vermischtes

Sieg für Bush – Niederlage für Alaskas Natur

Der amerikanische Senat hat umstrittene Erdöl- und Erdgasbohrungen in einem arktischen Naturschutzgebiet in Alaska genehmigt. Die äusserst knappe Entscheidung bedeutet einen wichtigen Sieg für die Energiepolitik von Präsident Bush und eine derbe Niederlage für Alaskas Naturschutzgebiet.

Mit 51 zu 49 Stimmen sprach sich der von den Republikanern von Präsident Bush dominierte Senat am Mittwochabend dafür aus, die Bohrerlaubnis dem Haushaltsentwurf für das kommende Jahr hinzuzufügen. „Dieses Projekt wird für ein Wachstum unserer Wirtschaft sorgen, indem es Arbeitsplätze schafft und sicherstellt, dass Unternehmen expandieren können“, sagte Bush. Darüber hinaus mache es die USA weniger abhängig von Ölimporten.

Schenkt man der Ölindustrie Glauben, so ist jede Ölförderung im ANWR unproblematisch und sauber. Die Erfahrungen im benachbarten Ölfördergebiet Prudhoe Bay lassen jedoch Schlimmes befürchten: So ereignen sich dort jedes Jahr durchschnittlich 400 Unfälle, bei denen Öl entweicht. Aufgrund des arktischen Klimas sind die Umweltschäden nahezu irreparabel. Mehr als 90 Prozent aller Küstengebiete westlich des ANWR wurden bereits zur Ölexploration freigegeben, 1.400 Bohrlöcher wurden schon eingerichtet.

Ganz gezielt täuschten die Gesetzgeber die Öffentlichkeit, als sie vor der Entscheidung des US-Repräsentantenhauses erklärten, nur 800 Hektar Land würden im ANWR für Öleinrichtungen benötigt. So wurde jetzt bekannt, dass Straßen und andere Infrastruktureinrichtungen bei dieser Kalkulation ausgespart wurden. Die Unterstützung der Gewerkschaften sicherte man sich mit der vollmundigen Ankündigung, 700.000 Arbeitsplätze in der Region zu schaffen, ein unhaltbares Versprechen, dass auf veralteten Prognosen aus dem Jahr 1990 beruht.

Auch für die Energieversorgung der USA hätte die Erschließung des ANWR kaum Bedeutung. Statt der versprochenen langfristigen Sicherung der heimischen Energieversorgung reichen die Ölvorkommen allenfalls aus, den gesamten Öl-Bedarf der USA für sechs Monate zu decken. Nicht mehr als zwei Prozent der in dem Land benötigten Energie könnten im ANWR gefördert werden. Die Gwich’in Indianer und Umweltschützer sagen daher kategorisch „Nein“ zur Ölförderung im Naturschutzgebiet.

Die Gwich’in vergleichen ihre Lage mit den Sioux-Indianern, die nach der Vernichtung ihrer Büffelherden ihre traditionelle Lebensweise aufgeben mussten und fragen: Wann wird dieses Land endlich lernen, dass es so etwas einem Volk nicht antun darf?

Für die Gwich´In ist die Geburtsstätte der Karibus „der heilige Ort, an dem das Leben beginnt“. Seit Jahrhunderten bestimmen die Tiere ihre Kultur; sie sind ihnen Nahrung, Kleidung, Werkzeug und spirituelle Quelle. Noch heute lebt ein Großteil der 7.000 Gwich´In längs der Wanderroute der Karibus und nahe der Weidegebiete der Herde.

Das Arctic National Wildlife Refuge liegt im Nordosten von Alaska und ist das nördlichste Naturschutzgebiet der USA. Die rund 80’000 Quadratkilometer sind Lebensraum für zahlreiche Vogel-, Fisch- und Säugetierarten – darunter Karibus, Moschusochsen, Bären und Wale. 1960 wurde das Gebiet vom damaligen Präsidenten Dwight D. Eisenhower unter Schutz gestellt, um das einzigartige Ökosystem zu bewahren.

Pläne, die Öl- und Gasvorkommen auszubeuten, waren wiederholt gescheitert, unter anderem in den 70er Jahren am damaligen Präsidenten Jimmy Carter, der das Schutzgebiet sogar vergrösserte, und in den 90er Jahren an Präsident Bill Clinton. Unter dem Gebiet werden fünf bis 16 Milliarden Barrel (das Fass zu 159 Liter) Öl vermutet.

Weiterführende Quellen:
Opensecrets.org
Capital Eye

kriminalitaet

Täterin im Mordfall Stern gefasst

Im Kanton Waadt ist eine Frau festgenommen worden, die den Bankier Edouard Stern erschossen haben soll. Laut dem zuständigen Untersuchungsrichter hat sie die Tat gestanden.

Die Französin, die seit Jahren eine sexuelle Beziehung mit Stern unterhielt, wurde am Morgen wegen Mordverdachts verhaftet, wie der Genfer Untersuchungsrichter Michel-Alexandre Graber entsprechende Medienberichte bestätigte.

Stern war am 1. März mit vier Kugeln aus einer Pistole erschossen worden. Zwei davon trafen ihn in den Kopf, «im Rahmen einer sexuellen Beziehung», wie Graber sagte. Die Leiche des französischen Bankiers war in einen Latex-Anzug gekleidet, als man sie in seiner Wohnung im Genfer Quartier Rive fand.

Laut dem Untersuchungsrichter deuten die Ermittlungen darauf hin, dass die verhaftete Frau allein gehandelt hat. Ob sie Stern aus persönlichen oder finanziellen Gründen getötet hat, ist noch unklar.

Der 50-jährige Bankier gehörte zur französischen Hochfinanz und galt als harter Geschäftsmann. Stern war der Schwiegersohn von Michel David-Weill, dem Chef der französischen Geschäftsbank Lazard. Er galt als dessen Kronprinz, überwarf sich aber 1997 mit ihm.

In Genf wohnte der Financier im fünften Stock eines modernen Appartementhauses. Er verfügte über einen eigenen Jet und ein beträchtliches Vermögen. Vor einer Woche war der Getötete auf dem jüdischen Friedhof in Veyrier GE begraben worden.

Mehr zum Thema: Scotsman

terror

UNO – Untersuchungsbericht wird verheerend ausfallen

Gut einen Monat nach dem tödlichen Anschlag auf den ehemaligen libanesischen Regierungschef Rafik Hariri haben die UNO Ermittler ihre Untersuchungen abgeschlossen.


Wichtige Beweise vertuscht?

Der langjährige Nahost Korrespondent der britischen Tageszeitung „The Independent“, Robert Frisk, hatte am Montag mitgeteilt, der UNO Bericht werde verheerend ausfallen. Die Ermittler seien überzeugt, dass der syrische und der libanesische Geheimdienst nach dem tödlichen Anschlag wichtige Beweise vertuschen wollten.

Am Dienstag tauchten Gerüchte auf, die der Regierung und den Geheimdiensten nicht nur Fahrlässigkeit und Desinteresse vorwerfen. Robert Frisk unterstellt sogar eine direkte Beteiligung und beruft sich dabei auf die UN Untersuchungskommission. Ohne genaue Quellen zu nennen, berichtet Frisk von der Einrichtung neuer Parkzonen am Unglücksort, nur wenige Tage vor dem Attentat. Außerdem bestätigt er die bereits mehrfach geäußerte Vermutung einer unter der Straße platzierten Bombe.

Das steht im Widerspruch zu anderen UN-Erklärungen: Auf einem Überwachungsvideo der beim Attentat schwer beschädigten HSBC-Bank soll ein explodierendes Auto zu sehen sein. Außerdem stellte ein UN-Sprengstoffexperte fest, dass ein Kraterdurchmesser einer unterirdisch gezündeten 400 Kilogramm-Bombe nicht 30 Meter, sondern an die 1000 Meter groß sein müsste.

Der UNO-Sicherheitsrat hatte nach dem Anschlag auf Hariri am 14. Februar einen „dringenden Bericht über die Umstände, Gründe und Folgen des Mordes“ angefordert; zehn Tage später trafen die Ermittler in der libanesischen Hauptstadt Beirut ein.

Das Team unter Leitung des Iren Peter Fitzgerald verlässt heute Mittwoch den Libanon und wird morgen Donnertsag am Sitz der UNO in New York eintreffen. In der kommenden Woche werden die Ermittler UNO Generalsekretär Kofi Annan ihren Bericht vorlegen.

Schon gestern kehrten die Schweizer Sprengstoff Experten aus Beirut zurück, die den Anschlag auf Hariri untersuchten. Sie waren seit dem 5. März im Einsatz.

Die Opposition in Libanon wirft der Regierung in Beirut sowie der Regierung im Nachbarland Syrien vor, für das Attentat auf den ehemaligen libanesischen Regierungschef verantwortlich zu sein. Die Regierungen in Beirut und Damaskus weisen den Vorwurf von sich.

terror

Kein Reis, dafür Waffen im Gepäck

Die US-Aussenministerin besucht Asien mit dem Ziel, die nukleare Gefahr zu bannen. Dabei will sie die Atommächte Indien und Pakistan mit Rüstungsgütern belohnen.

Heute Dienstagabend wird Condoleezza Rice in Delhi erwartet, morgen Mittwoch soll sie nach Islamabad weiterfliegen. Rice, will die indische und die pakistanische Regierung dafür belohnen, dass sie Friedensgespräche über Kashmir aufgenommen haben und laut Tagesanzeiger brodelt die Gerüchteküche schon erheblich. Für Aufregung sorgt, dass die US-Aussenministerin angeblich Geschenke mitbringt, die über erhebliche Sprengkraft verfügen. Es handelt sich um Militärjets des Typs F-16. Nette Geschenke, die das Wettrüsten zwischen den beiden Rivalen erneut anheizen dürfte, obwohl sich Condoleezza Rice vor Antritt der Reise klar als Botschafterin der Entspannung präsentierte.


Geschenke die über erhebliche Sprengkraft verfügen

Die beiden Nachbarstaaten führten zweimal gegeneinander Krieg um Kashmir, seitdem Grossbritannien den Subkontinent 1947 geteilt in Indien und Pakistan in die Unabhängigkeit entlassen hatte. Die erbitterte Feindschaft verführte die Regierungen in Delhi und Islamabad dazu, ihre Rüstungsindustrie an Atombomben basteln zu lassen. Die beiden Staaten bombten sich 1998 am internationalen Testverbot vorbei in den Klub der Atommächte. Washington zeigte seinen Unwillen, indem es Indien und Pakistan mit einem Waffenembargo bestrafte. Wenig später standen die zwei am Rand eines weiteren Krieges. Von nuklearer Abschreckung konnte also kaum die Rede sein.

Im Zuge des einsetzenden Entspannungsprozesses Ende 2003 schlug der pakistanische Präsident Pervez Musharraf einen völligen Truppenabzug des indischen und pakistanschen Militärs aus der umstrittenen Himalaja-Region vor. Indien lehnt dies mit Hinweis auf die instabile, komplexe Sicherheitslage und wegen der Gefahr des Einsickerns von Extremisten aus Pakistan ab, das Problem Kashmir ist bei weitem nicht gelöst.

Indien, eine politisch und wirtschaftlich aufstrebende Macht, bekundet auch Interesse an amerikanischen Rüstungsgütern. Das Milliardenvolk deckte sich früher in der Sowjetunion mit Waffen ein. Es gibt aus Washingtoner Sicht gute Gründe, Delhis Ansinnen, 126 Kampfjets zu erwerben, nicht gänzlich abzuschlagen. Das Geschäft ist jedoch heikler, als es auf den ersten Blick erscheint: Indien will nämlich nur 18 Flugzeuge bei Lockheed Martin in den USA kaufen und den Rest in Lizenz selbst bauen. Es würde damit einem künftigen Waffenembargo die Spitze brechen.

Der pakistanische Botschafter liess in Washington vorsorglich verlauten, dass seine Regierung keine Einsprache erheben werde gegen den Deal, wenn sie ebenfalls mit Kampfjets beliefert werde. Sein Auftritt rief in Erinnerung, dass US-Präsident Bush dem Land, das zu Beginn des Kriegs gegen den Terror die vorderste Front gebildet hatte, den Status eines wichtigen Nicht-Nato-Verbündeten verliehen hatte. Trotzdem erhielt Islamabad zu seiner grossen Frustration bisher keine neuen Kampfjets.

Das dürfte sich mit dem Besuch von Condoleezza Rice ändern. Die amerikanische Aussenministerin stellte dem pakistanischen Präsidenten, General Pervez Musharraf, vor ihrer Abreise ein gutes Zeugnis aus. Sie pries die Schritte, die er gegen die militanten Islamisten unternimmt und nannte ihn einen stabilisierenden Faktor in der Region.

Es scheint, als ob Washington entschlossen sei, über die undemokratischen Züge des Generals hinwegzusehen, der allen Versprechungen zum Trotz weiterhin als Oberhaupt des Staates und des Militärs in Personalunion amtiert. Vergessen scheint die Tatsache, dass noch im November 2001 pakistanische Armeeoffiziere, Geheimdienstmitarbeiter und Freiwillige an der Seite der Taliban kämpften. Pakistan war der Taliban treuester militärische und finanzielle Verbündete im Kampf gegen die Nordallianz und seit dem Krieg gegen die Sowjetunion bestanden zwischen vielen pakistanischen Armeeangehörigen und den Taliban enge freundschaftliche Bande.

Musharraf ist der starke Mann, der letztlich für die pakistanische Weigerung verantwortlich ist, der internationalen Atomenergiebehörde IAEA Unterlagen über die illegalen Atomgeschäfte mit dem Iran zu übergeben. Die pakistanische Regierung hat stets bestritten, von den illegalen Geheimgeschäften des „Vaters der islamischen Bombe“ Abdul Qadeer Khan gewusst zu haben. Der frühere Chefentwickler des pakistanischen Atomwaffenprogramms hatte im Januar vergangenen Jahres die Verantwortung für illegale Lieferungen an Iran, Libyen und Nordkorea übernommen. Khan hatte mit seinem öffentlichen Geständnis Regierung und Armee entlastet. Wegen Verdiensten um die nationale Sicherheit war Khan daraufhin vom pakistanischen Präsidenten begnadigt worden. Die USA hatten Pakistan zur restlosen Aufklärung des Skandals aufgefordert.

Der Antrittsbesuch, den Condoleezza Rice dem asiatischen Raum als neue US-Aussenministerin abstattet, ist eine Wirbelwindtour. Obwohl schwerwiegende Themen auf der Traktanden Liste stehen, besucht sie sechs Länder in nur einer Woche. Dabei verfolgt die amerikanische Spitzendiplomatin das Ziel, die nukleare Bedrohung auf dem Globus zu entschärfen und will mit den asiatischen Ländern eine gemeinsame Front gegen Nordkorea und den Iran aufbauen. Die Geschichte wird zeigen, ob sich Amerikas Logik der Aufrüstung in der Krisenregion nicht als verheerende Retourkutsche erweisen wird.

terror

Al-Dschasira-Reporter aus Gefängnis entlassen

Der arabische TV-Journalist Tajsir Aluni, dem in Spanien Kontakte zum Terrornetz El Kaida zur Last gelegt werden, darf das Gefängnis verlassen. Der Reporter des Senders Al-Dschasira soll in Granada unter Hausarrest gestellt werden. Die spanische Justiz begründete die Entscheidung damit, dass der syrisch-spanische Doppelbürger sich auf diese Weise ärztlichen Untersuchungen unterziehen kann, die wegen einer anstehenden Herzoperation notwendig seien. Es solle verhindert werden, dass Aluni mit Hinweis auf die medizinischen Tests nach Prozessbeginn eine Einstellung des Verfahrens beantrage, hiess es.

Aluni war im vergangenen November verhaftet worden, weil er im Verdacht steht, Kontakte zu El-Kaida-Terroristen zu unterhalten. Im September 2003 war er schon einmal verhaftet, später aber wegen seines schlechten Gesundheitszustandes gegen Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Aluni hatte während des Krieges in Afghanistan 2001 zeitweise als einziger ausländischer Korrespondent aus Kabul berichtet. Im Frühjahr 2003 berichtete er während der britisch-amerikanischen Irak-Invasion aus Bagdad.

terror

Folterskandal auch in Afghanistan

Die erschreckenden Vorkommnisse im irakischen Gefängnis Abu Ghraib haben System. Mitglieder der A Kompanie des 519th Military Intelligence Battalion aus Fort Bragg, waren auch in Afghanistan im Foltereinsatz. Ihre Brutalität kostete auf der Air Force Base in der Stadt Bagram im Dezember 2002 zumindest zwei afghanischen Gefangenen das Leben – Mullah Habibullah und einen Mann namens Dilawar. Sie starben Tage später in ihren Einzelzellen an den Folgen der Folter. Das berichteten am Samstag die beiden Zeitungen New York Times und Washington Post unter Berufung auf einen noch nicht veröffentlichten Untersuchungsbericht der US-Armee.

28 amerikanische Soldaten sind demnach in den Skandal verwickelt. Doch nur gegen zwei wurde bisher Anklage erhoben. Einer davon ist Willie V. Brand. Er hat „Mr. Dilawar“, wie es in den Akten heißt, an der Decke aufgehängt, getreten und geschlagen. Mindestens 37-mal. Fünf Tage lang, gnadenlos. So zerschmetterte er Dilawar die Kniescheiben. Am 04. Dezember starb er in der Isolationszelle. Hätte er überlebt, „hätten beide Beine amputiert werden müssen“, wird ein Mediziner im Armeebericht zitiert. Bisher hatten US-Offiziere in offiziellen Stellungnahmen beteuert, die afghanischen Gefangenen seien eines „natürlichen Todes“ gestorben.

Im Juli 2003 kam die Einheit der 519th unter Captain Carolyn Wood nach Abu Ghraib. Die A Kompanie der 519th ist auf Verhöre spezialisiert. Sie spielte offensichtlich eine Schlüsselrolle: Es heißt, sie habe die aggressiven Verhörtechniken aus Afghanistan „mitgebracht“. Captain Wood entwarf mehrere Verhör-Regeln, die dann im Irak angewandt wurden. Diese sogenannten „Rules of Engagements“ wurden im Oktober im Gefängnis von Abu Ghraib bekannt gegeben. Danach gab es zum einen Verhör-Prozeduren, die bei allen Gefangenen angewandt werden konnten, und zum anderen Methoden, die nur mit ausdrücklicher Billigung von General Sanchez eingesetzt werden durften. Somit verdichten sich die Hinweise, dass Angehörige des Militärgeheimdienstes in den Folterskandal verwickelt sind.

Weiterführende Artikel:

Abu Ghraib Time Line
By Melissa Cirillo & Sherry Ricchiardi of AJR

October 7, 2001
The war in Afghanistan begins.

December 26, 2002
The Washington Post runs a page-one story about prisoner abuse at secret CIA detention centers, including in the „forbidden zone“ of the U.S.-occupied Bagram air base in Afghanistan.

March 20, 2003 The war in Iraq begins.

March 31, 2003
The Nation’s cover story, „In Torture We Trust?“ asserts that torture is gaining mainstream acceptance in the age of 9/11.

May 17, 2003
The New York Times publishes a story out of Basra, Iraq, in which detainees claim they were abused by U.S. and British soldiers. Amnesty International investigators say the patterns of mistreatment may constitute torture.

August 18, 2003
The Los Angeles Times spotlights four Army reservists from Pennsylvania, part of the 320th Reserve Military Police Battalion, charged with mistreating and beating Iraqi POWs.

October-December 2003
Many of the alleged abuses at Abu Ghraib take place.

October 5, 2003
The Associated Press reports on the closure of Camp Cropper, a notorious detention center at the Baghdad airport. Journalists had been barred from the camp, but reporter Charles J. Hanley interviews released detainees about abuses.

November 1, 2003
The AP distributes a major story by Hanley about alleged abuse at three Iraqi POW camps, including Abu Ghraib, based on interviews with former POWs.

January 13, 2004 Army Spc. Joseph M. Darby, an MP at Abu Ghraib, reports cases of abuse at the
prison to military investigators.

January 16, 2004
The U.S. Command in Baghdad issues a one-paragraph press release about an investigation into prisoner abuse. A Lexis-Nexis search shows that most media outlets either ignored the announcement or ran brief stories.

January 19, 2004
Lt. Gen. Ricardo Sanchez orders a criminal investigation into the 800th Military Police Brigade.

January 21, 2004
CNN reports that U.S. male and female soldiers reportedly posed for photos with partially unclothed Iraqi prisoners and that the focus of the Army’s investigation is Abu Ghraib.

January 31, 2004
Maj. Gen. Antonio M. Taguba is appointed to head an inquiry into allegations of abuse at Abu Ghraib. On March 3 he presents his report, citing widespread abuse of prisoners by military police and military intelligence officers, to Gen. David McKiernan. On April 6 McKiernan approves the findings, leading to the discharge of two soldiers from the 800th MP Unit and letters of reprimand to six others.

February 23, 2004
The U.S. military announces that 17 personnel have been relieved of duty during the abuse investigation.

March 3, 2004
Jen Banbury, a correspondent for the online magazine Salon, files a story out of Baghdad about allegations of beatings, sleep deprivation, sexual humiliation and neglect leading to deaths at Abu Ghraib.

March 20, 2004
Brig. Gen. Mark Kimmitt announces to the media that six military personnel have been charged with criminal offenses. On May 7, a seventh soldier is charged.

April 28, 2004
CBS‘ „60 Minutes II“ airs graphic photographs of abuse at Abu Ghraib. The scandal quickly becomes major national and international news.

April 30, 2004
The New Yorker posts on its Web site a detailed report on Abu Ghraib by Seymour M. Hersh, fueling the media frenzy. The article is published in the magazine’s May 10 issue. Hersh follows up on the burgeoning scandal in the next two issues.

terror

Streit um die Zahl der Toten

Eine internationale Gruppe von Gesundheitsexperten hat die Zählung der im Irak umgekommenen Personen als lückenhaft kritisiert. In einer am Freitag im „British Medical Journal“ veröffentlichten Erklärung wurden die USA und Großbritannien als wichtigste Kriegsmächte zu sofortigen Nachforschungen aufgefordert.

Die von der britischen und der US-Regierung akzeptierten Angaben des irakischen Gesundheitsministeriums lägen weit unter den tatsächlichen Zahlen, hieß es. Der offiziellen Darstellung zufolge wurden zwischen April und Oktober vergangenen Jahres 3.853 Zivilpersonen getötet und 15.517 verletzt. Offizielle Zahlen aus dem ersten Kriegsjahr liegen nicht vor. Zudem wurden den Gesundheitsexperten zufolge diejenigen Menschen, die nur indirekt an den Folgen von Kriegshandlungen gestorben sind, nicht aufgenommen. Nach einer Schätzung der medizinischen Fachzeitschrift „Lancet“ vom Oktober kamen seit Kriegsbeginn vor zwei Jahren rund 98.000 Menschen ums Leben. Iraqbodycount rechnet aktuell mit 16 -18’000 Toten. Iraqbodycount rechnet nur Opfer welche durch das direkte Kriegsgeschehen getötet wurden und durch Spitäler, Medienberichte oder NGO’s bestätigt worden sind.

Sicherheitslage im Irak verhindert Untersuchung
In dem Aufruf heißt es, eine Erfassung der Opfer könne dabei helfen, Leben zu retten. Das britische Außenministerium kommentierte, die gegenwärtige Sicherheitslage im Irak erlaube keine umfassende Untersuchung. Nach seiner Ansicht seien die Angaben des irakischen Gesundheitsministeriums die genauesten, die gegenwärtig erhältlich seien.

UNO-Generalsekretär Kofi Annan zeigte sich über die neuerliche Zunahme der Gewalt im Irak besorgt. In einem am Donnerstag in New York veröffentlichten Bericht erklärte er, die irakische Bevölkerung erwarte nach der Parlamentswahl bessere Sicherheits- und Lebensbedingungen. Die neue Regierung und die internationalen Streitkräfte müssten sich aber achtsam verhalten und insbesondere dafür sorgen, dass ihre Aktionen der Zivilbevölkerung nicht schadeten.

Erklärung:

Global public health experts say failure to count Iraqi casualties is irresponsible

We the undersigned experts in public health call on the US and UK Governments to commission immediately a comprehensive, independent inquiry into Iraqi war-related
casualties.

Monitoring casualties is a humanitarian imperative. Understanding the causes of death is a core public health responsibility, nationally and internationally. Yet neither the public, nor we as public health professionals, are able to obtain validated, reliable information about the extent of mortality and morbidity since the invasion of Iraq. We believe that the joint US/UK failure to make any effort to monitor Iraqi casualties is, from a public health perspective, wholly irresponsible. The UK policy of relying on extremely limited data available from the
Iraqi Ministry of Health is unacceptable.

The Iraqi sources that the UK government prefers are likely seriously to underestimate casualties for several reasons: they do not take into account mortality during the first 12 months since the invasion; only violence-related deaths reported through the health system
are included (very likely to lead to an underestimate, especially during periods of conflict); non-violent deaths due to the destruction of war are not taken into account; and they do not allow for reliable attribution between different causes of death and injury [1].

The inadequacy of the current US/UK policy was highlighted after the publication in the Lancet of a representative household survey that estimated that there had been in the region of 98,000 excess deaths since the 2003 invasion [2]. The UK government has rejected this
survey as unreliable; in part because of the authors‘ own admission that it lacked precision [3]. But this recognized lack of precision in the Lancet study arises chiefly from practical limitations imposed upon the researchers, in particular the size of the sample that could be
obtained by an unofficial study. The obvious answer to removing uncertainties that remain is to commission a larger study with full official support and assistance, but scientific independence.

This should draw on multiple sources of data and use proven epidemiological techniques that do not rely exclusively on incidental reports nor on hospital mortuary assessments. This must
include first hand verbal autopsies – reliably obtained so that population extrapolation is possible. They also require some linkage with data on military operations [4]. Whilst active surveillance of this kind is difficult in a conflict situation, even limited, but systematic,
household surveys are essential. These can then be combined with data from other, passive information sources to build up the most accurate possible assessment of the situation. Counting casualties can help to save lives both now and in the future by helping us to
understand the burden of death, and residual burden of injury, disease and trauma across the entire population. We have waited too long for this information.

References
1. Iraqi civilian casualties mounting, Nancy A Youssef. Knight Ridder Newspapers 25th Sep 2004
http://www.realcities.com/mld/krwashington/9753603.htm
2. Roberts L, Riyadh L, Garfield R et al. Mortality before and after the 2003 invasion of Iraq: cluster sample survey. Lancet
2004; 364:1857-64
3. Written Ministerial statement responding to Lancet survey, Rt Hon Jack Straw MP, 17/11/04 Hansard.
4. Bird S. Military and public health sciences need to ally. Lancet 2004; 364: 1831-1833.

Signed:

UNITED KINGDOM
Prof. Klim McPherson, Visiting Professor of Public Health Epidemiology, Oxford
Prof. David Hunter, Chair UK Public Health Association
Prof. Martin McKee, European Centre on Health of Societies in Transition
London School of Hygiene and Tropical Medicine
Prof. Gill Walt, Prof of International Health Policy, London School of Hygiene and
Tropical Medicine
Prof. Sheila Bird, Chair of Royal Statistical Society Working Party on Performance
Monitoring in the Public Services, Cambridge
Sir Iain Chalmers, James Lind Library, Oxford
Dr. June Crown, London
Prof. Richard Himsworth, former Director of the Institute of Public Health, Cambridge
Prof. Paul Dieppe, MRC Health Services Research Collaboration, Bristol
Prof. Sian Griffiths OBE, Immediate Past President, Faculty of Public Health, Royal
College of Physicians.

UNITED STATES
Victor W. Sidel, M.D. Distinguished Professor of Social Medicine, Montefiore Medical
Center, Albert Einstein College of Medicine, New York
Founder and Former President of Physicians for Social Responsibility
Robert K. Musil, Ph.D., M.P.H., Executive Director and CEO, Physicians for Social
Responsibility
John Pastore MD, Director of the Echocardiography Laboratory at St. Elizabeth’s Medical
Center of Boston, Associate Professor of Medicine at Tufts University School of Medicine
Michael Christ, Executive Director, International Physicians for the Prevention of
Nuclear War
Robert M. Gould, MD, President SF-Bay Area Chapter, Physicians for Social
Responsibility
Prof. Daniel S. Blumenthal, Morehouse School of Medicine, Atlanta
Dr. Thomas Hall. Epidemiology and Biostatistics, University of California, San Francisco.

AUSTRALIA
Dr. Chris Bain, School of Population Health, University of Queensland, Brisbane
Professor Anthony Zwi, Head, School of Public Health and Community Medicine,
University of New South Wales
Prof. Tony McMichael, National Centre for Epidemiology & Population Health,
Australian National University, Canberra

CANADA
Prof. John M Last, Emeritus Professor of Epidemiology, University of Ottawa

SPAIN
Prof. Carlos Alvarez-Dardet, Editor, Journal of Epidemiology & Community Health,
Alicante.
Prof. Ildefonso Hernández-Aguado, President of the Spanish Society of Epidemiology

ITALY
Rodolfo Saracci, MD, IFC-National Research Council, Pisa, former
President, International Epidemiological Association
Above affiliations are for identification and do not
necessarily imply Institutional support.

zeitgeschichte

US-Gericht weist Klage gegen Agent-Orange-Hersteller ab

Hanoi/New York. Die Abweisung einer Sammelklage von rund vier Millionen Vietnamesen gegen die amerikanischen Hersteller des Entlaubungsmittels Agent Orange ist in Vietnam auf Kritik und Enttäuschung gestossen. Ein US-Gericht hatte es am Donnerstag abgelehnt, das im Vietnamkrieg eingesetzte Mittel mit Substanzen gleichzusetzen, deren Anwendung völkerrechtlich verboten ist. Dieses Urteil sei eine Schande, sagte Nguyen Trong Nhan, Vizepräsident der Vietnamesischen Vereinigung der Opfer von Agent Orange, am Freitag. «Wir wollen nur Gerechtigkeit, sonst nichts.»


80 Millionen Liter versprüht

Um Entschädigungszahlungen zu erhalten, wollten die Kläger erreichen, dass die Herstellung von Agent Orange für den Kriegseinsatz als Kriegsverbrechen eingestuft wird. Dies lehnte Bezirksrichter Jack Weinstein ab. Seiner Ansicht nach konnten die Kläger auch nicht nachweisen, dass ihre gesundheitlichen Probleme durch den Einsatz von Agent Orange verursacht wurden. US-Flugzeuge hatten während des Vietnamkriegs rund 80 Millionen Liter des Entlaubungsmittels versprüht, um den nordvietnamesischen Truppen die Deckung im Dschungel zu nehmen.

Die Beklagten, darunter die Unternehmen Monsanto und Dow Chemical, zeigten sich mit dem Richterspruch zufrieden. Dagegen kündigte die Gegenseite an, in Revision zu gehen. «Ich werde kämpfen, nicht nur für mich selbst, sondern für Millionen vietnamesischer Opfer», sagte einer der Kläger, der 50-jährige Nguyen Van Quy. Quy leidet unter Leber- und Magenkrebs. Er macht Agent Orange ausserdem für Missbildungen seiner Kinder verantwortlich. Beide sind geistig behindert, seine 14-jährige Tochter ist zudem taubstumm. «Diejenigen, die diese giftigen Chemikalien hergestellt haben, müssen zur Rechenschaft gezogen werden», sagte Quy.

Agent Orange

Erhielt seinen Namen von der orangen Banderole der Fässer. Der Wirkstoff ist 2,4,5-Trichlor-Phenoxyessigsäure-Butylester. Agent Orange ist flüssig und wird als Aerosol aus Flugzeugen oder aus Helikoptern versprüht… Und seine Wirkung ist fürchterlich. Obwohl Mediziner bereits 1966 langfristige Schäden am Menschen vermuten, leugnet die US-Regierung und das Militär bis heute einen kausalen Zusammenhang zwischen Agent Orange und den Krankheiten: Wer im Vietnamkrieg mit dem Entlaubungsmittel Agent Orange in Berührung kam, blieb nicht nur bis an sein Lebensende verseucht, sondern trug den Fluch weiter in die nächsten Generationen. Zwei bis fünf Millionen Vietnamesen kommen direkt mit Agent Orange in Kontakt, und ahnen nichts von den Folgen. Krebs, Missbildungen, Immunschwäche und vor allem Erbgutveränderungen treten von nun an immer häufiger auf. Laut Angaben des vietnamesischen Roten Kreuzes leiden circa 100.000 Vietnamesen an den Spätfolgen von Agent Orange.


Agent Orange kein Kriegs- Verbrechen

Diese sind: Krebs, Missbildungen, Immunschwächen und nachhaltige Erbgut Veränderungen. Andere Schätzungen setzen die Zahl der Opfer erheblich höher auf ca. 4 Millionen an. Da viele vietnamesische Neugeborene der dritten Generation noch mit schweren Missbildungen zur Welt kommen, dürfte die höhere Zahl eher der Wahrheit nahe kommen. Auch im Vietnamkrieg eingesetzte US-Soldaten sind von diesen Symptomen betroffen.

Ziel der Ranch Hand (Bauernhilfe) genannten Operation war die Entlaubung der Wälder, um einerseits Verstecke und Versorgungswege des Gegners aufzudecken und andererseits die Militärbasen und Flugplätze im dichten Dschungel erweitern zu können. Darüber hinaus wurden auch Ackerflächen bespritzt, um dem Feind die Nahrungsgrundlage zu entziehen. Innerhalb weniger Jahre wurden so mehr als ein Sechstel des vietnamesischen Walds und zwei Drittel aller Felder vernichtete. Seinen Hauptzweck hat das Gift damit erreicht: Kein Blatt soll mehr die heimlichen Wege des kommunistischen Vietcong durch den Dschungel schützen. Und auch die daraus resultierenden Ernteausfälle sind willkommen, treiben sie doch die Bauern aus dem Norden des Lands vermeintlich in das mit den USA verbündete Südvietnam.


80g dieses Dioxins im Trinkwasser würde die Einwohner der Stadt New York töten können

Als die milchige Flüssigkeit 1961 das erste Mal aus US-amerikanischen Flugzeugen auf die Felder Vietnams regnete, wundern sich die Bauern. Wenige Minuten später fielen die Blätter von den Bäumen, knickten die Reishalme kollektiv um. Mehr als 70 Millionen Liter Chemikalien wurden von 1961 bis 1971 über Vietnam und den Grenzregionen von Kambodscha und Laos abgeworfen. Zum Vergleich: 80g dieses Dioxins im Trinkwasser würde die Einwohner der Stadt New York töten können.

Hergestellt und geliefert wurde Agent Orange damals von der Firma Dow Chemical, von dem deutschen Chemieunternehmen Ernst Boehringer sowie vom tschechischen Unternehmen Spolana in Neratovice.

Bildlegende, Bild: 2
Nguyen Huu An (l.), 5 Jahre alt, und Nguyen Thi Thanh Tuyen, 3 Jahre alt, mit ihrer Mutter in Huong Xuan bei Hue. Der Vater lebte in der Agent-Orange-vergifteten Provinz Song Be. Als auch sein zweites Kind mit Missbildungen zur Welt kam, nahm er sich das Leben.
Foto Roland Schmid.

Empfehlenswerte Literatur:
Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig
Spätfolgen des Chemiewaffen-Einsatzes im Vietnamkrieg.

Lenos Verlag Basel
ISBN 3-85787-298-5
Herausgeber Peter Jaeggi

kriminalitaet

Deutscher Sektenführer in Argentinien gefasst

Der Gründer der deutschen Sekte Colonia Dignidad in Chile, Paul Schäfer, ist im Nachbarland Argentinien verhaftet worden. Der 84-Jährige war fast ein Jahrzehnt auf der Flucht.

Schäfer wurde in seiner Wohnung am Rand von Buenos Aires festgenommen und noch am Donnerstagabend im Rollstuhl sitzend in ein Untersuchungsgefängnis gebracht. Mit einem Lächeln und in Handschellen schoben ihn Beamte durch ein Spalier von Journalisten. Fragen beantwortete er nicht.


Sexueller Missbrauch von 27 Kindern…u.a.

Grund der Verhaftung ist ein Haftbefehl des chilenischen Richters Joaquín Billard gegen den 84-Jährigen wegen des Verschwindens eines Dissidenten zu Beginn der Militärherrschaft von Augusto Pinochet. Der Mann war in Schäfers Siedlung gebracht worden. Sowohl Schäfer als auch andere Mitglieder der von Colonia Dignidad sind mehrfach beschuldigt worden, ihre Siedlung dem Pinochet-Regime als Folter- und Hinrichtungszentrum zur Verfügung gestellt zu haben. In Abwesenheit ist Schäfer im vergangenen November zudem wegen des sexuellen Missbrauchs von 27 Kindern verurteilt worden.

Die Sekte hatte sich 1956 auf Betreiben von Paul Schäfer (Jahrgang 1921) vom „Bund evangelisch-freikirchlicher Gemeinden in Deutschland“ abgespaltet. Unter dem Namen „Private Sociale Mission“ gründete Schäfer in Siegburg ein Erziehungsheim, in dem die Kinder der Mitglieder der Sekte untergebracht waren. Nachdem die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Paul Schäfer wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs der von ihm abhängigen Kinder aufnahm, floh ein Teil der Sekte im Januar 1961 nach Chile. Bei der Wahl des Zufluchtsortes waren der damalige chilenische Botschafter Arturo Masche und der Botschaftsangestellte Guillermo Osorio behilflich, beide ausgemachte Rechtsextremisten. Die Kolonie auf chilenischem Boden wurde als Kopie des Führerstaates konzipiert. Sie liegt in der Nähe der Kleinstadt Parral, mehr als 200 Kilometer südlich der chilenischen Hauptstadt Santiago. Das Areal hat die Größe des Saarlandes und ist von Stacheldrahtzäunen gesichert. Offiziell nennt sich die Sekte „Vereinigung für Wohltätigkeit und Erziehung („Sociedad Benefactora Y Educional“) und will sich angeblich um bedürftige chilenische Kinder kümmern.

Nach dem Militärputsch von 1973 entwickelte sich die „Kolonie der Würde“ unter Pinochet zu einem Folterlager des ehemaligen chilenischen Geheimdienstes DINA. Die Colonia Dignidad war der Ort, an dem die Abteilung der DINA, die für die spurenlose Ermordung politischer Gefangener zuständig war, die meisten Menschen „verschwinden“ ließ. Sie war zudem an einem Arbeitslager für „verschwundene“ politische Gefangene beteiligt. Das Arbeitslager Monte Maravilla, in dem bis zu 100 Gefangene inhaftiert waren, führte die „Colonia Dignidad“ zusammen mit chilenischen Streitkräften. Sie war die Folterschule der DINA und bildete „Verhörspezialisten“ aus. Sie war ein Zentrum der Auslandsspionage der DINA. Sie war einer von fünf geheimen chilenischen Militärstützpunkten, die nach dem chilenischen Militärputsch mit Hilfe des deutschen Obersts Hans-Ulrich Rudel eingerichtet worden waren, um einen militärischen Gegenschlag gegen Argentinien führen zu können. Rudel, ein aktiver Neonazi, den Hitler hoch geschätzt hat, war persönlich in der Colonia Dignidad.

Damals wurde die Siedlung mit unterirdischen Bunkern, Kommandozentralen, einem umfassenden geheimen Warn- und Überwachungssystem und einem unterirdischen Flugplatz ausgestattet. Das Stützpunktsystem gehörte zu einem „Projekt Andrea“, in dessen Rahmen in großen Mengen Giftgas eingesetzt werden sollte. Die damalige Ehefrau eines beteiligten Agenten schrieb, das Gas sei zuerst an politischen Gefangenen ausprobiert worden. Offenbar war die Colonia Dignidad am Schmuggel von Komponenten für das Gas beteiligt. Die Colonia Dignidad war Anlaufstelle und Zufluchtort für NS-Verbrecher und für rechte Terroristen. Sie war ein Schmuggelzentrum für Waffen und andere Güter. Sie war in Geldwäsche verwickelt. Die Colonia Dignidad war jahrelang ein politisches Scharnier zwischen der CSU, dem Freistaat Bayern, der Hanns-Seidel-Stiftung, dem Bundesnachrichtendienst (so die regierungsamtliche chilenische Zeitung La Nación del Domingo vom 3. 10. 2004) und der ontakte bestanden zu Rechtsextremisten wie Hugo Roggendorf, einem SS-Mann, der sich nach 1945 in Concepcion als Bäcker niedergelassen hatte, dem dubiosen Geschäftsmann und Geheimdienstler Hans Albrecht Loeper, zu Anhängern der Thule-Mythologie wie dem esoterischen Nazi Juan Maler (alias Reinhard Kopps), dem Waffenhändler Gerhard Mertins, während des 2. Weltkriegs Fallschirmjäger, späterer Sympathisant der neonationalsozialistischen Sozialistischen Reichspartei (SRP), dann der CDU. Ebenfalls bekannt wurden Kontakte des Soziologieprofessors Lothar Bossle und des Völkerrechtlers Dieter Blumenwitz zur „Colonia Dignidad“. 1997 lobte der Neonazi-Scharfmacher „Schinderhannes“ alias Hans-Josef Mack im Thule-Netz die „Colonia Dignidad“ in höchsten Tönen. Das Leben dort sei „ein Traum, zumindest, was die menschliche, deutsche Seite betrifft! Land und Leute … muss man natürlich mögen“.

Die Strafverfahren, die Schäfers Opfer nach erfolgreicher Flucht gegen ihn wegen sexuellem Missbrauch und Freiheitsentziehung eingeleitet haben, sind zwischenzeitlich allesamt verjährt. Den chilenischen Behörden wurde vorgeworfen, die gerichtlich angeordneten Durchsuchungen des Sektengeländes nicht sonderlich effizient durchgeführt zu haben, weshalb man Schäfer nicht habhaft werden konnte. Wie dpa im Januar 2000 meldete, haben 15 Folter-Opfer der Colonia Dignidad Strafanzeige gegen Ex-Diktator Augusto Pinochet gestellt. Die 15 Betroffenen schrieben in einer Erklärung, ihre Anzeigen richteten sich gegen Pinochet, aber auch „gegen den chilenischen Staat und gegen die Verantwortlichen einschließlich der deutschen Regierung“. Ermittlungsrichter Juan Guzmán eröffnete damit das 57. Ermittlungsverfahren gegen Pinochet wegen Verbrechen unter der Militärdiktatur zwischen 1973 und 1989.

Paul Schäfer ist seit 1996 untergetaucht. Nach Schäfers Flucht leitete sein ehemaliger Stellvertreter und Sicherheitschef Gerhard Mücke die Kolonie. Mücke wurde im September 2000 festgenommen. Er soll an politisch motivierten Morden auf dem Gelände der Sekte beteiligt gewesen sein. Im Dezember 2001 wurde bekannt, dass Mücke nun aus Chile ausgewiesen werden sollte. Das Berufungsgericht in Santiago de Chile wies einen Einspruch Mückes gegen ein entsprechendes Urteil aus dem Jahr zuvor zurück. Auch Mücke stand unter dem Verdacht, während der Pinochet-Diktatur an Repressionen gegen Oppositionelle beteiligt gewesen zu sein.

Mitglieder der „Colonia Dignidad“ waren auch an dem seit langem geplanten NS-Kongress in Chile beteiligt, der im Januar 2000 trotz internationaler Proteste von der Öffentlichkeit unbemerkt stattfinden konnte. Auch die in konspirativen Zellen operierenden Vorbereitungsgruppen des Kongresses waren in vielen Fällen gleichzeitig Mitglieder der Freundeskreise der „Colonia Dignidad“.
Ab etwa 2003 schien sich die Colonia Dignidad ohne öffentliche Skandale vom Folterlager einer Psychosekte zu einer normalen Agrarkooperative umzuwandeln. Es gab eine stillschweigende Übereinkunft zwischen der chilenischen Regierung, den Streitkräften und der Colonia Dignidad, bei der der Arzt Hartmut Hopp, vormals Stellvertreter von Schäfer, Mittelsmann seitens der Siedlung war. Sie besagte, dass die Colonia Dignidad demokratisiert wird, Schäfer aus der Siedlung zu verschwinden hat und die Siedlungsbewohner freien Zugang zu Informationen haben. Die strikte Geschlechtertrennung wurde für einige Bewohner aufgehoben. Schäfer befand sich, falls er noch lebte, außerhalb des Geländes. Der Radiosender und der Flughafen der Colonia Dignidad, die auch als Infrastruktur der Spionage und des Waffenhandels benutzt worden waren, wurden deaktiviert. Die technische Zusammenarbeit mit den Streitkräften wurde eingestellt.
Noch 2002, also 12 Jahre nach dem Auflösungsdekret der ersten demokratisch gewählten Regierung nach Pinochet, vereitelte jedoch die Colonia Dignidad mit scharfen Hunden und Geländewagen den bisher letzten Fluchtversuch einer Frau. Die stillschweigende Übereinkunft zwischen der Colonia Dignidad und der chilenischen Regierung hatte die Unterdrückungsstrukturen im großen Ganzen bestehen lassen. Die Siedler konnten telefonieren und sich partiell informieren, die Geschlechtertrennung wurde aufgehoben, aber Gehirnwäsche, Sektenwahn und Medikamentenmissbrauch gab es weiterhin.

Die finanziellen Schwierigkeiten schienen bewirken zu können, was die Politik nicht leisten konnte oder wollte; die Colonia Dignidad lebte von der Substanz. Sie musste Paul Schäfer und seine engsten Gefolgsleute in einem Versteck in Chile aushalten und Schäfers Arztrechnungen wegen eines Lungenleidens bezahlen. Sie musste das Schweigen zweier ausgestiegener Familien, die es sich in Südchile gut gehen ließen, mit hohen Summen bezahlen. Wegen Dutzender von Prozessen musste sie eine Schar hochkarätiger Anwälte honorieren. Dazu musste sie den Weggang Dutzender der 250 Bewohner verkraften. Eine der wichtigsten Einnahmequellen, der Waffenschmuggel, war seit dem Ende der Pinochetdiktatur geschmälert, und statt den Staat um die Steuern zu betrügen, hatte die Siedlung große Steuerschulden zu begleichen.
Die Führungsclique saß in der Falle; jeder der etwa 15 Männer hatte Prozesse am Hals. Wer untertauchte oder Chile heimlich verlassen würde, würde dann per internationalem Haftbefehl gesucht werden. Auch die Staatsanwaltschaft Bonn ermittelte weiter. Die Sektenführer blieben also auf in der Colonia.

Die Alterspyramide der Siedlung entwickelte sich extrem ungünstig. Diejenigen, die 1961 im besten Alter mit Schäfer, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen Kindesmissbrauchs ermittelte, nach Chile flohen, waren durch schwerste Arbeit, körperliche Misshandlungen und Medikamentenmissbrauch ausgelaugt. Die nicht mehr Arbeitsfähigen vegetierten im oberen Stockwerk des behördlich geschlossenen Krankenhauses unter erbärmlichen Bedingungen vor sich hin. Viele Bewohner hatten gravierende psychische Probleme. Wegen der von der Sektenführung verhängten Strafen waren Wirbelsäulen ruiniert, Trommelfelle geplatzt und Kieferknochen gebrochen.

Nach der Lockerung der Geschlechtertrennung verschafften sich Frauen und Männer von 40 oder 50 Jahren Zugang zu Sexualaufklärung und heirateten. Aus diesen Ehen gab es etwa 20 Kinder, von denen im Jahre 2004 noch keines im Kindergartenalter war. Dazwischen fehlte jedoch eine komplette Generation. Es gab immer weniger Bewohner, die durch Arbeitskraft und Initiative die Wirtschaftsbetriebe der Siedlung hätten am Laufen halten und einen Machtwechsel erreichen können. Mit jedem, der die Colonia verließ, wurde die Situation dramatischer.

Die sich absetzten, hatten keine Schul- oder Berufsabschlüsse, hatten nie Lohn erhalten und keine Sozial- oder Rentenansprüche. Viele hatten auch keine Verwandte, die sie hätten aufnehmen können. In Chile gab es für sie keine Anlaufstellen. Um die deutsche Botschaft in Santiago machten die Ausgestiegenen einen Bogen, da Schäfer sich bester Beziehungen zu ihr gerühmt hatte. Tatsächlich waren die Beziehungen zur Pinochet-Zeit gut. Briefe von Ausgestiegenen an den chilenischen Präsidenten Lagos mit der Bitte um kleinste Hilfeleistungen blieben unbeantwortet. Auch in Deutschland gab es keine Anlaufstelle. Die Wenigen, die die Siedlung verlassen hatten, hingen in einem dünnen Netz freiwilliger Helfer. Das trug nicht dazu bei, den Schritt in die Freiheit zu wagen.

kultur

Marcel Leemann’s Balamouk

Im Bern Ballett schlummerte ein Kokon der sich, im mittlerweile renommierten Luzerner Theater LaFourni, entpuppt hat. Das Quintett Marcel Leemann, Silvia Aure, Chantal Claret, Abigail Cowen und Peter McCoy, verbindet Energie, Perfektion, Schnelligkeit und elegante Ruhe. Sie alle waren in dieser Saison bei Félix Duméril dem mit spannendem Programm und Bravour bestandenen Direktor des Bern Ballett, zu sehen. Im gut besuchten Luzerner Theater präsentierten die fünf TänzerInnen das Stück „Balamouk“ von Marcel Leemann; Initiator, Choreograph und selber Tänzer des Quintetts.

Leemann, der bereits bei Richard Wherlock eigene Stücke choreographierte, verzeichnet eine eindeutige Steigerung in der Architektur seiner neusten Produktion. Die einzelnen Bewegungsbilder sind im neuen Stück „Balamouk“ zu abgeschlossenen Einheiten geworden, die er intelligent verknüpft und daraus eine fließende Komposition geschaffen hat. „Balamouk“ zeigt die Einfachheit des sich Treibenlassens. Das Stück versucht, die in der Tiefe versteckten Wünsche von Harmonie in der Einfachheit zu sehen, es zeigt die geglückte Reise des weitergekommenen Seins.

Mit offenen, geschmeidigen Bewegungen punktiert er den Raum, zum Teil mit fernöstlich geprägten Kampfformen, die er mit ästhetischer Leichtigkeit wieder auflöst. Seine Produktion überrascht mit Pas-de-deux und Solo Kombinationen die nicht wie sonst üblich in Konkurrenz ausgetragen werden, sondern persönliche Eigenständigkeit und Charakter beweisen. Tänzerisch, lassen sie den Zuschauer in eine Traumwelt sinken, die das Tor zur Schönheit des modernen Tanzes öffnet.

Daß der gelernte Zimmermann klare Vorstellungen hat wie Bühne, Licht und Organisation zusammenspielt, beweist er auch durch die jiddisch gewählte Musik, das dezente aber ausdrucksstarke Ausleuchten der Bühne und den vier asketisch im Raum stehenden und schwebenden Säulen. Somit lässt er dem Zuschauer Raum, symbolische Gedankenwelten entstehen zu lassen, getragen von den am Boden stehenden Tempelsäulen, „Jachin“, (er lässt feststehen) und „Booz“ (In ihm ist Kraft) und den beiden schwebenden Feuer- und Wolkensäulen die das Volk Israel durch die Wüste führten. Zumindest hat Marcel Leemann sein Quintett innerhalb einer Woche Trainingszeit nach Luzern geführt und das verdient Respekt für diese tänzerisch anspruchsvolle Produktion. Aus Leemann’s Mitte wird sicher ein Schmetterling geboren werden und man darf gespannt sein, was er 2001 in Bern zeigen wird.