzustellen. Über diese drei Systeme würden Datenbanken und Quellen, die sich außerhalb der Geheimdienstbereiche befinden mit den geheimdiensteigenen Ressourcen zu einem riesigen, „intelligenten“ zentralen Datenbanksystem verschmelzen.

Materia Prima
Zum anhäufen der elektronisch relevanten Daten, welche als chaotisches Ausgangs-material aus dem gigantischen Meer der Informationen gefischt werden muss, sollten verschiedene Systeme zum Einsatz kommen. Das sind die Begleit Systeme Bio Surveillance, Human ID, EARS und Future MAP.

Über das „Bio Surveillance System“ werden dem Mutter System TIAS unkonventionelle Datenquellen über tierische Hinweiszeichen, Verhaltensindikatoren und prädiagnostische, medizinische Daten zufließen. Das Bio System überwacht und wertet per Data Mining die einkommenden Informationen aus, um autonom mittels spezieller Algorithmen zur Erkennung eines biologischen Angriffs die Daten abzugleichen und das Ergebnis mit Katastrophenmodellen zu verbinden. Als Ergebnis liegen Indikatoren vor, die eine frühzeitige Identifizierung einer unnatürlichen Veränderung im Gesundheitszustand der Bevölkerung, die nur auf einen Bio-chemischen Angriff schließen lassen, ermöglichen. Die Projektbeschreibung lässt den Rückschluss zu, dass die gesamten Daten des amerikanischen Gesundheitssystems dem TIAS System zugänglich gemacht werden soll.

Das „Human ID at a distance System“, ein Forschungsprojekt des Georgia Tech Research Institut soll Menschen anhand ihrer Gangart auf eine Distanz von bis zu 152 Metern klassiefizieren und identifizieren. Tageszeiten und Wetterbedingungen sollen keine Rolle spielen. Dabei sollen Video, aber auch Radarbasierte Systeme eingesetzt werden. Radar Geräte versprechen eine Treffergenauigkeit von 95-99%. Automatisierte, biometrische Identifikationssysteme sollen es erlauben, Menschen auf große Distanz zu identifizieren, zu erkennen und aufzuspüren. Bereits wird geforscht, wie sich kriminelle Menschen bewegen und somit an deren Gang erkennbar wären. Raytheon, eine Rüstungs- Firma, die sich auf allerlei Kriegs- und Überwachungsgerät spezialisierte und sich auch an einer Firma beteiligt hat, die implantierbare Chips herstellt, ist in der Radar Technik zur Lokalisierung von Menschen bereits weit fortgeschritten. Special Forces im Krieg gegen den Terror gebrauchen solche Ortungsgeräte um allenfalls versteckte Terroristen aufzuspüren. Die Techniken sollen als Früherkennungssysteme für den Schutz von Einsatzkräften und die Verteidigung des amerikanischen Territoriums gegen terroristische, kriminelle oder anderer durch Menschen ausgelöste Bedrohungen sorgen und so die Erfolgsaussichten solcher Angriffe vereiteln oder verringern.

EARS dient der Entwicklung einer „Sprache-zu-Text“ Technik zur automatischen Sprach-erkennung und Übersetzung. EARS soll automatisch Dialoge menschlicher Konversationen erkennen und die als wichtig erachteten Informationsinhalte so extrahieren, zusammenfassen und übersetzen, dass ein direktes Abhören durch einen menschlichen Operator unnötig wird. Dazu gesellt sich das EELD System, welches alle Arten offen zugänglicher und geheimer Quellen auswertet. Dazu zählen die gespeicherten Inhalte von Webseiten, E-Mails, Textdokumente, Finanztransaktionen, Reisebuchungen, Arzneimittelverschreibungen und alle möglichen Dinge die sich elektronisch tätigen lassen und somit eine Datenspur hinterlassen. Die Auswertung dient der automatischen Erkennung, Extrahierung und Verknüpfung spärlicher aber relevanter Hinweise für terroristische Aktivitäten und Beziehungen, die sich in großen Ansammlun-gen von Datenquellen verbergen. Aus der Verknüpfung dieser Datenschnipsel sollen sich die Beziehungsnetze und Strukturen einzelner Personen, Organisationen und stattfindender Aktivitäten ergeben, die potentielle terroristische Gruppierungen und Aktionen identifizieren. Darüber hinaus soll das System in Selbstlernprozessen Muster und Erkennungsmerkmale entwickeln, die dem EELD ermöglichen neu auftretende, terroristische Organisationen und Bedrohungsformen zu erkennen.

Zu guter letzt gehört zum Materia prima das „Future MAP“. Das Programm soll sich Analysetechniken aus der Wirtschaft zunutze machen, die der Beurteilung und Abschätzung der Wahrscheinlichkeit zukünftiger Ereignisse in politischen, wissenschaftli-chen und wirtschaftlichen Bereichen dient. Zu diesem Zweck werden Bewegungen, Reaktionen und Quellen der Finanz-, Technologie- und Informationswerke, Experten-befragungen sowie Forschungsresultate und Technologieprogramme analysiert und überwacht, um einerseits ein Frühwarnsystem einzurichten, das Beeinflussungen oder Bedrohungen der nationalen Sicherheit durch wahrscheinliche, terroristische Aktivitäten erkennen lassen. Andererseits soll das Programm Informationen liefern, mit deren Hilfe die Märkte beeinflusst werden und zwar möglichst unbemerkt, damit das Zusammenspiel der Marktkräfte nicht gestört wird.

Opus Magnum
Letztendlich lassen sich alle digital erfassten Merkmale eines Menschen zentral sammeln und das sind einige. Anhand des Beispieles Schweiz, kann in etwa erkannt werden wie der Mensch zur alphanumerischen Nummer wird. Bis zum Jahr 2006, sollte jeder Person eine eigene PIN- Nummer, der „Eidgenössische Personenidentifikator“ zur Verfügung stehen.[2] Diese Nummer soll bereits bei der Geburt oder der Einreise zugewiesen werden und die ganze berufliche Karriere hindurch unverändert bleiben. Mit diesem PIN würde die Person in allen Verwaltungsdatenbanken-, Einwohner-, Zivilstands-, Stimmrechts- und Steuerregister-, aber auch mit den Datenbanken der Sozialversicherungen und AHV korrespondieren. Mit dem PIN Identifikator, lässt sich mit jeder Nummer auch eine Wohnung verknüpfen, da jedes Haus und jede Wohnung ebenfalls eine Nummer hat.[3] Anhand der digitalen Rechnungen erhält man Einblick auf den Stromverbrauch, Gasverbrauch, Heizkosten, Verbindungsdaten des Telefon oder Internetanschlusses die Kreditkartennummer, medizinische Informationen, die Sozialversicherungsnummer, was in den Einkaufskorb kommt, Arbeitsweg, Reisen, über den neuen Fahrausweis wer wo falsch geparkt hat. Über den neuen Reisepass, der den Schweizern ab Januar 2003 zur Verfügung steht, wird jeder und jede in die Datenbank des ISA (Informationssystem Ausweise) eingespeist, über die alle Kantone mit dem Bund vernetzt sind. Der Bund und zum Teil auch die Kantone haben Zugriff auf die Zentralen Polizeicomputer, die SIM Karte des Handys hilft bei der Lokalisierung einer Person und so weiter und so fort, von da geht’s möglicherweise ins bernerische Heimenschwand und dann im ECHELON Packet rüber zum Allsehenden Auge des TIAS Systems. In die Datenerfassung einbezogen werden auch biometrische Signaturen und DNA Daten, Verichip Daten, Satellitenbilder die Nummernschilder von Autos lesen können, Videokameras an neuralgischen Orten wie sie in der City von London im Kampf gegen die IRA aufgestellt wurden, die Liste ließe sich spielend um einiges verlängern. Glasig wird’s…

Das Opus Magnum der Überwachung wird gewiss keinen Terroranschlag verhindern und wird den Terrorismus nicht auf den Schutthaldenberg der Geschichte verbannen. Denn kein Terrorist lebt normal, als er eben bewusst den Untergrund beherrscht, was vom normalen Bürger mit seinen zeitweise obskuren vorlieben und Ideen nicht behauptet werden darf. Wie amerikanische Geheimdienste mitteilten, ändern die Terroristen nun einfach die Kommunikationswege und entwickeln ein enorm ausgeprägtes Sicherheitsdenken. Unter diesem Gesichtspunkt, darf man sich sicher die Frage stellen ob Regierungen vor Terroristen Angst haben oder eher vor dem Bürger.

Sciencia Est Potentia…lautet der Schriftzug mit dem göttlichen Auge im Signet der DARPA Behörde IAO. Der Direktor hat mit Göttlichkeit an sich nicht viel gemein. Es ist der alte Bekannte aus „Das Imperium schlägt zurück“, John M. Poindexter. Poindexter war eine Schlüsselfigur der Iran-Contra Affäre und vom Präsidenten der Vereinigten Staaten, zusammen mit anderen Agitatoren aus dem Eisschlaf erweckt worden um sie, zum erstaunen vieler, in Schlüsselpositionen zu setzen. Von 1983-1985 war Poindexter stellvertretender, ab 1985 bis 1986 der Nationale Sicherheitsberater von Ronald Reagan und neben Oliver North der Hauptverantwortliche der Iran-Contra Affäre. Poindexter hatte, offiziell ohne Wissen des Präsidenten und des Kongresses, den Verkauf von Raketensystemen an den Iran organisiert und mit den Gewinnen die Contra Guerilla, also je nach Zeitgeist Terroristen, im Kampf gegen die damalige sandinistische Regierung, auch je nach Zeitgeist Terroristen, unterstützt. Deswegen und weil er Ende 1986 versuchte, zusammen mit Oliver North, an die 5000 belastende E-Mails zu vernichten wurde er seines Amtes enthoben und wegen Konspiration, Betrug und unwahren Aussagen vor dem Kongress verurteilt.[4] Die Verurteilung war allerdings später widerrufen worden, weil ihm Immunität zugesprochen wurde. Nebst der konspirativen Tätigkeit hatte er beim Star Wars Programm SDI, der Grenada Operation und bei dem Vergeltungsschlag gegen Libyen mitgewirkt.

Eine neue Anstellung fand Poindexter bei der Firma Syntek Technologies, die Produkte für die DARPA und verschiedene Geheimdienste entwickelt.[5] Dort zeichnete er von 1996 bis 2002 als Seniorvizepräsident verantwortlich, unter anderem auch für ein Projekt das eine der Kernkomponenten des TIAS Systems darstellt – GENOA. Poindexter, ist folglich gewiss ein Mann, der am richtigen Ort sitzt.

„Wissen ist Macht“ heißt schlussendlich überhaupt nichts. Denn was in dem ganzen Gewusel aus Informationen anfällt, sagt höchstens etwas über den Staat und sein äußerst gestörtes Verhältnis zum Bürger aus, als über die Bürger selbst. Wenn der Staat dermaßen paranoid und unmündig ist, verbaut er sich mit Bestimmtheit das Vertrauen zivilisierter Menschen am Beginn des dritten Jahrtausends.

Quellen:

Dieser Artikel erschien erstmalig in Factum Magazin

Grafik
GENESYS; Ruedi Blättler, 2002 Zug Schweiz; Oraclesyndicate.org

kultur

Aussenluft muss man schnappen

Stephan FuchsDonal, bist du ein schreibender Traditionalist?

Donal McLaughlin: Wieso? So kann man das eigentlich nicht sagen. Weißt du, das… sagen wir mal „Hochenglische“ wird in Schottland seit über zwanzig Jahren in Frage gestellt. Damals, anfangs der achtziger Jahre, war das ein harter Kampf um die Freiheit der eigenen Sprache, eben in den verschiedenen Formen von „Scots“ zu schreiben. James Kelman, Alasdair Gray und Tom Leonard haben dabei den Anfang gemacht, das waren drei befreundete Autoren in Glasgow. Die haben es zu Beginn wirklich schwer gehabt, haben sich aber durchsetzen können. Das hat andere animiert, da weiter zu machen. Jüngere wie etwa Irvine Welsh, der dann auch mit Trainspotting einen Riesenerfolg hatte. Diese Art zu schreiben hat sich plötzlich durch das ganze Land verbreitet. Das fing in Glasgow an, kam dann nach Edinburgh im Osten Schottlands, bis rauf nach Aberdeen und in die Highlands. Immer mehr Schriftsteller entdeckten ihre Sprache wieder. Dann gibt’s aber auch Leute wie ich, irische Schotten, es gibt mittlerweile auch asiatische Schotten, italienische Schotten, die sich in den 90ern gesagt haben: Wir haben auch unsere Sprache, wir sind auch ein Teil von Schottland. Das war schon spannend.


Es kommt auf dich selber an, was du mit Kultur machst. Der Trick ist der, dass du sie für dich überhaupt entdeckst, nicht?

War diese Bewegung denn ein bewusster Kampf gegen England, quasi eine schreibende Revolte?

Nicht unbedingt. Es ist auch so, dass gewisse Engländer inzwischen unsere Arbeit gesehen haben und längst begonnen haben, in ihrer Sprache zu schreiben…

…Cockney in London, zum Beispiel?

So ähnlich, ja. Ganz andere Stimmen ­ wir sagen voices – werden jetzt gehört. Wenn das eine Revolte war, dann war das ein Kampf gegen…nun mal vereinfacht gesagt…Bloomsbury in London. Bloomsbury ist jener Stadtteil in London, wo all die grossen Buch- und Zeitungsverlage zuhause sind. Und Bloomsbury hat früher quasi bestimmt, was als Literatur gelten durfte und in welcher Sprache gelesen wurde. Schlussendlich entschied Bloomsbury, wer und was gelesen wird – und was nicht. Neben Bloomsbury konnte man früher auch Elite-Universitäten wie Oxford und Cambridge setzen. Wenn schottische Schriftsteller vor 20 Jahren einen Kampf führten, dann gegen diese Monopole – und nicht gegen England oder gar die Engländer. Die Bewegung, die keine war, zeigte, was man mit der „Sprache der Sprachlosen“ machen kann und gab den angeblich Sprachlosen ihre Sprache zurück.

Wie übt Bloomsbury diese Macht aus?

Du, ich kann nicht sagen, ob das bewusst gesteuert wurde, dass unsere Literatur nicht publiziert wurde. Das wäre eine Unterstellung. Mittlerweile haben sie aber auch gemerkt, dass das, was in Schottland gemacht wird, allemal so interessant ist wie das, was aus London rauskommt. London verlegt auch längst die Schotten. Da ist schon etwas im Wandel. Trotzdem kann man nach wie vor kritisieren. Die grossen Verlage entscheiden nämlich, was man liest, indem sie sagen: Kurzgeschichten nein, Poesie auch nicht, aber Romane ja. Die Leser sehen das vielleicht anders, aber der Markt ist inzwischen König.

Ist denn deine Art zu schreiben nicht auch elitär, indem du für ein eigentlich kleines Publikum schreibst?

Nein, das sehe ich nicht so. Denn seit über 20 Jahren gehen wir bewusst raus aus den Universitäten etc. Die Schriftsteller gehen da hin, wo ganz normale Leute sind.

Und wie funktioniert das in der Schweiz?

Sagen wir mal so: Die erste Lesung, die ich in Zürich besucht habe, war ein Schock für mich. Man bezahlte 15 Franken Eintritt, und es war todernst. Mir ist auch aufgefallen, wie grau- bzw. weisshaarig das Publikum war. Die Veranstaltung war teuer. Für das Geld hätte ich, ich hab noch einen Freund eingeladen, mir doch das gebundene Buch kaufen können, oder?

In Schottland geht das anders?

Oh ja! Da sind vor allem alle Generationen vertreten. Da wird auch gelacht. Diskutiert. Da ist ein Prozess im Gang während einer Lesung. Die Leute kommen vor allem ins Gespräch. Anschliessend wird in der Kneipe weiter diskutiert. Der Veranstalter sagt auch an, wo.

Da kommen mir die Tränen vor Eifersucht. Da ist Literatur so, dass sie zugänglich gemacht werden kann.

Ich muss aber ehrlich sagen, hier in Bern hab ich das auch ansatzweise gesehen. Letztens hab ich z.B. in einem Atelier neben dem Rosengarten gelesen, da war auch die Fussball-EM-Übertragung. Da war das auch so. Die Leute kamen um gemeinsam Fussball zu kucken ­ die Schweiz gegen Frankreich war’s. Man wusste: da wird noch gelesen und so kamen auch Leute extra dahin. Sie haben sich das angehört ­ Fussballerisches von Beat Sterchi und mir. Wir haben Fussball geschaut, geredet und diskutiert. Geld? Es gab eine Kollekte, und die Leute gaben, was sie konnten oder wollten. Das war schon schön. Locker. So sollte Literatur sein. Öffentlich. Zugänglich. Erschwinglich.

Hat die Literatur-Bewegung auch die schottische Politik und die schottische Seele in Bezug auf ein eigenes Parlament und mehr Unabhängigkeit London gegenüber gestärkt?

Ja, auf jeden Fall. Das hat sich nahezu parallel entwickelt. Noch 1979 hatte es eine Umfrage gegeben, da sind aber viele Schotten nicht zur Urne gegangen. Meine älteren Kollegen beklagten sich damals auch viel darüber, dass London sie gar nicht hören wollte. Als Bürger und Schriftsteller hatten sie nichts zu melden gehabt. Da ihre Stimmen in der Politik nicht gehört wurden, begannen sie in den 80er Jahren, diese Stimmen zu Papier zu bringen. Auch andere Künstlerinnen haben in dieser Zeit auf die Kultur gesetzt. Filme, Bücher, Gedichte und Geschichten sind entstanden. Auch viel Musik. Die Autoren sind unter die Leute gegangen, sind raus aus den Institutionen, auch raus aus der Innenstadt, damit. Das war spannend. Man hat sich mit der eigenen Kultur wieder und ganz anders identifiziert. Kulturell gesehen ­ wenn nicht in politischer Hinsicht ­ war man unabhängig. Eine zweite Umfrage ­ 1997 ­ ist dann auch ganz anders ausgegangen…

Seit 1999 gibt es nun ja ein schottisches Parlament.

Genau. Und bei der Abstimmung wurde auch gefragt, ob die Bürger bereit wären, mehr Steuern für Schottland zu bezahlen. Das Resultat der beiden Abstimmungsfragen war ganz klar: Ja, wir wollen ein schottisches Parlament und ja, wir werden dafür mehr bezahlen.

Oh, das heisst was… Die Schotten gelten doch allgemein als geizig.

Ja, das war ein klares Signal an London. Wir sind bereit, drei Prozent mehr Steuern zu bezahlen um die eigene Politik auch umsetzen zu können. In punkto Bildungssystem, zum Beispiel. Oder Gesundheitsdienst. Das zeigt auch, dass es in Schottland noch eine linke Politik gibt, die sich von der angeblich linken Politik der Labour-Partei in England unterscheidet.

Trotzdem kennt man schottische Autoren, abgesehen von Irvine Welsh und nun Donal McLaughlin, nicht.

Du übertreibst, was meine Person angeht! Problematisch ist im Ausland vielleicht, dass man – wenn man schon von Engländern und von England spricht – alles in einen Topf wirft und Grossbritannien meint. Grossbritannien ist aber nicht England. Grossbritannien ist Wales, Schottland und England zusammen. Beim Vereinigten Königreich kommt Nordirland, wo ich geboren bin, dazu. Ich habe aber auch hier in Bern – in der Buchhandlung Stauffacher zum Beispiel – gesehen, dass es unzählige Schotten zu lesen gibt. Man erkennt sie bloss nicht als schottisch, sondern als britisch, bzw. englisch. Die Bücher sind auch ins deutsche übersetzt. Unter den Neuerscheinungen findest du momentan James Kelman und A L Kennedy zum Beispiel. Im Tessin hab ich sie sogar auf Italienisch gesehen. Fast alle Bücher von Bernard Mac Laverty waren vorhanden. Also du siehst, die Schotten sind da. Dazu kommt, dass ich in der NZZ und im Bund auch Buchbesprechungen hab lesen können. Und nicht zu vergessen: wer Ensuite in den letzten sechs Monaten gelesen hat, der kennt auch schon einige Schotten.

Schottland wie auch andere Länder sind ja aber schon ein klassisches Beispiel wie versucht wird die regionale Muttersprache zu unterbinden?

Ja, das ist wohl überall so. Bzw. war. In der Schule, zum Beispiel. Ältere Kollegen erzählen das ­ und ich hab das zum Teil noch selber erlebt: Vorne stand der Lehrer, der alles zu wissen meinte und da sassen die Kinder oder Studenten die eigentlich Lust hatten, etwas zu lernen ­ aber bloss nicht selbständig und kritisch werden sollten. Des Lehrers wirkliche Begabung war leider oft, einem die Literatur zu verderben. In Schottland wurde z.T. im Englisch-Unterricht terrorisiert. Man wurde früher offenbar geprügelt wenn man Scots sprach. Die Prügelstrafe galt bis in die achtziger Jahre. Lehrer hatten die Macht, das Wissen und wollten das oft für sich behalten. Da konnte man weniger Freude an der Literatur entdecken, es sei denn, man hatte das grosse Glück einen guten Lehrer zu erwischen…

Trotzdem hast du doktoriert…

….ach, das ist gar nicht wichtig. Wichtiger war: anders zu unterrichten, auch Literatur anders zu unterrichten. Anders auf die StudentInnen einzugehen. Ich bin aber vor 2 Jahren ausgestiegen. Durch Lesungen, Festivals usw. habe ich nun andere ­ bessere ­ Chancen, Literatur zu vermitteln, mich dafür einzusetzen.

Ist wahr. Was ich in den letzten sechs Monaten durch dich erfahren und gelernt habe, übertrifft bei weitem auch was mir meine Lehrer auf den Weg geben konnten. Danke Donal.

Du übertreibst wieder! Aber bitte… Literatur ist halt lebendig. Darauf kommt es mir an.

Es beeindruckt mich zu sehen, wie einerseits der Druck Richtung Globalisierung von allen Seiten vorwärts gepeitscht wird und die Literatur regionaler eben auch sprachlich sich etabliert. Ist das ein Gegenstrom der Sprachlosen?

Hmm, da muss man vorsichtig sein. Ich verstehe was du meinst, du hast auch Recht, aber es kommt noch dazu, dass das, was in Schottland passiert, keineswegs provinziell ist, sondern durchaus internationale Modelle hat. Klar, was Kelman in den 80ern gemacht hat, das war schon gegen Bloomsbury, gegen das Etablissement gerichtet. Sein Modell war aber z.T. die Literatur der Karibik. Auch Goethes Werther ist für Kelman sehr wichtig. Für mich persönlich sind deutschsprachige Autoren der Nachkriegszeit ­ Andersch, Böll, Grass, auch Frisch und Dürrenmatt ­ von grosser Bedeutung. Sich regional einzubunkern, das ist sicher nicht das Ziel, – und wir sind alles andere als provinziell. Es findet doch ein grosser und vielfältiger Austausch der Sprachen und Kulturen statt. Du siehst: wir sind keine Heimatdichter im engsten Sinne.

Und diese Literatur-Bewegung ist auch nicht auf dem Weg in die Isolation?

Bloss nicht, dadurch würden wir alle nur noch schwächer werden und wären so den Tendenzen von denen du sprichst, eher ausgesetzt. So hätte man noch weniger Chancen. Nein, das Regionale muss man mit dem Internationalen verbinden, wie ich das sehe. Aussenluft muss man schnappen. Sprachlich und kulturell gesehen ist die Schweiz da beispielhaft. Dieses Nebeneinander von Rätoromanisch, Italienisch, Französisch und Deutsch liebe ich. Dieses Sowohl-als-auch anstatt von Entweder-Oder. Dialekt ist auch längst radiofähig, tagesschaufähig, unifähig. In Schottland hingegen wurde man vor nicht allzu langer Zeit dafür geprügelt. Diesen Stellenwert gibt es bei uns noch immer nicht ­ aber man tut wieder was dafür.

Ja gut, das hat ja auch einen geschichtlichen Hintergrund, die Schweiz wurde nie annektiert. Aber unser kulturelles Gut wird immer enger und kleiner.

Woran liegt das, meinst du?

Einer der Gründe ist vielleicht, dass Politiker Kultur für ihre Programme einverleiben. Allen voran Christoph Blocher, der es schafft schweizerische Urkultur mit dem Gütesiegel seiner Person oder seiner Partei zu besetzen. Das schreckt viele Leute ab, sich mit traditioneller Kultur und den Werten auseinander zu setzen. Man gilt dann schnell, vor allem bei jungen Menschen, als Patriot, was immer das dann wieder heisst.

Das fände ich sehr schade ­ und problematisch. Während meines Aufenthaltes hab ich mir z.B. die grosse Hodler-Ausstellung in Zürich angeschaut, ich bin auf dem Weg der Schweiz gewandert – und ich gehe noch morgen auf das Rütli zu der Tell-Inszenierung. Für mich ist das jeweils eine Bereicherung. Eine Begegnung mit der Schweiz. Ich wusste gar nicht, dass diese von Blocher gesponsert werden.

Bravo, Donal. Das ist ja eigentlich ein Beweis hierfür, dass Kunst und Kultur eben unbelastet entdeckt werden und auch genossen werden kann. Kultur gehört ja dem Menschen und nicht der Politik.

Ja, es kommt auf dich selber an, was du mit Kultur machst. Der Trick ist der, dass du sie für dich überhaupt entdeckst, nicht? Und dabei kritisch und offen für anderes bleibst. Aber das ist bei uns genau dasselbe. Der Kilt, also der Schottenrock, die Volkslieder, Dudelsack, die irischen Lieder und so weiter – das war in meiner Jugend auch verpönt. Galt alles als lächerlich. Ich war genau so vorbelastet. Ich musste Irland neu entdecken und Schottland für mich entdecken. Perlen gibt’s nämlich, auch wenn ­ klaro ­ es auch Schwächeres gibt. Inzwischen habe ich ein ganz anderes Verhältnis zu meinen kulturellen Wurzeln. Das ist ein Teil meines Lebens. In dem Sinne kann man sagen: ein Blocher blockiert nur, wenn man das zulässt.

„Blocher blockiert“ ist wunderbar! Vielleicht hast du damit einigen Lesern Mut gegeben, sich ihre Kultur und ihre Heimat Zurückzugewinnen. Donal, an dieser Stelle möchte ich mich auch ganz persönlich für wundervolle sechs Monate bedanken. Ich glaube, du hast Bern und den Lesern deiner Beiträge ein Fenster nach Schottland und neuer Ideen geöffnet. Bis bald, Donal, wir freuen uns…

Donal McLaughlin ist gebürtiger Nordirländer, lebt aber seit 34 Jahren in Schottland. Er ist als Autor, Übersetzer/Dolmetscher & Herausgeber tätig. McLaughlin ist seit Februar 2004 der erste Scottish Writing Fellow der Stadt Bern.

medien

BERN – Gesichter, Geschichten

Das Buch tut gut… und das obwohl man alles schon gesehen, gelesen und gehört hat. Insofern tritt es sich nicht auf die eigenen Füsse. Der Band, 180 Seiten im Umfang und mit gegen hundert Schwarzweissfotos, besticht aber doch mit der ausstrahlenden Ruhe und Ästhetik. Er lädt zum Verweilen, zum Betrachten, Entdecken und Lesen ein. Die meisten Gesichter kennt man, die meisten Ecken hat man bereits entdeckt, doch die wenigsten wohl in dieser Konstellation und Bandbreite. Politiker, Handwerker, Kneipengänger, Lebenskünstler, Kleingewerbler, kurz Menschen ohne die eine Stadt nicht existiert. Nationalrat Toni Brunner hat richtig erkannt: Bern ist ein Dorf. Und das ist eine Bereicherung, die es wohl in keiner anderen Hauptstadt der Welt gibt. Man kennt sich vom sehen, bei ihm kauft man den Käse, bei ihr die Wurst. Trotzdem kriegt man nicht das Gefühl der Bild – Textband sei eine himmelhochjauchzende Ouvertüre an Bern.

Die Meinungen was Bern ist und repräsentiert scheiden die Wasser und das kommt stark zum Ausdruck. Das ist gut so und macht das Buch glaubwürdig, eben erst lesenswert. Dafür Verantwortlich ist eine gute Auswahl an Lokaljournalisten, Bundeshausjournalisten und Autoren. Der Schriftsteller Lukas Hartmann entdeckt für den Leser die vergessenen Brunnen und Schächte der Stadt, Beat Sterchi, Guy Krneta, Pedro Lenz und Balts Nill von „Stiller Has“, porträtieren auf merkwürdig eigenwillige Art die Kunst des Berner Dialektes. Der freie Journalist Fredi Lerch beschreibt die Zaffarayaner, untermalt mit Fotos von Rudolf Steiner, die Illustrieren, dass die Gören von früher Frauen und Männer geworden sind die wir heute dringender denn je brauchen. „Bern ist eine Stadt mit menschlichen Dimensionen“, meint Nationalrat Franco Cavalli, für den Ständerat Bruno Frick ist klar, dass für seine Schwyzer Leute „Nichts was aus Bern kommt gut ist“. Doch wie sieht’s mit jenen aus die wirklich hier leben? Für Eva Zurburgen ist es die Broncos Loge, die sie als zweite Familie geniesst, für den Pensionär Giovanni Russo, dem sympathischen Neapolitaner sind seine Freunde und das Casa d’Italia die Heimat. Carlo Mühl, der unübertrefflich charmante Coiffeur mit dem unvergleichlichen Solon, meint: „ Meine Arbeit ist haarig und zornig.“ Eben auch Handfestlichkeiten gehören zum Buch: Der Abbau des urbernischen Sandsteines in Ostermundigen, das Menschen vom Wankdorf Stadion. Der 19 Kapitel umfassende und von 21 AutorInnen verfasste Bildband ist ein Buch das man seinen Freunden Schenkt, um sie endlich mal nach Bern zu locken und den Käse da kauft wo er ungeschlagen der Beste ist: Bei Dieter Heugel.

BERN – Gesichter, Geschichten.
Erschien am 25. November 2004 im gab-verlag.ch / Hardcover / Herausgeber: Daniel Gaberell / ISBN: 3-033-00113-0

medien

Medium Gerücht

Eines der spannendsten Sachbücher und unerlässlich zum Verstehen wie Gerüchte funktionieren. Dass Gerüchte nicht nur Altweibertratsch sind, sondern auch als Waffe in Kriegszuständen oder im Krieg auf dem Finanzmarkt eingesetzt werden kann, ist eine verbürgte Tatsache.
Das im Haupt Verlag erschienene Buch „Medium Gerücht – Studien zu Theorie und Praxis einer kollektiven Kommunikationsform“, erklärt aus verschieden theoretischen Perspektiven sehend die Begriffe, Formen und Strukturen des „Mediums Gerücht“ und stellt historische wie auch aktuelle Beispiele vor. Die einzelnen Studien behandeln in angenehm verständlicher Form wie Gerüchte entstehen, wie sie am Leben erhalten werden und wie sie funktionieren. Das Buch ist nicht nur für Journalisten und Infonauten ein Muss, sondern unbedingt auch für die News Empfänger. Denn Hand aufs Herz, die Selektion der täglich gelesenen und gehörten enormen Flut an Information wird zu einem immer Lebenswichtigeren Instrument, sich nicht wie ein blindes Huhn im Info-Dschungel zu verwirren. Der Sammelband befasst sich vor dem Hintergrund der Entwicklung neuer Kommunikationstechnologien und angesichts der damit verbundenen immer schnelleren Verbreitungsformen. Schlagwörter wie Mobbing, oder dramatische Einbrüche bei Aktienkursen aufgrund unbestätigter Negativmeldungen sind Beweise für die dramatischen Wirkungsmöglichkeiten des Gerüchts. Gerüchte können Erklärungsversuche für Unbegreifliche Sachverhalte und rätselhafte Vorgänge sein, willkommene Frohbotschaften, gar witziges, aber sie können auch Propaganda und psychologische Kriegsführung sein.
Die beiden Herausgeber Prof. Manfred Bruhn Uni Basel und Prof. Werner Wunderlich von der Uni St. Gallen haben mit den Beiträgen von verschieden Autoren einen unerlässlichen Sammelband zur Auseinandersetzung mit dem „Medium Gerücht“ auf aktuellstem Stand der Forschung zur Verfügung gestellt.

Medium Gerücht
Facetten der Medienkultur 5
459 Seiten / 5 Schaubilder, 11 Abb., 4 Tab.
Einband: kartoniert
1. Auflage 2004
ISBN: 3-258-06650-7

kultur

Félix Duméril auf dem Weg zum geheimen russischen Juwel

Félix Duméril, der ehemalige Ballettdirektor des Bern Ballett ist am 30. Dezember nach St.-Petersburg, Russland abgeflogen. In seinem Gepäck hat der Choreograph sein am Stadttheater Bern Uraufgeführtes Stück „Sismographes“ mitgenommen.


Felix Dumeril könnte unter guten Sternen stehen

Die mit besten Kritiken beglückwünschte Ballett Choreographie Dumérils könnte unter guten Sternen stehend in der russischen Metropole einstudiert und aufgeführt werden. Duméril verwendete für seine Choreographie die Streichersymphonie op. 118a und Fragmente aus dem Leben des Komponisten Dmitrij Schostakowitsch. St.-Petersburg war Schostakowitschs Heimatstadt. Nicht nur, St.-Petersburg ist auch Heimstadt des 1975 verstorbenen Choreographen Leonid Jakobson. Er, ebenso Opfer und tragische Figur der sowjetischen Macht wie Schostakowitsch, gilt als best gehütetes Geheimnis und Juwel des sowjetischen Balletts. Seine kreativen und experimentellen Choreographien wurden zensiert, Aufführungen unterbrochen und behindert. Félix Duméril wurde nun vom St.-Petersburg State Academic Ballet, an dem Jakobson engagiert war, eingeladen. Dort wird Duméril während knapp zweier Monate Master Unterricht erteilen und wenn möglich sein Stück „Sismographes“ einstudieren. Dann geht’s für Duméril weiter nach Perm, in die bis 1991 verbotene Stadt.ensuite– das Kulturmagazin bleibt dran.

Weiterführende Artikel:

medien

Uni Bern stellt neuen Massstab mit „Virtual Theater“

Bern. Im Theater sitzen und nichts sehen ist schrecklich. Dem setzt die Uni Bern ein Ende. Im Rahmen einer Diplomarbeit wurde in der Fachgruppe „Computergeometrie und Grafik“ des Instituts für angewandte Mathematik und Informatik unter der Leitung von Professor Hanspeter Bieri ein System entwickelt, welches eine dreidimensionale Ansicht von einem X-Beliebigen Sitzplatz auf die Bühne oder die Kino Leinwand erlaubt. Interaktiv können sich so Besucher vor der Ticketreservation den Platz aussuchen, der die besten Sichtverhältnisse bietet.
Vor allem in Theatern ist die Problematik altbekannt. Von den Rängen kann die Bühnensicht winkelbedingt beeinträchtigt sein, Säulen können sich unverhofft zu einem kulturellen Desaster entpuppen. Solche architektonischen Fallen bleiben einem unregelmässigen Besucher der Kulturtempel bei der Ticket Bestellung natürlich verborgen. Selbst auf einer zweidimensionalen Ansicht, etwa bei online Bestelldiensten oder in Plänen, sind die räumlichen Bedingungen schwer vorstellbar.
Mit der 3D- Visualisierung aus dem Haus der Berner Universität kann sich ein Besucher, ähnlich einem 3D Computerspiel, im Theater von Sitz zu Sitz bewegen, kann jederzeit bestimmen in welche Richtung er blicken will. Durch den Gebrauch der Computermaus soll in der Horizontalen eine Bewegungsfreiheit von 180° und in vertikaler Richtung 90° gewährleistet werden. Per Mausklick wird es möglich sein, von einem Sitz zum nächsten zu wechseln so, dass der beste Platz in der Preiskategorie garantiert werden kann. Ein wichtiger Aspekt in der Visualisierungssoftware ist die einfache Navigation innerhalb des 3D- Modells. Dadurch kann das Programm ausschliesslich mit der Maus bedient werden.
Eine nahezu Atemberaubende Grafik mit fotorealistischer Darstellung vermittelt dem Besucher die Sicht auf die Bühne aus der Ich- Perspektive und könnte in Zukunft dem Besucher eine äusserst befriedigende Lösung bieten. Der Platz mit den besten Sichtverhältnissen ist aber noch kein Garant, dass nicht die berüchtigte Dame mit toupierter Haarpracht vor einem sitzt.
Das Programm „Virtual Theater“ inklusive verschiedenen 3D- Modelle steht unter http://www.iam.unibe.ch/~aeberhar zum download frei zur Verfügung.

kultur

Ein Knall und der Himmel öffnet sich…

Er der eigenwillige, aus aristokratischer Familie stammende Graf Giacinto Scelsi (1905- 1988) war wohl Zeit seines Lebens nicht einzuordnen: Der Komponist, Mystiker, Verrückter, Sphärenwanderer, der mit tibetanischen Mönchen betende und mit den berühmtesten Malern, Dichtern und Musikern befreundete Scelsi bleibt biographisch unerfassbar. Konsequent widersetzte sich der Ligurer aus La Spezia den Klischees seines Berufsstandes. Er war gewiss keiner der sich groß um das Publikum zu kümmern brauchte, keiner, der sich anzubiedern gedachte. Der Graf war ein wohlhabender Querdenker. Seine eigene Person stellte Scelsi demonstrativ in den Hintergrund, um sich kompromisslos seinen musikalischen Abenteuern und Gedanken zu widmen. Hätte Scelsi diese Freiheit nicht gehabt, er wäre wohl durch den äußerlichen Druck oder die erzwungene Kastration seiner unerhörten Improvisationsgabe zerbrochen. Er war besessen – besessen vom Klang und den daraus entstehenden mikrotonalen Veränderungen, seinen physikalischen Interaktionen. „Denn…“ so Scelsi, „…in Wahrheit ist der Ton sphärisch!“ Oder ist die Musik des eigenwilligen Komponisten Giacinto Scelsi einfach nur wertlos, verdient sie eigentlich gar keiner Beachtung, wie einer seiner italienischen Kollegen nach Scelsis Tod 1988 meinte? Scelsi wäre deshalb wohl kaum erschüttert gewesen, denn er verstand sich nie als Komponist in diesem Sinne, sondern vielmehr als Übermittler. Er empfing seine Werke auf dem Weg der Improvisation. Ein Jahr vor seinem Tod erst, erlebte der Greis 1987 den triumphalen Erfolg seiner Orchesterwerke in Köln.

Zu Ehren seines einhundertsten Geburtstages am kommenden 10. Januar, spielt die basel sinfonietta am 11. Januar in der Dampfzentrale fast alle großen Orchesterwerke aus Scelsis reifer Schaffensperiode aus den 1960er Jahren. Eine seltene Hommage an den brisanten Grafen, wahrlich ein Geburtstagsgeschenk.

Auch Geburtstag, den fünfundzwanzigsten, feiert das zelebrierende Orchester, die basel sinfonietta. Aber, weit gefehlt, ohne Geburtstagsgeschenk: An der Basler Volksabstimmung vom 26. September 2004, strich die eiserne Sparfaust der Schweizerischen Volks Partei SVP Basel-Landschaft und ein grotesker Kantönligeist dem international renommierten Orchester die Subventionen. Mit wüster Polemik, die zum Teil im Reich dreister Geschmacklosigkeit gipfelte und einer wirtschaftlich erstaunlichen Kurzsichtigkeit, offenbarten sich die SVP Politiker, die ihrer Basler Kultur keine wohlwollende Beachtung schenkt. Das „Komitee gegen Luxus-Subventionen“ eliminiert vielleicht sogar ein Stück Schweizer Kultur, denn die basel sinfonietta ist ein Exportschlager und begeistert durch ihre Eigenart auch ein junges Publikum. Die Zukunft für das Orchester mit seinen 90 Musikern ist nun ungewiss. Die basel sinfonietta hätte vom Kanton Basel-Landschaft für die Jahre 2004 – 2006 jährlich einen Betrag in Höhe von CHF 650.000,- erhalten sollen, womit die mittelfristige Zukunft des 90-köpfigen Orchesters gesichert gewesen wäre. Diese ist nun, da der Subventionsvertrag mit dem Kanton Basel-Stadt Ende 2005 (jährlicher Beitrag CHF 305.000,-) auslaufen wird, aufs äußerste gefährdet und die Existenz des Orchesters ist nun, im 25-jährigen Jubiläum ernsthaft in Frage gestellt.

Doch die Musikerinnen und Musiker des Vereins basel sinfonietta stehen geschlossen für die Zukunft des Klangkörpers: Innovation, Programmwitz und das engagierte Musizieren sowie ein privatwirtschaftlicher Eigenfinanzierungsgrad von 2/3 des Budgets sind weltweit einmalig und kommen Basel und der ganzen Region zu Gute. Seit 25 Jahren bringt es die basel sinfonietta mit Bravour und oft in kürzester Zeit fertig, vielschichtige und begeisternde Projekte zusammenzustellen. Zur Aufführung gelangen bekannte aber auch unbekannte moderne und klassische Werke, die untereinander oder mit Musik aus den Bereichen Jazz, Performance oder Chorgesang gekonnt verbunden werden.

Dieser international renommierte Klangkörper ist in der Tat einmalig: Die Musiker, allesamt Profis, arbeiten mit Herzblut und höchster Qualität für das eigensinnige Orchester. Für unglaublich bescheidene Honorare, tief unter dem Schnitt jedes anderen Musikers in klassischen Orchestern, realisieren sie Projekte und Musikerlebnisse, die so in der Schweiz einzigartig sind. Geld müssen die Musiker in den Musikschulen verdienen.

Die Erfolge der Konzerte der letzten Jahre und die stetig steigenden Abonnentenzahlen lassen dem Orchester keine andere Wahl als weiterzumachen. Nur die Weiterführung des qualitativ hoch stehenden Programms sichert das Prestige und die Anerkennung und damit die Zukunft der basel sinfonietta. Im Zusammenhang mit der in den letzten Jahren vorangetriebenen Professionalisierung des Orchesters verfügt die sinfonietta, die 1980 als Alternative zum konventionellen Orchesterbetrieb aus der Taufe gehoben worden war, mittlerweile über einen vollamtlichen Geschäftsführer und zwei weitere Personen, die für die Öffentlichkeitsarbeit und die Konzertorganisation besorgt sind. Der Ausbau der Managementkapazitäten hat nicht nur zu höheren Kosten, sondern auch zu einer besseren Vermarktung des Ensembles und zu einer Verdreifachung der Sponsoring-Einnahmen geführt. Längst ist die basel sinfonietta weit über die Kantons- und Landesgrenze heraus berühmt geworden, bewirbt durch ihre Arbeit die beiden Halbkantone von Basel und bringt damit rückwirkende Gelder. Nicht nur dies, sie sichert den Jugendlichen eine profunde musikalische Ausbildung an den Musikschulen durch die MusikerInnen der basel sinfonietta – doch das überstieg wohl die Weitsicht des SVP dominierten Komitees.

Gut möglich, dass die basel sinfonietta bei anderen Kantonen, oder als schweizerische Eigenart gar beim Bund Asyl erhalten könnte. Verdient hätte es das Orchester zweifellos. Einblicke in die Bedeutsamkeit des Orchester und in die Schaffenswelt Scelsis, unter anderem mit seinem Stück Phat, dem jüngsten und kürzesten von Scelsis Orchesterwerken zeigen sie am 11. Januar in der Dampfzentrale. Der Himmel über Bern möge sich öffnen.

So unverbunden ist Bern der basel sinfonietta nicht, denn sie bringt ein Wiedersehen mit dem Berner Dirigenten und Komponisten Jürg Wyttenbach. Als Dirigent hat Wyttenbach über 100 Werke zeitgenössischer Komponistinnen und Komponisten, die meisten in Ur- oder Erstaufführungen mit den großen Orchestern Europas aufgeführt, unter anderem die Uraufführung von Scelsis Phat im Jahre 1986, zwei Jahre vor Scelsis Tod. Für die Einspielung des Gesamtwerkes von Giacinto Scelsi für Chor und Orchester erhielt Wyttenbach die Auszeichnung des „Grand Prix du Disque“ und der Preis der deutschen Schallplattenkritik. Er konzertierte u.a. mit der Dresdener Philharmonie und dem Sinfonieorchester Krakau. Auch die Solistin, Bettina Boller, ist Bernerin. Sie hat sich als eigenwillige und ausdrucksstarke Violinistin einen Namen gemacht und die Werke schweizerischer Komponisten zu internationaler Beachtung geführt. Bettina Boller, bekannt auch als Gastgeberin in der Kultursendung des Schweizer Fernsehens „Sternstunde Religion, Philosophie und Kunst“, spielte als Solistin an der Carnegie Hall in New York, konzertierte die meisten europäischen Länder und brillierte als Solistin in preisgekrönten Musikvisualisierungen. Unterstützt wird die basel sinfonietta durch die Chöre des Gymnasiums Neufeld Bern und des Gymnasiums Liestal.

Die basel sinfonietta sind Musiker, die mit Herzblut die Geschichte großer Meister weitertragen. Ganz im Sinne des mystic Scelsi, der sich zeitlebens den berauschenden Erfolgen und dem Ruhm verschloss, sich aber der Musik öffnete und sich ins Innerste, in das Herz des Klanges drängte: „Wissen sie, ich liebe die Verrückten. Geben sie sich ein bißchen Mühe!“ Bern wäre stolz auf ein Orchester wie die basel sinfonietta und gewiss, die basel sinfonietta sind Verrückte.

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Verichip geht ins All.

Verichip hat die Partnerschaft mit Orbcomm bekannt gegeben. Durch die Zusammenarbeit mit dem Satelliten Betreiber Orbcomm wird nun wohl die GPS Tauglichkeit des reiskorngrossen implantierbaren RFID Chips in Angriff genommen. die amerikanische Firma Orbcomm garantiert durch 35 Microstar low earth orbit (LEO) Satelliten in Umlaufbahnen auf 775 km Höhe die weltweit flächendeckende Verfügbarkeit der Daten. Pegasus Raketen, welche von Flugzeugen aus gestartet werden, befördern gleichzeitig 8 Orbcomm Satelliten in die Umlaufbahnen. die Partnerschaft wird Anwendungen im militärischen, sowie im sicherheits- und im gesundheits- bereich anbieten. dadurch können medizinische Daten von Verichip implantierten Patienten, aber auch die Lokalität von Verichip implantierten Personen garantiert werden.

OHB“>Fuchs Gruppe, sowie eine Gruppe von Finanz -Investoren. Orbcomm wird in Europa durch die Fuchs Gruppe in Bremen vertreten.

Weiterführende Artikel:

kriminalitaet

Journalist Gary Webb durch Kopfschussverletzung gestorben

Stephan Fuchs – Der 49 jährige amerikanische Journalist und Pulitzer Preis Gewinner Gary Webb wurde am Freitagmorgen in seiner Wohnung in Sacramento Tot aufgefunden. Zügelmänner entdeckten an seiner Haustüre einen Zettel mit dem Hinweis: Nicht eintreten. Rufen sie die Notfallzentrale und bestellen sie einen Krankenwagen. Offensichtlich erlag er einer Schussverletzung am Kopf. Die Behörden gehen von einem Selbstmord aus.


Rufen sie die Notfallzentrale und bestellen sie einen Krankenwagen.

Gary Webb erhielt 1990 mit seinem Team der San Jose Mercury News den Pulitzer Preis für die Reportage des Erdbebens in Loma Prieta. Webb erlangte weltweit Beachtung mit seiner publizierten Serie über die Verbindungen Nicaraguanischer Drogenhändler, die in den 80er Jahren tonnenweise Crack Kokain aus Kolumbien nach Los Angeles geschmuggelt haben sollen. Die Artikel erschienen 1996 ebenfalls im San Jose Mercury. Brisant an seiner Geschichte war, dass der Drogenerlös in Millionenhöhe an die von der CIA unterstützten, rechtsgerichteten Contras in Nicaragua ging, um sie im Kampf gegen die Sandinistische Regierung zu unterstützen. Die USA, die einen von Nicaragua ausgehenden Domino-Effekt befürchteten, unterstützten die Contras und die Opposition in Nicaragua mit großen Geldzuwendungen und logistischer, sowie militärischer Beratung. Im „Iran-Contra-Skandal“ wurde schliesslich deutlich, dass die CIA an der eigenen Regierung vorbei auch illegal Hilfe leistete.

Die Enthüllungsserie ging nicht von einer aktiven mithilfe der CIA an diesem monströsen Drogendeal aus, unterstellte der Agency allerdings deren Billigung. Drei Monate nach Veröffentlichung kam das Polizei Departement von Los Angeles offensichtlich nach intensiven Untersuchungen zum Schluss, dass keine Verbindungen zwischen CIA und Drogen Dealern nachgewiesen werden könne. Zeitungen wie die Los Angeles Times, die New York Times und die Washington Post schrieben vernichtende Artikel und diskreditierten Webbs Recherchen. Laut Gary Webbs Bericht wurden Millionen aus dem Drogenerlös an die Contras geschickt. Durch den Deal sei eine Drogen Epidemie in South – Central Los Angeles und anderen amerikanischen Grossstädten ausgelöst worden, die CIA habe dabei beide Augen zugedrückt. Die Los Angeles Times widersprach dem, in dem sie ihrerseits behauptete sie habe in San Francisco und Los Angeles hunderte von Interviews geführt und zahllose Gerichtsurkunden gesichtet.

Dem Druck vermochte die Mercury News nicht standzuhalten. Jerry Ceppos, Chefredaktor der Zeitung distanzierte sich in einer Erklärung, dass die Komplexität unterschätzt und die Mechanismen der Crack Epidemie einseitig vereinfacht dargestellt worden sei. Gary Webb wurde in ein Vorstadt Büro versetzt. „Das ist eine Schikane. Es ist nicht das erste mal, das ein Journalist der CIA Verbrechen aufdeckt seinen Job verliert.“ Im Dezember 1997 hat Webb aus Frustration gekündigt.

„Alles was er wollte ist schreiben, er hat sich nie von dem Rückschlag erholen“ meint seine Ex-Frau Susan Bell, die sich beide als Highschool Schüler in Indiana kennen gelernt haben. Trotz der vernichtenden Kritik hat Webb seine Recherchen und seinen Bericht verteidigt und veröffentlichte 1999 das 548 Seiten starke Buch “Dark Alliance: The CIA, the Contras, and the Crack Cocaine Explosion.”
Gary Webb hinterlässt zwei Söhne und eine Tochter.

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Die große Welt der kleinen Chips

In Chicago fand zwischen dem 15. und 17. September die erste Konferenz zur „Vernetzung aller Dinge“ statt. Gastgeberin war das Auto ID Center, ein Konsortium von führenden Firmen und dem Massachusetts Institute of Technologie getragen. Das Konsortium will die Vernetzung sämtlicher Dinge des alltäglichen Lebens. Vom Müsli zur Rasierklinge, mittels „Radio Frequency Identification“ Chip RFID. Folge davon sind Massenentlassungen, aber auch eine latente Gefahr des Missbrauchs.

Im Wal-Mart, dem Einkaufszentrum von Kimberton, einem kleinen Nest unweit von Philadelphia, hat die Zukunft bereits als Pilotprojekt begonnen. Rund zwanzig Kassenstationen mit zumeist farbigen Kassiererinnen und zu jedem Check Out die dazugehörende Einpackerin, kämpfen sich Stunde um Stunde durch die riesigen Mengen an Lebensmitteln, die von Kunden auf ihre Fliessbänder gelegt werden. 24 Stunden und 365 Tage ist Wal-Mart geöffnet. Alleine an den Kassen bietet Wal-Mart wohl an die 60 Jobs. Schlecht bezahlt und wer nicht lächelt fliegt, aber immerhin ist da ein Brotverdienst für Leute die keine Aussicht auf bessere Arbeit haben oder neben der Ausbildung jobben. Auf der einen Seite des Centers, weckt eine zügig voranschreitende Kolonne meine Aufmerksamkeit. Tatsächlich gehen da die Kunden mit ihren überdimensionierten Einkaufswagen durch das Tor der Zukunft. Auf einem Schild steht da: „To make shopping friendlier and easier for our customers“.

RFID heißt das Zauberwort. Der Einkaufskorb wird, dank der kontaktlosen Radiofrequenz Technik automatisch gescannt, beim einführen der Kreditkarte wird der Kassenzettel ausgedruckt und fertig. Kein mühsames ausladen und auftürmen auf dem Fliessband, kein erzwungenes Lächeln, kein Smalltalk mehr. Für die Kassiererinnen wird es sich über kurz oder lang ausgelächelt haben. Millionen von Jobs werden der Vergangenheit angehören. Alternative? Wohl keine.

Wal-Mart in den Staaten und Tesco in England, sind Einkaufsketten der Superlative und Mitglieder des Auto ID Centers[1] die für das Konsortium Feldversuche mit den Chips machen; auch im Bereich Überwachung. Davon ausgehend, dass tagtäglich Ware gestohlen und veruntreut wird, ist der Kunde nicht mehr König, sondern potentieller Dieb und zwar solange, bis der Chip die Meldung an den Zentralcomputer des Geschäftes „Gegenstand vom Kunden bezahlt“ weiterleitet. Als Beispiel dient Gillette.[2]

Männer wissen es, eine Packung mit vier MACH3 Klingen für die tägliche Rasur ist unglaublich teuer. In England und den USA fast ein doppelter Stundenlohn, in der Schweiz mehr als ein Kioskverkäufer in der Stunde verdient. Nimmt der Kunde innerhalb 34 Sekunden drei oder mehr solcher MACH3 Packungen vom Regal, geht unverzüglich eine Meldung an den Computer das hier etwas unerhörtes geschieht und der Kunde mit 70%er Wahrscheinlichkeit ein Dieb ist. Automatisch zoomt die nächstgelegene Kamera auf den Kunden. Der Kunde geht nun zielstrebig zwischen den Regalen Richtung Ausgang, passiert weitere RFID lesende Schranken, die wiederum eine Meldung machen. Die Chance ein Dieb zu sein erhöht sich auf 75%. Bevor sie die Kassen passiert haben werden – die Chance eines Diebstahls ist nun auf 85% gestiegen – wird der Computer bereits einen Wachmann avisiert haben, der weiß wie sie aussehen und darauf wartet ob sie die Klingen ordnungsgemäß bezahlen oder nicht.[3] In einem Zukunftsladen in Rheinberg – einem Gemeinschaftsprojekt von Metro, SAP und Intel, das Ende April startete – kommen die smarten Regale erstmals auch in Deutschland zum Einsatz und kommunizieren dort mit Rasierklingen, Shampoo und Frischkäse.

Soho in Lower Manhatten N.Y. Der lauschige Altstadtteil der Millionenweltstadt hat den Ruf der extravaganten jungen Designermode, das neuste und frechste im Trend. Einer der Läden, wartet mit einem speziellen Gag der RFID Technologie auf. Sobald ein Kleid in die Garderobe mitgenommen wird, präsentiert der Fernseher in der Garderobe das Designerstück von verschiedenen Models vorgeführt, zeigt die dazupassende Unterwäsche oder Krawatte. RFID macht’s möglich.

Irgendwo im Hintergrund, vom Kunden nicht einsehbar, werden Daten ausgetauscht. Was der Kunde in die Hand nimmt, ob der Kunde ein potenzieller Dieb ist was er anprobiert und anschließend kauft. Mittels einer Datenbank ließen sich alle diese Informationen zu detaillierten Kundenprofilen verdichten. Vorstellbar ist, dass dies zu Szenarien führt wie sie der Zukunftsforscher Kevin Kelly für den Film „Minority Report“ entworfen hat: Dort wird Protagonist Tom Cruise bei einem Gang durchs Shopping Center ständig mit Werbebotschaften beballert, die auf seine Konsumgewohnheiten zugeschnitten sind. Technisch durchaus möglich. Was für Tom Cruise nach 145 Minuten zu ende ist, beginnt für die Bürger, nicht nur in den Industrienationen, gerade erst Realität zu werden.

Die Transponder sind schon längst im Alltag integriert. Seit in Europa eine elektronische Wegfahrsperre Pflicht ist, stecken in den meisten Neuwagen Chips in den Autoschlüsseln und funken ein Echtheitszertifikat ans Zündschloss. Sie leisten ihren Dienst in Millionen berührungsloser Chip-Karten mit denen die Bürger Londons, Sao Paulos, Bombays, Pekings, des Ruhrgebiets und früher oder später auch auf den SBB Strecken, den öffentlichen Verkehr nutzen.[4] Die meisten Einwohner Hongkongs besitzen eine kontaktlose Karte für Transport und Einkauf, in Moskau dient ein ähnliches System zusätzlich als Gesundheitskarte, in Beijing wird damit bei den Parteitagen überwacht, ob die 30’000 Mitglieder nicht schummeln. Sie stecken in Handys, in Uhren, an Brieftauben, Skipässen und im Fleisch der Familie Jacobs aus Florida, die RFID lesbare Chips mit ihren medizinischen Daten von Verichip implantieren ließ.[5]

RFID ist, laut Auto ID Center, die neue industrielle Revolution, die den mittlerweile gut akzeptierten aber „dummen“ Barcode ablösen wird. Ein „Internet aller Dinge“ soll es werden frohlockt Kevin Ashton, exekutiv Direktor des im Massachusetts Institute of Technologie MIT in Cambridge Boston integrierten Auto ID Centers. Das Center versteht sich als globales Forschungshirn mit der Mission jedes Etwas das irgendwo, irgendwann, gefertigt, verschifft, verladen, verkauft und gekauft wird, automatisch identifizieren kann. Das Center arbeitet weltweit mit sechs führenden Universitäten zusammen. Unter anderem mit dem am 8. April 2003 neu gegründeten M-Lab an der Universität St. Gallen in Zusammenarbeit mit der ETH Zürich.[6] Zu den 90 Sponsoren der Denkfabrik gehört Kellogg’s und Kodak, Metro und Wal-Mart, Coca-Cola und Pepsi, Gillette und Nestlé, Intel, SAP und IBM. Die illustre Runde hat dem Center den Auftrag erteilt, mit Hilfe der Funk-Chips „an der Vernetzung von einfach allem“ zu arbeiten. Seine Mitarbeiter nehmen das wörtlich: „Mit 54 Bit können Sie jedes Reiskorn durchnummerieren, das auf der Welt produziert wird“, rechnet einer vor, „mit 138 Bit jedes Molekül auf der Oberfläche des Planeten.“ Eine Art individueller Funk-Barcode für einfach alles wäre so gesehen kein Problem. Selbst dümmste Chip-Karten haben heute einige Tausend Bits an Bord und eine große Anzahl an High-tech Firmen experimentiert mit den verschiedensten Spielereien der RFID Technik.

Die kontaktlose Datenübertragung durch RFID Technologie ist ein einfaches Konzept mit enormen Auswirkungen. Mit Hilfe eines Transponders, eines Mikrochips mit Antenne, der auf einer Dose Cola, einer Hose oder einer Fahrzeugachse platziert wird, ist ein Computer plötzlich imstande diese Gegenstände zu „sehen“. Platziert man nun auf jeder Dose Cola, in jeder Hose und auf jeder Fahrzeugachse einen solchen Transponder weiß man zu jeder Zeit, wo sich was und wie viel befindet. Keine Warenbestandesaufnahme mehr, keine verlorenen oder fehlgeleiteten Versandposten, kein raten darüber, wie viel Material innerhalb einer Lieferkette im Umlauf ist oder die Regale des Geschäfts füllt. Das Auto ID Center betreibt den Bau, die Überprüfung und den Einsatz einer globalen Infrastruktur – einer weiteren Schicht oberhalb des Internets -, die es ermöglichen wird, dass Computer überall auf der Welt in Sekundenschnelle identifizieren können. Die Vision ist einfach: Eine Welt, in der jeder produzierte Gegenstand durch preiswerte RFID Transponder gekennzeichnet werden kann und sich sein Aufenthaltsort mit Hilfe eines einzigen globalen Netzwerks über Unternehmens- und Ländergrenzen hinweg bestimmen lässt. Das Herzstück des neuen Netzwerks ist der elektronische Produktcode EPC. Wie ein Barcode verwendet der 96-Bit-EPC eine Kette von Ziffern, um den Hersteller und die Produktkategorie eines Artikels zu identifizieren. Der EPC fügt jedoch eine dritte Ziffernfolge hinzu- eine Seriennummer, die jeden einzelnen Artikel bezeichnet. Diese Nummer stellt die einzige auf dem Mikrochip des RFID Transponders gespeicherte Information dar. Der EPC kann jedoch mit enormen Mengen von Daten innerhalb einer Datenbank verknüpft werden. Wo und wann der entsprechende Artikel hergestellt wurde, sein Verfallsdatum, wohin der Versand erfolgen soll usw. Die Daten lassen sich in Echtzeit aktualisieren, während der Artikel verlagert oder weiterverarbeitet wird.

Das Auto ID Center hat, um das schlechte Image der Technologie zu verbessern, extra eine der führenden Public Relation Firmen angeheuert. Fleishman & Hillard, zu deren Kunden die größten der Pharmaindustrie und das Department of Defense zählen, kam zum Schluss, dass die Technologie für den Bürger ein rotes Tuch darstellt. So erwartet der Bürger vor allem von den Firmen offensichtlich keine Rücksichtsnahme was die Privatsphäre betrifft. Im Weiteren machen die Fleishman Experten Vorschläge, wie man das lästige Problem beseitigen kann: „Die RFID Opposition gilt es zu neutralisieren.“ Dazu sollten der Öffentlichkeit in steter Regelmäßigkeit Anwendungsbeispiele präsentiert werden, denn „keine Nachrichten sind schlechte Nachrichten“. Es müsse gezeigt werden, wie RFID Behinderten, alten Menschen oder Kranken helfe – bedenken tragende Datenschützer sollen dadurch ins Abseits manövriert werden. Ein weiterer Baustein der Fleishman Truppe ist gezielte Desinformation.[7] RFID soll dem Bürger als Barcode II verkauft werden, oder gar als Green Tag, um dadurch das Umweltbewusstsein der Bürger zu aktivieren, was in der Regel funktioniert.

Die deutsche Firma Flexchip, eine jener Technologiefirmen die dem Auto ID Centers angeschlossen ist, hat die positiv Image Werbung wohl richtig verstanden: Big Brother, Staffel II. Im Originalwortlaut der Münchner Firma heißt es da:

„Webcams im Wohn- und Gartenbereich zeigen, was im Big-Brother-Haus abgeht. Doch diesmal gibt es für Voyeure einen besonderen Service. Über den so genannten Locator lässt sich jederzeit nachvollziehen, wo sich die zwölf neuen Kandidaten gerade aufhalten. Vorbei sind die Zeiten, wo Fans hofften, Sabrina unter der Dusche zu sehen und die Webcam dann doch nur eine leere Nasszelle präsentierte.
Die Webseite zu Big Brother zeigt ab sofort nicht nur den Grundriss des Hauses mit den Webcam-Positionen. Im Locator, einem separaten Fenster, das einen verkleinerten Grundriss des Big-Brother-Hauses abbildet, sind die Kandidaten als farbige Lichtpunkte zu sehen. Eine Namensliste unter dem Locator erschließt, welche Person sich hinter welchem Farbpunkt verbirgt. Die Daten werden alle 15 Sekunden aktualisiert, so dass Fans die Bewegungen der Container-Bewohner fast in Echtzeit verfolgen können. Wer auf diese Weise seinen Lieblings-Kandidaten aufgespürt hat, klickt jetzt im großen Grundriss des Big-Brother-Hauses die Webcam an, die diesen Bewohner gerade im Bild hat.“[8]

Ähnlich aber weniger spielerisch geht es in der Realität amerikanischer Gefängnisse zu und her. Die beiden großen Firmen Wackenhut Corporation und Correction Corporation of America, welche private Gefängnisse betreuen und leiten, schwören auf RFID Technologie um Sträflinge zu überwachen. Diese Technik wird von Alanco Technologies angeboten.[9] Laut Firmenschrift, funktioniert das System bei „markierten“ Personen folgendermaßen:

– Bestimmung des Aufenthaltsortes aller markierten Personen im 15 Sekunden Takt.
– Zählung aller Markierten im Sekundentakt und Auslösung des Alarms wenn jemand fehlt.
– Auslösung des Alarms, wenn die Markierung abgenommen oder manipuliert wird.
– Auslösung des Alarms wenn ein Insasse eine verbotene Zone betritt.
– Identifizierung und Nachverfolgung von Individuen, die sich während einer Alarmauslösung in der Nähe befunden haben.
– Lokalisierung von Individuen auf Anfrage.
– Identifizierung von Insassen, die Versuchen sich im Essensraum zweimal zu bedienen.
– Identifizierung von Insassen beim Einkauf im Anstaltsshop.

Die Firma ist Inhaberin der US Patentnummer 5.218.344 mit dem Titel „Methode und System zur Überwachung eingegrenzter Individuen“ und ist Lizenzträger bei Motorola Inc. für die „Technologie zur Lokalisierung mittels Raiofrequenzen, mit exklusivem Recht auf dem Gebiet des Strafvollzuges“. Dazu kommt ein Lizenz Patent von BI Inc., das bei einer mutwilligen Entfernung, Manipulation oder gar der Zerstörung des Chips einen Alarm aussendet.

Checkpoint Erez, zwischen dem Gazastreifen und Israel.
Die israelische Firma OTI On Track Innovations Inc.[10] installiert hier das Basel Grenzprojekt. Das Projekt, das vom Israelischen Verteidigungsministerium und der Israelischen Polizei unterstützt wird, ist das erste Grenzkontrollsystem der Welt, das sowohl biometrische Hand- als auch Gesichtsmerkmale in Verbindung mit der kontaktlosen Chiptechnologie zur Identifikation einsetzt. Die Basel Lösung gewährleistet höchste Sicherheitsstandards und kann in verschiedenen Formen, auch als Aufkleber, eingesetzt werden um beispielsweise vorhandene Reisedokument wie Pässe oder Visa zu ergänzen. Die für diese Technologie anwendbaren Applikationen können ausgedehnt werden auf Zutrittskontrollsysteme, auf nationale ID-Karten-Programme sowie auf Ausweise, die mit der SmartID-Lösung zur Identifikation nach biometrischen Merkmalen auf kontaktloser Basis ausgestattet sind. Nach der vollständigen Installation wird das System die Ein- und Ausreise von täglich etwa 120.000 Arbeitern überwachen, wobei eine absolut sichere und außerordentlich schnelle Abfertigung ermöglicht wird. 1993 erhielt OTI ein US-Patent für „System und Methode der kontaktlosen Übertragung von Daten“ und damit eine Schlüsselstellung.

Beijing, China.
Auch im Milliarde Menschen zählenden Land wird OTI’s Hilfe gebraucht. Bis ins Jahr 2006 sollen hier sämtliche, zurzeit noch auf Papier gedruckte Ausweise digitalisiert und als SmartCard neu herausgegeben werden. Ein Markt von sage und schreibe 1,26 Milliarden Menschen und die Verdoppelung sämtlicher sich zurzeit im Umlauf befindenden SmartCards. Der Glücksschrei kam nicht nur von OTI sondern auch vom französischen Rüstungsunternehmen Thales SA. Die beiden Firmen sind auserkoren den riesigen Markt zu befrieden. Im Juni 2001 gründete Thales SA ein Tochterunternehmen mit dem amerikanischen Rüstungsgiganten Raytheon namens ThalesRaytheonSystems TRS. Das Konsortium fertigte das Air Command Systems International (ACSI) für die NATO und das Luftverteidigungssystem FLORAKO für die Schweiz. Raytheon seinerseits, gilt als eine der dunkelsten Rüstungsbuden der Welt. RaytheonMicroelectronics Espana, zum Beispiel ist der Produzent des implantierbaren Chips DigitalAngel von Applied Digital Solutions Inc.

RFID Technologie wurde ursprünglich für militärische Bedürfnisse entwickelt. Bereits im zweiten Weltkrieg vermochten die alliierten ihre heimkehrenden Kampfflugzeuge von Freund und Feind zu unterscheiden und RFID ist noch immer in der Hand des militärisch industriellen Komplexes. Wer hat schlussendlich die Kontrolle über diese Daten? Wer garantiert dem Bürger dass FLORAKO in einem Kriegsfall nicht von „außen“ übernommen werden kann? Wer garantiert, dass RFID Chips und die Daten in international vernetzten Computern in Verwaltung und Polizei nicht einem orwellschen Diktat unterworfen werden?

Dieser Artikel erschien zum ersten mal im FACTUM Magazin

[1] http://www.autoidcenter.org/
[2] http://www.boycottgillette.com/letters.html
[3] http://www.autoidcenter.org/media/fmi_2002.pdf
[4] http://www.aimglobal.org/technologies/rfid/casestudy/Swissrailway.htm
[5] http://www.wired.com/news/privacy/0,1848,50187,00.html
[6] http://www.m-lab.ch/press/PressRelease01.html
[7] http://www.privacydigest.com/2003/08/08
[8] http://www.flexchip.de/deutsch/News/Frame/newframbigbr.html
[9] http://www.tsilink.com
[10] http://www.oti.co.il