afrika

Reichtum, Armut, Krieg – Demokratische Republik Kongo

Dr. Alexander von Paleske — 2.1. 2008 — Es gibt nur sehr wenige Länder, die derart mit natürlichen Reichtümern gesegnet sind, wo gleichwohl dieser Reichtum nicht zu einem gesteigerten Reichtum der Bevölkerung und verbesserter Infrastruktur, sondern nur zu größerer Armut, Kriegen und Misswirtschaft führte, wie die Demokratische Republik Kongo, die bis zum Jahr 1960 eine belgische Kolonie war. Belgier nannten den Reichtum an Rohstoffen einen „geologischen Skandal“.

Das Land besitzt 80 Prozent der weltweiten Coltan (Columbo-Tantalite) Reserven, ein Material, das in der Herstellung von Handys und Laptops gebraucht wird und dank seiner Korrosionsbeständigkeit und Hitzebeständigkeit verwendet wird.

Es hat enorme Kupfervorkommen. Im Jahr 1978 wurden 500.000 Tonnen pro Jahr gefördert, bevor – auch bedingt durch den damaligen Verfall der Kupferpreise – die Produktion auf 30.000 Tonnen absackte. Dann gibt es dort noch Gold und jede Menge Uran. Das Kongo-Uran wurde nebenbei auch bei der Produktion der ersten Atombomben, die über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, genutzt. Aber auch Diamanten sind im Kongo im Überfluss vorhanden, ebenso wie Kobalt, es hat die größten Kobaltvorkommen der Welt, hinzu kommen, Silber, Cadmium, Schwefel, Germanium und Erdöl. Die Preise für alle diese Rohstoffe sind in den letzten Jahren in die Höhe geschossen. Und nicht zu vergessen: Die unermesslichen Tropenhölzer und das hydroelektrische Potential.

Dem Land müsste es also gutgehen, ähnlich wie Botswana, wo die Reichtümer an Diamanten zu einer exzellenten Infrastruktur geführt haben. Das Gegenteil ist jedoch der Fall.

Armut für die Vielen, Reichtum nur für sehr Wenige
Um dies zu verstehen, müssen wir einige Jahrzehnte zurückgehen. Die Geschichte des Belgisch-Kongo, wie er nach der Berliner Afrika-Aufteilungskonferenz von 1885 genannt wurde, war zunächst eine Privatkolonie des belgischen Königs, was zur Folge hatte, dass die Bevölkerung unter den schlimmsten kolonialen Verhältnissen zu leiden hatte. Kautschuk für die aufkommende Reifenindustrie wurde angebaut, und wer nicht auf die Kautschukplantagen wollte, dem hackte eine Privatarmee, die sich „Force Public“ nannte, kurzerhand die Gliedmaßen ab.

Zwischen 5 und 15 Millionen Einwohner verlor in der Zeit 1877 bis 1908 das Leben – bis schließlich der belgische Staat die Kolonie übernahm. Joseph Conrads Novelle „Herz der Finsternis“ schildert die Zustände in dieser grauenvollen Periode.

Im Jahr 1960 wurde Belgisch-Kongo unabhängig, eine nennenswerte Infrastruktur existierte nicht, ebenso fehlte eine ausreichende Zahl an einheimischen Spezialisten.

Aber Belgien entließ den Kongo in eine Scheinunabhängigkeit, denn sofort sagte sich die reiche Bergbauprovinz Katanga, das Rückgrat der Wirtschaft, unter Moise Tshombe von der Zentralregierung in dem damaligen Leopoldville, dem heutigen Kinshasa los, im Hintergrund die belgische Union Minere, die riesige Schürfrechte in der Bergbauprovinz Katanga besaß und deren Marionette Tshombe war.

Der erste Ministerpräsident Patrice Lumumba, der eine Nationalisierung der Minen anstrebte, wurde 1961 an seinen Rivalen Tshombe ausgeliefert und von dessen Soldaten unter Aufsicht von belgischer Geheimdienstoffizieren ermordet.

Mobutus Diktatur
Was sich danach abspielte war ein inszeniertes Chaos, bis schließlich Mobuto mit Unterstützung des CIA putschte und eine Diktatur errichtete, gekennzeichnet durch Desinteresse, die Ressourcen für die Entwicklung des Landes zu nutzen, stattdessen die Einnahmen auf Schweizer Bankkonten deponierte. Mehrere Milliarden US-Dollar, man spricht von 4 Milliarden, hatte er dort im Laufe der Jahre angesammelt, nicht zu vergessen das „Versailles im Urwald“ namens Gbadolite, seinem Heimatdorf, wo er einen zweiten Regierungssitz mit allem Drum und Dran baute, einschließlich mehrerer Paläste, einem internationalen Flughafen und einem Staudamm zur Elektrizitätsversorgung. Ein Projekt, ohne jeglichen Nutzen für das Land, das etliche Millionen Dollar verschlang.

Unterstützt wurde Mobutu, der einen stramm antikommunistischen Kurs fuhr – trotz all der von ihm verübten Verbrechen, der permanenten Missachtung der Menschenrechte, der Misswirtschaft und der allgegenwärtigen Korruption -, von westlichen Ländern wie den USA, Frankreich, Großbritannien, Belgien aber auch der Bundesrepublik Deutschland. Die sahen in ihm einen „Stabilitätsfaktor“ im postkolonialen Afrika, wo bis dato Nationalisten und Panafrikanisten wie Kwame Nkrumah aus Ghana, Yomo Kenyatta aus Kenia und Sekou Toure aus Guinea das Wort geführt hatten.

Exit Mobuto
Als dann der Ost-West-Konflikt vorbei war, konnte man den alternden Mobutu fallen lassen, und ein neuer Mann wurde auf das Schild gehoben: Laurent Kabila. Der hatte im Osten des Landes über 30 Jahre ein bisschen auf Opposition gemacht, hielt sich aber häufig in Rotlichtbezirken, z.B. in der tansanischen Hauptstadt Dar-es-Salaam, auf, so dass der legendäre Che Guevara nach seinem afrikanischen Revolutionsversuch im Jahr 1965 nur Verachtung für diesen Gelegenheitsrevolutionär übrig hatte. 1996 marschierte er, mit Unterstützung Ugandas und Ruandas nach Kinshasa.

Es war Nelson Mandela, der auf einem südafrikanischen Kriegsschiff vor der Küste Angolas wartend Kabila und Mobuto zusammenbrachte, und einen Ausstieg Mobutos ohne Blutvergießen aushandelte.

Zur Massenarmut der Krieg
Was nicht bekannt war, das waren Versprechungen Kabilas an seine Verbündeten Ruanda und Uganda, die Grenzen im Osten nach dem Verjagen von Mobuto neu zu ziehen. Insbesondere Ruandas Präsident Paul Kagame wollte sich Teile der Ostprovinz aneignen, und zwar einerseits, um eine Rohstoffbasis für seine rohstoffarme Republik zu gewinnen, und anderseits, um die Tutsis, die aus der dem Kongo nach Ruanda geflohen waren, dort wieder anzusiedeln – verbunden mit dem Vertreiben der dortigen Hutus, samt der Hutu-Flüchtlinge aus Ruanda, größtenteils der Interahamwe angehörend und für den Genozid in Ruanada verantwortlich.

Aber Paul Kagame sollte sich täuschen: Kabila dachte gar nicht daran, diese Versprechungen, deren Einlösung ihn im Übrigen zu einem Verräter seines Landes gemacht hätte, zu erfüllen. Stattdessen warf er die ugandischen und ruandischen Soldaten aus dem Land. Uganda und Ruanda schickten nun ihre Soldaten in den Kongo; inoffiziell sozusagen, um angebliche Rebellennester zu eleminieren.

Und so begann im Jahr 1998 der zweite Kongokrieg, ruandische und ugandische Söldner standen kurz vor den Toren Kinshasas, mehr als 1500 Kilometer von der eigenen Grenze entfernt, nicht um Rebellennester zu zerstören, sondern um Kabila zu verjagen, der aber sicherte sich die Unterstützung Zimbabwes, Angolas und Namibias. Deren Truppen warfen die Invasionstruppen zurück in den Osten. Kabila versäumte es nicht die Hutus auch zum Kampf gegen die Invasionstruppen zu ermutigen, obgleich quasi Hunderttausende von ihnen bei seinem Marsch auf Kinshasa 1996 ermordet waren.

Der Krieg ging weiter und kostete schließlich rund 4 Millionen Menschen das Leben, mehr als der erste Weltkrieg an Opfern gefordert hatte. Kabila wurde im Jahr 2001 ermordet, sein Sohn Joseph der Nachfolger.

Ein bisschen Frieden
Unter Vermittlung des ehemaligen Staatspräsidenten Botswanas, Sir Ketumile Masire, wurde dann im Jahr 2003 in Sun City/Südafrika ein Frieden ausgehandelt. Ruanda und Uganda zogen sich zurück, nachdem sie über die Kriegsjahre die Rohstoffe des Ostens der Demokratischen Republik Kongo geplündert hatten; nämlich Diamanten, Coltan Gold und Tropenhölzer, wie ein UN-Bericht im Jahre 2002 feststellte.

Ruanda und Uganda konnten diesen Krieg nur führen, weil sie massive Unterstützung seitens Großbritanniens und der USA erhielten – logistisch, militärisch und finanziell – während Frankreich die Regierung Kabila unterstützte. Insoweit war auch dieser Krieg in gewisser Weise ein Stellvertreterkrieg.

Der Krieg geht weiter
Der Rest ist bekannt, Kabila wurde als Staatspräsident gewählt, die UN hat eine Friedenstruppe dort und gleichwohl geht der Krieg im Osten der DRC auf kleinerer Flamme weiter, was das Elend nicht kleiner macht. Zehntausende sind auf der Flucht, Tausende gestorben, die UN-Friedenstruppe unfähig, die marodierenden Milizen, insbesondere die des Generals Nkunda, der auf die Befehle von Ruanda hört, zu entwaffnen. Tötungen und Vergewaltigungen sind alltäglich dort.

Dabei verfolgt Nkunda weiter das Ziel Ruandas, im Osten der DRC einen Tutsistaat zu schaffen. Die Plünderung der Ressourcen dort, vor allem Coltan, gehört zum Tagesgeschäft. Die lokale Hutu-Bevölkerung wird gezwungen, nach dem Rohstoff zu buddeln, „Sklaverei“ ist ein anderes Wort dafür. Dies ist aber nur die eine Seite.

Die andere Seite sind die ausländischen Konzerne groß und klein, samt den ins Land gekommenen oder gerufenen Soldaten, die sich der Ausbeutung der Bodenschätze widmeten und widmen, ohne dass die Bevölkerung in irgendeiner Weise davon profitierte. Und nun ist ein weiterer Interessent auf den Plan getreten, die Volksrepublik China, die gerade mit der Regierung Kabila umfassende Schürfrechte aushandelte. Im Gegenzug soll die Infrastruktur aufgebaut werden: Eisenbahn, Straßen, Krankenhäuser, Schulen. Ein besserer Deal oder nur eine andere Form der Plünderung? Time will tell.

In einem weiteren Artikel werde ich mich ausführlich mit den dort tätigen Konzernen beschäftigen.

Die Kongo-Plünderer
Gletscher, Safari und Zyanid – Barricks-Gold
Ugandas Ölfunde: Söldner fördern es, die Amerikaner kaufen es.
Viktor Bout, Afrikas “Merchant of Death”
Global Player –
Ex-Drogenhändler Robert Friedland und seine Spießgesellen

Global Player –
Robert Friedland in Guayana und auf den Spuren von Dschingis Khan

deutschland

Erdbeben in Hamburg – Lärmschutz für A7-Anwohner in Gefahr

onlineredaktion – Das Teilstück der Bundesautobahn zwischen Othmarschen und dem Dreieck Hamburg-Nordwest, der A7, soll überbaut werden. Ziel ist ein Lärmschutz für Anwohner, ein „Deckel“, der aus der Autobahn in diesem Bereich einen 400 Millionen teuren Tunnel machen soll. Doch ohne Zusage vom Bundesverkehrsministerium für die Gesamtkosten wird es keine Bauarbeiten geben können. Die BILD-Zeitung zitierte einen Ministeriumssprecher: „Es gibt keine politische Zusage über 250 Millionen Euro hinaus.“

Noch nicht, oder nie?

Stadtentwicklungssenator Axel Gedaschko (CDU bleibt stur: „Es gibt kein Wenn und Aber. Die Planungen werden so durchgeführt, wie es erforderlich ist“, sagte er dem Hamburger Abendblatt und fügte hinzu, das Gutachten der DEGES (Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH) habe erwiesen, nur mit dem Bau des Deckels sei der gesetzlich erforderliche Lärmschutz gewährleistet. Gedaschko: „Einen förmlichen Beschluss des Bundes über die Finanzierung wird es niemals geben.“

Wie? Keine Zusage für die Kostenübernahme? Mauscheleien im großen Stil?

Gedaschko: „Wir haben jetzt den Auftrag, das Planfeststellungsverfahren einzuleiten. Das machen wir.“ Im Rahmen eines sogenannten „Gesehenvermerks“ würden die Planungen dann vom Bund abgezeichnet, sagte er.

Doch Mauscheleien hin und her, der STERN schreibt, genau der Bereich der Autobahn, der überdeckelt werden soll, sei gefährdet. Im Untergrund lauere die Gefahr. Dort, vom Elbufer entlang der A7 türme sich tief unter der Piste ein riesiges Salzgebirge auf, Tausende Meter hoch und steiler als die Alpen. Laut Geologie-Professor Claus-Dieter Reuther von der Universität Hamburg und seinem Team bestünde die Gefahr darin, dass Sicherwasser in das teilweise nur wenige Meter unter der Erde liegende Material Höhlen waschen könnte. Die Folge: Bodenabsackungen und sogar kleine Erdbeben.

Und nun wissen die Hamburger, weshalb ihnen manchmal die Füße zitterten. Es waren nicht ihre Füße, es waren mehrfach kleine Erdbeben.

Angeblich seien die Erschütterungen zu schwach, um Gebäude ernsthaft zu gefährden. Ärgerlich für Hausbesitzer und Bewohner aber sind sicherlich Risse, die sich in Hauswänden nach einem Erdbeben bilden. Kritisch wird es aber für Straßen und besonders für die Autobahn. Georisiken-Experte Reuther befürchtet Auswirkungen auf die Infrastruktur.

Schlimmer noch könnte es kommen, wenn der gefährdete Autobahnbereich ohne Berücksichtigung der Erdbebengefahr überbaut wird. Amtsleiterin Renate Taugs vom Geologische Landesamt gab zu, man wisse gegenwärtig noch nicht wie die Oberfläche der Formation genau aussieht.

Gibt es neue Erkenntnisse der Wissenschaftler über das betreffende Gebiet, sollen diese in Risikokataster für Behörden und Bauherren einfließen. Es sei klar, meint Jürgen Ehlers, Geologe des Hamburger Landesamts, in einem Erdfallgebiet würde er lieber nicht bauen.

terror

Förderte die CIA Wahlmanipulation in Pakistan?

onlineredaktion – Als oberstes Ziel für MK ULTRA gilt laut CIA immer noch die „Vorhersage, Steuerung und Kontrolle des menschlichen Verhaltens”. Die CIA hatte stets ein Interesse daran, fremde Herrscher manipulieren zu können. Daran scheint sich, auch nach Aufdeckung des geheimen CIA-Forschungsprogramms – über Möglichkeiten der Bewusstseinskontrolle – nichts geändert zu haben. Aus dem Forschungsprogramm scheint eine aktiv genutzte Waffe geworden zu sein.

Die „Times“ berichtet nun von Zusammenhängen des pakistanischen Geheimdienstes, der in Islamabad ein Versteck unterhalte, von dem aus die Wahl zugunsten der Muslimliga, Präsident Musharraf unterstützt, manipuliert werden sollte. Das Haus, in dem sich die Agenten eingerichtet haben und das im Innenstadtbereich stehen soll, werde mit Geldern aus den USA finanziert. Auch von Korruption ist die Rede. Seit 2001 seien mindestens zehn Milliarden Dollar aus den USA ins Land geflossen. Ursprünglich sollten damit die pakistanische Armee im gegen den Terror unterstützt werden, Teile seien jedoch laut Bhuttos Bericht für andere Zwecke verwendet worden, diverse Privatleute hätten sich damit bereichert.

Die pakistanische Regierung dementierte die Vorwürfe inzwischen. Für morgen kündigte Präsident Pervez Musharraf eine Rede an die Nation an. Sein Sprecher machte über den Inhalt der Rede keine Angaben. Nun, wir werden ja vielleicht erleben, wie weit er noch die Kontrolle über sich und seinem Land hat.

terror

Pakistan – MK ULTRA schuld an Ermordung Bhuttos?

onlineredaktion – Fünf Tage vor dem Attentat auf Benazir Bhutto fiel unserem französischem Kollegen Marcel-Franz Paulé auf, dass Anschläge in Saudi-Arabien und Pakistan auf die CIA-Killer-Organisation „MK ULTRA“ hindeuten.

Nun wurde bekannt, dass Benazir Bhutto am Tag des Attentats eine Pressekonferenz geplant hatte, bei der sie einen Komplott des Geheimdienstes und der Wahlkommission aufdecken wollte.

Wie Senator Latif Khosa von der Pakistanischen Volkspartei (PPP) heute bekannt gab, habe der Mord diese Enthüllungen verhindert. Bhutto wollte u.a. auch zwei US-Parlamentariern, die sich am Tag ihrer Ermordung in Pakistan aufhielten, ein 160-Seiten-Dokument, in dem der Komplott im Detail geschildert wird, überreichen. Die Namen der US-Abgeordneten nannte Khosa (mutmaßlich, um sie vor MK ULTRA zu schützen) nicht.

Associated Press (AP) verbreitete die Meldung, demnach Benazir Bhutto von den USA über „Bedrohungen“ informiert wurde. Man habe sie ständig mit Geheimdienstinformationen versorgt, soll ein so US-Beamter zu AP gesagt haben. Bhuttos Berater seien über Möglichkeiten zur Erhöhung ihrer Sicherheit unterrichtet worden, doch niemand habe die Vorschläge gewürdigt. Auch beim Mord an Oluf Palme am 28. Februar 1986 in Stockholm hatte es solche Warnungen von US-amerikanischer Seite gegeben. Palme soll sogar seine Leibwächter fortgeschickt haben…

Wahlen in Pakistan am 8. Januar „unmöglich“
Ein Sprecher der Wahlkommission sagte heute in Pakistan, die für den 8. Januar geplante Parlamentswahl könne „unmöglich“ abgehalten werden, aber morgen solle eine endgültige Entscheidung darüber gefällt werden. Generell stünde die Verschiebung der Wahl schon fest, doch die Kommission wolle zuvor noch mit den Parteien sprechen.

Die Pakistanische Volkspartei (PPP) der ermordeten Benazir Bhutto hat ihre Teilnahme an dem Urnengang zugesagt, sprach sich aber gegen eine Verschiebung des Wahltermins aus. Mitglieder der Partei von Präsident Pervez Musharraf hatten schon am Montag gesagt, die Wahl werde um bis zu zwei Monate verschoben.

Posthum irischer Friedenspreis für Benazir Bhutto
Der irische Tipperary-Friedenspreis geht nun posthum an die am vergangenen Donnerstag bei einem Anschlag getötete pakistanische Oppositionsführerin Benazir Bhutto. Die Findungskommission teilte heute mit, mit der Vergabe solle ihr „mutiger“ Einsatz für Demokratie und Versöhnung gewürdigt werden: „Frau Bhutto hat ihre Kämpfe mittels Dialog und politischer Debatte geführt und war ein Beispiel für alle, die nicht Terrorismus nutzen oder vor ihm kapitulieren wollen.“
Die Auszeichnung solle die Menschen in Pakistan inspirieren, die sich ebenfalls für Demokratie und Versöhnung einsetzten. Seit 1984 werden mit dem Tipperary-Preis Menschen ausgezeichnet, die sich in Irland und im Ausland für den Frieden engagieren. Frühere Preisträger sind u.a. Nelson Mandela, Michail Gorbatschow, Bill Clinton und der Organisator der Live-Aid-Konzerte Bob Geldorf. Die offizielle Preisverleihung ist für April vorgesehen.

Mörder von Benazir Bhutto: Wohl eher „James Bond“ als Al-Kaida
MK ULTRA – CIA-Terror in Saudi-Arabien und Pakistan?

spionage

Fall 2002: CIA Operation in Athens Frames Iraqi Security Officials in Arms Bust

Cooperativeresearch – In Athens, a number of Iraqi security officials get snagged in an arms bust arranged by the CIA. The CIA made it appear as though the Iraqis were buying guns for terrorists. The operation was part of an effort by the CIA’s Iraq Operations Group to exacerbate the tension between the US and Saddam Hussein in the lead-up to war with Iraq.

CIA Officials Discuss Plans for Sabotage in Iraq at Secret Meeting in London
CIA station chiefs from all over the Middle East meet at the United States Embassy in London for a secret conference. Deputy Director for Operations James Pavitt has called the meeting because certain people in the CIA are disappointed with a lack of action in the field on Iraq-related tasks. John Maquire of the Iraqi Operations Group has repeatedly criticized field operatives for being too timid. [Isikoff and Corn, 2006, pp. 161] “After several worldwide cables from IOG [Iraqi Operations Group], the Near East front office, and the DDO’s office, we found little movement in the field on the Iraq issue.…

This lack of movement on the Iraq target triggered the call by the ADDO [the assistant deputy director of operations] for the London meeting,” an official from the CIA’s Iraqi Operations Group (IOG) later tells author James Risen. The problem is that many CIA officers, especially those in the Near East division, simply do not support the administration’s plan to invade Iraq. So one of the meeting’s objectives is to get everyone on board. The IOG official explains: “We kept saying that the president has decided we are going to war, and if you don’t like it, quit.”

During the meeting, the officials say that the agency is interested in developing a plan for sabotage that will undermine the Iraqi regime. The chief of the IOG describes a plan to prevent the shipment of goods to Saddam Hussein and his family with the hope that it might cause Hussein to become paranoid and distrustful of those around him. One young station chief suggests sinking a ferry that imports these goods into Iraq from neighboring Arab countries.

An IOG official present at the meeting will later tell Risen that this plan is dismissed because the vessel also transports passengers. But two station chiefs tell Risen that they left the meeting with the impression that IOG officials were open to the plan. Risen also reports in his book that another plan for sabotage was to equip “low-level Iraqi agents with special spring-loaded darts that they could use to destroy the windshields of cars owned by members of the Iraqi regime. Large supplies of the darts were later delivered to forward CIA stations, but nothing was ever done with them.”

terror

Mörder von Benazir Bhutto: Wohl eher „James Bond“ als Al-Kaida

World Content News – Sieht so ein „Gotteskrieger“ aus? Ok, man kann sich zur Tarnung ja allerhand einfallen lassen, dieser Sunnyboy aber, der auf diesem Bild mit der Pistole auf Bhutto zielt, sieht so aus als wäre er dem westlichen Lebensstil nicht sonderlich abgeneigt. Typische Szene aus einem Agenten-Film könnte man meinen. Leider zeigt es die traurige Wahrheit, wie mit diesem Anschlag ein Land ins Chaos gestürzt wird.

Bhutto-Killer2
Der mutmaßliche Attentäter in Aktion.
© Dawn News
© Dieses Foto wurde von „Nachrichten Heute“ aufbereitet, störendes elektronisches Rauschen und NTSC-Kompressionsartefakte unterdrückt

Ob der Mörder aus dem Ausland kam oder einer von Musharrafs Elite-Killern ist lässt sich derzeit nicht sagen. Dass der Mord dagegen niemals aufgeklärt werden wird, wie viele Medien bereits jetzt spekulieren, ist doch ein wenig vorschnell.

Bush dürfte jedenfalls die Gunst der Stunde nutzen und im Januar ein kleineres Armee-Kontingent nach Pakistan schicken, was bisher von Musharraf strikt abgelehnt wurde. Dies wird wiederum nicht ohne Einfluss auf die US-Präsidentschaftswahl bleiben. Die Demokraten hatten bereits vor der Ermordung Bhuttos ähnliche Vorstellungen, wie erst jetzt bekannt wurde:

The United States should redeploy troops from Iraq, allowing the military to focus on terrorist threats in Pakistan and Afghanistan, New York Rep. Kirsten Gillibrand said Saturday.(Fox News)

Dass die derzeitigen Unruhen bald wieder abflauen werden ist abzusehen. Dann sind alle zufriedengestellt: Al-Kaida und Musharraf haben eine Erzfeindin weniger, die US-Regierung kann ihrer Bevölkerung vorgaukeln, mit Hilfe der Boys im Lande wird es zu keinem Atomwaffen-Vagabundismus kommen. Auf der Strecke geblieben ist eine Frau, die ihr Leben für die Demokratie in Pakistan hergab.

Aktuelle News:
Bushs Musharraf-Strategie bricht zusammen
(Spiegel Online, 30.12.2007)
Pakistan’s Hand Of Death (New York Post, 30.12.2007)
Analysis: Pakistan can survive latest chaos (Manila Times, 30.12.2007)
‚Take US Iraq troops to Pakistan‘ (presstv.ir, 30.12.2007)
Hillary: Pakistan troops might have killed Bhutto
(newsday.com, 30.12.2007)
U.S. Troops to Head to Pakistan (Washington Post, 26.12.2007)
Bhuttos 19-jähriger Sohn ist neuer PPP-Chef
(nachrichten.at, 30.12.2007)
Geisterstadt Karatschi „Und schon geht das Gemetzel los“
(Spiegel Online, 30.12.2007)

Dieser Artikel erschien erstmalig bei World Content News

MK ULTRA – CIA-Terror in Saudi-Arabien und Pakistan?

afrika

DAILY NATION: „Raila also declared ‚president‘ „

In the previous article our author Harald Haack has linked to this article in the Daily Nation. But the link unfortunately at the moment is out of order. Because shortly after Nairobi major daily newspaper Daily Nation had this report was published on the Internet, broke the web. Apparently in Kenya by the government is the telephone network cutted down. Therefore, we are publishing the report of our Kenyan colleagues of the Daily Nation and hope for his permission..

DAILY NATION – ODM leader Raila Odinga Sunday declared that Kenyans had elected him the President of Kenya just moments before the Electoral Commission released the final results.

However, the results announced by the commission’s chairman showed that President Kibaki had emerged the winner. Mr Odinga had earlier asked the President to concede defeat.

He told an international news conference at ODM’s Pentagon offices: “The people know that they voted to reject the incumbent and put in place a President and a Government they have faith in. That is why they have elected me President.”


Pastor Joseph Odima (left) with Hon. Raila (centre) and Arch Bishop Deya (right)
© misterseed.com

However, he appealed for national calm, telling ODM supporters not to cause any chaos or destroy property.

He demanded that all presidential ballots be brought to Nairobi for a public recount under the full glare of the media and observers.

Deeply disturbed
Mr Odinga added: “Kenyans are deeply disturbed and angered by the attempt of this Government to steal this election through a process that was fraudulent at every step of the way.” He said he was not going to accept a Kibaki win when the results from all parts of Kenya did not give him the mandate.

“I cannot and would not accept a Kibaki win; the results are there, if I had lost I would have accepted, this is fait accompli (over),” Mr Odinga said.

However, he said he was not declaring himself the President. “I am not trying to do an Abiola in Kenya… I hope some sanity will prevail,” he added amidst a rare laughter in the tense media conference.

He was referring to an incident in which former Nigerian President Moshood Abiola declared himself President.

And he warned: “If they go ahead and declare Kibaki the winner, the consequences are too grave to contemplate … look at Ivory Coast one of the most successful countries in West Africa … we want to remain peaceful, prosperous and democratic.”

The Langata MP-elect challenged President Kibaki to be a statesman “the way he has always claimed” by conceding defeat, saying his Government had lost legitimacy and could not govern.
He talked of massive rigging in some regions, saying that even with the rigged results, ODM tallies from all 210 stations showed that he was ahead of President Kibaki by about 200,000 votes.
However, he said, the real result would have him leading by over 500,000 votes.

He said some ECK officials who were dissatisfied with the election had provided them with information that figures in some of President Kibaki’s strongholds were being inflated so that he could emerge the winner.

Mr Odinga argued that if the genuine results in the remaining 19 constituencies were computed President Kibaki would get 268,530 while he got 318,491, leaving him a winner with about 200,000 votes.

“Despite this deeply flawed process, the result of the presidential vote was still in our favour,” Mr Odinga added. He said the results were being altered at the ECK offices at the Kenyatta International Conference Centre.

Tight race
Mr Odinga wondered how President Kibaki was going to rule on basis of results from two regions.

The candidate, locked in a tight race with the incumbent, spoke as the nation awaited the outcome of an overnight audit of presidential votes from all the 210 constituencies by the Electoral Commission.

Mr Odinga said the commissioners were under pressure to declare rigged results, but he appealed to them to consult their conscience and not to let Kenyans down.

“It is not true that Mr Kivuitu has no option. He can resign if his conscience tells him he is being forced to declare wrong results,” he said.

Mr Odinga said Kenya was bigger than any single individual and asked for calm and patience nationwide as the electoral process moved on.

He said President Kibaki’s Government had suffered serious defeat in the polls, losing 20 ministers and no longer had the legitimacy to govern.

Kenia – Demokratie auf kibakisch

I want to go on living in Kenya
Noch mehr Blutvergießen in Kenia – Ankündigung des brutalen Volksaufstandes

afrika

I want to go on living in Kenya

Mildred Ngesa – I want to stay here in Kenya. Yes, I want to stay, even though every part of me is telling me that I probably shouldn’t. On the way to the office Sunday, the ghost of a deserted city centre was mocking me with every step I took. It was the ghost of past events which appeared to suggest that all was not well in this country — that all might not be well for a long time. Empty streets. One or two pedestrians strolling towards uncertainty as they braved the chilling silence in the city.

And on lamp posts, walls and buildings were posters of politicians, they in whose hands the fate of a Kenya remains. It is Monday, the 31st. The very last day of the year 2007. I had planned to write something invigorating and uplifting, something full of cheer. Something warm to celebrate the end of an eventful year. However, the events of the past four days have shifted my focus because the fate of Kenya hangs in the balance.

On Saturday, it all dawned on me, just how dangerously we were treading on the throes of violence. A friend’s brother knocked on my door in the evening. He was accompanied by his wife and a two-year-old child.

They were seeking refuge, fearing that violence would erupt in Kawangware slums. They did not even bring with them basic belongings after rowdy crowds spilled into the streets to protest over delayed results.

As I fumbled for provisions to make the family comfortable, I wondered to myself: is this really what we are coming to? Does it really have to be this bad?

On television, the images from across the country were not encouraging either. So much anger and anxiety! So much hatred and resentment! So much pent-up fury! What has happened to us my brothers? Just when did the rain begin to beat us so hard? In so short a time, the country has been transformed into a potential time-bomb just waiting to burst at the seams. I am not sure what will happen tonight. I don’t even know if we shall wake-up to bask in the sunlight tomorrow. But if you are reading this and feeling the way I am, then you will agree with me it is just not worth fighting for.

Still I am angry with politicians who have been sending out insincere messages of peace and tranquillity. Some of them have failed to put the well-being of the country ahead of everything else.

Now I know for sure and I have been convinced beyond doubt that the problem is never really with us the voters. It is not with you and me who woke up on the morning of Thursday the 27th to line-up and cast our vote.

Greedy for power

The problem is and has always been with those at the top, those hungry and greedy for power, and those with the responsibility to decide for the rest of the millions of Kenyans. The problem has always been with those already in power and those scrambling for it.

We were tribe-less on that early morning queue on voting day. We all braved the chill to stand up and be counted in a major historic event. We met in the queue — strangers from different parts of this nation. For over five hours, while moving along slowly and in orderly and patient manner, we became friends of the moment, chatting and joking among ourselves about this and that.

The discussions were wide and vast, bordering on family, careers and other life issues. We laughed as we waited. We knew why we were there, surprisingly none of us got into the nitty-gritty of the political tempo that was the undeniable reason for our meeting.

We did not need to. We had exhausted that in months of campaigns countrywide. It did not matter then that we had dissenting views on who our favourite candidates were. We knew that. It just did not matter. At the end of it, we gave each other the thumbs-up, wishing each other well as we entered the voting booth. There was no fight, no scuffle.

This is one of the reasons why I want to remain in this county even as it seems like an un-attractive place to be in at the moment. Kenyans are peaceful people.

They are calm and rational. They love their country. Trust me, they do. That is why even amidst all the melee and pockets of violence reported across the country, Kenyans still want to see and experience the best of positivism that can come out of an anxious situation.

Today, despite the uneasy calm in the city, I caught myself staring into the eyes of strangers so that I could catch a glimpse of their souls.

Something profound
Eyes do not lie. Believe me when I say that what I saw in the eyes of the strangers was something profound. It was something peaceful and calm. And that, ladies and gentlemen, is the reason I want to stay here.

Bhutto is dead but her ideals live on
They just had to kill her! Benazir Bhutto had emerged as the champion of the poor.

She had been warned not to return to Pakistan from exile but she still chose to do just that. An attempt was made to assassinate her once. She was put under house arrest, but she still defied the order, saying someone has to speak for her people and that democracy has to be restored. I salute her because the suicide bomber has only managed to create a heroine out of Bhutto. She may or may not have won the elections that were coming up in early January, but she had stood out as a strong leader for her people.

I wonder how many leaders in Kenya now would be ready to die for their country, for the sake of democracy.

Our leaders may have been pre-occupied with the elections when the heroine passed on, but I hope they will look back at this woman and understand what it takes to be a leader and a selfless one at that.

The fact that she was a woman makes it much more significant with the likes of Mary Robinson, former Ireland’s president, having led the way in putting compassion into leadership. Robinson was known for doing rather than politicking.

She went from president to UN human rights commissioner and then quit before her second term expired. Some would say her departure from the UN was both unfortunate and predictable. Predictable because she didn’t know how to do politics. But before she left, she “put human rights on the map”.

Before taking over the mantle as Ireland’s chief executive, Robinson revealed herself to be tenacious and a fearless defender of human rights, championing women’s rights and campaigning for the liberalisation of Ireland’s laws.

Later as Ireland’s president (1990-1997), she achieved international standing by injecting compassion into politics. Among other things, she visited famine-ravaged Somalia and post-genocide Rwanda at a time when the big men of the world were pointing fingers at each other on why they never intervened on time.

Indeed, Bhutto will be remembered for trying to bring back sanity to Pakistan. She was seen by many supporters as compassionate and the only hope for her troubled country. She is indeed a heroine. May her death not be in vain.

What will Western journalists say about our country now?
Who can forget 2002? Not even the rest of the world who were so thoroughly impressed by the overwhelming maturity displayed by Kenyans. I recall that year with nostalgia.

I doubt that the same can be said of the events of the past weeks. Sadly, it is the same Western sceptics bent on portraying Africa negatively who are now sniggering and sneering. They predicted that our “democracy romance” of 2002 would be short-lived, that Africans are notorious for having a penchant to fight each other at the slightest provocation.

In the last few weeks, the country has been awash with scores of foreign observers and international journalists. What they report about Kenya makes me shudder because I know how skewed Western reporting on Africa can be.

But while they are still at it, in all fairness, I hope they appreciate too the manner by which ordinary Kenyans have become politically mature, enlightened about their rights and vigilant about the power of the vote.

It was clear during the campaigns that people had become issue-oriented and were demanding accountability from their leaders. This time round, those who turned up at the polls were not merely adding up to the long queues.

They were aware of what casting a single vote means in determining the tides of leadership.

Lest the West forgets, this is an undeniable achievement, which should not be overlooked.

After all, what is democracy if the people themselves do not acknowledge their stake at the polls?

© First published by Daily Nation, today

Noch mehr Blutvergießen in Kenia – Ankündigung des brutalen Volksaufstandes

europa

Festung Europa – „Leaving is not always living“

Die Festung Europa wird mit allen Mitteln verteidigt – direkt an den Grenzen und seit neuestem sogar in den Ländern aus denen die Flüchtlinge stammen: Ein legitimer Abschreckungsversuch?

Michael Schulze von Glaßer – Ein Regenschauer mit Blitz und Donner zieht über die Stadt. Ein junger Mann steht in einer Telefonzelle und wählt eine Nummer. Am anderen Ende der Leitung klingelt ein Telefon. Ein älterer Mann mit weißem Bart liest gerade Zeitung. Er sitzt auf einem schwarzen Sofa in einem gemütlich aussehenden Raum, ein Bild hängt an der Wand, darunter auf einem kleinen Beistelltisch neben dem klingelnden Telefon ein zweites mit dem Portrait des jungen Anrufers.

Der ältere Herr geht ans Telefon: „Hallo!“ klingt es aus dem Hörer. „Ich bin’s Christian“ – „Ah, Christian – wie geht es dir?“ erwidert der Mann, der offenbar der Vater des Anrufers ist. Christian geht es gut und auch auf die Frage des Vaters, ob er gut angekommen sei, antwortet der junge Mann „Ja – es gab keine Probleme bei der Reise“. Der junge Mann sagt, er wohne zusammen mit Freunden. „Verheimlichst du mir etwas?“ fragt der Vater – „Nein, wirklich nicht“, ist die Antwort darauf.

Er sei nur die ganze Zeit durch die Stadt gerannt und hatte einen stressigen Tag. „Hast du dich in der Uni eingeschrieben?“ – „Ja, habe ich…“. Christian fragt seinen Vater, ob es seinen Brüdern und Schwestern gut geht: „Ja, ihr Unterricht ist pünktlich gestartet“. Dem Vater geht es auch gut. Christian bittet seinen Vater noch alle von ihm zu grüßen, dann endet das Telefonat nach einer kurzen Verabschiedung.

Welch Harmonie! Was sich wie ein Telefonatmitschnitt aus der „Lindenstraße“ anhört, ist jedoch pure Abschreckung. Das Ganze ist eine fast zwei Minuten lange Fernsehwerbung – doch hier soll nicht für etwas geworben werden, sondern gegen etwas. Der junge Mann, der im Regen steht; ist kein „normaler“ Mensch, sondern soll einen illegal eingewanderten jungen Afrikaner darstellen. Auch der Vater am anderen Ende der Leitung sieht afrikanisch aus.

Die Harmonie wird spätestens durch die in dieser „Anti-Werbung“ gezeigten Bilder zerstört. Als der Vater seinen Sohn nach der Unterkunft fragt, und dieser behauptet mit Freunden zusammen zu leben, werden Obdachlose unter einer Brücke gezeigt. Christian hetzte auch nicht umsonst durch die Stadt, an dieser Stelle des Telefonats werden Jagdszenen gezeigt – Christian rannte scheinbar vor Polizisten weg. Der Höhepunkt: Anstatt, dass der junge Afrikaner studiert, bettelt er am Straßenrand mit einem kleinen Schild – „Aidez moi“ – „Helfen Sie mir“ – der ganze Film ist auf Französisch. Was das Ganze soll, wird im Abspann deutlich „Glauben Sie nicht alles was Sie hören – Ausreisen ist nicht immer leben – Internationale Organisation für Migration“.

Der Werbefilm soll Menschen aus der Dritten Welt, speziell aus Afrika, davor abschrecken in die Industrienationen einzuwandern – eine Kampagne der EU und der Schweiz, die das rund 250.000 Euro teure Projekt finanzieren. Neben dem Werbespot wird auch in Radios und auf Flyern dafür „geworben“, nicht in die Industrienationen einzuwandern. Der Fernsehwerbespot lief erst kürzlich in der Halbzeitpause des Fußballländerspieles der Herren-Nationalmannschaften Schweiz – Nigeria. Auch in Kamerun werben die EU und die Schweiz dafür, nicht in Europa einzuwandern – Verhandlungen mit dem Kongo wurden auch schon aufgenommen.

Es stellt sich die Frage ob es legitim ist, die Menschen aus den verarmten Ländern Afrikas davor zu warnen, dass für sie in den europäischen Industrienationen „Milch und Honig“ nicht fließen oder ob es einfach nur eine dreiste Kampagne gegen afrikanische Migranten ist. Zunächst sollte aber die Frage gestellt werden, was die „Macher“ dieser Kampagne eigentlich für ein Weltbild haben.

Die Idee für die Kampagne hatte Eduard Gnesa (55) vom Schweizer Bundesamt für Migration: „Die Flüchtlinge sollen sich keine falschen Vorstellungen machen von der Schweiz“, so Gnesa zu seiner Schockkampagne. Doch welche Vorstellung hat der Direktor des Bundesamtes von Afrika? Wäre das Thema nicht so ernst, könnte man meinen es handele sich bei dem Fernsehspot um eine Satire – die stilistischen Mittel wurden übertrieben auffällig verwendet.

Natürlich steht der arme Christian mitten in finsterer Nacht an der Telefonzelle im Regen und sein Vater daheim in einer behaglichen Wohnung. Warum ist Christian überhaupt ausgewandert, wenn sein Vater – dem Wohnraum und der Kleidung nach zu urteilen – zur reichen Oberschicht gehört? Auch an Hunger scheint der gut genährte Vater nicht zu leiden.

Ein weiterer Kritikpunkt: Um sich bei einer Universität bewerben zu können, bedarf es eines hohen Bildungsgrades, den die meisten Menschen aus den Ländern der Dritten Welt nicht erreichen können – es sei denn, sie kommen aus der kleinen aber reichen Oberschicht. Der Fernsehspot ist also höchst unrealistisch und wegen seiner peinlichen Fehler unglaubwürdig. Doch ist die Absicht der Kampagne – den Flüchtlingen zu zeigen, dass sie sich keine Falsche Hoffnung machen sollen – ebenso unglaubwürdig? Oder geht es schlicht um das eigene nationale Interesse der EU und der Schweiz keine weiteren Menschen mehr rein zu lassen?

Den meisten Migranten, die illegal in die EU oder die Schweiz einwandern, geht es sehr schlecht wie das Beispiel EU zeigt: Schon die Anreise gestaltet sich schwierig und endet nicht selten tödlich. Allein im Jahr 2006 sollen 6.000 Menschen, beim Versuch von Afrika aus mit einem Boot auf die zu Spanien gehörende Inselgruppe Kanaren zu gelangen, ums Leben gekommen sein. Rund 31.000 Menschen überlebten die gefährliche Reise in den wackeligen „Nussschalen“, die meist vom 1.300 Kilometer entfernten Senegal startet.

An der kanarischen beziehungsweise spanischen EU-Außengrenze wurden im Jahr 2006 rund 4.000 Flüchtlinge von den Behörden aus dem Meer gefischt und wieder in ihre Ursprungsländer zurück geschickt – oftmals wieder in den gefährlichen kleinen Booten, die nach der langen Fahrt meist in einem miserablen Zustand sind, ganz zu schweigen von fehlender Verpflegung und unmenschlichen Bedingungen an Bord der meist überfüllten Boote.

Es gibt auch Menschen, die sich für Flüchtlinge einsetzen: Am 24. November 2007 demonstrierten im nordrhein-westfälischen Neuss hunderte Menschen gegen die Abschiebung von Ausländern.

Nicht viel anders sieht die Situation in Griechenland aus. Täglich versuchen Flüchtlinge von der Türkei aus in die EU zu gelangen. Oft über den Landweg – doch mittlerweile sind die Kontrollen scharf, daher versuchen die verzweifelten Menschen per Boot Griechenland und somit die EU zu erreichen. Im Wirrwarr der griechischen und türkischen Kleininseln in der Ägäis hat die Küstenwache allerhand zu tun – teilweise sind die Inseln der beiden Staaten nur ein paar Kilometer voneinander entfernt und per Paddelboot zu erreichen. Besonders die griechischen Inseln Samos, Chios und Lesbos sind immer wieder Ziel von Flüchtlingen.

Dennoch ist die Überfahrt alles andere als eine Sight-Seeing-Tour wie es die Touristen in der Region gern machen: Viele Migranten verlieren bei der Überfahrt ihr Leben. Nicht selten werden Leichen an den Stränden der griechischen Urlaubsinseln angespült.

Obwohl die Migranten meist nichts verbrochen haben, werden sie in so genannte Lager und auch Abschiebeknäste gesteckt – ohne Anklage. In Neuss gibt es einen Abschiebeknast speziell für Frauen.

Neben den kanarischen Inseln und Griechenland versuchen es die meisten Menschen von Afrika aus nach Malta beziehungsweise Italien zu gelangen. Auch hier verlieren immer wieder Menschen ihr Leben. Allein im Mittelmeer sollen laut UNHCR – dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen – 2007 rund 500 Flüchtlinge ertrunken sein. Jedoch merkt die Organisation an, dass die wirkliche Zahl weit höher ist; manchmal sinken die kleinen Boote der flüchtenden Menschen und hinterlassen keine Spur.

Inoffizielle Zahlen sprechen von über 1.000 ertrunkenen Menschen die an der EU-Festung ihr Leben ließen. Haben die oft vertriebenen Menschen das rettende Ufer erreicht geht das Leid weiter – viele besitzen nur das, was sie am Körper tragen – wenig Startkapital für ein neues Leben. Werden die Menschen wie in den meisten Fällen von den Behörden aufgegriffen kommen sie in Lager.

In Griechenland und anderen EU-Staaten können sie bis zu 3-Monate eingesperrt werden – ohne etwas verbrochen zu haben und ohne Chance auf irgendwelchen Rechtsanspruch. Die Lager sind allzu oft überfüllt und laut Amnesty International herrschen miserable und unmenschliche Zustände. Auch gegen die Küstenwache erhebt die Menschenrechtsorganisation so wie der UNHCR schwere Misshandlungsvorwürfe – so kursieren Gerüchte von Flüchtlingen die mit verbundenen Händen zurück ins Meer geworfen wurden. Die griechische Küstenwache steckt in der Zwickmühle:

Oft erwischen sie Menschen in kleinen Booten, dabei die EU zu erreichen. Die Küstenwache hält die Menschen auf – nimmt sie eventuell an Bord oder – wenn der türkische Küstenstreifen noch in Sichtweite ist – zwingt sie gleich in ihrem Boot zur Umkehr. Die Flüchtlinge landen so oder so an der Grenze zwischen Internationalem Gewässer und türkischem Gewässer – begleitet von der griechischen Küstenwache. Diese darf jedoch nicht ins türkische Gewässer eindringen und kann die Flüchtlinge daher nicht in der Türkei – die Flüchtlinge noch schlechter behandelt – „abliefern“. Wie also die Flüchtlinge zwingen alleine ans türkische Festland zu rudern?

Viele Flüchtlinge berichten davon, dass ihr Schlauchboot von der griechischen Küstenwache nahe türkischem Hoheitsgewässer zerstochen wurde um die Menschen dazu zu zwingen flott in Richtung nächstgelegenes Ufer eben das der Türkei – zu paddeln. Fotos aufgeschlitzter Schlauchboote an den Küsten belegen dies. Eine andere Methode die auch angewendet wird ist, den Flüchtlingen einfach zu sagen, dass die Küste zu Griechenland gehört. Die Menschen paddeln dann freiwillig und mit dem Gedanken bald das rettende EU-Ufer erreicht zu haben in ihr Verderben – die Küstenwache dein Freund und Helfer?
Die Organisation Pro Asyl brachte im Oktober 2007 eine sehr gute Broschüre über die Schicksale der Flüchtlinge in der Ägäis heraus (Link siehe unten)

Nicht nur die Ausländerinnen und Ausländer müssen in der Schweiz und in der EU mit staatlicher Repression und Gewaltanwendung rechnen – auch Menschen die sich wie auf der Demonstration in Neuss für Flüchtlinge einsetzen werden kriminalisiert: ein Polizist hält auf der Demonstration schon einmal den Knüppel bereit um – falls der Befehl kommt – auf die Menge der Demonstranten (die Menschen im Hintergrund) einzuprügeln.

Die Wahrheit ist doch: die EU und die Schweiz sind selbst Schuld am Leid der Flüchtlinge. Nicht nur, weil die Einreise der Menschen mit allen – auch menschenrechtswidrigen – Mitteln verhindert wird. Erst einmal in der EU angekommen geht das Leid weiter. Nichts mehr zu sehen von Menschenrechten. Oftmals leben die Menschen in der Illegalität – müssen beispielsweise um zu überleben für einem Hungerlohn auf spanischen Obstplantagen arbeiten oder werden anderweitig – auch sexuell – ausgebeutet. Hinzu kommt die psychische Belastung – die Angst von den Behörden entdeckt zu werden. Werden sie entdeckt, drohen Gefängnis und Abschiebung – nur weil sie sich auf einem bestimmten Teil der Erde aufgehalten haben: wo ist die Freiheit?

Niemand verlässt seine Heimat freiwillig, die Flucht aus dem Heimatland ist ein großer Schritt, das Leid der Menschen scheint also nicht unerheblich zu sein. Wer in seinem Heimatland keine Zukunft mehr für sich und seine Familie sieht wird sich auch vom schlechten Werbespot der EU und der Schweiz nicht abschrecken lassen. Das es Ausländern in der EU und der Schweiz miserabel geht – wie es auch der Werbespot zeigt – ist die traurige Wahrheit. Was allerdings verschwiegen wird ist, dass die westlichen Nationen selbst die Schuld für die schlechte Situation der Flüchtlinge zu verantworten haben.

Die Verweigerung der Arbeitserlaubnis und schlechte Unterbringung sind nur zwei repressive Maßnahmen, die Flüchtlingen in den westlichen Ländern blühen. Wären die EU und die Schweiz nicht so Ausländerfeindlich, wäre auch der Werbespot überflüssig – so gesehen ist der Spot ein Eingeständnis der EU und der Schweiz an die eigene Menschenverachtung.

PDF-Download:
Broschüre von Pro Asyl „Über die Situation der Flüchtlinge in der Ägäis und die Praktiken der griechischen Küstenwache“
Indymedia Germany (Ralf Streck):
„Frontex sorgt für Tausende Tote“

sport

War das ‘Wunder von Bern’ ein Wunder?

Karl Weiss – Dies ist ein Artikel über Sepp Herberger und sein Team, das die Fussballweltmeisterschaft 1954 in Bern in der Schweiz gewann. Es beruht auf einem Interview und Gespräch von mehreren Stunden, das ein Bekannter von mir mit einem der Teilnehmer der damaligen deutschen Delegation in der Schweiz geführt hat, der nicht namentlich genannt werden will. Es stellt also die persönliche Sicht eines Menschen dar, nicht die ‚absolute Wahrheit’. Auf jeden Fall ist dies eine sehr interessante Sicht.

Das Ganze begann im Jahr vor der Weltmeisterschaft von 1954, im Wembley-Stadion von London, bei jenem Spiel zwischen England und Ungarn, in dem England zum ersten Mal zu Hause besiegt wurde.

Fußball war Englands’ Sport. Die Engländer, so wusste jeder, waren weit überlegen allen anderen Teams. Diese Überlegenheit war so fundamental und so weitgehend anerkannt, dass England vor 1950 gar nicht an Fussballweltmeisterschaften teilnahm. Die waren für alle – außer England.

England war bis dahin zu Hause unbesiegt, das schien dieses Urteil zu bestätigen. Nun aber wurde alles anders. Das Nationalteam Ungarns hatte die Engländer zu Hause besiegt! Es eilte von Sieg zu Sieg, war für Jahre ungeschlagen, ja nicht nur ungeschlagen, es gewann alle Spiele! Auch das Turnier der Olympischen Spiele von Helsinki 1952 hatte sie gewonnen. Jeder, der etwas von Fußball verstand, war fasziniert von diesem Team um den Spielmacher Puscas.

Die überfallartigen Angriffe dieser Mannschaft, basiert auf Schnelligkeit, auf Genauigkeit der Pässe und auf Positionswechseln der Angreifer, waren tödlich für praktisch jeden Gegner. Diese Nationalmannschaft von Ungarn brachte es fertig, in fast jedem Spiel gegen andere Nationalmannschaften innerhalb der ersten zehn Minuten mindestens zwei Tore vorzulegen!

Die wesentlichen Spieler dier Mannschaft waren technisch allen anderen Spielern auf den jeweiligen Positionen überlegen, das heißt, sie konnten sie ausspielen. Bei den Angriffen wurde nicht einfach, wie bis dahin im Fußball üblich, der Ball hoch nach vorne gedroschen und gehofft, einer der Stürmer könnte ihn kontrollieren und etwas damit anfangen. Erstmals in dieser mannschaftlichen und nicht individuellen Form sah man das Führen des Balles nach vorne, eng am Fuß, sah man Dribblings, mit denen Verteidiger ausgespielt wurden und sah man Körpertäuschungen in vollem Lauf mit dem Ball am Fuß, die fast jede gegnerische Abwehr wie Anfänger aussehen ließ.

Vor allem aber – und das traf nicht nur auf die ungarische, sondern auch auf die deutsche Mannschaft zu, wurde weit mehr als vorher als Mannschaft gespielt, nicht mehr im wesentlichen auf Einzelleistungen aufbauend.

Jeder wusste, wenn nicht ein Wunder geschieht, wird diese ungarische Nationalmannschaft die Weltmeisterschaft von 1954 gewinnen! Nur einer sagte etwas anderes: Sepp Herberger, damals Trainer der deutschen Fussballnationalmannschaft, behauptete, man werde im Endspiel gegen diese Ungarn gewinnen. Er wurde belächelt.

Herberger tat etwas, was damals die Trainer noch nicht kannten: Er kaufte einen Film über ein Spiel der Ungarn, auf dem das ganze Spiel zu sehen war, und studierte die Mannschaft auf diesem Film. Heute ist es tägliche Routine, die Videos von Spielen der eigenen Mannschaft und des Gegners zu studieren – ja, es ist zum A und O der Trainer geworden.

Der Film, den Herberger studierte, war das sagenumwobene Spiel mit dem ungarischen Sieg in Wembley.Er studierte diesen Film über Monate. Danach sagte er: „Die Ungarn haben einen Schwachpunkt: Der rechte Verteidiger Buzánski. Er ist schwächer als viele andere auf dieser Position. Wenn wir gegen Ungarn gewinnen wollen, müssen wir über den linken Flügel angreifen.“

Er suchte und fand den idealen Linksaussen für diese Aufgabe: Schäfer von 1. FC Köln. Er ließ in allen Vorbereitungsspielen bevorzugt über den linken Flügel angreifen, um diese Art von Spiel ins Unterbewusstsein der Spieler eingehen zu lassen – auch dann, wenn dieses gegen den aktuellen Gegner nicht angebracht war. Schäfer war der beste Linksaussen, den Deutschland je gehabt hatte, schnell und ballgewandt Er fütterte die anderen Stürmer mit hohen und mittelhohen Flanken von links in den Strafraum.

Übrigens gibt es hier eine klare Parallele zum Endspiel der darauffolgenden WM zwischen Schweden und Brasilien: Als Brasilien 1:0 zurücklag, gab der Kapitän Didi die Parole aus, alles über Garrincha am rechten Flügel laufen zu lassen, dem genialen Dribbler. So sehr die ersten WM-Siege der Brasilianer mit dem Namen Pelé verbunden sind, in Wirklichkeit war es das Genie Garrinchas, das ausschlaggebend für die brasilianischen WM-Siege 1958 und 1962 war.

Seit diesem Zeitpunkt war Herberger besessen von dieser Auseinandersetzung. Er dachte kaum noch an etwas anderes. Die sehr gemischten Ergebnisse seiner Mannschaft vor der WM liessen ihn ungerührt. Er sah sich im Endspiel – und das gegen Ungarn!

Er benutzte seine ganze Zeit, um einen umfangreichen Plan auszuarbeiten, wie er die Spieler positionieren müsste, wie die Ungarn psychologisch zu überraschen seien und die eigene Mannscaft psychologisch aufgebaut werden könnte. Er nannte dies nicht Psychologie, er nannte dies Energie.

Er war sich darüber im Klaren: Die Ungar hatten „einen Lauf“ und er übersetzte dies völlig richtig: Ihre eigenen Erfolge gaben den Ungarn so viel Selbstvertrauen, dass sie in jedem Spiel über sich hinauswuchsen. Es war klar, es gab kein verfügbares Mittel, um dies Selbstvertrauen zu brechen. Er musste im Gegenteil genau dies ausnützen: Er musste dem ungarischen Team die Sicherheit geben, sie würden gewinnen. Er musste sie die deutsche Mannschaft unterschätzen lassen! Er tat Alles, um dies zu erreichen.

Eine Aussage von ihm hierzu ist in Kaiserslautern in Stein geschlagen am Denkmal der Lauterer Spieler, die Teil hatten an dem Triumph: „Die Außenseiterrolle ist der Schlüssel für die Schatzkammer unermesslicher Kräfte, die – geweckt und geschürt – Energien freisetzt, die helfen, Berge zu versetzen.“ Und das war, was Herberger in die Tat umsetzte: Er ließ Deutschland in eine fast hoffnungslose Außenseiterrolle rutschen und er weckte und schürte Energien bei seinen Spielern.

Wahrscheinlich hat er bei einer Reihe von Spielen vor der WM absichtlich eine schwächere Mannschaft aufgestellt, als er zur Verfügung hatte! So spielte man z.B. in den Qualifikationsspielen für die WM gegen Norwegen nur unentschieden, gegen ein Norwegen, das selbst gegen das Saarland verloren hatte. Das Saarland stand damals noch unter französischer Verwaltung und durfte als eigenes Land an der Weltmeisterschaft teilnehmen.

Erst unmittelbar vor der WM begann er mit dem Team zu spielen, das später die WM gewinnen würde: Es war auf fünf Spielern vom 1. FC Kaiserslautern basiert, die kurz vor der WM die deutsche Meisterschaft 53/54 gewonnen hatten: Der Verteidiger Kohlmeyer, der Mittelläufer Liebrich, der rechte Läufer Eckel sowie die beiden Brüder Walter, Fritz als Halblinks und Ottmar als Mittelstürmer. Dies waren nicht unbedingt alle die besten Spieler auf diesen Positionen, Kohlmeyer war deutlich umstritten, aber er brauchte ein eingespieltes Team, ohne zu diesem Zeitpunkt noch die Zeit für viele Vorbereitungsspiele zu haben. So nutzte er das „Gerüst“ des Kaiserslauterner Meisters, um seine moderne Vorstellung eines Mannschaftsspiels umzusetzen.

Zwar ist der minutiösen und vorher in dieser Form nie gesehnen Vorbereitungsarbeit Herbergers sicherlich ein wesentlicher Teil des Triumphes zuzuschreiben, aber es kamen ihm auch eine Anzahl von günstigen Umständen zu Hilfe:

Der erste davon war die Auslosung und der Modus der Gruppenspiele.

Wie vorher schon üblich, gab es in jeder Gruppe gesetzte Mannschaften (die als besser eingeschätzen) und nicht gesetzte (hinzugeloste). Es war in Herbergers Taktik wichtig, nicht zu den gesetzten Mannschaften zu gehören. Dann hatte man die Möglichkeit, mit einer spektakulären Niederlage gegen eine der gesetzten Mannschaften zum Aussenseiter zu werden. Und so geschah es. Deutschland wurde nicht gesetzt. Dafür war sicherlich die schwache Vorstellung in den Qualifikationsspielen mit verantwortlich, aber wohl vor allem Deutschlands Ansehen, nur neun Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges. Man wollte und musste jeden möglichen Eindruck vermeiden, Deutschland würde ein irgendeiner Weise bevorteilt.

Man konnte ja nicht wissen, nichts gesetzt zu sein war Teil des Herberger-Plans.

Der Modus der Gruppenspiele war nach heutigen Verhältnissen fremdartig. In jeder Gruppe waren vier Mannschaften, aber sie spielten nicht jeder gegen jeden, sondern nur die Gesetzten gegen die nicht Gesetzten. Auch das kam Herbergers Plan entgegen, denn nun brauchte seine Mannschaft nicht gegen den anderen nicht Gesetzten der Gruppe, Süd-Korea, zu spielen, was angesichts der damaligen Kräfteverhältnisse einen unerwünscht hohen deutschen Sieg ergeben hätte.

Vor der WM waren folgende Mannschaften als Favoriten gehandelt worden: Uruguay, der amtierende Weltmeister, nach Ansicht Vieler das zweitbeste Team der Weltmeisterschaft nach den Ungarn. Brasilien, der zweite der vorhergehenden WM, dessen wirkliche Stärke nie deutlich wurde, natürlich das ungarische Traum-Team, dazu der zweimalige Weltmeister Italien und auch noch das Fußball-Mutterland England. Doch auch Österreich, Frankreich und die Heimmannschaft Schweiz, damals alle Fußball-Mächte, waren unter den Favoriten.

So wurden denn auch gesetzt: In Gruppe 1: Brasilien und Frankreich, in Gruppe 2: Ungarn und Türkei (dieses Setzen der Türkei war auch ein günstiger Umstand; eigentlich war dieser Platz für Spanien vorgesehen, das sich aber nicht qualifizieren konnte, so rückte die Türkei nach, obwohl sie eindeutig schwächer einzuschätzen war als das nicht gesetzte Deutschland), in Gruppe 3: Uruguay und Österreich und in Gruppe 4: England und Italien.

Die Auslosung muss Herbergers Herz höher schlagen gelassen haben: Das günstigst Mögliche trat ein: Man kam in die Gruppe mit Ungarn und konnte so spektakulär gegen den erwarteten Endspielgegner verlieren und man hatte in der Gruppe als zweite gesetzte Mannschaft die Türkei, die wahrscheinlich schwächste aller gesetzten Mannschaften. Damit war das Weiterkommen auch nach einer Niederlage gegen Ungarn nicht so schwer.

Allerdings wurde damals noch nicht mit der Tordifferenz oder den geschossenen Toren oder dem direkten Vergleich bei Punktgleichheit entschieden, sondern es wurde ein Entscheidungsspiel ausgetragen. Dies musste dann auch Deutschland gegen die Türkei, aber alles ging gut, man konnte relativ leicht gewinnen und das zusätzliche Spiel in den Knochen belastete nicht so sehr, denn gegen Ungarn hatte Herberger eine Reservemannschaft antreten lassen.

Herberger konnte unmöglich eine Mannschaft mit dem Auftrag aufs Spielfeld schicken, spektakulär zu verlieren. Das hätte auch seine Ethik nicht zugelassen. So stellte er einfach eine Mannschaft gegen Ungarn, die im wesentlichen aus Reservespielern bestand. Gegen das hochmotivierte Ungarn hatte diese Elf nie eine Chnace. Die Niederlage mit 8:3 war aber eine tiefe Demütigung für das deutsche Nationalgefühl. Niemand verstand die Taktik Herbergers. Er wurde von der Presse und im Rundfunk in der Luft zerrissen.

Der Verteidiger Bauer von 1860 München, der bei einigen der 8 Tore der Ungarn nicht sehr gut aussah, hat später erzählt: „Nein, er hat uns nicht gesagt, wir sollen verlieren. Im Gegenteil, er hat uns noch einige Tipps gegeben, auf was wir besonders achten müssen. Aber wir waren eindeutig schwächer. Das war die beste Mannschaft der Welt, gegen die wir da spielten. Da waren die drei geschossenen Tore sogar noch ein Trostpflaster.“

Die heftige Kritik aus Deutschland nach der Niederlage gegen Ungarn nutzte Herberger nun, er „weckte und schürte Energien“, indem er den Spielern Ausschnitte aus den Kritiken vorlas, speziell jenen, die weit übertrieben in der Kritik, die Spieler persönlich angriffen und sogar zu Schimpftiraden, Schlägen unter die Gürtellinie und Obszönitäten griffen. Er schuf eine Athmosphäre von „wir allein gegen die ganze Welt“, von „denen werden wir es zeigen“, kurz: den ‚Geist von Spiez’ (die deutsche Delegation war in Spiez bei Bern untergebracht und lebte völlig abgesondert von der Umwelt. Es entwickelte sich eine Trotz- und Kampfstimmung, die später als der ‚Geist von Spiez’ bezeichnet wurde).

Diese Wut, dieser Kampfgeist zeigte sich in allen Spielen nach der vernichtenden Niederlage gegen Ungarn. Man gewann das zweite Spiel gegen die Türkei leicht mit 7:2, gewann das Viertelfinale gegen Jugoslawien mit 2:0 und vor allem, man gewann das Halbfinale gegen Österreich mit 6:1!

Angesichts der damals üblichen Ergebnisse des Offensivfußballs scheint dies nichts Aussergewöhnliches, aber es war es. Österreich war damals eine der Grossmächte des Fussballs. Österreich hatte in der Qualifikation Portugal mit 9:1 aus dem Wettbewerb geworfen, Österreich hatte in den Gruppenspielen der ersten Phase keinerlei Tor hinnehmen müssen, was außer diesem Team nur Uruguay gelang, Österreich würde wenige Tage später im Spiel um den dritten Platz das Weltmeister-Team von Uruguay niederringen, das vorher meistens als zweitbestes nach Ungarn angesehen wurde, vor allem aber hatte Österreich im Viertelfinale die Schweiz mit 7:5 besiegt, dem Spiel mit der höchsten Zahl der Tore der WM, das in die Geschichte als Hitzeschlacht von Lausanne einging. In diesem Spiel, so unglaublich das erscheinen mag, hatten die Schweizer nach 23 Minuten bereits 3:0 geführt, doch nach weiteren 12 Minuten lag Österreich mit 5:3 vorn! Fünf Tore in zwölf Minuten in einem Viertelfinale der Weltmeisterschaft, das muss den Österreichern erst einmal jemand nachmachen!

Nun, mag vielleicht jemand sagen, was ist schon die Schweiz? Aber damals war die Schweiz ebenfalls eine der Spitzenmannschaften. Sie war es nämlich, die Italien, den damals schon zweimaligen Weltmeister, aus dem Turnier befördert hatte mit zwei Siegen. Die Schweiz spielte den Riegel, das war ein erster schüchterner Versuch, eine etwas defensivere Spielweise anzuwenden, wenn auch dies immer noch innerhalb des Offensivfußballs stattfand. Italien war an diesem Riegel zweimal gescheitert, aber die Österreicher hatten ihn überwunden. Wer dieses Österreich mit 6:1 besiegt hatte, musste ein ernst zu nehmender Gegner im Endspiel sein.

Doch das hochfliegende Team Ungarns war solchen Erwägungen nicht zugänglich. Wer „einen Lauf hat“, d.h. er wird vom eigenen Selbstbewusstsein getragen zu immer neuen Höchstleistungen getrieben, der kann nicht gewarnt werden. Er wird einmal plötzlich auf Umstände und einen Gegner treffen, die ihn besiegen und dann wird das Heulen und Zähnknirschen umso lauter sein. Das war es, was mit Ungarn geschah.

Brasilien war von Ungarn relativ leicht ausgeschaltet worden – die Brasilianer hatten sich in persönliche Auseinandersetzungen verbissen, anstatt ihre Spielkraft auszuspielen. Im Halbfinale trafen die Ungarn auf den amtierenden Weltmeister Uruguay, damals eine absolute Spitzenmannschaft, die vorher die hoch eingeschätzten Engländer glatt mit 4:2 abgefertigt hatten. Zwar ging Ungarn, wie gewohnt, mit 2:0 in Führung, doch das Team musste in der regulären Spielzeit noch das 2:2 ninnehmen und in eine Verlängerung. Diese Verlängerung wurde äusserst schwer für die Ungarn, doch sie konnten mit zwei Toren des Torschützenkönigs Kocsis schliesslich mit 4:2 dominieren.

Diese Verlängerung im Halbfinale war eine weitere günstige Bedingung für die Deutschen im Endspiel, denn die Ungarn waren ausgelaugt von dieser Energieleistung. Eine deutliche Parallele zur WM 1970 in Mexiko, als Italien in eine schwere Verlängerung gegen Deutschland musste und darum im Endspiel gegen Brasilien nur eine Halbzeit mithalten konnte. Daraus entstand die Forderung, bei den WM mehr Zeit zwischen den Halbfinals und dem Endspiel einzubauen.

Die WM 1954 war die letzte Weltmeisterschaft des reinen Offensiv-Fussballs, wenn auch mit dem Schweizer Riegel schon die erste Andeutung der Entwicklung zum Defensiv-Fußball auftauchte. Bei der folgenden Weltmeisterschaft würde bereits mit Brasilien ein Team gewinnen, das nicht mehr fünf, sondern nur noch 4 Stürmer aufwies. Der Linksaussen Zagallo (heute der Mann mit der erfolgreichsten Fußball- und Trainer-Karriere aller Zeiten) war bereits zurückgezogen und war eigentlich ein Mittelfeldspieler. Wirklich defensiv wurde der Weltfussball aber erst, als die Italiener (Inter Mailand) Anfang der Sechziger Jahre den Cattenacchio erfanden und sich daraus dann mehr und mehr defensive Spielarten entwickelten bis zum heutigen Fußball, in dem gewinnt, wer die Anderen nicht spielen lässt.

Man kann heute mit den hohen Spielergebnissen von damals kaum noch etwas anfangen. Aber damals wurde das Spiel vorne gewonnen, nicht hinten, wie heute – jedenfalls in der Regel (wir werden noch eine Ausnahme beim Endspiel 54 kennen lernen). Oft wurden die Mehrzahl der Tore des Spiels in der ersten halben Stunde geschossen. Das hängt mit den damaligen Möglichkeiten zusammen, wie man die Spieler körperlich vorbereiten konnte, wie die Kondition der Spieler war. Es gab noch nicht die ausgefeilten Trainingsmethoden von heute. Die Spieler waren Amateure oder Halbprofis. Sie gingen einem Beruf nach. Die Fussballer hatten noch keine Lungen wie Engelsflügel und noch kein Herz von der doppelten Grösse eines normalen Menschen.

Die Entscheidung wurde schnell gesucht. Später im Spiel war man zu ausgelaugt, um noch Grosses zu vollbringen. Die heutige Maxime, der Ballführende muss sofort angegriffen werden, möglichst mit zwei Spielern, wäre damals nicht möglich gewesen. Das hätte niemand durchgehalten, jedenfalls nicht mehr als 10 Minuten. Damals gab es auch noch keine grosszügigen Auswechselungskontingente. Fast immer mussten Alle 90 Minuten durchspielen.

Kurz: Es war ein anderes Spiel. Darum erscheinen uns heute die Berichte von 1954 so fremdartig.

Ursprünglich war das Spielsystem im Fußball ein 2-3-5 gewesen: Zwei Verteidiger, drei Läufer und fünf Stürmer. Davon zeugen heute noch viele der benutzten Nummerierungen, z.B. wird die ‚7’ oft noch für einen Stürmer verwendet. Bis zur WM 54 hatten sich aber die Positionierungen schon verändert und es war das WM-System entstanden. Vorne wurde in einem ‚W’ positioniert, hinten in einem ‚M’. Der Mittelläufer, typischerweise für den gegnerischen Mittelstürmer zuständig, war von dessen vorgeschobener Position nach hinten gedrückt worden und war ein Mittelverteidiger geworden. Vor den drei Verteidigern spielten die beiden Aussenläufer ein defensives Mittelfeld. Im Sturm wurde die beiden Halbstürmer zurückgezogen und spielten das offensive Mittelfeld. Es war also eine Art von 3-2-2-3 oder 3-4-3-System.

Dies war in jenem Jahr DAS Fußball-System. Alle, auch die Ungarn, spielten WM-System. Im Spiel gegen Jugoslawien im Viertelfinale, bei dem alle Beobachter die deutsche Mannschaft irgendwie als „ofusk“ angesehen hatten, waren diese Positionen geändert. Das Spiel der deutschen Mannschaft war nicht ‚frei’, man spielte irgendwie viel zu zurückhaltend – die beiden Tore fielen mehr zufällig anstatt als logische Konsequenz vieler Angriffe.

Was war geschehen? Herberger hatte sein Spielsystem gegen Ungarn getestet. Eckel war als Manndecker nach hinten gezogen worden, Fritz Walter spiele extrem defensiv, praktisch wie ein defensiver Mittelfeldspieler, sein Bruder Ottmar hatte die Rolle des Ballverteilers im vorderen Mittelfeld übernommen, Schäfer blieb immer nahe der linken Aussenlinie und war so praktisch keine Stürmer mehr. Als Stürmer blieben nur Morlock und Rahn, wobei der letztere kaum an der rechten Aussenlinie blieb, sondern in die Mitte drängte. Dies war gegen Jugoslawien völlig unangebracht, aber Herberger brauchte mindestens ein Spiel, in dem die neue Positionierung erprobt wurde.

Nach dem Jugoslawien-Spiel, das als extrem schwache Vorstellung der Deutschen angesehen wurde, war die Kritik aus der Heimat noch schriller und ätzender geworden. Es wurde u.a. kritisiert, dass Herberger an Ottmar Walter festhielt, der absolut nichts gezeigt habe (er nahm ja nicht seine Position als Mittelstürmer ein). Berni Klodt solle für ihn in die Mannschaft. Herberger sagte nur, die verstehen gar nichts. Und das war es, die deutschen Sportjournalisten verstanden nicht, dass alles an Herbergers Taktik auf ein Endspiel gegen Ungarn ausgerichtet war, dass er nicht von Spiel zu Spiel dachte, sondern im wesentlichen an dieses Endspiel. Er nutzte die Kritiken erneut, um die Wut der Spieler noch zu steigern.

Im Film „Das Wunder von Bern“ wird das Endspiel fast völlig auf Rahns Tore reduziert. Das ist eine Verfälschung. Natürlich gibt Rahn von Rotweiss Essen einen idealen Ruhrgebietshelden ab und er schoss eben wirklich zwei der drei Tore im Endspiel. Aber das ist nur eine Seite.

Rahn war keineswegs der Beste auf seiner Position, genauso wenig wie Ottmar Walter, für dessen Position auch noch Berni Klodt auf der Bank sass. Die beiden waren dort, weil Herberger sie in seiner genialen Strategie benutzte. Ottmar Walter war einer der besten Mittelstürmer Deutschlands und verdiente, in dieser Mannschaft zu stehen, aber er war kein klassischer „Goal-Getter“, er war dort, weil er sich mit seinem Bruder Fritz und den anderen „Lauterern“ fast blind verstand, was Herberger in dieser Mannschaft brauchte.

Rahn war ein langsamer Spieler mit etwas behäbigen Bewegungen und wenig Technik. Aber er hatte das, was man als „Bums“ bezeichnete oder später als „Klebe“ oder „Wumme“, das was wir bis vor kurzem bei Roberto Carlos von Brasilien bewundern konnten, einen mächtigen Gewaltschuss – und er konnte ihn oft in die richtige Richtung bringen. Das ist mehr als man von vielen heutigen Bundesligaspielern sagen kann.

Herberger hatte ihn hereingenommen, weil er keinen anderen Spieler mit dieser Charakteristik hatte. Er war sich bewusst, irgendjemand hätte die Tore zu machen. Er hatte Max Morlock von 1. FC Nürnberg, der ein wirklicher „Goal-Getter“ war, aber der war mit seinem Sinn für den richtigen Ort im richtigen Moment mehr für jene Art von Abstauber-Toren zuständig, wie er eins im Endspiel zum 1:2 machte. Morlock, nicht etwa Rahn oder O. Walter, wurde Zweiter der Torjägerliste der WM 54! Aber Rahn war jener, der aus einer gewissen Entfernung Dinger aufs Tor loslassen konnte, die kaum ein Torwart halten konnte und der Torwart der Ungarn, Grosics, war nicht der stärkste.

Herbergers Sturm war damit mit allen Typen von Stürmern ausgerüstet, ein Gleichgewicht, das heute viele Trainer nicht herzustellen verstehen, nicht zuletzt, weil sie nur noch einen Stürmer haben.

Ganz links war Schäfer, über den fast alle Angriffe liefen und der viele von ihnen in Flanken in die Mitte umsetzen konnte. Alle drei deutschen Tore begannen mit Vorstössen von Schäfern, wobei allerdings beim ersten Tor von Morlock bis zum Tor eine Menge anderer Füsse dazwischen waren.

Halblinks war Fritz Walter, der Spielmacher, der Mann mit Übersicht und mit einem Blick fürs Spiel. Er war Herbergers Mann auf dem Spielfeld. Er verstand Herbergers Taktik. Er kommandierte auf dem Spielfeld, nicht einfach, weil er Kapitän war, sondern aufgrund seiner natürlichen Autorität als besonders herausragender Spieler. Er war mit Defensivaufgaben überbeansprucht in diesem Endspiel und verstärkte praktisch die Abwehr, kein Wunder bei einem so starken Gegner.

Der Mittelstürmer Ottmar Walter war mehr ein Aufbauspieler als ein Reisser. Er beschäftigte die Hintermannschaft der Ungarn und sorgte dafür, dass ständig Spieler in der Verteidigung bleiben mussten. Er hinterliess zwar keine unmittelbaren Spuren im Finale, war aber einer von denen, der die Ungarn mit ständigem Laufen mattspielte.

Halbrechts war Max Morlock, der sich in dieser Weltmeisterschaft als der Mann erwies, der vorne im richtigen Moment am richtigen Platz war. Sein Anschlusstor unmittelbar nach dem 2:0 der Ungarn war ausschlaggebend, dass sich keine ängstliche Stimmung in der deutschen Mannschaft verbreiten konnte.

Rechtsaussen war Helmut Rahn. Er spielte in Wahrheit keinen Rechtsaussen, sondern mehr einen Mittelstürmer, der sich meist weiter rechts aufhielt. Er bekam fast keine Bälle, um sie nach vorne zu tragen oder Flanken zu geben, denn in beidem war er nicht besonders gut. Er bekam in aussichtsreichen Positionen zweimal abgeprallte Bälle vor die Füsse und zögerte nicht abzuziehen, das waren zwei Tore für die Deutschen. Das macht ihn unsterblich.

Doch kommen wir, bevor wir wieder aufs Endspiel zu sprechen kommen, noch einmal auf die günstigen Umstände zurück.

Zu den schon genannten kamen im Endspiel nämlich zwei weitere:

Die erste: Puscas war leicht verletzt. Es ist nicht überliefert, was es für eine Verletzung war, aber Puskas spielte in diesem Spiel bei weitem nicht das, was er konnte. Das hing wohl auch mit einem starken Gegner zusammen, aber wahrscheinlich auch mit der Verletzung. Immerhin schoss Puskas das erste ungarische Tor, gleich nach sechs Minuten. Kurz vor Schluss gelang ihm aus Abseitsposition noch ein Beinahe-Tor. Er konnte aber das ungarische Spiel über die ganze Zeit nicht wie gewohnt antreiben und das war wohl eine deutliche Schwächung.

Der zweite günstige Umstand war – und das ist allgemein bekannt: Es regnete während des ganzen Finalspiels, es war „Fritz –Walter-Wetter“. Auf tiefem und von Pfützen bedeckten Grund konnte das typische ungarische Spiel mit einem raschen Ball-Laufen-Lassen von einem zum anderen nicht funktionieren, denn die kurzen Flach-Pässe bleiben in den Pfützen stecken. Zum anderen funktioniert das Eng-am-Fuß-Führen des Balls, während man vorwärts strebt, nicht wie gewohnt – aus dem gleichen Grund. Kurz: Die technische Überlegenheit Ungarns, die unbestreitbar ist, war praktisch eliminiert durch den Regen.

Damals gab es ja noch nicht die teppichartigen Rasenplätze, die heute dominieren. Auch die heutige Drainage-Technik, die das Entstehen von Pfützen verhindert, war noch unbekannt.

Was das mit Fritz Walter zu tun hat? Eigentlich wenig. Nur indirekt. Fritz Walter war Spielführer von zwei Mannschaften, die nicht unbedingt durch viel Technik glänzten, dem 1. FC Kaiserslautern und der damaligen deutsche Nationalmannschaft. Er selbst war sehr wohl ein technischer Spieler, der gut in eine Mannschaft wie die der Ungarn gepasst hätte, aber die von ihm geführten Mannschaften konnten immer froh sein, wenn es regnete und die technischen Vorteile des Gegners nicht zum Zuge kamen. So kam es zum Begriff des Regens als „Fritz –Walter-Wetter“.

Ganz nebenbei gab es noch einen kleinen günstigen Umstand für die deutsche Elf: Kurz vor dem Finale hatte Adi Dassler, der damalige Besitzer von Adidas, den Fussballschuh mit Schraubstollen erfunden, der den deutschen Spielern zur Verfügung stand. Man konnte im Regen längere Stollen einschrauben und hatte dann einen geringfügigen Vorteil in der Standfestigkeit.

Als die Ungarn also aufliefen, hätten sie eigentlich gewarnt sein müssen. Sie standen dem Gegner gegenüber, der Österreich mit 6:1 abgefertigt hatte, sie hatten einen verletzten Spielführer, sie waren noch von der Verlängerung gegen Uruguay ausgelaugt, sie spielten im für sie ungünstigen Regen und sie hatten einen bis in die Haarspitzen motivierten Widersacher vor sich. Doch die Aussagen, die einige der ungarischen Spieler später machten, waren klar: Obwohl sie sich im Grunde dieser Tatsachen bewusst waren, dominierte doch in ihrem Unterbewusstsein die Gewissheit der Überlegenheit, stand man nicht einer ungesetzten Mannschaft gegenüber, hatte man denn nicht Deutschland zwei Wochen vorher mit 8:3 deklassiert? Offenbar hatte Trainer Sebes nicht oder nicht ausreichend deutlich gemacht, wie gefährlich dieser Gegner war. Herbergers Rechnung begann aufzugehen.

Aber auch wenn Sebes gewarnt hätte, bleibt zu bezweifeln, ob irgendetwas anders gelaufen wäre. Das schnelle ungarische Spiel auf höchstem Niveau war nur mit prallem Selbstbewusstsein möglich – und so beisst sich die Katze in den Schwanz.

Innerhalb von 8 Minuten führte Ungarn 2:0. Das hätte die Zuversicht von fast jedem unterminiert, nicht aber dieser deutschen Mannschaft, die es immer noch ‚Allen zeigen’ musste und wollte. Zwei Minuten nach diesem 2:0 gelang Morlock bereits das Anschlusstor, weitere 8 Minuten später Rahn der Ausgleich.

Doch gehen wir noch einmal zu den zwei Minuten zurück, die Ungarn 2:0 führte. Der Mitteläufer der Ungarn Lorant, der später lange Zeit Trainer in Deutschland war, sagte nämlich später: „In diesem Moment hatten wir das Spiel verloren.“ Nicht etwa, als der 2:2-Ausgleich fiel, nein, mit dem 2:0.

Was wollte er sagen?

War man vielleicht mit einem bestimmten Vorbehalt ins Spiel gegangen, ob sich der Gegner nicht doch als schwer herausstellen würde, ob man erneut höchste Schwierigkeiten haben würde zu gewinnen wie gegen Uruguay, so atmete jeder in der Mannschaft mit dem 2:0 innerlich auf. Nein, nichts dergleichen, Deutschland war nicht besser als die Ersatzmannschaft, man hatte alles im Griff, man würde das Ding souverän heimschaukeln. Innerlich, ohne es zu merken, wurde der absolute Fokus auf das Ziel etwas gelockert, es wurde sich erleichtert zurückgelehnt – jedenfalls ihm übertragenen Sinn. Damit hatten die ungarischen Spieler das Einzige verloren, das ihnen auch in dieser Situation noch den Sieg garantiert hätte: Die absolute Konzentration auf jede einzelne Szene des Spiels, der Einsatz von allem, was möglich war, der absolute Fokus.

Ob dies Herberger auch so geplant hatte? Ungewiss. Er konnte unmöglich absichtlich eine ungarische 2:0-Führung provoziert haben, allerdings war das typisch für das ungarische Spiel. Dies kam nun aber in idealer Weise seinen Absichten zupass, speziell, weil der deutschen Mannschaft schnell der Ausgleich gelang. Während des ganzen Spieles konnten die Ungarn nicht zurückfinden zur absoluten Konzentration, die hier nötig gewesen wäre. Das hatte Lorant gemeint mit: „Nach dem 2:0 hatten wir das Spiel verloren.“

Das ist eine alte psychologische Erkenntnis: Ist man mit einer bestimmten Haltung (zum Beispiel der sträflichen Unterschätzung des Gegners) ins Spiel gegangen oder hat man diese Haltung nach kurzer Zeit im Spiel angenommen, so gelingt es nicht so einfach, während des Spiels diese Haltung zu ändern.

Das heißt natürlich nicht, dass Ungarn nicht noch hätte gewinnen können. Es hatte auch genug klare Chancen dazu. Hidegkuti knallte einen Ball an den Pfosten, Kocsis einen an die Latte, Turek hielt einige „Unmögliche“ und der Schiedsrichter hätte das Abseits von Puskas bei seinem Tor kurz vor Schluss nicht gesehen haben können. Aber auch das mag mit der Psycholgie zu tun haben. Ist man nicht völlig fokussiert, kommt mit fortlaufendem Spiel Panik auf, eventuell zu verlieren, so geht die Genauigkeit leicht verloren.

So kam es denn zur Szene sechs Minuten vor Schluss: Schäfer (immer er) führte einen Angriff nach vorne, flankt auf Morlock, doch ein ungarischer Kopf ist dazwischen und der Ball springt zu Rahn, der fast genau am rechten Strafraumeck steht. Der Sportreporter Zimmermann, dessen Reportage am Radio dieses Spiels zur Legende geworden ist, brüllt ins Mikrofon: „Rahn müsste schiessen!“ Dann, fast etwas überrascht, dass man seine Anweisungen befolgt: „Er schiesst!“ und danach hört man ihn nur noch schreien „Tor! Tor!“, so als sei er ein brasilianischer Rundfunkreporter.

Rahn hatte mit einem trockenen und harten Flachschuss vollstreckt.

Also doch Rahn der Matchwinner? Oder hat Morlock mehr Anteil? Oder Schäfer? Nichts dergleichen!

Der deutsche Sturm hatte in Wirklichket nicht mehr Tore gegen Ungarn fertiggebracht als die Ersatzmannschaft kurz vorher, nämlich drei. Was geschah, war, die deutsche Hintermannschaft hat diesmal keine acht eingesteckt, sondern nur zwei.

Sehen wir uns also diese Hintermannschaft näher an: Hier dominiert der Mittelläufer Liebrich, ebenfalls von Kaiserslautern, der zudem zwei weitere Lauterer, Kohlmeyer und Eckel, zur Seite hat. Die drei bilden das Rückgrat. Wer viel hinten aushilft, ist zudem Fritz Walter.

Eckel ist der direkte Gegenspieler von Puskas und er neutralisiert ihn über grosse Teile des Spiels. Da ist natürlich auch Puskas’ Verletzung, aber im Endeffekt geht das Duell trotz Puskas’ Tor und seinem Abseits-Tor unentschieden aus. Der Torjäger Kocsis war meist bei Kohlmeyer gut aufgehoben, abgesehen von wenigen Szenen, aber er macht keine Tor, dafür produzierte Kohlmeyer ein Missverständnis mit Torhüter Turek, das zum 2:0 führte, also nur ein Unentschieden für Kohlmeyer.

Liebrich selbst dirigiert nicht nur die Hintermannschaft, sondern dominiert auch Mittelstürmer Hidegkuti, bis auf eine Szene. Aber auch der macht kein Tor, also 1:0 für Liebrich. Mihály Tóth, der Halbrechts, ist bei Karl Mai von der SpVgg Fürth gut aufgehoben. Mai macht das Spiel seines Lebens, auch 1:0 für ihn. Schliesslich noch das Duell zwischen Jupp Posipal vom Hamburger SV und Szíbor, dem Linksaussen (die zwei waren früher einmal in Rumänien in die gleiche Schule gegangen). Szíbor ist für das zweite Tor der Ungarn zuständig, aber sonst auch in guten Händen, auch hier ein unentschieden. Dazu kam Turek im Tor, von Fortuna Düsseldorf. Er hat zwar ein wenig Mitschuld an dem 2:0 für Ungarn, aber was hielt er alles! Reporter Zimmerman nannte ihn einen Fussballgott. Mit anderen Worten, die deutsche Hintermannschaft hat das Spiel gewonnen!

Auf einem Fussballstammtisch, der damals eine Anzahl der Mitglieder der deutschen Delegation in der Schweiz zusammenführte, wurde, einige Zeit nach dem Triumph, Herbergers Tatktik analysiert. Er hatte mit Eckel als Bewacher von Puskas, der ja sehr weit vorne spielte, praktisch einen vierten Verteidiger eingeführt. Er spielte mit einer Viererkette in der Abwehr! Kommt das jemand bekannt vor? Davor hatte er zwei defensive Mittelfeldspieler, Fritz Walter und Mai – und vor ihnen zwei offensive Mittelfeldspieler, Ottmar Walter und Schäfer. Als Stürmer blieben in Wirklichkeit nur Morlock und Rahn. Herberger spielte gegen Ungarn 4-4-2! Das ist genau das System, das heute viele Nationalmannschaften benutzen, so unter anderen die brasilianische.

Herberger hatte zum ersten Mal in einem wichtigen Spiel der Fussballgeschichte ein defensives Spielsstem verwendet und zum ersten Mal bewiesen, es kann über ein offensives System triumphieren. Herberger ist der Erfinder des Defensiv-Fussballs.

Wunderwankdorf Bern…Wankende Wunder im Dorf Bern…Berns wankendes Wunderdorf...