afrika

Simbabwe: Der Wahlkampf hat schon begonnen

Dr. Alexander von Paleske — 17.4. 2011 — Ende September sollen in Simbabwe Parlamentswahlen stattfinden, vorher soll noch über eine neue Verfassung eine Volksabstimmung stattfinden, so hat es Präsident Robert Mugabe entschieden, und gegen Widerstand in den Reihen seiner ZANU-PF Partei durchgesetzt.

Gewalt wie gehabt
Da Mugabes abgesunkene Popularität nur wenig Aussicht bietet, die Wahlen zu gewinnen, hat er längst begonnen, seine bewährten Wahlhelfer zu mobilisieren, wir berichteten darüber. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen haben sich seitdem weiter fortgesetzt.

Zuletzt attackierten mit Minibussen herbeigekarrte Jugendliche eine Gedenkveranstaltung auf einem Friedhof in Harare, wo drei im Wahlkampf 2008 ermordete Anhänger der einstigen Oppositions- und jetzigen (Mit-) Regierungspartei MDC begraben liegen.

Nadelstiche und Ministerverhaftungen
Aber auch seine Nadelstichpolitik gegen Minister der MDC im Government of National Unity (GNU) wird nun heftiger.

Nachdem der Energieminister Elton Mangoma wegen angeblicher Korruption verhaftet, dann freigelassen, dann wieder wegen neuer Korruptionsvorwürfe verhaftet wurde, war am Freitag der Minister für Nationale Versöhnung, Moses Mzila-Ndlovu an der Reihe. Er wollte in einem Saal in Lupane auf dem Weg nach Viktoria Falls eine Ansprache halten. Unter dem Vorwurf, dieses Treffen sei bei der Polizei nicht angemeldet, wanderte er erst einmal ins Gefängnis.


Chronicle vom 16.4. 2011

Herbe Niederlage im Parlament
Eine herbe Niederlage musste Mugabe dennoch einstecken: Nachdem der Sprecher des Parlaments – vergleichbar dem Parlamentspräsidenten in Deutschland – Lovemore Moyo, durch Gerichtsurteil wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten bei seiner Wahl des Amtes enthoben worden war, sah die Minderheitspartei im Parlament, ZANU-PF, nun ihre Stunde gekommen, ihren Generalsekretär Simon Khaya Moyo, auf diesen Sitz zu hieven.

Rechtzeitig vor dieser Wahl waren Abgeordnete der MDC verhaftet worden, vermutlich um eine bessere Ausgangslage bei der Abstimmung zu schaffen.

Dann kam der Schock: Lovemore Moyo wurde wiedergewählt, und zwar auch mit den Stimmen einiger Abgeordneter der ZANU-PF.

Nachbarstaaten verlieren Geduld
Unterdessen verlieren die Nachbarstaaten Simbabwes die Geduld mit Mugabe.
Vor zwei Wochen fand ein Treffen in Sambias Resort-Town Livingstone statt. Anwesend waren die Präsidenten Sambias, Südafrikas, Tansanias und Robert Mugabe.

Mugabe wollte in altgewohnter Manier erklären, dass in Simbabwe alles bestes läuft. Daraufhin bekam er massive Vorwürfe, insbesondere von dem südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma, zu hören, der ihn unverblümt aufforderte, die Gewalt seiner Anhänger sofort zu beenden.


Simbabwes Financial Gazette vom 14.4. 2011

Mugabe Einwürfe wurden von den anderen Präsidenten vom Tisch gewischt.
Mugabe war schockiert, so etwas war ihm bisher noch nicht passiert. Er ließ nach seiner Rückkehr über seine Gefolgsleute „unfreundliche“ Äusserungen insbesondere gegen Jacob Zuma los, die er aber, nachdem ihm klar geworden war, dass der Schaden dadurch nur noch grösser würde, wieder abmilderte, und seine Botschafter in den jeweiligen Ländern zur Schadensbegrenzung in Marsch setzte.

Hinter der harten Haltung der afrikanischen Staatsmänner steht die Furcht, dass es angesichts der neuen Gewaltkampagne in Simbabwe zum Aufruhr kommen könnte, ähnlich in den nordafrikanischen Staaten.

Dieser Aufruhr hat bereits auf Swasiland übergegriffen, Nachbar Südafrikas und Mozambiques. Ein Land, das seit 34 Jahren diktatorisch von einem König regiert wird, wo Gewerkschaften brutal unterdrückt werden, und der Ruf nach Demokratie mit Gefängnis bestraft wird.


Undercover-Report aus Swasiland, Mail and Guardian
15.4. 2010

Fazit:
Die Zeiten der stillen Diplomatie gegenüber Simbabwe sind vorbei. Die Staatschefs des südlichen Afrika verlangen von Mugabe nichts anderes als die Einhaltung demokratischer Prinzipien und den Verzicht auf Gewalt.

Der 87-jährige Mugabe, für den es die letzten Wahlen sein werden, in denen er antritt, weiss, dass er mit diesen Vorgaben schlechte Karten hat, die Wahlen zu gewinnen.


Simbabwe-Tageszeitung Chronicle 16.4.2011 Mugabe und seine Armee – Quo vadis?

Nachtrag:
Für Touristen bestehen zur Zeit keinerlei Probleme. Die Touristenzentren wie Victoria Falls (ich komme gerade von dort) Hwange National Park, Great Zimbabwe und Nyanga sind von den politischen Auseinandersetzungen nicht betroffen.
Daran dürfte sich auch in den nächsten Monaten, aller Voraussicht nach, wenig ändern.

linkWird Simbabwe den Weg Ägyptens gehen?
linkWohin treibt Simbabwe?
link 30 Jahre Simbabwe, 30 Jahre Robert Mugabe
linkSimbabwe: Mugabes Umzug ins Paradies

Krieg

Nato befiehl, wir folgen?

Luz María De Stéfano Zuloaga de Lenkait – Die Bemühungen um eine politische Lösung in Libyen sind zuerst durch Bombenangriffe zunichte gemacht worden und gleichzeitig durch gezieltes Diskreditieren der libyschen Regierung mittels westlicher Medien, die sich mit den kriminellen westlichen Aggressoren und ihren Lügen verbünden, Lügen, die sie bedenkenlos reproduzieren, um die westliche Aggression gegen Libyen zu vertuschen.

Keine UN-Resolution darf Partei in einem Bürgerkrieg ergreifen, geschweige denn eine Einmischung in ein souveränes Land erlauben. Die Ideologie der „humanitären Intervention“ ist dieselbe Ideologie vom „gerechten Krieg“, eine Dauerlegitimation für Aufrüstung und gewaltsame Interventionen, die weltweit destabilisierend wirken und eine Bedrohung gegen den Weltfrieden darstellen.

Der Militäreinsatz wird damit zum Herrschaftsinstrument der großen, militärisch besonders starken Staaten. Die „militärische humanitäre Intervention“ kann nur gegenüber schwächeren Staaten und nicht gegenüber starken Staaten erfolgen. Verhandlungen unter einer „militärischen humanitären Intervention“ führen lediglich dazu, Positionen des Interventen durchzusetzen, ohne wenn und aber.

Der ominöse Präzedenzfall gegen Jugoslawien stellt die Erpressung gegen Belgrad zur Schande des ehemaligen deutschen Außenministers Joschka Fischer bloß, der im Auftrag der NATO und als Marionette der damaligen US-Außenministerin Madeleine Albright handelte. Unwürdig und schändlich! Der serbische Außenminister Zivadin Jovanovic führte damals in einem BBC-Interview den hellen Wahnsinn vor Augen.

Die deutsche Öffentlichkeit ist nicht bereit oder bleibt unfähig, diesen Wahnsinn, diese unzulässige kriminelle Erpressung gegen ein europäisches Land zu erkennen und aus Fehlern zu lernen. In seinem Leitartikel (SZ vom 12.4.1) „Außenpolitik nach Gefühl“ entlarvt Daniel Brössler seine nackte Ratlosigkeit, seinen Mangel an eigenem Verstand, an eigenem Kompass. Er weiß offensichtlich nicht, was es bedeutet, aus Fehlern zu lernen und stellt die Frage: „War es falsch, in den neunziger Jahren auf dem Balkan einzugreifen…?“ Für eine selbstverständliche Antwort hat Daniel Brössler entweder keinen Mut oder keine Intelligenz.

Der Außenminister Guido Westerwelle tut, was er kann im Korsett einer unseligen Koalition mit der kleinkarierten CDU-CSU, wo die Kriegsanhänger selbst den richtigen Weg der Kanzlerin Angela Merkel torpedieren. Der deutsche Außenminister hat richtig den Kurs Deutschlands in Europa anders als seine Verbündeten gesteuert. Leider verzichtet er darauf, die volle völkerrechtliche Begründung darzustellen, um gegen die perfide UN-Resolution zu Libyen (17.3.) vor der Weltöffentlichkeit zu opponieren. Seinen Eiertanz muss Westerwelle beenden.

Der deutsche Journalismus sollte sich wie auch alle deutschen Schulkinder von dem Gruppen-Syndrom befreien.
Die Gruppe ist in der deutschen Gesellschaft so bestimmend und einflußstark, dass ein absoluter Unsinn geduldet und akzeptiert wird, sollte die Gruppe ihn repräsentieren. Aber eine Selbstverständlichkeit, wie 2 plus 2 sind 4, wird abgelehnt und als Irrtum dargestellt, wenn die Gruppe sie ablehnt. Auf dieser Absurdität beruhen der große Nonsens der deutschen Außenpolitik der vergangenen 20 Jahre und die Unfähigkeit der deutschen Öffentlichkeit, sich dem Nonsens definitiv zu stellen. Oder wirkt immer noch das Führer-Syndrom, das aktualisiert heute lautet: NATO befiehl, wir folgen?

Daniel Brössler zusammen mit Stefan Kornelius in der SZ-Redaktion sind ein lebendiges Beispiel dieses Gruppen- oder Führer-Syndroms und der damit einhergehenden Hilflosigkeit, wie auch bei vielen anderen Journalisten, die ihrem eigenen Verstand nicht trauen können, weil die Gruppe oder der Führer nicht dabei ist, ihnen zu zeigen, wo es lang geht. Schließlich wird die Sache umgegangen, umgedreht und auf den Kopf gestellt: Anstatt die zutreffende Richtigkeit der nicht-kriegerischen Einstellung Deutschlands hoch zu preisen und sie vor der deutschen Öffentlichkeit begreiflich zu machen, wird die Sache mit der Masche, Deutschland gehe einen „Sonderweg“, vollkommen desavouiert.

Diese schon häufiger wiederholte Propagandamasche ins Leere offenbart die Gedankenlosigkeit und Unsicherheit deutscher Medien, eine Gedankenlosigkeit und Verwirrung zugleich, die ebenso die oppositionellen Parteien im Bundestag SPD und Grüne plagen. Die Konstruktion des Sonderwegs, um eine richtige Stellungnahme zu vermeiden, ist Indiz einer tradierten Last der deutschen Gesellschaft, nämlich immer wieder an Fehlern großer Gruppen festzuhalten und nicht die Richtigkeit einer individuellen Position anerkennen zu können.

Déjà-vu aus alter faschistischer Zeit
Ein déjà-vu Szenarium aus alter faschistischer Zeit, als sich das Unrecht der Massen über das Recht Geltung verschaffte, über das Recht, das eine einzige Person oder eine einzige Partei haben kann. Wie gewaltig eine Mehrheit sich irren und das Land in die Katastrophe führen kann, beweist mit abschreckender Evidenz das Ermächtigungsgesetz. Eine Minderheit behielt das Recht, aber diese Minderheit wurde nicht anerkannt. Geschlossenheit an sich zu preisen hinter einer verbrecherischen oder gesetzlosen Handlung, wie die Bombardierung Libyens, entlarvt ein Denken aufgrund einer Haltung, die sich durch nichts von der Haltung der europäischen Faschisten und Nationalsozialisten des 20. Jahrhunderts unterscheidet.

In diesem prekären Zusammenhang ist natürlich die Haltung des deutschen Außenministers Guido Westerwelle als mutig, selbstbewusst und richtig hoch zu schätzen. Ihn argumentativ zu begreifen und die deutsche Position darzustellen, ist die Herausforderung an die deutsche Öffentlichkeit. Aber dazu müssen Formation und Ausbildung vorhanden sein, und es muss argumentatives persönliches Denken geben.

sendenDie Autorin Luz María De Stéfano Zuloaga de Lenkait ist Juristin und Diplomatin a.D.

deutschland

Deutsche Bank und CDO’s oder: wie man Schrottpapiere losschlägt und dabei noch einen Riesen-Reibach macht. Drei Beispiele

Dr. Alexander von Paleske — 15.4. 2011 — Zwei Jahre hat es gedauert, bis der US-Senat einen zusammenfassenden Bericht über die Ursachen der Finanzkrise 2008 bekam.

Schwere Vorwürfe gegen Deutsche Bank
Der 650 Seiten starke Bericht liegt jetzt vor und er lässt an den Investmentabteilungen der Deutschen Bank und Goldman Sachs kein gutes Haar. Beiden Banken werden in dem Bericht „schäbige, riskante und betrügerische“ Praktiken vorgeworfen.

Im einzelnen :

– Bereits frühzeitig erkannt zu haben, dass die Collateralized Debt Obligations nichts als Schrottpapiere waren

– Konsequenterweise Wetten darauf abgeschlossen zu haben, dass diese Papiere im Wert abstürzen

– Die Deutsche Bank alleine mit diesen „Untergangswetten“ 1,6 Milliarden US Dollar eingesackt hat

– Gleichzeitig aber Kunden fröhlich weiter diese Schrottpapiere empfohlen „angedreht“ zu haben

Drei Kunden, Milliardenverluste
Drei Kunden, denen dieser Schrott verkauft wurde, und deren daraus resultierende hohe Verluste die Steuerzahler begleichen mussten, sollen hier vorgestellt werden:

1. Die Österreichischen Bundesbahnen.
Denen schwatzte die Deutsche Bank CDO- Schrott auf. Nach der Wirtschaftskrise wurden dann 660 Millionen Euro fällig welche die ohnehin schon defizitären ÖBB dann schultern sollten. Wir haben in einem Artikel uns damit ausführlich beschäftigt

2. Industriekreditbank IKB.
Auch an diesen seinerzeitigen „Pleiteverein“, den die Regierung in Berlin mit Milliardenzahlungen vor dem Totalabsturz bewahren musste, hatte die Deutsche Bank CDO-Schrottanleihen – von ihrem Top-Investmentbanker Greg Lippmann bereits im August 2006 in einer vertraulichen E-Mail als „Müll“ bezeichnet – losgeschlagen. Rechtzeitig, versteht sich.

3. Milliardengrab Hypo-Alpe- Skandalbank (Skandalpe) , einst Tochter der Verlustbank BayernLB,
Nicht nur der ÖBB brachten komplexe Geschäfte mit der Deutschen Bank Riesenverluste, auch die Hypo verbrannte viel Geld. Schrottpapiere, wurden von einem Ableger der Deutschen Bank, der HB Delaware in den USA, bereitgestellt, und von einer Tochter der Hypo- Alpe namens Carinthia von der Steuerparadies-Kanalinsel Jersey aus vertrieben. 2007 verlor die Credit Management der Hypo wegen der verfallenden US-Häuserpreise via Jersey 210 Mio. Euro. Das Engagement in toxische Wertpapiere hatte sich zu diesem Zeitpunkt auf 842 Mio. Euro summiert.

Nun geht es in Deutschland mit den Zinswetten der Gemeinden weiter. Und schon hat die Deutsche Bank mit drohendem Unterton durch ihren Prozessvertreter Reiner Hall verkünden lassen, wenn die Zinswettenprozesse zu ihrem Nachteil ausgingen „drohe eine neue Finanzkrise“.

Die Finanzkrise ist jedoch längst da, zwar nicht für die Deutsche Bank, aber für die große Zahl von Gemeinden, die sich auf diese Geschäfte mit der Deutschen Bank eingelassen haben.

Die zentrale Frage jedoch bleibt: Haben die Regierungen aus der Finanzkrise gelernt, und z.B. die Anfang der 90er Jahre eingeführten finanziellen „Massenvernichtungswaffen“ wie Credit Default Swaps (CDS) auf den Müll befördert? Mitnichten.

Daher In Abwandlung eines alten Bundesbahn-Werbespruchs:

Die nächste Finanzkrise kommt bestimmt.

KOMMENTARE

Delores (Gast) – 15. Okt, 16:09

This is an ariltce that makes you think “never thought of that!”
antworten – löschen


Zu den Österreichischen Bundesbahnen

Deutschbanker Ackermann schreibt an CSU-Seehofer


Zur IKB

Noch mehr Milliarden Euro Bürgschaften oder: Vorwärts mit der IKB
Der IKB-Prozess in Düsseldorf – oder: hat die Staatsanwaltschaft kapituliert ?
Goldman Sachs, Industriekreditbank (IKB) und Schrottpapiere

…und zu Zinsswaps
Deutsche Bank, Anlagemüll und die Zinswetten mit hochverschuldeten Kommunen
Die Artisten in den Finanz- und Wirtschaftsministerien: ratlos und planlos
Deutschbanker Ackermann stoppt Swapserei mit Kommunen

Zu Credit Default Swaps (CDS)
linkDefault Swaps oder: Die nächste Weltfinanzkrise rückt näher

Zur Finanzaufsicht BaFin
Finanzkrise, Bankenkrisen, Kleinanlegerbetrug – Hat die Finanzaufsicht BaFin versagt?
Finanzgauner, ihre Opfer und die BaFin
linkDie Grossbanken und der Staatsanwalt

Zentraler Artikel für alle bis Dezember 2008 angelaufenen Hypo-Alpe Skandale
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Weitere Hypo Alpe Artikel
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medien

Huffington Post und seine Blogger-Zulieferer: Eine Zusammenarbeit endet vor Gericht

Dr. Alexander von Paleske — 14.4. 2011 —
Die werbefinanzierte US Internet-Tageszeitung Huffington Post, gegründet im Jahre 2005 von der umtriebigen Arianna Huffington, zieht mittlerweile 25 Millionen Besucher pro Monat an. Tendenz: weiter steigend.

Damit ist der Huffington Post etwas gelungen, was bisher keinem Internetauftritt von Tageszeitungen gelungen ist: ordentlich Geld zu verdienen. Der Grund: Wofür Medien bisher bezahlen mussten, nämlich die Artikel von Journalisten, das bekam die Huffington Post gratis.

Die Huffington Post erstellt die Artikel meist nicht selbst, abgesehen von Kommentaren, sondern bekommt sie angeliefert – kostenlos – von Bürgerreportern, Bürgerjournalisten, Bloggern und Prominenten, die sich freuen, wenn ihre Artikel und Bilder dort erscheinen. Jedenfalls bisher.

Die rund 200 von ihr angestellten Journalisten, darunter einige von renommierten Blättern wie der New York Times abgeworben, nehmen die kostenfreie Ware in Empfang, filtern Schwachsinn, Blödsinn und groben Unfug heraus, editieren, wenn nötig, und Juristen scannen die Beiträge auf Prozessverdächtiges, um es dann ggf. zu entschärfen bzw. rauszuwerfen.

Qual der Wahl – wie lange noch?
Die Zahl der Einsender ist riesengroß, die Huffington-Post-Leute können auswählen, auch Qual der Wahl genannt.

Das könnte sich jedoch bald ändern.
Das Wikipedia-Prinzip, nämlich kostenlos anzuliefern, funktioniert auf Dauer wohl nur, wenn der Verwerter ebenfalls von Altruismus getrieben ist, was ja nicht ausschließt, ein angemessenes Gehalt zu verdienen. Und davon sind wohl auch etliche der Artikel-Zulieferer ausgegangen.

Das sollte sich bei der Huffington Post jedoch als großer Irrtum erweisen.

Von Null auf 315 Millionen
Die HuffingtonPost wurde vor zwei Monaten an AOL für 315 Millionen US Dollar verkauft.
Von Null auf 315 Millionen in weniger als 6 Jahren. Wie schön.

Die Blogger, die mit ihren Beiträgen die Huffington Post erst zu dem gemacht haben, was sie heute ist, sehen allerdings von diesem Geld keinen Cent. Vorläufig jedenfalls . Der Verkaufserlös wandert ausschließlich in die Taschen von Arianna Huffington.

Verständlich, dass die Zulieferer sich hereingelegt fühlen, denn sie glaubten, dass die Huffington Post dem Modell Wikipedia näherstünde als den Geschäftsprinzipien eines Rupert Murdoch. Dass, nachdem die Huffington Post, wie zuletzt, Geld verdient, sie dann auch anteilig bezahlt würden. Mit einem Verkauf der Huffington Post hatte offenbar niemand gerechnet.

Dieser Irrtum könnte in Zukunft eine ganze Reihe von hochkaratigen Bloggern davon abhalten, der Huffington Post weiter zuzuarbeiten.

Endstation Gericht
Nun also hat der Blogger , Publizist und Gewerkschafter Jonathan Tasini die Huffington Post mit einer Class Action auf Zahlung von 105 Millionen Dollar verklagt.

Es wird sich zeigen, ob diese Klage Erfolg hat, man darf daran zweifeln. Wer statt einem schriftlichen Vertrag und ohne zumindest feste mündliche Zusagen auf das Prinzip Hoffnung setzt, dem steht bestenfalls ein Luftschloss zu – wenn überhaupt.

Auch in Deutschland gibt es erste Versuche seitens der Medien, sich kostenlos, oder zumindest billigst, Material zuliefern zu lassen, die Bild-Zeitung über die Leser-Fotos mithilfe der Vado-Kameras, der Internetauftritt der Wochenzeitung Die Zeit über Leserartikel.

Was fehlt – gerade auch in Deutschland – ist eine Internetzeitung wie die Huffington Post, aber als echte journalistische Plattform, welche verstreute anspruchsvolle Bloggerbeiträge sammelt, als Tageszeitung herausbringt und nicht dem „Geschäftsmodell“ der Huffington Post folgt.

Medienartikel
Frankfurter Rundschau – ein überregionales Traditionsblatt wird zur Regionalbeilage?
Murdoch, Huffington-Post und das Wikipedia-Prinzip

Eine Plage im Internet: Die Basher
Frankfurter Rundschau: „Kastration“ als Überlebensprinzip

Bodo Hombach und die Zukunft der Tageszeitungen – oder: Lokalteil hat Zukunft, WAZ macht Zukunft?
linkFAZ: Ein Artikel verschwindet oder: Telefonierte Bodo Hombach mit der FAZ?
Umsonst ist nicht angemessen? – oder: Ist das Zeitungssterben aufzuhalten?
Nach den Banken nun die Zeitungen?
Gruner und Jahr Verlag: Trübe Aussichten, finanziell und journalistisch
Die neue Gruner und Jahr Story oder: Von Gruner und Jahr zu Anzeigen und Spar
Der Fall Hypo Alpe-Adria (Skandalpe) – Eine Abschlussbetrachtung
Darfs ein bisschen weniger sein? Oder: Neues zum Niedergang des Qualitätsjournalismus
Josef Joffe und das Gespenst des drohenden Todes der Tageszeitungen
Alles frei?– oder: Der Streit um das Urheberrecht und seine Vergütung

Zu Murdoch
Rupert Murdoch – Citizen Kane in der Aera der Globalisierung
Rettet Rupert Murdoch den guten Journalismus?
Botschaft eines Kraken aus der Medienwelt.

China

Chinesische Firmen springen auf den MLM-Zug

Dr. Alexander von Paleske —13.4. 2011 — MLM ist die Abkürzung für Multi-Level Marketing, eine Verkaufsform von Produkten, bei der es darauf ankommt, immer weitere Verkäufer zu finden, die dann wiederum weitere Verkäufer finden sollen, um die Produkte abzusetzen.

Viele wenig, Wenige viel
Es ist eine Verkaufsform, bei der Wenige – sehr Wenige – sehr viel verdienen, und umgekehrt Viele sich enorm abrackern und wenig, bzw. gar nichts verdienen.

MLM, das sind Firmen wie Amway, Herbalife etc.

Wir haben uns bereits vor rund zwei Jahren ausführlich mit dieser Vermarktungsform beschäftigt und schrieben damals:

In einem Gerichtsverfahren in Großbritannien wurde vorgetragen, und unter Beweis gestellt, dass dort nur 90 von 33.000 Netzwerkern (Distributoren) der weltweit größten MLM-Firma Amway ein Einkommen erzielten, das nicht nur die Kosten deckte, sondern als einträgliches Geschäft bezeichnet werden konnte. Das sind weniger als 1%.

Ein unermüdlicher Streiter gegen Verkäufer-Rekrutierungs MLM’s, Robert L. Fitzpatrick, bestätigt offenbar diese Zahlen
Sein Verdikt sieht zusammengefasst so aus:

– Die Rekrutierung von Netzwerkern in diesen Firmen ähnele offenbar einem Pyramiden-Schema

– 99% der Netzwerker verdienten netto weniger als 10 US Dollar pro Woche

– Die Totalverluste der „Fußsoldaten“ beziffert er auf
rund 5 Billionen US Dollar pro Jahr

-84% der Kommissionsgelder gingen an 1% der Netzwerker

-60% aller Netzwerker seien neu rekrutiert was auf einen hohen „Turnover“ schließen ließe

– 60-90% der Netzwerker gäben früher oder später auf

MLM-Amway vor Gericht
Amway wurde in den USA von ehemaligen Netzwerkern (Distributoren) mit einer sog. Class Action vor Gericht gebracht. Die Beschuldigungen lauteten:

– Mail fraud

– Racketeering

– Wire fraud

– Operating a Pyramid-scheme (später geändert in „illegal scheme“)

Wie Jane O’Donnell in der US-Zeitung USA TODAY am 7.2. 2011 berichtete, bot Amway 150 Millionen US-Dollar an, um sich das Verfahren vom Hals zu schaffen.

China will nicht abseits stehen
Nun gibt es bereits zwei Firmen aus China, die ebenfalls Geschmack an dieser Form der Geldvermehrung gefunden haben und zwar vornehmlich außerhalb Chinas, insbesondere in Asien und Afrika.

Auch bei diesen Firmen kann nichts anderes gelten, was prinzipiell für alle MLM Firmen gilt: neue Verkäufer müssen gefunden werden, und nur wenige verdienen sehr viel, der Rest verdient gar nichts oder sehr wenig.

Bei den chinesischen Firmen handelt es sich einmal um Tasly, und zum anderen um die Tiens Group. Motto der letzteren „Together we share“. Wie diese Verteilung in der Praxis aussieht, darüber lässt sich die Firma verständlicherweise nicht aus.



Tiens-Laden in Bulawayo/Simbabwe …Hokuspokus im Angebot. Fotos: Dr. v. Paleske

Beide Firmen produzieren Gesundheitsprodukte, also traditionelle chinesische Medizin, die über MLM an möglichst viele Gesundheitsbedürftige in Afrika und Asien geliefert werden sollen .

Wer es bis ganz oben auf der MLM Stufenleiter schafft, dem winken dann Sportsboote und Reisen.

Tiens ist mittlerweile in 13 afrikanischen Ländern unterwegs, um die oftmals arme Bevölkerung mit Reichtums- und Gesundheitsversprechen zu beglücken, meistens leere Versprechungen.


Kritischer Bericht in der südafrikanischen Zeitung Mail and Guardian über MLM Firma Tiens vom 25.3. 2011.

Das Prinzip ist – wie bei Amway und Herbalife – immer das Gleiche: Auf Veranstaltungen in Hotels werden die einfachen Distributoren und Interessenten durch begeisterte Sprecher, die erzählen, wie reich sie mittlerweile geworden sind (Rolex am Arm, dickes Auto vor der Tür) in die richtige (Verkaufs-)Hochstimmung versetzt.

Obskure Geräte, zweifelhafte Medizin
Der Verkauf der Gesundheitsprodukte bei Tasly und Tiens sieht dann so aus:
Die Patienten werden mit Hilfe von obskuren Maschinen auf Krankheiten „untersucht“.

Bei Tasly ist es die „Blutflussmachine“, bei Tiens ist es ein Gerät, das Stromimpulse aussendet, und dann aus den vom Patienten geäußerten Schmerzpunkten die Diagnose gestellt wird. Anschließend wird aus einer Liste die „Therapie“ zusammengestellt.

Dieser Hokuspokus findet in Ländern statt, in denen es alleine durch die HIV-Krankheit, dazu noch Tuberkulose, Malaria, und Durchfallerkrankungen durch unsauberes Trinkwasser, überdurchschnittlich viele Kranke gibt, denen diese chinesischen Kräuterdrogen natürlich nicht helfen können.

Fazit
Von Amway und Herbalife lernen heißt: mit MLM verdienen lernen. Jedenfalls für einige wenige, meistens mit Wohnsitz in China.

Netzwerk-Multi-Level- Marketing : (K)ein Ausweg aus Arbeitslosigkeit und Finanznot?
China und Afrika – wohin geht die Reise?
Der hässliche Chinese – oder: wie China in Afrika neuerdings agiert

Chinesische Scanner und ein Korruptionsskandal in Namibia
Europa Addio? – EU-Afrika-Gipfel in Lissabon

SATIRE

Angela Merkel: Danke, danke für die Einladung zur Jahrhunderthochzeit

Dr. Alexander von Paleske — Folgende Mail landete heute in meiner Mailbox

12.4. 2011
Angela Merkel
-Bundeskanzlerin –
Im Regierungsviertel 1
Berlin

An
Seine Durchlaucht
Prinz William von England
& Kate Middleton
Royal Quarter 3
London
Vereinigtes Königreich

Hochwohlgeborener Herr Prinz,
sehr geehrte Miss Middleton,

ganz, ganz herzlichen Dank für Ihre Einladung zu dem enorm wichtigen und beglückenden Ereignis Ihrer Hochzeit.


Einladungskarte an Angela Merkel

Ich freue mich riesig darauf. Ausserdem kann ich so für eine zumindest kurze Zeit dem „Affenstall“ hier in Berlin entrinnen.

Zunächst musste ich den abgehalfterten Freiherrn von und zu Guttenplag äh, ich meine Guttenberg massregeln, weil der es offenbar nicht gelernt hat, anständig zu verlieren. Der wollte doch tatsächlich der Universität Bayreuth gerichtlich verbieten lassen, den Plagiatsreport zu veröffentlichen.

Ich nehme an, dass in britischen Adelskreisen derartiges Fehlverhalten einfach nicht vorkommt. British Sportsmanship und Adel gehören dort einfach zusammen.Sehr beneidenswert.

Als wäre das noch nicht genug, haben die sogenannten Wirtschaftsweisen versucht, meine sehr durchdachte Politik zur Stabilisierung des Euro anzugreifen. Mehr noch, dieser Wirtschaftsprofessor Hans-Werner Sinn hat auch noch mit bombastischen Zahlen versucht, im deutschen Volk Unsicherheit zu verbreiten.

Dabei ist doch heute schon klar, dass wir die ganzen Schulden durch Hochfahren der Druckerpresse begleichen werden. Ich habe im Auftrag der EU gerade 20 neue Gelddruckmaschinen bestellt.

Zurück zu der wunderbaren Hochzeitsfeier.
Ich sah, dass auf der Einladungsliste auch der Sohn des Söldnerchefs Simon Mann, Jack Mann, steht. Simon Mann hatte ja seinerzeit vergeblich versucht, den ölreichen afrikanischen Staat Äquatorial Guinea zusammen mit dem Sohn Margaret Thatchers, Mark Thatcher, zu erobern, damit wir in Europa endlich an billigeres Öl kommen.

Bitte sorgen Sie doch dafür, dass ich mit Jack Mann ein paar Worte wechseln kann, um ihm ein paar Grüsse an seinen Vater mitzugeben, und eine Danksagung für seinen selbstlosen Einsatz, für den er leider einige Jahre in afrikanischen Gefängnissen sitzen musste.


Vorzeitiges Ende einer Putschistenreise – Simon Mann im Gefängnis, Harare, Simbabwe 2004

Wir hatten uns ja aus Deutschland ebenfalls über die Offenbacher Luftfrachtfirma ACL/CAL an dem Unternehmen beteiligt.

Zum Glück hat die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt unter ihrem Chef Hans-Josef Blumensatt sich geweigert, gegen diese Firma nachhaltig zu ermitteln.

Bis bald

Angela Merkel
Bundeskanzlerin

Keine Satire
Ein Putschversuch in Afrika und ein juristisches Nachspiel in Hessen
Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft ohne Verfolgungswillen bei Fall von internationalem Terrorismus

Der Wonga Coup

Afrika-Söldner – und was aus ihnen wurde

Satire
Angela Merkels Glückwunschschreiben an Prinz William zur Verlobung mit Kate Middleton

Mehr Merkel Satire
Angela Merkel an Nicolas Sarkozy: In Sachen Libyen Abwarten und Tee trinken
Angela Merkel: Vier Versprechensergänzungen und ein Dank
Angela Merkel an Heiner Geissler: Danke, danke für Deine erfolgreiche Scheinschlichtung
Angela Merkel: Stuttgart 21 muss ein Sieg werden
Bundeskanzlerin Angela Merkel schreibt an Altbundeskanzler Helmut Kohl
Südliches Afrika: Wir freuen uns auf Ihren Besuch, Frau Bundeskanzlerin Merkel
Deutschbanker Ackermann schreibt an Angela Merkel

Zu Plagi-Gutti
BILD-Kai (Diekmann): Kampagnenstart „Junge komm bald wieder“

dort weitere Gutti-Satire Links

kriminalitaet

Ärzte vor Gericht

Dr. Alexander von Paleske 11.4. 2011 – Strafprozesse gegen Ärzte haben in den in letzten Monaten für Schlagzeilen gesorgt:

Der Prozess gegen Arnold Pier, den ehemaligen Chefarzt und Eigentümer der der Antoniusklinik in Wegberg bei Mönchengladbach

Der Prozess gegen Krebsärztin Mechthild Bach

Der Prozess gegen den Transplantationspionier und ehemaligen Ordinarius am Klinikum Essen, Professor C. Broelsch

Der Prozess gegen den Arzt und Kardiologen Dieter Krombach , in Paris

Auch wenn die Vorwürfe gegen die Ärzte nicht unterschiedlicher sein könnten, so hinterlassen sie den Eindruck, die Justiz wisse manchmal nicht, wie sie mit Angeklagten aus diesem Berufsstand umgehen soll, das richtige Augenmaß und der richtige Durchblick wird vermisst , es werden Urteile „im Namen des Volkes“ gesprochen, die Empörung und Unverständnis im Volk auslösen bzw. im Fall Krombach zunächst erst gar nicht sachgerecht ermittelt wird.

Ein Kurpfuscher als Chefarzt
Beginnen wir mit dem Prozess gegen den 54-jährigen ehemaligen Chefarzt der Antoniusklinik in Wegberg bei Mönchengladbach, Arnold Pier.
Was sich dort nach der Anklage abgespielt haben soll, das spottet offenbar jeder Beschreibung:

– Unnötige, also nicht indizierte Operationen

– Enfernung gesunder Organe

– ungerechtfertigte Chemotherapie,

– Behandlungen, die den Tod von Patienten zur Folge hatten, entweder nicht indiziert oder fehlerhaft durchgeführt

– Wundbehandlung mit Zitronensaft u.s.w.

Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft umfasste 69 Anklagepunkte, darunter sieben Todesfälle, die Pier zur Last gelegt wurden.

Er habe seine Patienten „körperlich misshandelt“, so die Staatsanwaltschaft. Pier muss danach als besonders übler Kurpfuscher bezeichnet werden.

Monatelang schleppte sich der Prozess hin. Zeugen, insbesondere die in den Zeugenstand gerufenen Ärzte der Antoniusklinik, hatten auffällige Erinnerungslücken.

Einen Befangenheitsantrag nach dem anderen, und einen neuen Beweisantrag nach dem anderen, die das angeblich den Regeln der ärztlichen Kunst entsprechende Vorgehen des Angeklagten belegen sollten, musste das Gericht abarbeiten, bis schließlich Gericht und Staatsanwaltschaft, offenbar entnervt, nach einem Ausweg suchten, den Prozess rasch zu beenden.

Ein „Kuhhandel“ als Ausweg
Der Ausweg bestand in einem „Kuhhandel“: Gegen Eingestehen einiger der Anklagevorwürfe, und keiner Verurteilung wegen Totschlags, sondern nur Körperverletzung mit Todesfolge, ließ das Gericht den Angeklagten recht glimpflich davonkommen. 4 Jahre Freiheitsstrafe, eines schon abgezogen wegen langer Verfahrensdauer.

Der Arzt und Kurpfuscher Pier kann damit rechnen, in absehbarer Zeit nicht nur wieder in Freiheit zu sein, sondern wieder als Arzt praktizieren zu können, denn ein lebenslängliches Berufsverbot wurde vom Gericht nicht verhängt

Nur allzu verständlich, dass viele von Piers Patienten und Angehörige von Patienten, die sich von dem Prozess eine rückhaltlose Aufklärung aller angeblich in der Klink begangenen kriminellen Pfuschereien erhofft hatten, nicht nur empört waren über die unvollständige Aufklärung, sondern auch über das ihrer Ansicht nach viel zu milde Strafmaß. Und natürlich darüber, dass kein lebenslanges Berufsverbot gegen Pier verhängt wurde.

Der Fall des Starchirurgen Broelsch
Ein Jahr weniger, also 3 Jahre Freiheitsstrafe ohne Bewährung, erhielt der Starchirurg und ehemalige Essener Ordinarius und Pionier der Lebendtransplantation Professor Christoph Broelsch.


Prof. Broelsch vor Gericht. Foto: Dr. v. Paleske

Der müsste bei einem derartigen Strafmaß auch erhebliche Kurpfuschereien begangen haben, könnte man meinen. Das genaue Gegenteil ist jedoch der Fall. Broelsch gehörte zu den besten Chirurgen Deutschland, der auch da noch weitermachte, wo andere längst aufgegeben hatten.

Dann müsste er zumindest außerhalb seiner ärztlichen Tätigkeit erhebliche Straftaten begangen haben. Aber auch das ist nicht der Fall.
Der Fall Broelsch hat stattdessen einiges mit der Unterfinanzierung der medizinischen Forschung in Deutschland und dem Privatliquidationsrecht der Chefärzte in Krankenhäusern zu tun.

Patienten standen bei Broelsch Schlange, die unbedingt von ihm operiert werden wollten, aber nicht privat versichert waren, und auch nicht das Geld für eine Privatbehandlung hatten.
Broelsch bot ihnen an, gegen eine Zahlung in einen Forschungsfond – zu rund einem Drittel bis zur Hälfte des Betrages, der bei einer Privatarztrechnung angefallen wäre – sie wie Privatpatienten selbst zu behandeln.

Halt rief das Essener Gericht, das ist Nötigung und Bestechlichkeit..

Ausserdem wurde Broelsch vorgeworfen, bei einigen Operationen von Privatpatienten nicht selbst operiert zu haben, stattdessen einer seiner Oberärzte, der nicht ausdrücklich in dem Behandlungsvertrag als sein Stellvertreter ausgewiesen war, aber Broelsch rechnete ab, wie das in anderen Krankenhäusern auch üblich ist.

Betrug rief die Staatsanwaltschaft und das Landgericht Essen folgte dem. Summa summarum 3 Jahre Freiheitsstrafe – ohne Bewährung versteht sich.

Wir haben in mehreren Artikeln uns ausführlich mit dem Fall beschäftigt.

Der Bundesgerichtshof brütet zur Zeit über der gegen das Urteil des Landgerichts Essen eingelegten Revision.

Der Fall Krebsärztin Mechthild Bach
Sie hatte angeblich aktive Sterbehilfe bei terminal kranken Krebspatienten geleistet, in einigen Fällen mit dem Einverständnis der Patienten, in anderen Fällen offenbar ohne das Einverständnis der Patienten, bzw. ohne dass die Angehörigen den mutmaßlichen Willen der Patienten erläutert hätten.

Das Gericht gab den rechtlichen Hinweis, dass diese Vorgehensweise auch als Mord gewertet werden könnte, und nicht, wie angeklagt, Totschlag. Daraufhin nahm sich die Ärztin das Leben.

Wir haben uns in einem Artikel mit ausführlich mit dem Fall und der Problematik der aktiven Sterbehilfe beschäftigt.

Der Fall Dieter Krombach
Schließlich der Strafprozess gegen den deutschen Arzt und Kardiologen Dieter Krombach, der in Paris vor Gericht steht, angeklagt, den Tod seiner Stieftochter Kalinka vor fast 30 Jahren herbeigeführt zu haben.


Kalinka Bamberski ….. natürlicher Tod oder ermordet?

Der leibliche Vater, Andre Bamberski, der fast 30 Jahre lang versuchte, Krombach entweder in Deutschland, oder in Frankreich, vor Gericht zu bringen, und schließlich zum Mittel der gewaltsamen Entführung griff, wirft Krombach vor, seine 14-jährige Tochter Kalinka im Sommer 1982 sexuell missbraucht und durch eine Spritze getötet zu haben.

Das Mädchen und ihr Bruder lebten mit ihrer Mutter, die Krombach geheiratet hatte, am Bodensee, nachdem diese sich von Andre Bamberski getrennt und mit dem deutschen Arzt zusammengetan hatte.

Krombach hatte zugegeben, seiner Stieftochter eine Spritze gesetzt zu haben, allerdings habe es sich um ein Mittel gegen Eisenmangelanämie gehandelt, behauptet der Mediziner.

Krombach wird 1997 in einem Missbrauchsfall zu einer Bewährungsstrafe verurteilt..Auch hier war einer Minderjährigen eine Injektion verabreicht worden, ein Anästhesiemittel, und sie dann im Zustand der Hilflosigkeit von Krombach sexuell missbraucht.

Krombach wurde nicht wegen Vergewaltigung, sondern wegen sexuellen Missbrauchs zu der lächerlichen Strafe von 2 Jahren, ausgesetzt zur Bewährung, verurteilt.

Auch ein Berufsverbot gab es nicht.

Im Falle seiner Stieftochter Kalinka jedoch, stellte die deutsche Justiz das Ermittlungsverfahren gegen Krombach ein, weil angeblich keinerlei Anhaltspunkte für ein strafbares Verhalten sichtbar gewesen seien, es kam also nicht einmal zu einer Anklageerhebung.

Die Sektion der Leiche Kalinkas war gekennzeichnet von einer einzigartigen Schlamperei der obduzierenden Pathologen, die es nicht einmal für nötig hielten, eine mögliche Vergewaltigung auch nur in Erwägung zu ziehen, und insoweit Spuren zu sichern, und dies, obgleich ein Riss der Schamlippe der Toten deutlich sichtbar war.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass seitens der Pathologen entweder nach der Devise vorgegangen wurde „Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus“ bzw. die Justiz nach dem Motto vorging, „derartige Vorwürfe sind gegenüber einem Arzt grundsätzlich absurd, was nicht sein darf auch nicht sein kann“.

Für Kalinkas leiblichen Vater begann nun eine 30 Jahre dauernde Odyssee, den Stiefvater seiner Tochter vor Gericht zu bringen, bis er schließlich zum strafbaren Mittel der Entführung griff.
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Was sich in all diesen Fällen zeigt, ist eine Justiz, die keine klare und konsequente Linie gegenüber einem Berufsstand findet, stattdessen in beide Richtungen ausschlägt, was erhebliche Zweifel weckt, ob dies wirklich „ im Namen des Volkes“ geschieht.

Der Verfasser ist leitender Arzt und ehemaliger Rechtsanwalt

Strafgesetzbuch und Sterbehilfe – Eine Nachbemerkung zum Fall der Krebsärztin Dr. Mechthild Bach

Broelsch Prozess: Urteil verkündet, Fragen bleiben

Professor Christoph Broelsch – Die lange Reise eines Starchirurgen auf die Anklagebank
Im Interview: Professor Christoph Broelsch

Zum Problem des „Kuhhandels“, der sogenannten Prozessabsprechen, siehe auch Interview mit dem ehemaligen Generalstaatsanwalt von Berlin, Dr. Karge::
Justiz in der Krise oder Krisenjustiz?

Medizin

WHO, Weltgesundheitstag und Antibiotikaresistenz – eine Nachbemerkung

Dr. Alexander von Paleske… 8.4. 2011 — Gestern war Weltgesundheitstag. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nahm dies zum Anlass, um wieder auf die drohende Antibiotika-Resistenz-Katastrophe aufmerksam zu machen.

Wir haben uns bereits in mehreren Artikeln mit diesem Thema beschäftigt. Zutreffend stellt die WHO fest, dass der hohe – oftmals ungerechtfertigte bzw. ungezielte – Antibiotikaverbrauch die Wurzel des Übels sei.

WHO-Chefin Margaret Chan kritisierte:

„In Ermangelung dringender Korrektur- und Schutzmaßnahmen steuert die Welt auf ein Post-antibiotisches Zeitalter zu, in dem viele Infektionen nicht mehr geheilt werden und unvermindert töten“

Also Rückfall in die Zeit vor dem Beginn der Behandlung mit Antibiotika.

Was empfiehlt nun die WHO?
Zurückhaltender Einsatz von Antibiotika

Regelmäßige Resistenzbestimmungen

Verschreibungspflicht aller Antibiotika, dort, wo das noch nicht der Fall ist, z.B. in Staaten Osteuropas

Aufklärung der Patienten

Neuentwicklung von potenten Antibiotika. Von 1950-1980 waren 200 neu auf den Markt gekommen, von 1980-2010 nur noch 55, in den letzten 10 Jahren nur noch 7.

Aber: nur ein einziges wirklich „neues“ Antibiotikum – Doripenem – wurde im Zeitraum 2006-2009 neu zugelassen. Der Rest waren Analogpräparate bereits vorhandener Antibiotika.

10 Jahre dauert es im Durchschnitt bis ein neues Antibiotikum marktreif entwickelt ist. Die Entwicklungskosten liegen bei 500 Millionen bis zu einer Milliarde US Dollar pro Präparat, und 8 von 10 neuentwickelten Präparaten schaffen es nicht bis zur Marktreife.


Forschung zu teuer – Pharmariese Pfizer schliesst Forschungseinrichtungen in England und entlässt die meisten der 2400 Mitarbeiter

Robert Koch Institut warnt
In Deutschland warnte ebenfalls das Robert Koch Institut vor der Zunahme resistenter Erreger, insbesondere vor:

– Methicillin-resistenten Keimen bei Staphylokokkeninfektionen

– Vancomycin- resistenten Keimen bei Enterokokkeninfektionen

– Extended Spectrum Betalactamasen, die hochwirksame Antibiotika aufknacken, sowie die sogenannten Carbapenemasen, die eines der besten und am breitesten wirkenden Antibiotika zerstören.

Was die WHO jedoch nicht explizit sagt:
dass die Massentierhaltung einschliesslich Fischfarmen – insbesondere aber von Geflügel – ohne Antibiotikaverfütterung nicht darstellbar ist, weil es sonst die Tiere nicht bis zum Schlachttag schaffen.

dass – trotz des Verbots der prophylaktischen Verfütterung – der Antibiotikaverbrauch bei der Tiermast deshalb rasant weiter ansteigt.

dass die an Tiere verfütterten Antibiotika zu den gleichen Substanzklassen gehören, wie die an Menschen verabreichten

dass die massenhafte Dauerverabreichung an Tiere der Resistenzentwicklung noch mehr Vorschub leistet, als wenn es vorübergehend einem Patienten für ein paar Tage gegeben wird

dass dieses Problem nur durch Abschaffung der Massentierhaltung gelöst werden kann.

dass der Einsatz des Antibiotikums Streptomycin im Obstanbau zur Bekämpfung des Feuerbrands sofort eingestellt werden sollte

Notwendige Konseqenzen für Kliniken
Für die Krankenversorgung in Deutschland müsste das wohl heissen:

Dass jedes Krankenhaus verpflichtet werden sollte, kontinuierlich eine Infektionskontrolle zu betreiben, die durch extra hierzu eingestellte(n) Arzt/Ärzte überwacht und durchgesetzt werden sollte,

Dass alle Krankenhäuser und Laboratorien in engen Abständen Bericht erstatten sollten über die Resistenzlage, einmal an die Landesgesundheitsminister, und dann auch an das Robert Koch Institut.

Wenn nicht sofort und zwar durchgreifend gehandelt wird, dann könnte das von der WHO prognostizierte Schreckensszenario in der Tat schon bald Wirklichkeit werden.

Pest-Seuche und Antibiotika-Resistenz

Eine besiegt geglaubte Krankheit droht wieder zur unkontrollierbaren Seuche zu werden
Antibiotika oder Massentierhaltung?

Der Dioxin-Skandal flaut ab, die Probleme der Massentierhaltung bleiben
Die Zukunft heisst Resistenz? – Antiinfektiva verlieren ihre Wirksamkeit
Hilflos bei Infektionen – Antibiotika verlieren ihre Wirksamkeit
Tierfabriken, Schweineviren und die Zukunft
Bittere Pillen für die Dritte Welt

Welt-Tuberkulose Tag – eine Krankheit weiter auf dem Vormarsch</

Krieg

Libyen-Konflikt: Wir rufen die Söldner der Welt

Dr. Alexander von Paleske —8.4. 2011 — Söldner, auch „Dogs of War“, „Hunde des Krieges“ genannt, in Russland, Südafrika, Großbritannien und anderen Ländern, wurden nach einem Bericht der britischen Zeitung „Daily Mail“ vom heutigen Tage für einen Einsatz in Libyen kontaktiert – und zwar offenbar sowohl von den Rebellen, wie der Regierung Libyens.


Artikel der Daily Mail vom 8.4. 2011

Fürstliche Entlohnung wird versprochen (8000 Euro z.B für einen Hubschrauberpiloten pro Monat, steuerfrei versteht sich), um in den Konflikt in Libyen kriegsentscheidend einzugreifen.

Saudi-Arabien Zahlmeister?
Angeblich will Saudi Arabien die Söldner- Rechnung der Rebellen begleichen.

Britische Führungsoffiziere haben nach Presseberichten der Regierung in London ebenfalls den Einsatz von Söldnern empfohlen, um die Kriegswende für die Rebellen herbeizuführen.

Die libysche Regierung hat bereits Söldner aus dem Maghreb rekrutiert, welche gegen die Rebellen kämpfen, einige Söldner wurden gefangen genommen.

Fehlkalkulation der Rebellen
Die Rebellen erklärten bisher:

„Wir können Gaddafi alleine besiegen und brauchen keine fremden Truppen, solange wir die Luftunterstützung bekommen“.

Das ist ganz offensichtlich eine Fehlkalkulation .
Da die NATO-Länder aber (bisher) keine Bodentruppen in das Konfliktland entsenden wollen, und die Rebellen sie (zur Zeit jedenfalls) dort nicht haben wollen, sollen es also bezahlte Landsknechte richten.

Das Ganze erinnert an die finstersten Tage des Kongo-Krieges mit Söldnern wie Kongo-Müller, Bob Denard, Jean-Jaques Schramme und anderen , fortgesetzt später durch straff organisierte Söldnerfirmen wie zunächst Executive Outcomes, später Sandline, Dyncorp, Blackwater (jetzt XE), Erinys, MPRI usw.

Knapp 40.000 Söldner waren es schließlich im Irak, koordiniert von dem Söldnerveteran Tim Spicer, auch Chef der Söldnerfirma AEGIS.. Rund 30.000 Söldner sind es mittlerweile in Afghanistan.

Diese „Hunde des Krieges“ zeichnen sich durch große Schiessfreude, gerade auch gegenüber unbeteiligten Zivilisten, und widerwärtige Trinkgelage nach „Feierabend“ aus.

Söldner in Afghanistan bei der Arbeit

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……und in der Freizeit.: z.B. Nackttanzen um ein Lagerfeuer und Alkoholschlürfen vom After, Kabul, 2009

Sie unterliegen weder einer Zivil- noch einer Militärgerichtsbarkeit, operieren also in einem quasi rechtsfreien Raum.
Und so heißt es in dem Daily Mail-Artikel dann auch:

Mercenaries are willing to do the kind of work, that conventional soldiers cannot be seen to do: from assassinations or otherwise “disappearing people” – with no awkward questions being asked.“.

Aus dem Befreiungskampf gegen den Diktator Gaddafi wird nun offenbar ein schmutziger Bürgerkrieg.

Zum Söldnerunwesen
Blackwater–Söldner in Afghanistan oder: Mit der Bundeswehr Seit an Seit
linkOlympia 2012 in London — Wir rufen die Söldner der Welt
linkVerfahrenseinstellung gegen Blackwater Söldner – eine Rechtsbeugung?
linkSöldner, Gauner, Waffen und Rohstoffe
Chefsöldner Tim Spicer erhält Pentagon-Vertragsverlängerung im Irak
Vom britischen Südafrika-Botschafter zum Söldnerfirma-Direktor
Söldnerchef Spicer sucht neues Geschäftsfeld: Piratenbekämpfung vor Somalia?
linkBlair drängt auf Söldnernachschub aus Südafrika
On The Road Again – Blackwater-Söldner dürfen weiter töten
Irak: Wenn die regulären Truppen gehen, kommen die Söldner

Israel

Der mysteriöse Fall des vom Mossad gekidnappten Ingenieurs Dirar Abu Sisi

Dr. Alexander von Paleske— 7.4. 2011 —
Vater der Raketen“ lautet die Schlagzeile in der gestrigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Andere Printmedien warten mit ähnlichen Sensationsmeldungen auf.
Hintergrund: Das Kidnapping des stellvertretenden Direktors des Wasserwerks in Gaza, Dirar Abu Sisi am 18 Februar 2011 in einem Zug auf dem Weg nach Kiew in der Ukraine durch den israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad, und seine Verschleppung in ein israelisches Gefängnis einen Tag später, wir berichteten darüber.

Ehefrau alarmiert Öffentlichkeit
Der Entführungs-Skandal kam erst ans Tageslicht, als sich die Ehefrau des Entführten, die gebürtige Ukrainerin Veronica Sisi, und der Bruder, ein niederländischer Staatsbürger, an die Presse wandten.

Erst fünf Wochen später, am 21. März 2011, bestätigten die Behörden in Israel, dass sich Dirar Abu Sisi in einem israelischen Gefängnis befindet. In der Zwischenzeit hatte ein israelisches Gericht ein Verbot verhängt, über den Fall zu berichten.

In der vergangenen Woche nun erklärte der israelische Ministerpräsident Netanyahu, die Festnahme von Abu Dirar Sisis sei gerechtfertigt, weil er Hamas-Mitglied sei.
Israels Verteidigungsminister Ehud Barak ergänzte: Die Festnahme sei gerechtfertigt, weil Abu Sisi über wichtige Informationen verfüge, welche die Sicherheit Israels gefährden könnten.

Von Mordversuchen, Mord und Mitarbeit an den Raketen, die fast täglich auf Israel abgefeuert werden, keine Rede, und das nach fünf Wochen Verhör.

Wo ist Gilad Schalit?

Vielmehr stand ganz offensichtlich im Vordergrund das vermutete Wissen Abus Sisis über den Aufenthaltsort des von der Hamas gefangen genommenen israelischen Soldaten Gilad Schalit.

Abu Sisi hat offenbar in den Vernehmungen, und vor Gericht, nicht nur die gegen ihn erhobenen Vorwürfe der Hamas-Kontakte, ebenso wie seine Anwältin, und seine Ehefrau zurückgewiesen, sondern auch jegliche Kenntnis über den Aufenthaltsort Schalits verneint.

Während die Presse bereits von einem Riesenflop des Mossad sprach, hat nun der Inlandsgeheimdienst Shin Bet am vergangenen Montag das Anklagematerial dem Gericht präsentiert.
Plötzlich heißt es: Vollendeter Mord, versuchter Mord in unzähligen Fällen, Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung pp.

Raketenbauer – oder Bauernopfer zur Skandalvertuschung?
Abu Sisi wird jetzt vorgeworfen, an der Weiterentwicklung von Raketen und Minen der Hamas beteiligt gewesen zu sein. Das Wissen habe er sich während eines Studiums an einer Militärhochschule in der Ukraine angeeignet.

Die deutsche Presse hat diese Anklagevorwürfe als Sensationsmeldung gebracht, obwohl erhebliche Zweifel angebracht sind:

1. Obgleich Dirar Abu Sisi bereits fünf Wochen lang verhört worden war – und bei den Verhörmethoden ist Israel keineswegs zimperlich – war in den Stellungnahmen von Barak und Netanyahu in der vergangenen Woche nichts von derartigen Anschuldigungen zu hören gewesen.

2. Man hätte erwarten können, dass die israelische Regierung dies als große Sensationsmeldung herausposaunt: Palästinensicher Raktenkonstrukteur, der „Eichmann aus Gaza“, endlich gefasst.

Man hätte es umso mehr erwartet, als diese Anschuldigungen ja der Grund für das Kidnapping gewesen sein sollen.

Nachschieben von Vorwürfen?
Hat man das Kidnapping also auf bloßen Verdacht hin unternommen, um dann über ein Geständnis die Anklage nachschieben zu können, zumal Israel bei Verhören nicht vor Folter zurückschreckt? Oder handelt es sich um eine getürkte Anklage?

3. Israel verhaftet normalerweise keine Bombenbauer , sondern lässt sie über den Mossad, den Inlandsgeheimdienst Shin Bet oder die Armee umbringen, wie z. B, den Konstrukteur der Atomkanone, Gerald Bull, den Bombenkonstrukteur der Hamas Adnan al Ghoul, oder Jahja Ajjasch der mit einem präparierten Handy durch Fernzündung getötet wurde.

Die Tötungen sollen auch Schrecken verbreiten und andere von derartigem Tun abhalten.

4. Vor den Raketenbau-Vorwürfen war nur von Gilad Schalit die Rede gewesen, dessen Freilassung über einen Gefangenenaustausch die Regierung Israels strikt ablehnt, sondern stattdessen eine Befreiungsaktion durchführen will, für die sie aber den genauen Aufenthaltsort Schalits wissen muss. Eine Befreiungsaktion, bei der auch das Leben des Schalits aufs Spiel gesetzt wird.

Der Mossad hatte offenbar gehofft, dass Abu Sisi diesen Aufenthaltsort preisgibt, so er ihn weiss, und davon war der Mossad wohl überzeugt.

Aber Abu Sisi bestand darauf, dass er den Aufenthaltsort Schalits nicht kenne , und auch nicht über enge Kontakte zur Hamas verfüge.
Nun war die Entführung wertlos, denn selbst wenn jetzt Sisi den Aufenthaltsort preisgeben würde, so er es denn könnte, Schalit dürfte sich wohl kaum noch dort befinden. Ein Riesenflop.

Zusammengefasst spricht alles dafür, dass Israel mit dieser jetzt präsentierten Anklage, die offenbar auf wackeligen Füssen steht, zweierlei erreichen will:

1. Eine Riesenblamage zu vermeiden, dass nämlich das Kidnapping ein Riesenflop war

2. Mit dieser bombastischen Anklage dem Ingenieur klarzumachen, dass er nie wieder aus dem Gefängnis freikommen werde, es sei denn, er kooperiert mit den israelischen Behörden, die offenbar immer noch überzeugt sind, Dirar Abu Sisi weiss, wo Gilad Schalit gefangen gehalten wird, oder aber zumindest wichtige Informationen über die Hamas preisgeben kann.

Geheimprozess verhindert Nachprüfbarkeit
Da Abu Sisi in einem Geheimprozess angeklagt werden wird, bei dem Zeugen vom Hörensagen auftreten, und auch nur unter Codenamen, und wo Geständnisse, die mit Folter herbeigeführt wurden, Verwendung finden, wird sich vermutlich nie klären lassen, was hier Dichtung und was Wahrheit ist.

Derweil will eine ukrainische Delegation in der nächsten Woche nach Israel reisen, um Näheres zu erfahren. Die ukrainische Regierung und deren Geheimdienst bestreiten, mit dem Mossad in diesem Entführungsfall zusammengearbeitet zu haben, bzw. dem Mossad freie Hand gelassen zu haben.

Das Kidapping des Ingenieurs Abu Sisi , der beabsichtigte, mit seiner Frau und seinen sechs Kindern in die Ukraine auszuwandern, ist ein handfester Skandal – nicht der erste, für den der Mossad im Auftrag der israelischen Regierung verantwortlich zeichnet.

Ein Geheimdienst, der weder vor Mord, Piraterie und Entführung zurückschreckt, wenn es den vermeintlichen Interessen Israels dient.

Zum Mossad
Geheimdienst Mossad – Bilanz der letzten 20 Monate: Piraterie, Mord, Kidnapping
Noch ein Mossad Mord?
Eine Visitenkarte und die Mossad-Affäre von Lillehammer

Ein “investigativer“ israelischer Journalist und Geschichten, die der Mossad erzählte

Zu Gerald Bull
Eine Geburtstagsfeier, die nicht stattfand

Kaperung des Frachters Arctic Sea im Juli 2009
Pressebericht bestätigt Mossad-Beteiligung an der Arctic- Sea Kaperung
Arctic Sea-Kaperung 2009: Entführer ohne hinreichende Sachaufklärung jetzt verurteilt
Kaperung der Arctic Sea – die Indizienkette beginnt sich zu schliessen
Kaperung der Arctic Sea – Mehrfacher Waffenschmuggel?
Arctic Sea: Die Öffentlichkeit wird getäuscht
Die Kaperung der Arctic Sea – oder: Windiges aus der russischen Seefahrt
Die Kaperung der Arctic Sea: Fakten, Indizien, Spekulationen
Arctic Sea“- Kaperung: Indizien deuten auf Geheimdienstaktion – vermutlich Mossad – und nicht Piraten
Arctic Sea – Die Besatzung ist frei, die Fragen bleiben