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Polizei und Mafia: Ein und derselbe Haufen

Karl Weiss, Rio de Janeiro – Am vergangenen Dienstagabend wurden plötzlich alle Polizisten von den verschiedenen Eingängen der Favela Roçinha in Rio de Janeiro abgezogen. Eine halbe Stunde später tauchte eine Bande von etwa 40 schwerst bewaffneten und vermummten Kriminellen auf und schoss sich ihren Weg den Favela-Hügel hinauf. Von oben wurde sie von der dort heimischen Verbrecherbande mit Gegenfeuer empfangen. Fünf Favela-Bewohner, darunter ein Jugendlicher und ein Kind, wurden im Kreuzfeuer erschossen, viele andere verletzt.

Die bewaffneten Auseinandersetzungen in der so genannten größten Favela der Welt zogen sich über Stunden hin. Die verängstigten Favelabewohner verbarrikadierten sich in ihren Häusern und legten sich auf den Boden. Es wurden im Wesentlichen automatische Kriegswaffen und Maschinenwaffen verwendet, so dass der Begriff Kugelhagel wörtlich genommen werden kann. Anscheinend konnte die heimische Mafia diesmal den Angriff einer konkurrierenden Bande von Kriminellen zum Erlangen der Vorherrschaft in der Favela abwehren.

Bewohner und Medien fragten vor allem, wieso die Polizisten abgezogen wurden und auch während der stundenlangen Kämpfe keine Polizei auftauchte. Bei den Erklärungsversuchen gegenüber dem Fernsehen und Zeitungen verhedderten sich mehrere Polizeiobere und der Staatsminister für Sicherheit von Rio de Janeiro in Widersprüche.

Die einen leugneten, dass die Polizei nicht präsent gewesen wäre, wiesen auf die hoffnungslose Unterlegenheit hin. Sie konnten aber auch nicht erklären, wieso die Polizei denn nicht massive Reserven zur Favela gebracht hatte. Außerdem waren die Aussagen von Hunderte von Zeugen aus der Favela eindeutig: Alle Polizisten verschwanden kurz vorher. Die anderen behaupteten, es habe ein polizei-internes Fest gegeben, zu dem die meisten Polizisten hingegangen wären. Später stellte sich aber heraus, dass jenes Fest bereits in der Woche davor gewesen war.

Selbst das stockkonservative Rio-Blatt ‚O Globo’ schreibt in seiner Hauptüberschrift am 18.2.06: „Polizei widerspricht sich und kann die Abwesenheit in der Roçinha nicht erklären.“

Bleibt nur noch zu klären, welcher Polizei-Obere wie viel Geld bekommen hat, um seine Leute zurückzuziehen. Dies wird aber wohl nie geklärt werden, denn die Medien bestehen nie darauf, dass Skandale aufgeklärt werden. Nächste Woche wird über den nächsten Skandal berichtet usw. usw.

Wer glaubt, dass diese Art von Mafia-Geschichten mit dem engen Polizeiverbund von Deutschland weit entfernt ist, mag sich vielleicht bald wundern. Der bekannte Polizei-Reporter Jürgen Roth hat bereits in seinem letzten Buch im Jahr 2005 berichtet, dass in Deutschland die Polizeiarbeit gegen die organisierte Kriminalität fast vollkommen eingestellt wurde. So hat es in Brasilien auch angefangen.

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TRATSCHUNDLABER

Sonja Wenger – Wir leben noch immer in chauvinistischen Zeiten und ein ums andere Mal fragt man sich, was einem die Zeitungen mit den grossen Buchstaben und bunten Bildern noch alles zumuten wollen. Das Urteil eines italienischen Gerichts in einem Vergewaltigungsfall war nur eines von vielen Beispielen, bei denen einem die Galle hochkommen kann.


Ist Reese Witherspoon das «schönste Gemüse der Welt?»

Doch wie soll es auch anders sein? Steht es im Blick, ist es ein Thema! Und da steht denn nun, dass Reese Witherspoon das «schönste Gemüse der Welt» ist, weil sie so «jung und knackig» aussieht. Die stellvertretende Chefredaktorin sinniert gleich daneben in «Lifestyle im Alltag» über die notwendige Generalüberholung der Frau im Frühling und es scheint eine Meldung wert zu sein, dass erstmals seit 67 Jahren wieder eine Stute ein Pferderennen gewonnen hat. Für die lebenswichtigen Informationen darüber, welcher Promi gerade wieder welches Accessoire mit welchem Fummel kombiniert gibt es eine Fülle von People-, InStyle-, Lifestyle-Heftchen und Sendungen und die Schweizer Illustrierte ist stolz darauf, ein neues Frauenmagazin herausgebracht zu haben mit dem innovativen Titel «Style». Dieses «einzigartige Magazin» richtet sich an die «junge und jung gebliebene Frau» und ist «prall gefüllt mit allem, was im Leben Spass macht.» Na dann.

Allerdings müssen wir uns ja auch wirklich ablenken von den dringlicheren Fragen, ob denn nun die «Todesseuche» auch unsere Büsis killen kann. So ist es sicher beruhigend, zu erfahren, dass die Schweiz zwar «von toten Schwänen umzingelt» ist, wir aber immer gut dabei aussehen. Den Gänsen der Modelwelt droht auch weiterhin keine Gefahr – der Schein trügt hier zur Abwechslung mal nicht. Der «offene Brief» der Girls von «Germany’s Next Topmodel» in diversen grossen Zeitungen könnte einen jedoch zur Annahme verleiten, dass hier ein Hirnschlag immer ein Schlag ins Leere ist. Hauptsache das Buffet für die Möchtegernmodels ist «superlecker» und alle dürfen an der Verwirklichung ihrer Träume arbeiten. Und sind wir auch froh, dass es noch Männer gibt, welche die inneren Werte ihrer Frauen zu schätzen wissen. Miss Schweiz Lauriane Gilliéron hält nämlich die Leidenschaft für ihren Freund am Leben, indem sie ihm MMS Fotos von sich schickt. Aber ungeschminkt soll sie sein, denn er «vermisst ihr kleines Puppengesicht.»

Sonja Wenger’s Tratschundlaber erscheint im Berner ensuite kulturmagazin

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Guten Morgen Bern – RaBe strahlt

Stephan Fuchs – Das Berner Radio RaBe feiert zehn Jahre Ätherkultur. Grund genug das Bestehen, die MacherInnen und die Idee zum einzigen freien Radio von Bern zu feiern. Stadtweit. RaBe ist ein nicht wegzudenkendes Stück Berner-, wenn nicht gar Schweizer Radiogeschichte. Für das kulturmagazin ensuite und Stephan Fuchs Anlass, mit dem Mitinitiator, Rechtsanwalt und Radiomacher Dr. Willi Egloff Kaffee zu trinken.

Herr Willi Egloff, Bern feiert 10 Jahre RaBe. Herzliche Gratulation. Aber braucht es in Bern überhaupt ein Radio RaBe?

Auf jeden Fall. Radio RaBe braucht es. Erstens weil wir grössere Bevölkerungssegmente haben, die in den Medien überhaupt nicht zu Wort kommen. Zweitens braucht es Radio RaBe, weil es das einzige wirklich zweiseitige Radio ist. Ein Radio das keine klare Trennung zwischen Macher und Publikum kennt, sondern wo sich jeder und jede aktiv an der Gestaltung dieses Mediums beteiligen kann. Schliesslich braucht es Radio RaBe auch, weil grosse Kulturbereiche in anderen Radios schlicht ausgeblendet bleiben.

Sie sagen Radio RaBe braucht es. RaBe ist aber auch ein Freies Radio, es ist Bestand von AMARC, der World Association of Community Radio Broadcasters. Ein linkes Oppositionsradio in einer links regierten Stadt? Das versteh ich nicht.

Das ist durchaus richtig. RaBe ist in dem Sinne oppositionell oder ergänzend, dass es sich primär dem widmet, was in den anderen Radios nicht stattfindet, aber eigentlich genau so berechtigt ist. Wenn sie sich die musikalische Programmierung von DRS 1, 2 oder 3 anschauen, dann gibt es da klar Bereiche die nicht berücksichtigt werden. Zum Beispiel im Hip-Hop, oder in der experimentellen Musik. Sicher, bei Radio DRS ist die Musikauswahl viel breiter als bei den Berner Radios BE1 und CapitalFM, wie das jetzt offenbar heisst. Es gibt daneben aber noch eine sehr breite Palette relevanter Musik… und die spielt Radio RaBe.

Es geht ja aber nicht nur um Musik, sondern auch um Inhalt…

…natürlich geht es auch um Inhalt. Inhalt, der in der relativ einförmigen Schweizer Presselandschaft auch praktisch nicht vertreten ist. Alternative Informationen.

Und wie darf ich das verstehen?

Man darf politische Information nicht an der parlamentarischen Politik festmachen, denn jene repräsentiert ja auch nur einen Teil unserer Bevölkerung. In der Stadt Bern leben19% der Einwohnerinnen und Einwohner ohne Schweizer Pass. Ihre Anliegen finden in der Politik schlicht nicht statt, denn sie versprechen keinen Wahlstimmen-Anteil. Bei Radio RaBe bekommen sie eine eigene Stimme und werden akzeptiert. Es gibt auch grössere Segmente der Bevölkerung die sich an der parlamentarischen Politik nicht beteiligen, obwohl sie das Stimmrecht hätten. Auch sie- und das sind nicht nur Junge – finden über RaBe Gehör. Man kann eben durchaus in rot-grüner Opposition zur RGM-Politik stehen, das ist eine gesunde Opposition.

Verstehen sie RaBe auch als Instrument die Pressefreiheit aufrecht zu erhalten?

Es ist schon auffallend, dass RaBe von den Berner Zeitungen seit Anbeginn totgeschwiegen wird. Die einzige Nachricht über uns in den Berner Tageszeitungen war, dass Radio RaBe demnächst sterben werde. Das wurde vor zehn und dann vor neun Jahren geschrieben und noch einige Male wiederholt, bis auch das niemand mehr glaubte. Seither war RaBe in den Berner Medien nicht mehr präsent. Der „Bund“ hat wenigstens unsere Programme abgedruckt, die „Berner Zeitung“ konnten wir nur mit massivem Druck dazu bringen, dass sie auf der Radioseite auch unser Programm abdruckte. Wir mussten ihr eine Kartellklage androhen, weil sie ihr eigenes Radio Extra Bern mit der Nichterwähnung unseres Senders privilegiert haben.

Das ist starker Tobak.

Richtig.

Ist denn RaBe überhaupt eine Konkurrenz gegenüber den Flachlandradios der Stadt Bern?

Ja und Nein. Die anderen Stationen in der Stadt Bern sind als Begleitradios konzipiert, wir nicht.

Was heisst das?

Das heisst: Sie fahren Auto oder arbeiten im Büro und hinten dran plätschert das Radio. RaBe hingegen ist ein „Einschalt Radio“. HörerInnen schalten bewusst RaBe ein, weil sie aktiv Musik hören möchten oder eine Sendung mitverfolgen wollen, die sie interessiert. Wir konzipieren aber einen Teil des Programms auch als Begleitradio. Dort wird RaBe zu einer ernstzunehmenden Konkurrenz.

Wie verhält sich der Marktanteil?

Das ist eine schwierige Diskussion und es ist dabei zu definieren was Marktanteil heisst. Wir haben eine sehr grosse maximale Reichweite. Das heisst, es gibt sehr viele Leute, die im Verlauf eines Monats Radio RaBe einschalten. Das sind mehr Menschen als zum Beispiel beim ehemaligen Radio Extra Bern. Wenn man allerdings von Marktanteil spricht, dann spricht man in der Regel von der Tagesreichweite und dabei liegen wir im Schnitt zurück, da unser Radio eben nicht unbedingt ein Begleitradio ist.

Sie sind Mitinitiator von RaBe, sie machen selber auch aktiv eine Sendung, sie kommentieren dabei politisch aktuelle Themen und illustrieren sie mit klassischer Musik. Das ist ein aufwändiges und teures Hobby.

Ja, das ist ein teures Hobby. Radio RaBe ist für mich eben etwas, das ich nicht aus kommerziellen Überlegungen mache. Wenn ich da eine Sendung produziere, dann ist das nicht nur sehr viel Arbeit, sondern ich muss dafür auch noch bezahlen. Radio machen und unterhalten ist eine teure Sache, da haben sie Recht. Obwohl viele Leute ehrenamtlich mitmachen und das Radio mitgestalten, entstehen enorme Kosten, vor allem in der Infrastruktur. Wir werden vom BAKOM subventioniert, der Rest wird fast ausschliesslich von den rund 500 Mitgliedern getragen.

Wie drückt sich das in Finanzzahlen aus?

Das Radio kostet jährlich eine halbe Million Franken. Dabei wird rund die Hälfte für reine Technikkosten, für Übermittlungskosten und andere Fixkosten aufgewendet. Das sind ausschliesslich Kosten, überhaupt senden zu können. Da gibt es keine Sparmöglichkeiten.

Das ist, nach Abzug der BAKOM Subvention wohl ein recht grosser Batzen der von den Mitgliedern getragen werden muss. Ist Radio RaBe die Geschichte des Robin Hood?

Vielleicht ja. Radio RaBe ist etwas wichtiges, das man nicht aus kommerziellen Überlegungen macht. Es gibt in der Schweiz aber viele Menschen, die Geld für Freizeitaktivitäten ausgeben, die einem grösseren Interesse und der Öffentlichkeit dienen. Zum Glück! Also insofern ist das Engagement für Radio RaBe nicht eine Ausnahmeerscheinung.

Ist RaBe fähig, technisch und konzeptionell eine Entwicklung durchzumachen?

Ja natürlich. Vor zehn Jahren war Radio machen bei uns ganz anders. Damals lief alles über Freiwilligenarbeit. Heute gibt es eine personelle Infrastruktur. MitarbeiterInnen, die ein Minimum an Lohn garantiert bekommen und die sicherstellen, dass der Betrieb funktioniert. Dann sicher auch die Sendetechnik, die sehr viel raffinierter geworden ist und dafür sorgt, dass Ausfälle fast nicht mehr vorkommen können. Das ist für die MacherInnen, aber auch für die HörerInnen eine wichtige Sicherheit. Wir sind heute auch viel besser in der Lage, Direktübertragungen zu realisieren, wir können raus zu den Menschen – ein wichtiger Schritt. Wir haben aus unseren Erfahrungen viel gelernt und die Programmstruktur hat sich weiterentwickelt.

Inwiefern?

Insofern, dass wir das Programm besser und kompakter gliedern. Die Rockliebhaberin soll wissen, an welchem Tag sie das zu hören bekommt, was ihr am liebsten ist. Ebenso die Informations- und die fremdsprachigen Sendungen. Das ist einwichtiger Schritt, hin zum aktiven Hören.

Sie haben eben die Fremdsprachen angesprochen, auf die sie im Radio grossen Wert legen. Da kommen mir schon Gedanken, die auch ein Freies Radio an die Grenzen bringen kann.

Wie meinen sie das?

Ich denke das könnte bisweilen ja recht kompliziert werden, wenn sich zwei Menschen aus einer Kriegsregion begegnen… Noch markanter die Vorstellung, wenn jemand zum Terror aufrufen sollte. Kommen sie da nicht in einen Clinch mit der Freiheit?

Die Frage stellt sich und hat sich auch schon gestellt. Übrigens stellt sich diese Frage auch bei RadiomacherInnen mit Schweizer Pass. In jedem Medium. Es ist natürlich besonders aktuell, wenn wir Radiomacherinnen und Radiomacher aus Krisengebieten haben. Wir mussten schon während des Kosovokrieges serbische und albanische RadiomacherInnen aneinander vorbei schleusen. Trotzdem – oder erst recht -geben wir ihnen eine Stimme. Sie wohnen bei uns, sie haben etwas zu sagen. Wir wollen zur Kommunikation zwischen diesen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, zur sozialen Integration beitragen. Die Sendungen drehen sich daher in der Regel, auch die fremdsprachigen, um Belange der Region Bern oder Stadt Bern. Dass jemand zum Terror aufruft, das halte ich nicht für möglich.

Was macht sie da so sicher? Kein Berner versteht diese Sprachen…

Wir schon. In unsrer Programmkommission sitzen Leute, die diese Sprachen verstehen. Wenn das nicht der Fall ist, ziehen wir Leute mit den entsprechenden Sprachkenntnissen bei. Wir wissen was im Programm ist. Das ist nicht eine „Gesinnungskontrolle“, sondern eine Qualitätskontrolle, wie sie in jedem Radio betrieben wird. Wir haben schliesslich eine redaktionelle und eine rechtliche Verantwortung.

Sehen sie RaBe überhaupt als ein politisches Sprachrohr?

Nein, nicht unbedingt. Selbstverständlich wurde das Radio als linkes Radio konzipiert, dabei geht es aber mehr um gesellschaftspolitische und kulturpolitische Aspekte als um parlamentarische Fragen. Es geht um Information, aber vor allem auch um Musik, um Kultur und Kulturaustausch.

Rabe hat sich in den zehn Jahren gewandelt. Auch personell. Haben sie ein Problem mit den Generationenwechseln?

Nein im Gegenteil, das ist ein Aufsteller. Das zeigt, dass die Idee tragfähig und nachhaltig ist.

Herr Doktor Egloff, ich bedanke mich für das anregende Gespräch und wünsche ihnen und den MacherInnen von Radio RaBe weiterhin gute und spannende Radiosendungen.

Radio RaBe
Das Interview erschien erstmalig in der Print Ausgabe des Berner kulturmagazin ensuite

Krieg

Sind Mini-Nukes harmlos?

Elmar Getto – 1.3.2006
Im Zuge des offenbar vorgesehenen Einsatzes von Atomwaffen beim ebenso offenbar vorgesehenen Luftüberfall auf den Iran wird nun gezielt das Thema der Verwendung von Atomwaffen überall hochgespielt. Der französische Präsident, ein ehemaliger CDU-Minister, Israel, die US-Regierung natürlich sowieso, alle sprechen plötzlich vom Einsatz von Atomwaffen gegen angebliche Terroristen und meinen damit den souveränen Staat Iran und seine zivile Bevölkerung. Die US-Administration tut sich mal wieder besonders hervor und hat einen neuen Namen für die schon lange bekannten kleineren Atombomben erfunden: Mini-Nukes.

Der Name soll suggerieren, es handele sich um so etwas wie Spielzeuge und man lanziert dann auch gleich gezielt Gerüchte, es handele sich gar nicht um wirkliche Atombomben, es gäbe keinen Fall-Out, die Mini-Nukes, seien „sauber“ und so weiter und so weiter. Über ‚yahoo’ und ‚google’ werden solche Gerüchte gezielt verbreitet. Im Forum der ‚Berliner Umschau’ hat denn auch schon ein Diskutant diese neuesten Informationen gehört, gibt sie auch gleich weiter und schreibt:

„Mininukes haben nicht die Aufgabe, Fall-Out zu bilden. Sie sind zur Zerstörung von Bunkeranlagen unter der Erde gedacht, da, wo konventioneller Sprengstoff keine Wirkung zeigt. Der Gefechtskopf dringt also tief in die Erde ein und detoniert dann. Da fall-outet nicht viel. Um die Wirkung zu zeigen, wie beschworen, müssten sie in großer Höhe gezündet werden und dann wäre ihre Sprengwirkung für den Hintern. Wenn schon radioaktive Gespenster, dann glaubhafte, bitte.“

Kleine Bomben für kleine Jobs?
Beeindruckend, wie Leute innerhalb von Minuten zu Fachleuten für Waffen und Atombomben werden. Nur sind wirkliche Atombomben leider gar keine Gespenster, sondern etwas sehr wirkliches, wie die Hunderttausende von Toten aus Hiroshima und Nagasaki bezeugen können (davon 50% erst nach entsetzlichen Leiden lange nach den Explosionen gestorben, zum Teil bis zu 20 Jahre danach).

Und Atombomben sind nie klein. Sie als ‚klein’ zu bezeichnen oder mit dem Attribut ‚Mini’ zu versehen, ist ein unzulässiger Euphemismus. Jede Atombombe braucht nämlich eine Mindestmenge (etwa 1 Kg) angereichertes Uran 235 (oder Plutonium), die ausreichend ist, um eine Kettenreaktion auszulösen, die dann die eigentliche Atombombe in Gang setzt. Diese Menge von angereichertem Uran oder von Plutonium nennt man die kritische Masse.

Dies bedeutet, dass die kleinste mögliche Atombombe, die lediglich knapp mehr als diese kritische Masse enthält, etwa die Zerstörungsgröße von 5 Kilotonnen hat. Die Einheit Kilotonnen bezieht sich auf einen Vergleich mit dem brisantesten bekannten Sprengstoff TNT. Man versucht etwa annähernd die Zerstörung zu beschreiben, die eine solche Atombombe anrichtet, indem man sagt, wie viele tausend Tonnen TNT man bräuchte, um eine ähnliche Zerstörung hervorzurufen, also in diesem Fall 5.000 Tonnen TNT. Es bedarf keiner weiteren Erläuterung, dass die schier unvorstellbare Zerstörungskraft, die 5.000 Tonnen, also 5 Millionen Kilo, des stärksten bekannten Sprengstoffes entwickeln, nicht mit dem Namen ‚klein’ oder ‚Mini’ beschrieben werden kann.

Nicht einfach TNT
Der Vergleich mit dem TNT hinkt aber auch noch zusätzlich, denn eine Atombombe hat eben nicht nur die Kraft einer Druckwelle, wie sie eine normale Sprengstoffexplosion hat, sondern viele Wirkungen:

– Der Lichtblitz. Er ist das erste, was die Explosion einer Atombombe anzeigt. Er erblindet augenblicklich jeden, der in einem bestimmten Umkreis um den Explosionsort zufällig in diese Richtung sieht. Er ist unbeschreiblich hell. Das erste bekannte Buch über Atombomben in Deutschland hieß „Heller als tausend Sonnen“.

– Die Hitzestrahlung. Unmittelbar nach dem Lichtblitz beginnt für etwa 3 Sekunden eine Hitzestrahlung, die so intensiv ist, dass sie Alles in näherer Umgebung augenblicklich verdampft. In Hiroshima konnte man noch die negativen Schatten von Menschen, die verdampft sind, an Mauern erkennen. Dort konnte für die Zeit, bis die Menschen ganz verdampft waren, die Hitzestrahlung nicht ihre schwarze Spur hinterlassen. Da die Strahlung aber nur die Oberflächen trifft und nicht in die Tiefe wirken kann, werden Metalle, Mineralien und Steine in einiger Entfernung von der Explosion nicht verdampft, denn die Strahlung verdampft nur die Oberfläche Schicht um Schicht. In einiger Entfernung von der Explosion tragen Menschen Verbrennungen davon, an ungeschützten Körperstellen direkt durch die Strahlung und ansonsten, weil ihre Kleidung Feuer fängt. Überhaupt setzt die Hitzestrahlung in weitem Umkreis alles Brennbare in Brand.

– Die Druckwelle. Sie läuft mit Schallgeschwindigkeit ballonförmig vom Explosionszentrum aus wie bei einer gewöhnlichen Explosion. Auf sie bezieht sich der Vergleich mit dem TNT. Im Gegensatz zu konventionellen Explosionen, bei denen die Druckwelle von sich ausbreitendem Stickstoffgas geformt wird, ist die Druckwelle bei den Atombomben durch die ungeheure Menge der erzeugten Energie verursacht. So werden die durch die Hitzestrahlung erzeugten Brände nicht etwa ausgeblasen, sondern durch die Druckwelle von Luft mit frischem Sauerstoff versorgt und angeheizt.

– Die Neutronen- und Gamma-Strahlung. Sie sind die heimtückischsten Wirkungen der Atombombe, denn man kann sie weder sehen noch spüren. Die Neutronen schaffen eine riesige Menge radioaktiver Stoffe, indem sie auf Stoffe treffen und diese in radioaktiv strahlende Isotopen umwandeln. Die Gamma-Strahlen durchdringen selbst Mauern und Stahlwände und treffen damit auch Menschen, die vor den anderen Wirkungen noch geschützt waren. Gamma-Strahlen, wie auch der Kontakt mit radioaktivem Fall-Out, erzeugen die Strahlenkrankheit, die innerhalb von Minuten bis hin zu Jahren, je nach Intensität und Art der Strahlung, zum Tode führt. Jeder Strahlenkranke muss unvorstellbar entsetzlich leiden, bis er stirbt. Am schlimmsten sind jene dran, die nicht davon sterben, sondern mit den unerträglichen Schmerzen weiterleben müssen.

– Der radioaktive Fall-Out. Dieser entsteht durch Partikel, die zunächst radioaktiv geworden sind durch die Neutronenstrahlung oder durch Reste der Atomrakete. Sie werden durch den massiven Aufwind in die Höhe gerissen, der durch die ungeheure Hitze erzeugt wird, die in der unmittelbaren Explosionsumgebung herrscht (das typische Bild des ‚Atompilzes’). Eine immense Zahl größerer Teilchen fällt in der Nähe des Explosionsortes wieder auf die Erde und ist zusätzlich für eine allgemeine hohe radioaktive Strahlung in der Umgebung des Explosionsortes verantwortlich. Etwas kleinere Partikel fallen in Windrichtung vom Explosionsort zu Boden und sorgen für eine windabhängige Strahlungszone. Die feinsten Partikel aber, und das sind sehr viele, weil der ungeheure Explosionsdruck viel Material zu feinstem Staub gemahlen hat, werden vom Aufwind bis in die Stratosphäre gerissen (über 12 km Höhe). Die dort herrschenden Strahlströme (Winde mit höchsten Geschwindigkeiten) tragen sie in West-Ost-Richtung um die ganze Erde. Im Laufe von Tagen, Wochen, Monaten und Jahren sinken diese Teilchen dann, je nach Größe, langsam nach unten und tragen so Radioaktivität rund um die Erde.

Schauen wie der Krebs wächst
Das besondere Risiko ist das Inhalieren oder Einnehmen eines solchen Partikels. Selbst bei nur schwach strahlenden Partikeln kann sich dann im Laufe der Zeit eine Wirkung zeigen, meistens das Entstehen von Krebs, denn viele radioaktive Stoffe strahlen über Jahre und Jahrzehnte. Nach den Atombombenversuchen, die von den USA in den fünfziger Jahren vor allem in der Wüste von Nevada durchgeführt wurden, konnten in den häufigsten Windrichtungen von dort signifikante Anstiege von Kinder-Leukämie nachgewiesen werden. Im Lauf der Jahre weitete sich dieser erhöhte Anfall von Kinder-Leukämie auf die ganzen Vereinigten Staaten aus. So konnten damals Wissenschaftler beweisen, dass Atombombenexplosionen in der Atmosphäre zu jahrelangem Fall-Out rund um die Erde führen, was wiederum weitreichende Konsequenzen für die menschliche Gesundheit hat.

Diese beeindruckenden Untersuchungen wurden Ende der Fünfziger Jahre von etwa 3.000 Wissenschaftlern weltweit unter Leitung des Chemie-Nobelpreisträgers Linus Pauling der Öffentlichkeit und den Führern der beiden Supermächte vorgelegt mit der Petition, die Atombombenversuche einzustellen, nachdem sich Albert Einstein schon vorher scharf gegen das Wettrüsten mit Atombomben und die Tests ausgesprochen hatte. Kennedy und Chruschtschow vereinbarten dann 1962 das Einstellen der Atombombenversuche in der Atmosphäre. 1963 bekam Linus Pauling dafür den Friedens-Nobelpreis.

Bahnbrechend Bunkerbrechend
Doch kommen wir nun zu den Bunkerbrechenden Atomwaffen, die wiederum nicht mit der Uran-Munition verwechselt werden dürfen, bei der Uran lediglich wegen seiner hohen Dichte eingesetzt wird.

Bunkerbrechende Atomwaffen wurden in Anlehnung an konventionelle panzerbrechende Geschosse entwickelt. Bei den letzteren wird das Prinzip einer Konzentration der Explosionswirkung auf einen kleinen Bereich durch einen konusförmigen Metallspiegel im hinteren Teil des Geschosses verwendet. Im ersten Moment einer Explosion eines konventionellen Sprengstoffes entsteht zunächst durch die extrem schnelle chemische Reaktion eine große Hitze, die aber lokal am Explosionsort bleibt. Die eigentliche Explosionswirkung besteht nicht aus dieser Hitze, sondern aus der sprunghaften Ausdehnung des bei der Reaktion entstehenden Gases (meistens Stickstoff), das die mechanische Explosionswelle hervorruft. Der Metallspiegel konzentriert aber nun im ersten Moment der Explosion, bevor er selbst zerstört wird, die Hitze in die Richtung des Einschlages. Dadurch schmilzt (oder brennt) sich die panzerbrechende Munition durch einen Metallpanzer. Wenn dann die mechanische Explosion einsetzt, kann sie auch durch die entstandene Öffnung hinter die Panzerung wirken.

Parallel hierzu kann man nun auch eine Atombombe entwickeln, die ebenfalls einen solchen konischen Spiegel aus einem möglichst resistenten Material in Einschlagrichtung hinter der eigentlichen Atombombe hat. Dieser konzentriert, solange der Spiegel noch nicht zerstört ist, vielleicht für eine Sekunde, die Hitzestrahlung nach vorne und lässt dort alles schmelzen. Bei der ungeheuren Hitzestrahlung einer Atombombe werden dabei zweifellos höchste Temperaturen über 12.000 ºC erreicht, bei denen selbst massives Gestein verdampft. Zwar wird auch hier die Regel gelten, dass immer nur an der Oberfläche verdampft wird, da Hitzestrahlung keine festen Stoffe durchdringen kann, aber man kann so mit Sicherheit ein vielleicht zehn oder zwanzig Meter tiefes Loch in massives Gestein brennen, in das anschliessend die gewaltige Sprengwirkung der Atombombe eindringen kann und damit in der Lage sein kann, den ganzen Berg zu spalten und jegliche Höhlung darin zum Einsturz zu bringen.

Dazu kann man das Geschoß für eine solche Bunkerbrechende Atombombe so gestalten, dass es an der Spitze, also vor dem eigentlichen nuklearen Teil, einen Urankern besitzt wie jene Uran-Munition (siehe obigen Link). Zusammen mit einem eigenen Raketenantrieb, der eine solche Bombe auf 10.000 oder 20.000 km/h Geschwindigkeit bringen kann, erreicht man dadurch eine tiefe Penetration in die Erde und eventuell und eventuell eine geringe zusätzliche in Felsen, die jene Bunkerbrechende Wirkung noch verstärken kann, bevor der Zündmechanismus der Atombombe überhaupt in Gang gesetzt wird. Gibt man der Uran-Spitze der Atomrakete (die ohne Schwierigkeiten von Flugzeugen aus abgefeuert werden kann) dann noch einen Überzug mit extrem harten Metallen, so kann man sogar eine gewisse Penetration nicht nur in Erdreich, sondern auch in blanken Fels erreichen.

Einer Berechnung der Union of Concerned Scientists zu Folge ist eins klar: Auch wenn die Bunkerbrechende Atomrakete in der Lage ist, in Erdreich einzudringen, und sogar einige Meter in blanken Fels und sich dann mit der Explosion noch einmal um die zehn oder zwanzig Meter in den Fels zu brennen, so mag dies absolut ausreichen, einen halben Berg zum Einsturz zu bringen und jegliche Aktivitäten in Höhlen und künstlichen Kavernen in diesem Berg auszulöschen, aber das ändert nichts daran, dass nur wenige Meter von der Oberfläche eine Atombombe explodiert. Zwar vermögen der Lichtblitz und die Hitzestrahlung nicht so viel Schaden anrichten, aber alle anderen Wirkungen der Atombombe bleiben voll erhalten.

Das behauptete tiefe Eindringen in den Berg vor der Explosion ist nicht möglich, weil Felsen eine noch so schwere und schnelle Rakete keineswegs tief eindringen lassen, höchstens einige Meter.

Das bedeutet, dass, so wie bei jeder Atombombe, eine große Quantität von feinstem Staub produziert wird, der durch die Neutronenstrahlung radioaktiv aufgeladen wird und als Fall-Out zunächst in der Windrichtung zu Schäden für die dort lebenden Menschen führt und dann, aus der Stratosphäre, über Jahre hinweg einen Fallout rund um den Erdball hervorruft. Wird, wie vermutet, auch eine Uranverstärkung in der Spitze verwendet, wird dieser radioaktive Fall-out sogar noch intensiver sein als bei der Hiroshima-Bombe.

Da falloutet nicht viel
Diese Atombomben können keineswegs mit unterirdischen Atomwaffenversuchen gleichgesetzt werden, bei denen die Atombombe in 700 Meter Tiefe explodiert und nur geringe Mengen radioaktiver Substanzen an die Oberfläche kommen. Es ist ein Irrtum, wenn man glaubt, „Da falloutet nicht viel.“ Ebenso ist es eine Täuschung, wenn uns die Atommächte weismachen wollen, dass Atombomben „in großer Höhe gezündet werden“ müssten, um viel Fall-Out zu verursachen. Es ist sogar umgekehrt so, dass Atombomben, die knapp unter der Erdoberfläche gezündet werden, die größte Menge Staub aufwirbeln, der dann als Fall-Out um den Erdball ziehen kann.

deutschland

Volles Bild für Öffentlichkeit

Harald Haack – Die Bundesregierung feiert die Beerdigung der Aufklärung einer Geheimdienstaffäre. Rot-Grün hatte es einst verzapft, Rot-Schwarz darf nun zapfen – das Kölsch für die rheinischen Narren unter den deutschen Bundespolitikern. Und die leidige Affäre wurde demokratisch per Mehrheitsbeschluss als „aufgeklärt“ definiert. Es lebe die närrische Demokratie!

Haben Regierungsberater die Lösung für allen kniffligen und unliebsamen Tratsch gefunden, der aus dem Deutschen Bundestags heraus seinen Weg in die Öffentlichkeit fand? Wenn dem so ist, dann ist ihnen der Clou aller Zeiten gelungen.

Das ist doch super: Zukünftig werden Publikationen über Regierungs- und Geheimdienstpannen ganz einfach in die närrische Zeit zwischen dem 11.11. und dem Aschermittwoch gelegt. Auf diese Weise gibt es keine lästige Untersuchungsausschüsse, auf unfassbar demokratische Weise können vermeintlich kriminelle Handlungen, in Aussicht auf ein leckeres Kölsch (oder zwei oder drei oder …) „aufgeklärt“ werden.

Diese Einsicht fällt ausgerechnet in die Zeit, in der Hamburgs Ordnungshüter und Objektschützer, die Kolleginnen und Kollegen der Polizeibeamten der Gewerkschaft DPolG, der „Deutschen Polizeigewerkschaft im DGB“, streiken, weil Politiker sie zur 40-Stunden-Woche zwingen und des Weihnachts- und Urlaubsgeldes berauben wollen. Wahrscheinlich steht wieder einmal eine Diätenerhöhung bei Bundestagsabgeordneten an, aber neue Besen kehren bekanntlich gut (wenn auch erfahrungsgemäß nur kurzzeitig).

Bundesfinanzminister Steinbrück (SPD) hat seine Vorliebe für den roten Stift entdeckt und er schwingt ihn mit Elan. Streichungen, so weit die Etats reichen. Woher aber das Geld für die Diätenerhöhungen nehmen, wenn nicht stehlen? Nein, gestohlen wird nichts, aber den öffentlich Bediensteten offenherzig ins Portemonnaie gegriffen.

Wer nun glaubt, Beamte genössen die Sicherheit der Unkündbarkeit und die Ehre ihres Berufsstandes – Beamte duzen verboten – irrt. Mit der neuen Lösung der Bundesregierung werden Ermittler und Richter überflüssig. Eine brillante Innovation zur Entlastung der Gerichte! Hat ein Politiker „Schwarzgeld“ angenommen und der Bundespolitik gemäß den Zielen seines Spenders einen tiefen Eindruck hinterlassen, wird nicht mehr ermittelt, sondern darüber abgestimmt, ob man den Fall als „aufgeklärt“ abhaken kann. Das ist der Föderalismus Deutschlands. Unglaublich demokratisch! Unfaßbar dumm?

In der Tat wird in Berlin Karneval gefeiert, obwohl Berlin eigentlich genau der Bereich ist, wo Närrisches an der gemeinen Berliner Schnauze abprallt und hilflos und blöd zerbröselt wie staubtrockene Kreuzberger Schribben (Brötchen, Semmel). Karneval in Berlin findet unterirdisch und im Geheimen statt: Tief unten im Deutschen Bundestag. Glaubt man dem journalistischen „Peinlichkeitspegel Deutschlands“ – „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer hat die Schand in der Hand“ – dann „leuchteten schon Luftschlangen und aus den Boxen dröhnten bereits zur Probe die ersten Karnevalsschlager“ in den alten, reanimierten Katakomben des „Reichtags“-Bundestages während „einige Türen weiter … hinter verschlossenen Türen“ das PKG tagte.

Das PKG ist kein GSG 9, kein Erschießungskommando für nervige Zeitgenossen, die glauben Terrorist sein zu müssen. PKG steht auch nicht für „Panzerknackergruppe“, sondern – trautes Heim? – für „Parlamentarisches Kontrollgremium“.

Obwohl Karneval gefeiert werden soll, lag „einige Türen weiter“ in den von tristen Leuchtstoffröhrenlicht durchtränkten Krypten des Bundstages „auf dem Tisch“ ein mehr als 300-seitiger Bericht der Bundesregierung, der alle Fragen zu dubiosen Aktivitäten deutscher Sicherheitsbehörden erhellen soll.

Wahrscheinlich haben die Anwesenden angesichts der bedrückenden Fülle dieses Wälzers betroffen geschluckt und sich geängstigt, als müssten sie sich wie Analphabeten buchstabierend durch Marion Zimmer Bradleys „Nebel von Avalon“ quälen.

Doch die zweite Liga der „Berliner Republik“ jubelte alsbald: Schamane Merlin und sein Druide Scholli-Olli – nein, falsch: Norbert Röttgen (CDU) und Olaf Scholz (SPD) traten vor die Kameras. Wohin hätten sie denn auch als Valium des Bundestags-Karnevals treten können?

Sie waren sich einig. Als wenn nun alle missgünstige Zauberei weggezaudert sei, erklärten sie die Untersuchungen in der Geheimdienstaffäre als beendet. Niemand dürfe ein Vorwurf gemacht werden. Juhu!

Klar, immerhin hatten sie – alle beteiligte Pappnasen der neuen Regierung – uns Bürgern und mitfeixenden Nachbarn Deutschlands in den letzten Wochen doch bestens unterhalten. Für soviel Comedy und Soap-Opera hätten sie denn auch eine Auszeichnung verdient. Nominiert haben sie sich selbst zumindest schon dafür, doch um die eigentliche Auszeichnung zu ergattern, haben sie – ganz geheimnisvoll – „einen Schritt“ angekündigt. Sie wollen – ach, man wagt es kaum zu glauben -, dass die Öffentlichkeit „ein volles Bild“ über die Geheimdienst-Affäre erhält; lediglich „geheime operative Details über die Zusammenarbeit mit anderen Geheimdiensten sollen geschwärzt werden“.


Noch streng geheim und hier exklusiv vorgestellt: Das volle Bild des Deutschen Bundestages zur Geheimdienst-Affäre – lediglich „geheime operative Details über die Zusammenarbeit mit anderen Geheimdiensten sind geschwärzt worden“.

kultur

100 m² „Fight Club“

Martin Lehmann & Joshua Monten – Wie die Charaktere im Film „Fight Club“ schleichen in Marcel Leemanns neuestem Stück die Tänzer wie muskulöse Panther herum – ganz locker, cool, gern auch mit freiem Oberkörper und auf der Suche nach der nächsten Möglichkeit, Schmerzen zu bereiten, und zwar am besten sich selbst.


Wie Brad Pitt in Fight Club genießen die Tänzer das Glamouröse am Gefährlichsein

In der Regel dürfte sich der Normalbürger ja mit 100 m² glücklich schätzen. Aber Azusa Nishimara, Eugene W. Rhodes III. und Marcel Leemann entwickeln auf den 10 x 10 Metern ganz schön heftige Phobien und Psychosen. „I don’t want to live“, „I want to die“ sind düstere Verbalisierungen in einer suizidalen Atmosphäre, die von genial gemixten Videosequenzen (Iker Gómez de la Hoz) unterstützt wird. Was ist besser: Sich mit einem Fleischermesser die Venen aufzuschneiden, ein Schuss in den Kopf oder vielleicht doch Ertrinken in der heimischen Badewanne? Eine Frage, die sich die Tänzer – wie wohl schon jeder Selbstmörder zuvor – gestellt haben. Und wer den Mut nicht hat, es selbst zu tun, muss eben jemanden beauftragen, der einen mit dem Auto überfährt.

Viele Selbstmorde geschehen dann doch unerwartet. Und so bleibt auch hier die Gewaltbereitschaft der Tänzer lange Zeit versteckt. Als wären sie gerade vom Marzilibad herübergekommen, üben sie auf der leeren Tanzfläche anfangs präzise Hechtsprünge und Bräunungsposen in knappen Badehosen. Nach und nach wird’s allerdings bedrohlicher: Aus sportlichem Ringen wird Ernst. Mit der Hand angedeutete Waffen werden auf die Schläfen gedrückt, schließlich werden Leichen herumgekarrt. Aber die sonnenbebrillten Steingesichter verziehen sich kaum.


Das Tabuthema Selbstmord wird schonungslos und in all seinen Facetten akribisch behandelt.

So wie Brad Pitt in Fight Club genießen die Tänzer offenbar das Glamouröse am Gefährlichsein und an der Athletik ihrer Aufgaben. Wieso sollte sich aber jemand mit so viel – wenn auch nur markiertem – Selbstbewusstsein umbringen wollen?

Das Tabuthema Selbstmord wird schonungslos und in all seinen Facetten akribisch behandelt. Dies kann einem nahe gehen und stellt eine große Verantwortung dar. Dieser Verantwortung wird das Stück gerecht, indem es die dem Selbstmord zugrunde liegende, depressive Sehnsucht durchdekliniert.

Marcel Leemann Physical Dance Theater
Iker Gomez de la Hoz

Weitere Daten:

Zürich:
Di 21. Februar 2006 / 20.00
Mi 22. Februar 2006 / 20.00
Theater Rigiblick, Germaniastrasse 99, 8044 Zürich
Basel:
Do: 23. Februar 2006 / 20:00
Im Rahmen von Tanz > Faktor 6
Sudhaus, Burgweg 7 – 15, 4058 Basel
Luzern:
Sa 25. Februar 2006 / 20:00
So 26. Februar 2006 / 20:00
Théâtre La Fourmi, Tribschenstr. 61, 6005 Luzern
Winterthur:
Sa 18. März 2006 / 20:15
So 19. März 2006 / 20:15
Theater am Gleis, Untere Vogelsangstrasse 3, 8401 Winterthur

deutschland

Hamburg von seiner spannendsten Seite

Harald Haack – Nach dem warmen Theater um Hamburgs erstem Bürgermeister „Ole“ von Beust, seines ehemaligen Innensenators Schill und seines Justizsenators Kusch stellte man in Hamburg fest, dass solche schlaffe „Werbung“ nichts bringt für die Freie und Hansestadt Hamburg, dem „Tor zur Welt“.


Saufen mit Müllgarnierung in Hamburgs Davidstraße.

Hamburgs Werbestrategen wissen inzwischen, dass die Werbung auf einen Marketing-Plan abgestimmt sein muss, damit das gewünschte Ziel erreicht wird und das heißt in Hamburg immer noch: Mehr Touristen.


Postkartenidylle: Vor dem Eingang eines Bordells in der Hopfenstraße, einer Parallelstraße zur Reeperbahn. Die Farbe der Müllsäcke soll angeblich keine Rückschlüsse auf die Sexpraktiken des Bordells bieten.


Hinweis für Souvenierjäger: Die vollen Müllsäcke sind unverkäuflich. Mülldiebstahl wurde aber noch nicht bekannt.


Alkoholiker-Pedanterie: Je voller die Köpfe, desto geordneter das Leergut.

Bisherige Anstrengungen um die Gunst der Touristen aus aller Welt haben wahrscheinlich nicht zu einer Steigerung der Zimmerbuchungen geführt. Nur so dürfte es zu erklären sein, dass die Stadtväter, und die Stadtmütter ebenso, sich im Streit mit der Gewerkschaft Ver.di stur verhalten und einen Streik der öffentlich Bediensteten provozierten. Nun ist er da der Streik, und die Müllermänner streiken. Im gesamten Stadtgebiet wird der Müll seit über einer Woche nicht mehr entsorgt, die Wege und Straßen werden nicht mehr gefegt und an den Straßenrändern häuft sich der Müll.


Aufeinander abgestimmt: Rote Limousine, roter Müllbehälter und weiße Pappbecher eines Fast-Food-Restaurants an der Reeperbahn.


Für mehr „Vorspiel“ sind offensichtlich die Huren der Herbertstraße. Die Straße ist eine Sperrzone und für dort nicht tätige Frauen verboten. Auch der Müll muss draußen bleiben.

Hamburgs Amüsierviertel St. Pauli bietet jetzt gerade Abenteuerurlaubern spannende Augenblicke. Trunkenbolde säumen wie eh und je die Reeperbahn, Türsteher scheinen mit sich selbst zu reden und Huren stehen sich die Füße platt. Aber sie alle sind von Müllbergen umgeben. Der feuchtkalte Wind löst Papierfetzen und Pappbecher aus aufgeplatzten Mülltüten. Der Dreck wirbelt über die breiten Gehsteige der Reeperbahn.


In der großen Baugrube der Reeperbahn.

Während die meisten Hamburger Bürger den Müllstreik bisher gelassen hinnehmen und mehr den je auf Müllvermeidung achten und selbst die Wege fegen und die Straßen sauber halten, schimpfen die in den Amüsierbetrieben tätigen Stripperinnen und Barkeeper wie auch ihre Chefs über den Müllstreik anstatt selbst zum Besen zu greifen. Aber deren asoziales Verhalten hat auch eine gute Seite: Zeigt es doch ehrlich wie enorm dreckig es in St. Pauli zugeht und dass das Müllaufkommen der Reeperbahn und angrenzenden Strassen am größten von ganz Hamburg ist.


Am Eingang der S-Bahn-Station Reeperbahn.


Auch sie streiken: Polizisten vor Hamburgs berühmtestem Polizeirevier, der Davidswache. Sie fegten ihren Gehsteig.

Nicht nur Ver.di hatte zum Streik aufgerufen. Auch die Polizeigewerkschaft DPolG mobilisierte ihre Mitglieder im Verkehrsordnungsdienst und Objektschutz. Die Polizisten und Polizistinnen wollen, wie Müllmänner und Straßenfeger, keine 40-Stunden-Woche, keine Stellenstreichungen, keine Wegnahme von Weihnachts- und Urlaubsgeld und dem Senat davon überzeugen, dass sie kein Spielball für „sparwütige Haushälter“ sind.

In Hamburg St. Pauli ist wieder was los! Gräuliches Schmuddelwetter, Baustellenstaub, Müll und übelgelaunte Polizisten. Kommen Sie jetzt bevor die ersten Strahlen der Frühlingssonne alles zunichte machen. Erleben Sie Hamburg wie es wirklich ist.

vermischtes

Erneute Warnung vor gefährlichen Folgen des Klimawandels

Karl Weiss – Zwei ‚Institutionen’, die sich bisher nicht gerade dadurch ausgezeichnet haben, in der Frage des drohenden Klimawandels zur Panikmache zu neigen, haben nun in ungewöhnlich deutlichen Worten zu einem Umdenken aufgerufen, um die großen Gefahren des bereits stattfindenden Klimawandels zu verringern: Die ‚Welt’ und Tony Blair.

In der ‚Welt am Sonntag’ vom 5.2.06 heißt es in einer Überschrift: „Ausmaß und Folgen der globalen Erwärmung sind dramatischer als bislang vermutet. Wie viel Klimawandel erträgt die Menschheit?“ Tony Blair schreibt im Vorwort zu einer Studie zum Klimawandel: „Die Studie zeigt, dass die mit dem Klimawandel verbundenen Risiken größer sind, als wir bisher angenommen haben.“

Laut der Studie sind bereits jetzt bestimmte Folgen des Treibhauseffekts durch die großen Mengen an Kohlendioxid-Ausstoß nicht mehr rückgängig zu machen. So müsse man von einem schon nicht mehr zu verhindernden Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur von zwischen 1,4 Grad bis zu 5,8 Grad ausgehen. Die Folgen davon sind nach dieser Studie ein Anstieg des Meeresspiegels, verheerende Hitzewellen und Dürren, ein starker Anstieg von Niederschlägen mit der Folge von Überschwemmungen und eine Verstärkung von Wirbelstürmen der verschiedenen Arten. Dies alles, wohlgemerkt, wenn ab sofort drastische Maßnahmen zur Einschränkungen der Kohlendioxid-Erzeugung durchgesetzt würden, was ja nicht einmal am Horizont in Sicht ist.

Die Wissenschaftler der Studie schweigen sich darüber aus, was geschieht, wenn ohne Einschränkungen so wie bisher fossile Brennstoffe verfeuert werden. Es wird aber klar, dass dies bisher noch kaum vorzustellende katastrophale Folgen haben würde. Einer der Wissenschaftler drückt das so aus: „Wir haben es mit einem erwachenden Riesen zu tun.“

Ein besonderes Sorgenkind der Polarforscher ist in diesem Zusammenhang die Eiskappe auf der westlichen Antarktis. Sie enthält mehr Eis als das gesamte schwimmende Nordpol Eis. Es besteht die Möglichkeit, dass diese Eiskappe ins Meer abrutscht oder aber in einem längeren Prozess abschmilzt. In beiden Fällen würde das den Meeresspiegel um etwa 1,5 Meter ansteigen lassen.

Einer der Forscher erklärte, er habe „kein Verständnis für Vertreter aus der Wirtschaft, die konkrete Konsequenzen aus den Ergebnissen der Klimaforscher mit der Begründung verweigern, diese seien zu unsicher. In der Wirtschaft werden täglich Entscheidungen auf sehr viel unsichererer Informationsgrundlage gefällt.“

Eine besondere Art von Fachleuten auf diesem Gebiet sind die der Münchener Rückversicherung. Die Rückversicherer sind nämlich jene Institutionen, auf die auf lange Sicht gesehen die Kosten von Umweltkatastrophen zukommen. Die Experten gehen bereits jetzt von einer erheblich erhöhten Wahrscheinlichkeit solcher Katastrophen aus. Einer rechnete vor, dass z.B. die Kosten einer Überflutung der ganzen Londoner Innenstadt auf etwa 60 Milliarden US-Dollar geschätzt werden.

Um eine Vorstellung zu haben, von was genau die Rede ist, wenn man von einer weltweiten Umweltkatastrophe redet, hier noch ein Zitat aus einem früheren Artikel der Berliner Umschau: „Was charakterisiert nun die globale Umweltkatastrophe? Neben anderen Erscheinungen … besteht sie im Wesentlichen aus dem Anstieg in Intensität und Häufigkeit von Unwettern sowie dem Anstieg in Intensität und Häufigkeit von Dürren. Beide Effekte gemeinsam werden einerseits zur Ausdehnung bestehender und dem Entstehen neuer Wüsten und Steppen führen … und andererseits werden die gewaltigen Regen-Sturzbäche den Humus, den Boden, auf dem Pflanzen wachsen können, in zunehmendem Maße weg- und ins Meer spülen. Beides wird auch die Möglichkeit des Zurückhaltens von Regenwasser vermindern, so dass es immer schwieriger werden wird, noch Trinkwasser zu finden. … Im Endstadium gibt es kaum noch Trinkwasser und kaum noch Pflanzen. Es braucht nicht näher erläutert zu werden, dass dies das Ende der Menschheit bedeutet, wie wir sie kennen.“

Klima-Spezialist der NASA: Sie wollen mich zum Schweigen bringen

deutschland

Aufmacher

Harald Haack – Es ist genau das eingetroffen, was vor einigen Monaten zu befürchten war. Deutschland schien nicht auf die Vogelgrippe vorbereitet zu sein. Doch das wurde seitens der Regierung unter Kanzler Schröder bestritten. Nun wird das erschreckende Ausmaß der Versäumnisse unserer Politiker sichtbar. Aber was jetzt im Pressemainstream dramatisiert wird, sind nur die jüngsten Meldungen einer globalen Schande.

Glaubt man dem britischen Boulevard-Blatt „The Sun“, so ist Großbritannien gegenwärtig ebenso wenig vorbereitet, wie es andere Lände zuvor waren. Der Globalismus hat nicht nur kläglich versagt, sondern die Ausbreitung der Vogelgrippe erst recht ermöglicht.

Interessant ist, mit welchen Fotos einige Redaktionen die Aufmacherseiten der Internet-Ausgaben Ihrer Magazine und Zeitungen schmückten und welche Peinlichkeiten die offensichtlichen Dramatisierungen mittels gestellter Pressefotos verursachen.

Laut SPIEGEL-ONLINE sagte Bundeskanzlerin Merkel, „gute Aufklärungsarbeit und die Schönheit der Insel würden auch weiterhin dafür sorgen, dass Rügen seine Liebhaber finde“. Sind es wirklich Feuerwehrleute, die dem Fotografen von Getty Images vor Rügen posierten oder sehen wir jetzt schon unentwegte Rügen-Touristen in ihrer neuen roten Urlaubsbekleidung?

Ganz in blauen Schutzanzügen, aber mit roten Handschuhen posierten (offenbar) zwei andere Feuerwehrleute einem Fotografen der Deutschen Presseagentur (dpa). Aus der Bildzuschrift der SPIEGEL-ONLINE-Redaktion erfahren Leser, dass diese Gestalten unter Einsatz einer kleinen 10-Liter-Pumpflasche den weitläufigen Strand von Prerow desinfizieren.

Stern.de machte dasselbe Fotos gleich zum Aufmacher des blauen Montags. Desinfiziert der Mann (oder ist es eine Frau) den Strand oder soll das ein unterschwelliger Hinweis zur Rubrik „Wirtschaft & Karriere“ sein?

Die BILD-Zeitung hielt es am Boden nicht mehr aus und ging in die Luft. Schlagzeile und Fotos einer bewaffneten Tornado suggerieren, dass die Bundeswehr nun angreifen wird. Mit Napalmbomben gegen die Vogelgrippe-Viren? Verbrannt werden müssten die infizierten Kadaver doch sowieso.

Die Redaktion von FOCUS hielt es dagegen wohl für angebrachter weniger spektakuläre Fotos zu verwenden. Das Foto informiert sachlich über die Arbeit der Bundeswehr.

Und die Schweiz bereitet sich jetzt erst auf die Seuche vor. Für die „Neue Zürchner Zeitung“ lebt das Federvieh noch. Gezeigt wird ein prachtvoller Hahn in Angeberpose. Daneben die Überschrift: „Kantone aktivieren Krisenstäbe“.

Für die Online-SUN ist das Vereinigte Königreich noch nicht auf die Vogelgrippe vorbereitet. Das SUN-Foto zeigt einen in einem weißen Overall steckenden „Experten“ mit einem für die Vogelgrippe unzureichenden Atemschutz: „Alert … expert holds swan“.

Und die in Stockholm erscheinende Tageszeitung „Aftonbladet“ zeigt uns, dass die Schweden die Vogelgrippe verdrängen und präsentiert dafür das Foto eines kanadischen Eishockey-Stars bei den Olympischen Spielen. Nirgendwo ein Hinweis auf den Ausbruch der Vogelgrippe in Deutschland, Slowenien und Österreich.

Vogelgrippe und Merkel schießt den Vogel ab
Mobile Tötungseinheiten für Schweizer Geflügel
Deutschland: Präventiver Freiheitsentzug für Hühner
Impfstoff gefunden?
Deutschland vor der Katastrophe

Krieg

Aufruf zum Völkerhass ist keine Meinungsäusserung

Karl Weiss – Wer einige der Mohammed-Karikaturen der dänischen Zeitung ‚Jyllands Posten’ gesehen hat, kommt nicht umhin festzustellen, dass sie bei weitem über eine selbstverständlich auch in überspitzter Form erlaubte Kritik hinausgehen. Es handelt sich also hier nicht um einen Fall von freier Meinungsäußerung, sondern von Aufruf zum Völkerhass. Wer sich dies ausgedacht hat, wollte zündeln und hat nun – wenn auch mit zeitlicher Verspätung – Erfolg gehabt.

Gerade diese Zeitverzögerung ist aber das interessante an der Sache, denn sie sagt uns, was eigentlich dahinter steckt. Als diese Karikaturen vor vier Monaten veröffentlicht wurden, von einer Zeitung von maximal regionaler Bedeutung in Dänemark, gab es ja keine großen Reaktionen. Vielmehr wurden jetzt, da es um die Vorbereitung des Iran-Kriegs geht, diese Karikaturen hochgeputscht, zuerst in einem norwegischen Blatt und dann auch in der französische „France Soir“, in der deutschen „Welt“ und schließlich in HaGalil nachgedruckt („May it be madness – there is system in it“). Offenbar haben interessierte extremistische Kreise von beiden Seiten diese Karikaturen auch gezielt in der islamischen Welt bekannt gemacht, um den erwarteten Aufschrei hervorzurufen, auf den dann wieder mit dem Abdruck als Antwort auf diesen Aufschrei („wegen der Informationspflicht“) reagiert wird.

So peitscht man Gefühle hoch, wenn man einen Krieg beginnen will.
Geht man mehr ins Detail, stellt man auch gleich fest, dass es hier nur zum Teil um die Straftat „Verächtlichmachen von Religionen oder religiösen Symbolen“ geht, sondern eigentlich um eine andere Straftat. Der Prophet Mohammed, von dem keine Bilder irgendwelcher Art existieren, weil es ja das völlige Bildverbot im Islamismus gibt, wird nämlich dargestellt als iranischer Mullah oder Ayatollah, äußerst ähnlich zu Ayatollah Khomeini, dessen Turban eine Bombe mit brennender Lunte darstellt. Was wird also ausgesagt? Der fundamentalistische Islamismus, wie er von den iranischen Machthabern gepredigt wird, sei für Terrorbomben verantwortlich! Auch wenn die US-Regierung ebenfalls gerne den Zusammenhang des Mullah-Regimes mir Bombenterror in den USA, in England oder Spanien nahe legen will, so gibt es doch nicht irgendein Anzeichen, dass ein solcher Zusammenhang existiert, im Gegenteil.

Es ist belegt, dass Osama Bin Laden, als er beim CIA (jedenfalls nach außen hin) in Ungnade gefallen war, u.a. im Iran um Unterschlupf nachgefragt hatte und barsch abgewiesen wurde. Es ist ausreichend bekannt, dass die islamischen Sunniten und Schiiten in einer Fehde liegen. Im Irak wird, so berichten jedenfalls US-Regierungskreise, von den sunnitischen Anhängern des Bin Laden ein brutaler Bombenterror gegen die schiitische Mehrheitsbevölkerung in Szene gesetzt. Ohne den Wahrheitsgehalt dieser Story jetzt zu untersuchen, kann man daraus schließen, dass selbst die US-Regierung nicht behauptet (sondern bestenfalls indirekt versucht durchblicken zu lassen), das iranische Regime habe irgendetwas mit Bombenanschlägen in USA oder Europa zu tun.

Gibt es aber keinen solchen Zusammenhang, so müssen solche Karikaturen vor allem als Aufruf zum Völkerhass, als Volksverhetzung und Hetze zu einem Angriffskrieg angesehen werden. Jeder verständige Mensch kann diese Zusammenhänge erkennen. Erst recht jetzt, da es kaum noch einen Zweifel gibt, dass ein Überfall (wahrscheinlich mit Luftschlägen) auf den Iran bereits beschlossen ist und im Moment die erste Phase dieses Krieges („die Weltöffentlichkeit einstimmen“) läuft.

Das iranische Regime ist sicherlich ein Unterdrückungssystem, wie sich gerade wieder bei der brutalen Niederschlagung des Busfahrer-Streiks gezeigt hat, aber das ist kein Grund, dies Land mit einem Krieg zu überziehen (Nach dieser Logik müsste man noch viele andere Länder angreifen). Ebenso gibt es keinen Zweifel, dass es mit der palästinensischen Hamas zu tun hat, die eben von den Palästinensern eine Mehrheit bei den Parlamentswahlen bekommen hat. Insofern ist es also nicht verwunderlich, dass gerade die ‚Welt’ und ‚HaGalil’ diese Karikaturen nachdrucken, die beiden deutschen Organe, die in extremster Weise die israelischen Schlächtereien versuchen zu rechtfertigen.

Unabhängig davon, ob die „Welt“ und „HaGalil“ in Deutschland dafür belangt werden, muss man feststellen, dass es sich hier um Straftaten handelt. Wie locker der Herausgeber von HaGalil das sieht, kann man dem Interview entnehmen, das er dem „Neuen Deutschland“ mit dem Datum des 4.2.06 gegeben hat. Er hat keinerlei Problem mit deren Inhalte, hält sie lediglich für „plump“. Er begründet den Nachdruck einfach so: „Unsere Leser sollten wissen, worum es geht und deshalb haben wir diese Karikaturen gezeigt.“ Zum Inhalt der Karikaturen unkt er: „Da muss man gegenhalten – auch wenn es weh tut. Insofern fand ich es enttäuschend, wie schnell europäische Politiker einknickten und sagten, man müsse die Gefühle der Muslime respektieren.“ Im gleichen frechdreisten Ton geht das Interview weiter.

Leider kam keine Gegenfrage, warum denn in ganz Deutschland nur die ‚Welt’ und die Zionisten-Site glaubten, ihre Leser in dieser Weise „informieren“ zu müssen. Nicht ganz klar wurde, warum eine „sozialistische Wochenzeitung“ glaubte, mit diesem Interview jener zionistischen Seite ein Forum bieten zu sollen. HaGalil war ja schon wiederholt dadurch aufgefallen, dass sie jegliche Kritik an Israel und jede Solidarität mit dem Befreiungskampf des palästinensischen Volkes als angeblichen Antisemitismus und angeblichen Rechtsextremismus versuchte zu verleumden.

Wir haben hier Zündler von beiden Seiten am Werk und wir müssen uns fragen, ob hier nicht scheinbare Biedermänner zu Brandstiftern werden. Es geht also nicht um Meinungsfreiheit, Pressefreiheit oder das Recht zu auch harscher Kritik.

Selbstverständlich kann die Feder eines Journalisten oder eines Zeichners zur Waffe werden, wenn dies auch nicht mit den wirklichen Waffen verwechselt werden darf. Es kommt auf die Absicht an, die offenbar verfolgt wird. Wer mit einem Artikel, einem Satz, einer Karikatur oder der Szene eines Videos zum Rassenhass, zum Völkerhass, zum Krieg gegen andere Völker anreizt, kann sich nie auf Meinungsfreiheit oder ähnliches berufen. Wird andererseits eine scharfe, auch überspitzte Kritik an bestimmten fundamentalistischen Religionsauffassungen geübt, seien es christliche oder islamische, ist dies nicht automatisch gegen andere Völker und Rassen gerichtet.

Es macht sich aber jeder unglaubwürdig bezüglich seiner Motive, der islamischen Fundamentalismus angreift, christlichen aber ungeschoren lässt und andersherum. Religion und Aufklärung waren und sind ein Gegensatz. Tritt die Aufklärung für die Trennung von Kirche und Staat ein, will die Religion den Staat zu ihrem Instrument machen. Tritt die Aufklärung dafür ein, dass Religion Privatsache bleibt, will die Religion ihre Lehren von Staats wegen verkündet wissen. Sagt die Aufklärung, Gesetze dürfen nicht auf religiösen Anaschauungen beruhen, versucht die Religion, ihre Axiome über den Staat auch Nicht-Gläubigen aufzuzwingen. Tritt die Aufklärung dafür ein, die Rechte der Nicht-Gläubigen zu beachten, fordert die Religion die Unterordnung aller unter ihre Regeln.

Nicht umsonst stehen auf dem Kriegsschauplatz, der mit diesen Karikaturen geschaffen werden soll, auf der einen Seite ein fundamentalistisch-schiitisches islamisches Regime, das der iranischen Ayatollahs, und auf der anderen Seite eine US-Regierung, die wesentlich von fundamentalistisch-evangelischen christlichen Sekten beeinflusst ist.

Und als wäre das noch nicht genug der Religionen, hängt dann auch der fundamentalistisch-rassistische jüdische Staat Israel mit drin, der ebenfalls bei der Kriegshetze mitmacht. So war es denn auch keine Überraschung, dass eine zionistische deutsche Website ausser der ‚Welt’ die einzige war, die in Deutschland die Karikaturen veröffentlichte.

Das letzte Mal, das in Europa ein grosser Religionskrieg vom Zaum gebrochen wurde, im dreissigjährigen Krieg (1618 – 1648) war am Ende die Bevölkerung Europas auf die Hälfte reduziert. Damals benutzten die europäischen Mächte die Religion, um ihre Machtkämpfe auszufechten, ohne dass dies so sichtbar wurde. Wird der Iran-Krieg unterschiedlich sein?