zeitgeschichte

Martin Luther Kings Vermächtnis erstickt unter den freundlichen Worten

Norman Solomon – Wenige Stunden nach Coretta Scott Kings Tod hielt Präsident Bush seine State of the Union Address (Rede zum Zustand der Nation). Er begann, indem er Coretta Scott King als eine „geliebte, elegante und mutige Frau“ pries, „die Amerika wieder an seine Gründerideale gemahnt und einen noblen Traum weitergeführt hat“. Weil es sich so gehört, erwähnte Bush zum Schluss seiner Rede ehrerbietig den Namen ihres Ehemannes, Martin Luther King Jr., der den Märtyrertod starb.


Preiset Martin Luther King, unseren geliebten Bürgerrechtsführer, aber tut so, als hätte es die letzten Jahre seines Lebens nicht gegeben

Präsident Bush ist einer von vielen Politikern, die leidenschaftlich gegen so ziemlich alles sind, wofür Dr. King gekämpft hat – während sie gleichzeitig seinen Namen in süßlichen Worten preisen. Wäre es so falsch, öffentlich zu den fundamentalen Diskrepanzen zu stehen? Nein. Stattdessen aber geben Bush und seine Verbündeten Platitüden zum Besten und tun so, als habe Kings Arbeit mit seinem Kampf gegen die Rassentrennung geendet.

Mit dem Tod der King-Witwe wird dieser Prozess des Honig-ums-Maul-Schmierens noch einfacher: Preiset Martin Luther King, unseren geliebten Bürgerrechtsführer, aber tut so, als hätte es die letzten Jahre seines Lebens nicht gegeben – den Kampf für wirtschaftliche Gerechtigkeit und für Frieden. Ignoriert einfach, wie vehement King gegen unsere heutigen Haushaltsprioritäten und den Militarismus sein würde.

In seiner Ansprache zum Zustand der Nation bemühte sich Bush, wie ein glühender Bewunderer Martin Luther Kings dazustehen. Aber schon tags darauf verabschiedete dieselbe Kammer, vor der Bush seine Rede gehalten hatte, einige üble Haushaltskürzungen – die Bush-Administration hatte die Maßnahmen durchgedrückt. Vorgesehen sind Streichungen in Höhe von $39 Milliarden in den nächsten fünf Jahren – meist zu Lasten von Studentenkrediten und Medicaid für Arme.

Vor fast 38 Jahren wurde Dr. King in Memphis getötet, während er den Marsch der Armen (Poor People’s Campaign) anführte. Dieser Marsch forderte eine Bill of Rights der ökonomischen Rechte. Dem Kongress hatte King damals „Feindseligkeit gegenüber den Armen“ vorgeworfen. Die Bundesregierung, so King, betreibe „die Finanzierung des Militärs großzügig und mit Eifer“, die „Finanzierung der Armen“ jedoch „voller Geiz“.

Die heutige Generation knauseriger Politiker kaschiert mit geschmeidigen rhetorischen Formeln, dass sie einerseits Kings Vermächtnis preist, während sie andererseits diesem Vermächtnis den Dolchstoß versetzt.

Diese Doppelzüngigkeit wird durch die Medien vereinfacht. Der Grundzug medialer Berichterstattung läuft auf das automatische Recyceln jener verstümmelten Version der Geschichte von Martin Luther King hinaus, wie sie jene Politiker promoten, die in Washington das Sagen haben. Zumindest vage dürfte diesen Politikertypen jenes Schlüsselaxiom geläufig sein, das George Orwell so formuliert hat: „Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft. Wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit“.

Ihr interessiert euch nicht für die Forderungen nach progressiver Veränderung der ökonomischen Machtstrukturen im Land? Okay, dann zitiert aber auch nicht Martin Luther Kings Satz: „Wahres Mitgefühl bedeutet mehr, als einem Bettler eine Münze zuwerfen. Es bedeutet, jene Form, die Bettler erzeugt, muss umstrukturiert werden“.

Ihr wollt nicht wahrhaben, was King über den globalen Klassenkampf sagte? Okay, dann belasst es bei seiner Rede „I have a dream“ (1963) und macht einen Bogen um seine späteren Statements wie, „die westlichen Kapitalisten investieren große Geldsummen in Asien, Afrika und Südamerika – nur um des Profites willen, sie haben kein Interesse an der Verbesserung der sozialen Lage dieser Länder“.

Ihr wollt King in eine Schublade stecken, auf der steht, ‚er war ein Gegner des Jim-Crow-(Stereotyps) aber nicht viel mehr‘? In diesem Fall ignoriert seine leidenschaftliche Opposition zum Vietnamkrieg und seine generelle Verurteilung dessen, was King als „Wahnsinn des Militarismus“ bezeichnet hat.

Es liegt nicht in Präsident Bushs taktischem Interesse, die Schlüsselfragen der Haltung Kings in dessen letzten Lebensjahren zu kritisieren. Unterstützt durch die Medien – die ängstlich bemüht sind, Kings politische Entwicklung glatt zu bügeln -, können Bush und dessen rechte Gesinnungsgenossen sich als Bewunderer von Martin Luther King gerieren, während sie gleichzeitig bei jeder Gelegenheit das geistige Erbe Kings entweihen.

Nach Coretta Scott Kings Tod sagte der Präsident des Rechtshilfe- und Bildungsfonds des NAACP, Theodore Shaw: „Ich befürchte, die Leute könnten ihren Tod als Chance sehen, die Anliegen, für die sie, ihr Mann und andere gestanden haben, weiter zu antiquieren“. Shaw fügt hinzu: „Jeder, der denkt, die Arbeit sei getan, ist entweder schrecklich dumm oder verschließt bewusst die Augen“.

In welcher Form sich seine ignorante Verblendung, seine bewusste Vermeidungsstrategie auch jeweils äußern mögen, Präsident Bush ist der Anführer jener Kräfte, die dafür kämpfen, Kings Vermächtnis – Aktivismus, soziale Gerechtigkeit, Frieden – rückgängig zu machen. Traurigerweise sind die News Medien nach wie vor Teil dieses retrograden politischen Prozesses: ‚Whitewashing‘ statt ‚informing‘ lautet die Devise.

Dieser Artikel erschien in der deutschen Übersetzung von Andrea Noll erstmalig bei Zmag.de


Norman Solomons aktuelles Buch ‚War Made Easy: How Presidents and Pundits Keep Spinning Us to Death‘

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Das Gift der PET-Flaschen

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Harald Haack – PET-Flaschen wurden Verbrauchern von der Industrie als gesundheitlich unbedenklich untergejubelt. Als Vorteile gelten immer noch die Bruchsicherheit und das leichte Gewicht. Doch ein Nachteil überwiegt gravierend, und was Skeptiker schon seit längerem ahnten, konnten Umweltgeochemiker von der Universität Heidelberg nun beweisen.


PET-Flasche: Giftiger als ihr Ruf

Normalerweise untersuchen sie Torf-, Eis- und Schneeproben, in denen sich Staub aus der Atmosphäre abgelagert hat. Dass sie nun den Beweis dafür liefern können, dass Antimon, das ähnlich giftig ist wie Arsen, aus dem Kunststoff Polyethylenterephthalat von PET-Flaschen an den flüssigen Inhalt abgegeben wird, ist mehr als ein beiläufiges Ergebnis. Bei ihren Messungen fanden sie Antimonspuren in Mineralwasser. Um ganz sicher zu gehen, füllten die Wissenschafter reines Wasser, von dem sie den Antomon-Wert kannten, in handelsübliche PET-Flaschen. Die natürliche Konzentration von Antimon in dem aus einer kanadischen Quelle beträgt 2 Nanogramm pro Liter; nach einem halben Jahr Lagerung in PET-Flaschen hatte sich die Konzentration um den Faktor 250 auf etwa 0,5 Mikrogramm Antimon pro Liter erhöht. Auch aus einer kommerziell genutzten Quelle in Deutschland entnahmen die Wissenschafter Proben. Dieses Wasser enthält natürlicherweise rund 4 Nanogramm Antimon pro Liter. Kauft man es aber im Supermarkt in PET- Flaschen, weist es fast die 100fache Menge auf, nach einer dreimonatigen Lagerung sogar die 200 fache. Untersucht wurden bislang noch keine PET-Flaschen, die Fruchtsäfte, Limonaden und andere säurehaltigen Getränke enthalten. Die Heidelberger Wissenschaftler wiesen darauf hin, dass solche Getränke vermutlich noch mehr Antimon aus dem Polyethylenterephthalat herauslösen als Wasser. Und es ist so gesehen möglich, dass alkoholische Getränke wie Bier oder besonders Alcopops extrem ungeeignet sind für den Vertrieb in PET-Flaschen.

Bei der PET-Herstellung dient Antimontrioxid als Katalysator. Es wird dabei teilweise in den Kunststoff eingebunden. Pro Kilogramm PET enthalten einige hundert Milligramm Antimon. Der Kunststoff setzt das Gift nach und nach frei.

So dürfte der Wert, der von den Heidelberger Wissenschaftlern jetzt gemessen wurde, und der mit einem Mikrogramm pro Liter Wasser und dem Grenzwert der EU-Trinkwasserverordnung 5 Mikrogramm pro Liter lag, irrelevant sein und sollte nicht dazu dienen, die Gefahr herunter zu spielen. Besonders Verbraucher sollten nicht auf die Idee kommen und selbst hergestellte Limonaden in PET-Flaschen aufbewahren, schon gar nicht über längere Zeit darin lagern.

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Konflikt strenggläubiger Christen mit Bush

Harald Haack – Von den Liberalen werden sie gefürchtet: Die christlichen Konservativen der USA. Ihre Kampagnen waren stets heftig. Nun trampeln sie auf ihren Präsidenten, George W. Bush, herum – bislang aber nur verbal. Der erntete in der Klimadebatte von ihnen, seinen bisher treuesten Verbündeten, reichlich Kritik. Zum Schutz der Umwelt verlangten 85 deren Führer neue Gesetze.


Wird es dunkel um George W. Bush?


Dicke Luft im Capitol?

Aber nicht erst jetzt haben Teile dieser religiösen Rechte den Klimaschutz als Thema entdeckt und Kampagnen wie „What Would Jesus Drive?“ („Was würde Jesus fahren?“) gestartet. Nachdem die Folgen des Hurricans „Katrina“ die Spritpreise nach oben klettern ließen, haben die Strenggläubigen plötzlich weiche Knie gekriegt. Ihr „Umweltgewissen“ regt sich, was man aber auch als Umschreibung für die Unlust verstehen kann, mit einem Mal mehr Geld fürs Auto fahren auszugeben.

Mit „Gottes Hilfe“…
Ließen viele Amerikaner ihr Auto in der Garage stehen und stellten fest, dass die Luft um sie herum dadurch im Nu sauberer geworden war? Ihr Statement, als ganzseitige Anzeige frech in der eher liberalen „New York Times“ publiziert, schiebt den Umweltschutz in seiner Relevanz auf eine Stufe mit dem Verbot von Abtreibungen und Homosexuellen-Ehen. Mit „Gottes Hilfe“ glauben sie ihre Probleme lösen zu können und wollen die globale Erwärmung stoppen – mal eben so und ganz schnell, als sei es dafür noch nicht zu spät – „für unsere Kinder, unsere Welt und unseren Herrn“. Doch wer ist dieser „Herr“, den sie mit „Gottes Hilfe“ beglücken wollen? Bush ganz bestimmt nicht. Denn der ist für die Strenggläubigen nun ein erkennbar „auslaufendes Modell“.

Ihre Kritik und Forderungen, darunter Gesetze zur Reduzierung der Kohlendioxid-Emissionen, richten sich zweifelsfrei offen gegen die Politik des Weißen Hauses. Ihr Glaube habe sie zu diesem Schritt bewegt, da die Folgen des Klimawandels besonders die Armen der Welt bedrohten, betonen die Unterzeichner in der ganzseitigen Anzeige; was fast wie Heuchelei klingt, wenn man daran denkt, wie schnell steigende Erdölpreise aus reichen Amerikanern arme machen könnten. Und welcher der wirtschaftlich gut situierten Unterzeichner möchte seinen Reichtum aufgeben? Aber die Angst ist jetzt da und sie nagt an der Seele.

Duane Litfin, Präsident des Wheaton College in Illinois sagte über das bisherige Schweigen der religiösen Rechten in Sachen Klimaschutz.: „Wir von der evangelikalischen Bewegung haben uns erlaubt, einen toten Winkel zu haben.“ Und Paul de Vries, Präsident der New York Divinity School, ergänzte: „So wie wir die Welt behandeln, behandeln wir Jesus, denn er hält den Kosmos zusammen.“

…ABC-Alarm
US-Präsident Bush hatte während seiner bisherigen Amtszeit etliche von seinem Vorgänger Clinton erlassene Gesetze zur Reinhaltung der Luft aufheben lassen. Dazu zählten auch Gesetze zum Schutz der Bevölkerung vor Lösemitteldünsten, wie sie zum Beispiel von Bohnerwachsen, die in öffentlichen Gebäuden verwendet werden, ausströmen.

Weil sich ein bislang Unbekannter vermutlich in der Menge des von ihm favorisierten After Shaves vergriffen habe, so ein Sprecher vom FBI, soll am Abend von Mittwoch, dem 8. Februar 2006, ein Detektor in einem zum Senat gehörenden Bürogebäude nahe des Kapitols in Washington Spuren von Nervengift festgestellt haben, woraufhin sich das Alarmsystem einschaltete. Der ABC-Alarm sorgte dafür, dass mehrere Senatoren und rund 200 Verwaltungsangestellte nahezu drei Stunden in einer Tiefgarage ausharren mussten, bis die Polizei Entwarnung geben konnte. Rettungsteams und ABC-Waffen-Experten in Schutzkleidung bestimmten während des Einsatzes das Bild vor dem Gebäude, das über einen unterirdischen Tunnel mit dem Kapitol verbunden ist. Wie dramatisch es drinnen zuging, darüber schweigen die Betroffenen. Ob es einen Zusammenhang mit dem Statement der religiösen Rechte gibt, ist noch nicht geklärt; denkbar aber wäre es. Die in After Shaves enthaltenen Parfüme sind Lösemittel, die dafür bekannt sind Nervenschäden zu verursachen. Sie entsprechen der chemischen Signatur von Nervengiften, auf die elektronische Detektoren reagieren müssen.

Krieg

Tote bei Protesten in Afghanistan gegen Karikaturen

Kabul – Ungeachtet der Aufrufe zur Zurückhaltung haben sich die Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen erneut in Gewalt entladen. In Afghanistan starben bis zu vier Demonstranten.

Randalierer in der südafghanischen Stadt Kalat hatten versucht, die Polizeizentrale zu stürmen, worauf die Polizei schoss. Die Zahl der Toten bei den seit fünf Tagen anhaltenden Protesten im Land erhöhte sich damit auf elf. Das Oberste Gericht und der Ulema-Rat der Islamgelehrten riefen zur Ruhe auf.

Im Westjordanland griffen Palästinenser das Hauptquartier der internationalen Beobachtertruppe in Hebron (TIPH) mit Steinen an und zerstörten auch Autos. Wie ein Sprecher mitteilte, wurden alle 74 TIPH-Beobachter nach Tel Aviv gebracht. Die Beobachter stammen aus Norwegen, Schweden, Dänemark, Italien, der Schweiz und der Türkei.

Auch in Irans Hauptstadt Teheran gab es wieder Ausschreitungen. Demonstranten bewarfen die britische Botschaft mit Steinen. Und vor der dänischen Botschaft gab es den dritten Tag in Folge heftige Proteste.

UNO, EU und die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) – ein Zusammenschluss von 57 moslemischen Staaten – riefen die Muslime zur Ruhe auf.

Auch König Abdullah von Jordanien und US-Präsident Bush riefen zu einem Ende der Gewalt auf. Proteste, die zu Todesopfern und Zerstörung führten, seien nicht akzeptabel.

US-Aussenministerin Condoleezza Rice hat Iran und Syrien vorgeworfen, den Zorn von Moslems über die in europäischen Zeitungen veröffentlichten Mohammed-Karikaturen absichtlich zu schüren.

„Iran und Syrien haben sich grosse Mühe gegeben, die Stimmung aufzuheizen und für ihre eigenen Zwecke zu missbrauchen“, sagte Rice am Rande ihres Gesprächs mit der israelischen Aussenministerin Zippi Liwni in Washington.

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Dänische Muslime entlarvt

Harald Haack – Der Kopenhagener Imam Ahmed Akkari hat jetzt allen Grund seinen Kopf einzuziehen und zwar ganz weit. Zusammen mit Imam Abu Laban führte er jene Delegation an, die kürzlich die Reise in einige arabische Staaten machte, um den Hass auf Muslime in Dänemark zu belegen. Laban hatte sich schon dahingehend geäußert, dass nicht alle Karikaturen aufs Konto der dänischen Tageszeitung Jylland Posten gingen. Die schlimmeren Bilder seien von dänischen Muslimen geliefert worden und er hatte sie in Ägypten als Schmähung Mohammeds angeprangert. Man habe sie dort für die Karikaturen der „Jylland Posten“ gehalten. Daraufhin war es zu den blindwütigen Ausschreitungen ins islamischen Ländern gekommen. Von der Meute angezündet brannten mehrere Botschaftsgebäude, in der Türkei wurde ein katholischer Priester erschossen, mehrere Wütende starben in Afghanistan im Kugelhagel der Polizei.

Nun will die dänische Boulevard-Zeitung „Ekstra Bladet“ die Beweise für das falsche Spiel der Imame gefunden haben. Darunter eine Karikatur, die Imam Ahmed Akkari von dänischen Muslimen erhalten haben will und die ausschlaggebend war, um Muslime der arabischen Länder aufzustacheln.

Unklar bleibt jedoch, ob Unbekannte dieses Bild in verhöhnender Absicht den dänischen Muslimen zugesandt hatten und ob folglich jene Muslime nun, möglicherweise unberechtigt, der Vorwurf der Fälschung oder Beweisunterschiebung anlastet.

Immerhin lässt sich deren impulsives, dummes Handeln nicht mehr bestreiten, denn das Bild, ein Foto, entstammte dem jährlichen Wettbewerb im Schweinequieken in Trie-sur-Baise – fotografiert von einem Agenturfotografen der AP.


Der französische Hobbykomiker Jacques Marrot im AP-Foto. Ein Vollbart macht keinen Propheten.

Die dänischen Muslime waren es denn auch, die den Grimasse schneidenden und mit aufgesetzter Schweinenase und dazu passenden Ohren maskierten französischen Automechaniker und Hobbykomiker Jacques Marrot mit dem Propheten in Verbindung brachten. Sie hatten das harmlose Foto einer Jux-Meisterschaft des französischen Ortes in der Region Pyrenäen, in der es ganz einfach nur um Schweine und Schweinequieken ging, missbraucht.

Die Macht der Bilder beherrscht nicht nur mehr unser Alltagsleben. Bislang galten die Puritaner, eine christliche Sekte der USA, als extrem bilderfeindlich. Dass nun auch Muslime bilderfeindliches Verhalten zeigen, entspricht sicherlich nicht der bilderreichen Sprache des Korans und dürfte, wenn man den dämpfenden Worten afghanischer Imame folgt, im übertragenen Sinne als „Eigentor“ der Muslime gewertet werden können. Alle wortreichen Gefechte aufgebrachter und selbsternannter Sprecher des Islam wirken damit nur noch kindisch und grundlos kriegslüstern.

Drohungen nicht-islamischer Staaten wären demnach extrem dumm und die Erbsenzählereien des Psychoanalytikers Horst-Eberhard Richter (82), der davor warnt, die islamische Welt im Karikatur-Streit weiter zu provozieren und zu demütigen, als überflüssig und senil, wenn Muslime nicht weiterhin blind den berüchtigten dänischen Imamen folgen anstatt den ihnen seit Jahrhunderten heiligen Worten des Propheten. Hatte der nicht von seinen Söhnen besonders Besonnenheit verlangt?

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Das vergessene Foto der Freundin

Harald Haack – Der unentwickelte Fotoabzug lag in der Bibel. Vor 30 Jahren hatte ich das Bildchen in das alte Buch gelegt.

Zwei Jahre zuvor hatte ich meine Freundin fotografiert. Sie brauchte Bewerbungsbilder. Ich schoss mit meiner Zenit-80, einem russischen Hasselblad-Nachbau, eine Serie von 12 Fotos. Mehr gingen auf einen 6×6-cm-Rollfilm nicht drauf. Eines der Fotos, fachmännisch auf gutem Fotopapier vergrößert und sauber entwickelt, fixiert, lange mit leider eisenhaltigem Brunnenwasser gewässert und getrocknet, hatte Erfolg. Meine Freundin kriegte damit den Job, für den sie sich beworben hatte.

Etwas anderes als dieses eisenhaltige Brunnenwasser, das in Waschbecken und Badewanne ständig hässliche rostbraune Flecken hinterließ, gab es in jener Zeit in der „Durchgangswohnung“ in der Bredenbekstraße in Hamburg-Ohlstedt nicht. Jedes Haus hatte dort seinen eigenen Brunnen und seine eigene Sickergrube für die Fäkalien. Die von mir für eine Monatsmiete von 450 D-Mark gemietete Wohnung erstreckte sich über zwei Etagen. Ganz unten, mit nicht zulässiger, niedriger Deckenhöhe, gab es ein ganz kleines Zimmer, ein Badezimmer mit uralter Badewanne und eine Küche mit Steingut-Spüle, schrottigem, alten Küchenschrank und eine Art Speisekammer. Der Fußboden wies an einer Stelle eine Aufwölbung auf, wie sie Kriminalisten häufig in Häusern vorfinden, wenn Leichen unter dem Estrich verscharrt wurden. Der cholerische Vermieter bestritt jedoch dort eine Leiche zu haben. Das Haus sei immerhin in der baustoffearmen Zeit der Zwanziger Jahre errichtet worden. Wenn man versuchte Löcher in die Wände zu bohren, um zum Beispiel ein Regal zu installieren, dann rieselte einem der Sand nur so entgegen und man glaubte es ihm. Und er nannte es „Durchgangswohnung“, weil ganz oben unter dem Dach eine Diakonisse hauste. Die musste zwangsläufig den selben Wohnungsflur benutzen, um in ihre beiden Zimmerchen zu gelangen.

Meine Filme entwickelte ich gelegentlich im Badezimmer. Das Fenster war nur eine schmale Luke und ließ sich problemlos abdunkeln. Aber die Frau des Vermieters stellte mir immer gerade dann, wenn ich das Wasser zur Wässerung der Filme dringend brauchte, die Wasserversorgung ab. Es nervte sie, dass die Pumpe, die nebenan im Keller des Haupthauses unter ihrer Küche anlief, dröhnte. Dort Filme zu entwickeln, wurde also zu einem Wagnis. So war ich froh, dass ich bald das Fotolabor eines Freundes, das sich im „wilden“ Schanzenviertel befand, nutzen durfte.

Nachdem ich dort für die Fotozeitschrift „Color-Foto“ des Verlages Laterna Magica mit „Colorvir“, das waren Chemikalien zum nachträglichen Einfärben von Fotoabzügen auf Kunststoffbasis, experimentiert hatte, kam ich eines Tages auf die Idee, eine andere Möglichkeit auszuprobieren. Ich wollte, wie ich das schon mittels der „Colorvir“-Chemikalien getan hatte, unter Verzicht der Entwicklerchemikalien aus Schwarzweiß-Fotos „farbige“ Fotos machen. Die Bilder sollten absolut trocken entstehen und die von mir verwendeten Materialien der Schwarzweiß-Fotografie angehören.

Ich erinnerte mich, wie meine Großmutter, von der ich die Bibel geerbt hatte, als Fotolaborantin meines Urgroßvaters dessen Negative zusammen mit Fotopapier in einen Rahmen gesteckt und stundenlang dem Licht ausgesetzt hatte. Mit den damals gebräuchlichen Papieren – ich glaube, das waren die ersten Chorsilberpapiere – war das möglich und es entstanden auf diese Weise die Abzüge; daher auch die Bezeichnung „Abzug“. Aber diese Papiere gab es längst nicht mehr. Die Welt war auf Bromsilberpapier umgestiegen. Die waren wesentlich lichtempfindlicher, brauchten allerdings auch Chemikalien, um aus dem latenten Bild ein sichtbares zu machen.

Doch auch Bromsilberpapiere verfärbten sich bei Lichteinwirkung. Häufig wurden sie rosa. Dies brachte mich auf die Idee.

Und so legte ich ein Negativ aus der Fotoserie, auf der meine Freundin zu sehen war, auf ein Blatt Fotopapier und setze es nicht nur stundenlang, sondern tagelang dem Tageslicht aus. Das was ich mir erhofft hatte, funktionierte tatsächlich: Das positive Abbild des Negativs wurde durch die extrem lange Belichtung nahezu lichtbeständig. Jedenfalls verblasste es nicht sofort. Doch wenn man es ohne Negativ weiterhin belichtete, dann verfärbten sich auch die Stellen, die weniger Licht erhalten hatten. Das dauerte allerdings länger als bei einem frischen, unbelichteten Blatt Brompapier.

Ich schilderte dem damaligen Chefredakteur von „Color-Foto“ von meinem Experiment. Doch der hielt mein Vorhaben, mittels Schwarzweiß-Fotomaterials ohne Einsatz von Chemikalien „Farbbilder“ herzustellen, für Spinnerei und brach den Kontakt zu mir ab.

In jener Zeit hatte noch niemand es für möglich gehalten, dass es die auf lichtempfindliche Chemie-Materialien basierende Fotografie, die viele gesundheitsgefährdende Stoffe benötigte, zum Sterben verdammt war. Heute, wo wir digital fotografieren, umschreiben wir die alten fotografischen Verfahren mit dem Begriff „analog“.


Nach 30 Jahren in einer Bibel wiederentdeckt: Das Bild im unbearbeiteten Zustand. Fotoabzug ohne Entwicklerchemikalien.


Das fotografische Mädchenbildnis nun digitalisiert und im Tonwertumfang bearbeitet – im Stil zwischen Pop und Nostalgie der Siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts.


Weitere Version nach umfangreicher digitaler Bearbeitung. Die Risse in der Gelatineschicht des Bromsilberpapieres treten deutlicher hervor.

Ich hatte den kleinen Abzug mit dem Bild meiner Freundin, die inzwischen meine Ehefrau ist, in die Bibel gelegt. Nicht aus religiösen Gründen, sondern weil es mir nach meinem Kirchenaustritt als sicherster Ort für dieses Bild erschien. Wer sollte denn bitteschön in diesem angeblichen „Buch der Bücher“ blättern und das Bildchen erneut dem Licht aussetzen? Irgendwann später, so ahnte ich, gäbe es eine Möglichkeit das Bild vollends zu fixieren und sogar um es zu vergrößern. Das Bild überdauerte die Zeit, und ich hatte es schon längst vergessen. Nur meine Recherchen brachten mich dazu, die Bibel durchzublättern…

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Skandal? Keiner regt sich über Bibel-Karikaturen auf

Harald Haack – Nancy Schwartzman, eine der Gründerinnen des New Yorker Magazins hipper Juden „Heep“, behauptet, es habe sich noch keiner über die sexistischen Bibel-Karikaturen aufgeregt, die in einem einen zwölfseitigen Comic zu sehen sind. Junge, „urbane, säkulare Juden“. Die jüdische Heep-Redaktion macht sich angeblich über selbst lustig, spielt mit Stereotypen, will ihren Spaß haben und die anderen provozieren. Laut SPIEGEL ist Nancy Schwartzman nicht nur die typische „Heeb“-Macherin, sondern auch eine typische „Heeb“-Leserin. Sie freut sich natürlich über die lustigen Schmuddelbilder, aber vermutet, dass niemand außerhalb der Redaktion, trotz der Verbreitung von mehr als 25.000 Hefte, „Heeb #9, October 2005“ liest. Wozu wurde das Heft aber dann gekauft? Vom Vatikan, um es der Öffentlichkeit vorzuenthalten oder um es nicht in die Finger der sexentwöhnten Priester gelangen zu lassen?


Heep-Karikatur über die Bibelstelle, Samuel, 2. Kapitel, 11,2: „Und es begab sich, *dass David um den Abend aufstund von seinem Lager, und ging auf dem Dach des Königshauses, und sah vom Dach ein Weib sich waschen; und das Weib war sehr schöner Gestalt.“ * Matth.5,28,29.

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„Duck and Cover“ auf dänisch

Harald Haack – Es wurde keine Atombombe gezündet. Aber die Dänen gehen in Deckung. Duck and Cover, ohne es jemals geübt zu haben: Seit Beginn der blindwütigen islamischen Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen müssen dänische Urlauber, Kaufleute, Soldaten und Entwicklungshelfer ihrer nationalen Herkunft auf jede nur erdenkliche Weise tarnen. Alle derzeit im Ausland tätigen dänischen Uno-Beobachter haben vom dänischen Verteidigungsminister Søren Gade die offizielle Aufforderung erhalten haben, die rotweiße „Dannebrog“ von ihren Uniformen zu entfernen. Auch für dänische Helfer bei Erdbebenopfern in Pakistan gilt dies. Schiffe aus Dänemark müssen bei Fahrten in internationalen Gewässern sowie beim Anlaufen von Häfen in islamischen Ländern ihre nationale Flagge einholen, wie der Reedereiverband in Kopenhagen mitteilte. Freiwillig versuchen die in islamischen Ländern lebende Dänen, ihre Kleidung und ihr sprachliches Verhalten den Ländern anzupassen, um ihre nationale Herkunft zu kaschieren. Dazu zählt auch Verschleierung.

Stets galt die rot-weiße „Dannebrog“ weltweit als eine Empfehlung, waren die Dänen freundlich, selbstironisch und tolerant. Nun sind sie bedrückt und machen im Ausland lieber ein Geheimnis aus ihrer Herkunft. Die Angst vor Übergriffen reist mit. Deshalb haben die meisten dänischen Reiseveranstalter wegen der Reisewarnung ihrer Regierung alle Reisen nach Ägypten, Tunesien und Marokko abgesagt. Rund 2500 dänische Touristen sind wahrscheinlich davon betroffen und müssen zu Hause bleiben, wie ein Sprecher des Verbandes der dänischen Reiseveranstalter sagte. Besonders Ägypten zählt zu den beliebtesten Winterreisezielen der Dänen. Es sei sogar mit bis zu 15.000 Reiseabsagen zu rechnen, wenn die Maßnahme bis Ende März verlängert wird.


Wegen der Mohammed-Karikaturen: Für Dänen gilt jetzt „Duck and Cover“. Illustration © 2006 faceworks.de

Am Montag, den 6. Februar 2006, hatte das dänische Außenministerium seine Reisewarnung auf 16 islamische Länder erweitert. Seit dem versucht die dänische Regierung mit Muslimen ins Gespräch zu kommen. Ministerpräsident Rasmussen, dem Muslime vorwerfen, er habe ihre Gesprächs-Bemühungen gröblich missachtet, rief Muslime jetzt weltweit zum Dialog auf.

zeitgeschichte

Rückblick: Eine Welt wütender Fanatiker

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Harald Haack – Was waren das noch für Zeiten, als Leonardo da Vinci die Texte zu den Skizzen seiner Erfindungen in Spiegelschrift verfassen musste, um nicht auf einem Scheiterhaufen der religiösen Fanatiker zu enden. Alles vergangen und vergessen?

Sonntag, dem 5. Februar 2006, gegen 15.30 Uhr Ortszeit: Der katholische Priester Andrea Santoro hatte noch die Sonntagsmesse zelebriert. Dann traf ihn direkt vor seiner Kirche in der türkischen Hafenstadt Trabzon eine Kugel tödlich. Der 60jährige wurde Opfer des Anschlages eines mutmaßlichen jugendlichen muslimischen Fanatikers. War es wirklich Mord oder Totschlag aus religiösen Gründen? Hatte sich der Jugendliche, wenn er denn der Täter war, von dem dänischen Imam Abu Laban aufhetzen lassen?

Unterschobene, falsche Beweise?

Laban war zuvor mit schlimmen, schwarzweißen Schmähzeichnungen, die er von seinen Anhängern erhalten hatte, und den vergleichsweise harmloseren, bunten Mohammed-Karikaturen der dänischen Tageszeitung Jylland Posten nach Ägypten gereist. Dort hatte er mit den untergeschobenen Zeichnungen die muslimischen Massen nicht nur gegen Dänemark, sondern auch gegen Deutschland, Norwegen und andere Länder Europas aufgebracht. Waren ihm die Karikaturen der Jlylland Posten nicht schlimm genug gewesen?


Predigt er Hass? Imam Abu Laban
Abu Laban wird inzwischen von anderen muslimischen Geistlichen heftig kritisiert, und im westlichen wie auch im orientalischen Presse-Mainstream wird immer noch über die dänischen Karikaturen der Jylland Posten geschrieben und gehetzt. Obwohl einige Imame sich tatkräftig mühten, die Menge der rasenden religiösen Fanatiker zu stoppen, wie Fernsehbilder zeigten, scheint der religiöse Flächenbrand, den Laban eigenhändig angezündet hatte, aus Sicht einiger christlich-methodistischer Amerikaner ohne ganz große Explosion nicht mehr löschbar.
Während ein großer Teil der Welt nach wie vor Frieden fordert, in einem anderen Teil religiöse Fanatiker Botschaftsgebäude anzünden und Christen ermorden, fordern die amerikanischen Methodisten, denen auch George W. Bush angehört, seit langem das flächendeckende Bombardement mit Atombomben, um die hitzigen Söhne Mohammeds für die nächsten Jahrhunderte zu stoppen und zum Schweigen zu bringen. Kann dies die Lösung für den Nahen Osten sein? Ist das Gebot der Christen „Du sollst nicht töten“ wieder einmal mehr hinfällig geworden? Soll sich die Geschichte wiederholen?

Religionskriege in Europa
Religiöse Fanatiker gibt es nicht erst jetzt unter den Muslimen. Glaubenskriege um die Mitte des 16. Jahrhunderts wurden in Europa vordergründig aus religiösen Motiven geführt – unter Christen. Doch tatsächlich waren es nahezu ausnahmslos von adligen Herrschern und geldgierige Dritte inszenierte Kriege, bei denen die Wut der Massen mittels eines Glaubens, den man Bauern und Leibeigene aufgeschwatzt und diktiert hatte, ausnutzt wurde. Immer ging es um mehr Macht und vor allem um mehr Reichtum. Die Herrschenden und Reichen glaubten nur daran und nicht wirklich an einen Gott. Wenn sie an einen Gott glaubten, dann nur an den, den sie mittels historischer Vorlagen geschaffen und in die Köpfe des Volkes gepflanzt hatten.

Als Religionskriege wurden in Europa die Konfessionskriege des 16./17. Jahrhunderts bekannt, und davon besonders die Hugenottenkriege.


Fanatische Massen – Paris im August1572…


…und Beirut im Februar 2006

Lebensgefahr für Andersdenkende
Frankreich hatte in der Mitte des 16. Jahrhunderts noch als unverbesserlicher Hort des katholischen Glaubens gegolten. Einige adlige und bürgerliche Gebildete fühlten sich zwar von den Denkanstößen der protestantischen Lehre aus Deutschland und der Schweiz angesprochen, doch blieben diese Sympathisanten des evangelischen Glaubens zumeist im Verborgenen. Wagten sie sich hervor, so riskierten sie ihr Leben. Unerbittlich ging das französische Königtum gegen alle Regungen konfessioneller Abweichler vor. Hell ließ der König die Scheiterhaufen lodern, allen „Ketzern“ zur Warnung, war er doch aufgrund eines 1516 mit dem Papst geschlossenen Konkordates praktisch Herr über die Kirche in seinem Land und hatte die „Lizenz zum Töten“ – morden wie „Gott in Frankreich“.

Wenn Andersdenkende die Kirche als Institution in Frage stellten, so griffen sie damit zugleich die Macht der Krone an, die sich natürlich mit allen Mitteln wehrte.

Calvins neues Bekenntnis
Viele Menschen, die sich als aufgeklärt empfanden, flohen damals aus Frankreich vor dem Flammentod. Unter ihnen auch Johannes Calvin, damals noch Student, nachdem er den Gedanken Luthers zugestimmt hatte. In seinem Genfer Exil wurde er zum führenden Theologen der Reformation, der dem Protestantismus eine klare Lehre und eine wirkungsvolle Organisation aufprägte. Die Klarheit des Denkens Calvins animierte immer mehr Menschen dazu der alten Kirche die „Muskeln eines anderen Denkens“ zu zeigen. Der Glaube aber basierte auf Christus – in beiden Lagern.


Der alten Kirche die „Muskeln eines neuen Denkens“ zeigen: Johannes Calvin

Wohlhabende Stadtbürger wandten sich der Lehre Calvins zu. Besonders der Adel, stets in Opposition zum Königtum, und die reformierten Gemeinden nahmen untereinander Verbindung auf und organisierten sich. Das neue Bekenntnis breitete sich in den 1550er-Jahren rasch in Frankreich aus. Im engen geistigen Bezug auf den Reformator in Genf traten sie zu Kreissynoden zusammen, die wiederum die Provinzsynoden beschickten. Derart mit Bedacht organisiert, wurden sie stark. Im Verlauf weniger Jahre hatte die alte Kirche eine starke Rivalin erhalten, und eine unerwartete Schwäche der Monarchie kam hinzu.

Religiöser Eifer und traditionelles Machtstreben
Die Calvinisten hatten zwar gewisse Erfolge erzielen können, doch aus der Vergangenheit wollten sie offenbar nichts lernen. Nachdem König Heinrich II., der als Protestantenverfolger in die Geschichte einging, 1959 bei einem Turnier ums Leben kam, und auch sein ältester Sohn und Thronnachfolger, König Franz II. unter seltsamen Umständen ein Jahr später starb, wurde der Thron frei für ein Kind: Dem erst zehnjährigen König Karl IX. Die Calvinisten und ihre geheimen Agenten hatten damit ein erstes Ziel erreicht. Aber noch vier Jahrzehnte sollte um den Thron gerungen werden.

Sie hatten sich ein hohes Ziel gesetzt, und Rache spielte sicherlich eine entscheidende Rolle dabei mit. Sie wollten ganz Frankreich ihrem Glauben, dem „wahren Glauben“ unterwerfen und für das „Königreich Gottes“ gewinnen. Dies hätte zweifellos die Vernichtung der katholischen Kirche bedeutet. Mächtige Adelsfamilien wie das Haus Bourbon, das sich der Krone stets widersetzt hatte, standen an der Spitze der Calvinisten. So verbanden sich wieder einmal mehr religiöser Eifer und traditionelles Machtstreben.

Aber die Machtverhältnisse waren nicht gerade günstig für die Calvinisten. Etwa einer Millionen Reformierter standen über 20 Millionen altgläubiger Franzosen und damit Katholiken gegenüber. In deren Augen gefährdeten die Calvinisten als Minderheit die Ruhe Frankreichs. Sie wurden zu Unruhestiftern erklärt und als „Hugenotten“ beschimpft. Diese Bezeichnung war wohl eine Abwandlung von „Eidgenossen“ (eygenôts). Ihr Bekenntnis stammte schließlich aus Helvetia, dem Schweizer Ausland.

Ambitionierte Adelsfraktion auch bei den Katholiken
Die Katholiken rauften sich ebenso wie die Protestanten zusammen. An ihrer Spitze setzte sich eine reiche Adelsfraktion. Das Haus Guise, eine Nebenlinie des Hauses Lothringen, übernahm die Führung. Weitere Mitspielerin auf dem Schachbrett Frankreichs: Katharina von Medici, die Witwe Heinrichs II. und Mutter König Karls IX.

Katharina wollte ihrem schwachen Sohn die Macht erhalten. Hierzu musste sie beide Adelsparteien mittels Intrigen austricksen. Im Januar 1562 erließ sie ein Toleranzedikt scheinbar zugunsten der Hugenotten, die sich nun kurz vor dem endgültigen Griff nach der Macht wähnten. Die katholischen Guise aber wollten diesen vermeintlichen Sieg der protestantischen Gegenpartei nicht akzeptieren. Sie inszenierten einen Staatsstreich und brachten den Hof in ihre Gewalt. Der junge König musste das Edikt widerrufen. Aber damit nicht genug: Die katholischen Fanatiker massakrierten die hugenottischen Bewohner von Wassy in der Champagne. Fortan herrschte ein grausamer Bürgerkrieg zwischen den beiden konfessionellen Lagern. Je frommer die Gläubigen, desto grausamer schlugen sie um sich. Wehrlose wurde niedergemetzelt, es gab Raub und Plünderung. Frankreich wurde beherrscht von Anarchie, weite Landstriche waren in den Händen von Dieben und Mördern.

Kein Zeichen unserer Zeit: Heuchlerische Friedensabkommen

Zwischenzeitlich gab es Pausen im Gemetzel, im Morden und Rauben. Man nannte sie „Waffenstillstände“. Beide Parteien nutzten die Zeit und erholten sich. Es gab sogar heuchlerische Friedensabkommen, die nur demselben Zweck dienten. Danach schlugen sie wieder los.

Auf beiden Seiten kostete der Adel die Scharmützel aus und stellte selbst die Reiter. Söldner wurden in Hessen, der Pfalz und in Helvetia angeworben und als Fußvolk eingesetzt. Sie wurden von der französischen Bevölkerung besonders wegen ihrer Habsucht und Grausamkeit gefürchtet. Dem Adel ging es aber auch um die Kriegsehre, kämpfte deshalb vorne mit und schonte sich nicht. Die Gesichter von Herzog Franz von Guise und seinem Sohn Heinrich wurden von Wunden entstellt. Man nannte sie „Balafré“ – Narbige. In den Gefechten fielen viele Adlige. Viele wurden aber erst gefangen genommen und dann, nach tagelanger Folter, erschlagen, wie 1569 der hugenottische Anführer Prinz Condé.

Auswärtige Mächte finanzierten die Armeen beider Konfessionsparteien. Rückhalt genossen die Katholiken durch den spanischen König und den Papst, während sich die Hugenotten der Unterstützung protestantischer Herrscher wie der Königin von England und des Kurfürsten von der Pfalz erfreuten.

Katharina von Medici ergriff im Sommer 1570 begierig die Chance und ließ am 8. August 1570 den Frieden von Saint-Germain verkünden. Der garantierte den reformierten Hugenotten die freie Ausübung ihrer Religion.

Doch auch dieser Friede war nur Heuchelei. Die Reformierten nutzten ihn nur zur Rückgewinnung ihrer alten Stärke. Admiral Gaspard de Coligny, ein verschlagener hugenottische Anführer und seit den Zeiten Heinrichs II. mit den Zuständen am Hof vertraut, wollte den Frieden zur calvinistischen Machtübernahme nutzen. Nach Paris zurückgekehrt sicherte er sich geschickt die Zuneigung des psychisch kranken und politisch schwachen Königs. Der nannte den Admiral bald „mon père“ – mein Vater.

Die Bindung ihres Sohnes an Admiral Coligny akzeptierte Katharina zunächst, weil sie sich damit die Versöhnung beider Lager erhoffte. Aus gleichem Grund hatte sie auch die Heirat zwischen dem protestantischen König von Navarra, dem achtzehnjährigen Heinrich III. aus dem Haus Bourbon, und ihrer eigenen gleichaltrigen Tochter Margot eingefädelt. Die künftigen Eheleute waren sich einander aber vollkommen gleichgültig.

Zur Hochzeit im August 1572 reisten etliche tausend Vertreter beider Konfessionen an. Mit dem Bourbonen kamen die wichtigsten Häupter der Hugenotten. Doch erst nach der Trauung erkannte die Brautmutter Katharina mit Schrecken, wie weit der verschlagene Admiral Colignys sein Ziel, die vollkommene Machtübernahme, inzwischen verwirklicht hatte.

Vor seinen Glaubensgenossen spielte er den Maulhelden. Er lästerte über Spanien und wollte den französischen König und das Land zum Krieg gegen die Spanier veranlassen. Damit wollte er den entscheidenden Schlag gegen die katholische Vormacht im Süden ausführen und ganz Frankreich zum Calvinismus zwingen.

Katharina von Medici bangte um ihren eigenen Einfluss auf den königlichen Sohn und fürchtete die Militärmacht Spaniens. Sie wollte den verhassten Admiral Coligny umbringen lassen, aber der Anschlag misslang. Zwar traf die Kugel ihres Auftragsmörders den Admiral, jedoch nicht tödlich. Daraufhin scharten sich die Hugenotten um ihren verwundeten Anführer. Der Pöbel war wieder einmal loslassen. Es kam zu Ausschreitungen. Der französische Hof fürchtete um seine Sicherheit.

Die Pariser Bluthochzeit
Der Tag vor dem Bartholomäustag, der 24. August, endete schwül. In der Nacht aber brach ein Gewitter los, mit dem niemand gerechnet hatte. Es regnet nicht, es floss Blut. Diese Nacht wurde als „Pariser Bluthochzeit“ bekannt. Sie gilt bis heute als Inbegriff des unmenschlichen, mordenden religiösen Fanatismus: Ihrem irrsinnigen Sohn, dem König von Frankreich, hatte Katharina von Medici einen folgenschweren Entschluss entrissen. So stürzten dann mitten in der Nacht Garden des Königs und des Herzogs von Guise in das Haus des verletzten Admirals Coligny und ermordeten ihn. Der Befehl des König enthielt auch die Ermordung der im Louvre einquartierten hugenottischen Adligen. Nur Heinrich von Navarra, seinen Schwager, verschonte Karl IX.

Der Bourbone wurde in einer Kammer eingeschlossen und durfte von einem Fenster aus zusehen, wie seine Gefährten massakriert wurden. Das Blutbad schwappte vom Schloss aus durch die Stadt. Eiligst trommelte die Stadtverwaltung alle Waffen tragenden Bürger zusammen, um die Protestanten zu ermorden. Sie hetzten sie auf die Hausdächer, wo sie im fahlen Licht des Morgens erschossen wurden. Die tobende Meute jagte andere in die Keller und erschlug sie dort. Kindern wurden die Kehlen durchgeschnitten.

Die Herrschenden hatten den blutwütigen Pöbels losgelassen, der zügellos mordete und plünderte. Es gab kein Gesetz und keine Achtung vor dem Leben mehr. Sogar die Häuser reicher Katholiken wurden geplündert und zertrümmert. Als die ersten Lichtstrahlen des Bartholomäustages Paris erhellten, lagen an die viertausend Leichen auf den Straßen, etliche trieben in der Seine flutabwärts.


Hochmütig besichtigt Katarina von Medici die Opfer ihrer Bluthochzeit

Katholische Führer, wie König Philipp II. von Spanien und Papst Gregor XIII. sollen angesichts der Schreckensberichte aus Paris hämisch gelacht haben. Der Papst ließ aus Freude über den Massenmord sogar Kanonen abfeuern und Rom festlich illuminieren. Um ihn daraufhin vor Anschlägen zu schützen, wurden Söldner aus Helvetia angeheuert (als Schweizergarde existiert die „heilige Armee“ heute noch im Vatikan und gilt als kleinste Armee der Welt).

In der französischen Provinz fanden sich Nachahmer und das Morden ging weiter. Nochmals Tausende verloren ihr Leben. Die Gewalt des wütenden Pöbels breitete sich in ganz Frankreich wie eine Flutwelle aus und leitete in einen neuen Bürgerkrieg der verfeindeten Konfessionsparteien über. In den Ländern Europas entsetzten sich die Protestanten über das Blutbad. Kaiser Maximilian II., der in Wien über Angehörige beider Glaubensgemeinschaften herrschte, wie auch besonnende Fürsten, distanzierte sich nachdrücklich von den Vorgängen.

Stark ist nur der, der sich selbst besiegt

In Frankreich fragten sich die Vernünftigen und jene, die sich dafür hielten und die nicht von Hass und Vernichtungswut geblendet waren, wie es mit ihrem Land so weit hatte kommen können. Dieser Zustand wurde wohl denn auch zur Wiege der Geheimbünde, die sich als Erben der Templer betrachteten, ohne es jedoch wirklich zu sein. Aber ohne Maskerade, Esoterik und Zahlenmystizismus und sonstigen Zierrat lassen sich keine Menschen fangen, auch Andersgläubige und besonders Freidenker nicht. Es scheint so, als käme die Menschheit ohne Verklärung selbst zur Durchsetzung der Aufklärung nicht aus, als sei sie auch heutzutage im 21. Jahrhundert noch nicht reif, sich von den Fesseln der Religionen zu befreien.

Frieden wird es, so gesehen, wohl nie geben – jedenfalls nicht so bald. Man kann Religionen nicht einfach mittels Diktat abschaffen, wie es in der Sowjetunion zur Zeit des Kalten Krieges versucht wurde. Menschen können Frieden wahrscheinlich nur dann erreichen, wenn sie sich aus eigenem Antrieb unter Wahrung ihres Glaubens dem Aberglauben und der Leichtgläubigkeit entgegenstellen.

Der Gott der Muslime mag zwar groß sein und die Söhne Mohammeds haben Muskeln, aber stark ist nur der, der sich selbst besiegt.

In Frankreich war es den muslimischen Jugendlichen gelungen, ihren flammenden Protest gegen das Lästermaul, dem Innenminister Sarkosy, einzudämmen. Frankreichs Politikern hatten sie nicht nur Muskeln gezeigt und das Fürchten gelehrt, sondern auch, dass sie stark sind. Aber werden sie wieder schwach werden und sich erneut aufhetzen lassen?

medien

Heimisches Lügen

Norman Solomon – Mit Pauken und Trompeten stellte Oprah Winfrey James Frey eine Frage, bei der sich Journalisten der Massenmedien weigern, sie George W. Bush zu stellen: „Warum haben sie gelogen?“

Viele Mediengurus and -sendungen glucksten darüber, als Frey als ein Lügner demaskiert wurde. Das Echo ging von Schundmedien bis zu hochgeistigen Publikationen. Am 27. Januar, demselben Tag, an dem die „News Hour with Jim Lehrer“ auf PBS eine ganze Sendung dem Geschehen widmete, publizierte die New York Times auf Seite eins einen redaktionellen Artikel, der schlussfolgerte, dass „Frau Winfrey dem Publikum, uns miteingeschlossen, das gab, was es sich erhoffte: Die Forderung, die Wahrheit zu hören.“

Ein grundlegender Fakt der Spionagegeschichte der National Security Agency („Nationale Sicherheitsbehörde“) ist: Präsident Bush hat gelogen. Doch fehlt in der Medienberichterstattung standardmäßig eine Forderung nach der Wahrheit.

Mehr als zwei Jahre, nachdem er das NSA-Spionageprogramm im eigenen Land, das einer rechtlichen Grundlage entbehrte, in Gang gesetzt hatte, verschaffte sich Bush unmissverständlich Gehör. Während einer Rede in Buffalo am 20. April 2004 betonte er: „Jedes Mal, wenn Sie hören, dass die US-Regierung über Abhöraktionen redet, erfordern sie – eine Abhöraktion erfordert eine gerichtliche Verfügung. Nichts hat sich daran geändert, nebenbei bemerkt. Wenn wir uns darüber unterhalten Terroristen zu jagen, dann sprechen wir davon, eine gerichtliche Verfügung zu erlangen, bevor wir dies tun können.“

Frey log in einem Buch über sein Privatleben und das verärgerte Oprah Winfrey. „Es ist sehr schwierig für mich, mit Ihnen zu reden, fühle ich mich doch sehr hinters Licht geführt“, sagte sie und konfrontierte ihn damit in ihrer Show vom 26. Januar. „Ich fühle mich hinters Licht geführt. Und was noch viel wichtiger ist, ich meine, dass Sie Millionen von Lesern betrogen haben.“

Andererseits sind Journalisten, die Bush interviewen, nicht gewillt, ihm diese Fragen in ähnlicher Form zu stellen.

Der Präsident hat nicht bloß Millionen von Lesern betrogen. Er betrog Hunderte Millionen von Bürgern.

Bush hat über grundlegende bürgerliche Freiheiten der Vereinigten Staaten gelogen. Statt sich auf beschönigende Beschreibungen zu verlassen, sollten Informationsmedien also auch ihn direkt mit der Frage konfrontieren: „Warum haben sie gelogen?“

Während der „Oprah Show“, indes sie einem mächtigen Funktionär eines Verlags, der geholfen diese Verlogenheit des Autors möglich zu machen, eine Vortrag hielt, erklärte zu zudem: „Das muss sich ändern.“ Was geschieht aber mit den mächtigen Leitern der Nachrichtenanstalten, die weiterhin Bushs Verlogenheit ermöglichen?

Als Frey versuchte sich aus der Verantwortung zu winden, eine heuchlerische Geschichte über eine Wurzelbehandlung ohne Betäubung erfunden zu haben, unterbrach die Gastgeberin nach den Worten „Ich habe mit dem Gedanken gerungen…“

„Nein, mit der Lüge“, sagte Winfrey. „Es ist eine Lüge. Es ist keine Idee, James, es ist eine Lüge.“

Hochrangige Journalisten jedoch scheuen sich davor, Präsident Bush im nationalen Fernsehen mit solch klaren Worten zu konfrontieren: „Das ist Lüge. Es ist keine Idee, George, sondern eine Lüge!“

Dieser Artikel erschien in der deutschen Übersetzung von Daniel Müller erstmalig bei Zmag.de


Norman Solomons aktuelles Buch ‚War Made Easy: How Presidents and Pundits Keep Spinning Us to Death‘